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Thema Wind und Wende

28. Aug. 18

Windräder vor Kopenhagen: Dänemark hat früh begonnen, seine grenzüberschreitenden Stromnetze auszubauen. Davon profitiert das Land – nicht nur, wenn es Überschüsse produziert, sondern auch, wenn es mal zu wenig Strom hat.

Wer hat Angst vor der Dunkelflaute?

Drei Viertel des dänischen Stroms stammen aus erneuerbaren Quellen. Allein die Windkraft liefert 43 Prozent. Trotzdem bleiben die Netze selbst bei Dunkelflaute stabil. Warum die Energiewende in Dänemark besser läuft.

Von Denis Dilba

Schon wieder ein Rekordjahr: 43,4 Prozent des landesweiten Stromverbrauchs sind 2017 allein durch Windkraft gedeckt worden, verkündet Dänemarks Energieminister Lars Christian Lilleholt im Januar dieses Jahres stolz. Bis auf das windarme Jahr 2016, in dem der Wert leicht zurückging, ist der Anteil in der vergangenen Dekade kontinuierlich gewachsen. Zusammen mit der Energie aus Biomasse, Fotovoltaik und Wasserkraft liegt der Ökostromanteil der Dänen laut einer Studie von Agora Energiewende sogar bei stattlichen 74 Prozent.

Was das kleine nordeuropäische Land stolz macht, treibt so manchem deutschen Energiepolitiker schon in der Vorstellung Schweißperlen auf die Stirn. Hier liegt der Anteil Erneuerbarer nach Angaben von Strom-Report zwar erst bei 38,5 Prozent; 18,8 Prozent stammen aus der Windenergie.

Doch schon bei diesen im Vergleich zu Dänemark viel geringeren Werten stoßen die Stromnetze an ihre Grenzen: Wenn es besonders stürmisch ist, produzieren die Windparks so viel Energie, dass sie reihenweise abgeschaltet werden müssen, da der Strom nicht abtransportiert werden kann.

Windräder an der dänischen Küste: Der Strompreis in dem kleinen Land liegt auf einem ähnlich hohen Niveau wie in Deutschland. Der Grund dafür ist vor allem die Last durch Steuern und Abgaben.

Erneuerbare treiben den Strompreis in die Höhe, heißt es oft. Dänemark zeigt, dass diese Rechnung falsch ist

Doch auch der umgekehrte Fall ist ein Problem – wenn wenig bis kein Wind weht und zugleich die Sonne nicht scheint. Experten sprechen dann von einer Dunkelflaute. In solchen Phasen fließt so wenig Ökostrom in die Netze, dass Energie aus fossilen Kraftwerken als Puffer benötigt wird.

Kritiker der Energiewende malen deshalb ein düsteres Szenario an die Wand: Mit steigendem Anteil von Wind und Sonne, so die Befürchtung, müssten auch immer mehr Pufferkraftwerke vorgehalten werden. Das mache den Strom noch teurer, als er jetzt schon ist.

Das Beispiel Dänemark allerdings zeigt, dass es nicht so kommen muss. Zwar ist Energie auch dort im europaweiten Vergleich sehr teuer. Doch obwohl der Ökostromanteil fast doppelt so hoch ist wie in Deutschland, kostet die Kilowattstunde mit 30,5 Cent nicht viel mehr als hierzulande.

Was machen die Dänen bei der Energiewende besser als die Deutschen?

Die Expertin Stephanie Ropenus, Projektleiterin für Netze, Digitalisierung und nordische Energiekooperation bei Agora Energiewende, sieht im Wesentlichen drei Gründe. Der wichtigste davon: Die Dänen bauen konsequent ihre grenzüberschreitenden Netze aus, also die sogenannten Interkonnektoren Stromleitungen von einem Land ins andere.

Jesper Rasmussen, Sprecher des dänischen Netzbetreibers Energinet, bestätigt diese Einschätzung: „Dänemark ist bereits seit Jahrzehnten sehr gut durch solche grenzüberschreitende Übertragungsleitungen mit seinen Anrainerstaaten vernetzt und investiert hier weiter.“

Sonnenuntergang über Lolland: Vor der Küste der Ostseeinsel begann 1991 mit dem kleinen Windpark Vindeby das Zeitalter der Offshore-Windkraft.

Landerübergreifende Kabel erleichtern den Stromaustausch – und minimieren so die Gefahr von Dunkelflauten

Ende vergangenen Jahres hat Dänemark den Bau der weltweit längsten Unterseestromleitung angekündigt. Der „Viking Link“ soll Windstrom nach Großbritannien liefern. Ende 2022 könnte er in Betrieb gehen.

Der Vorteil solcher Interkonnektoren ist die Flexibilität, die sie bieten: „Wenn unsere Anlagen mehr Strom produzieren, als wir benötigen, müssen wir die Turbinen nicht aus dem Wind nehmen, sondern können die Überschussproduktion günstig nach Norwegen, Schweden oder Deutschland exportieren.“

Aber auch den Stromimport machten die Interkonnektoren einfach – insbesondere zu Zeiten von Dunkelflauten, so der Energinet-Mann. Daher fürchte sich in Dänemark auch niemand vor solchen Phasen.

Auch in Deutschland hat man mittlerweile den Vorteil solcher grenzüberschreitenden Leitungen erkannt. Hier läuft derzeit der Bau des Nordlink-Kabels zwischen Schleswig-Holstein und Südnorwegen. (Eine Reportage von der Anlandung der Leitung auf der norwegischen Seite lesen Sie hier.)

Die Dänen sind bei der Vernetzung allerdings schon einen Schritt weiter.

Windräder vor Kopenhagen: Dänemark hat früh begonnen, seine grenzüberschreitenden Stromnetze auszubauen. Davon profitiert das Land – nicht nur, wenn es Überschüsse produziert, sondern auch, wenn es mal zu wenig Strom hat.

In Deutschland beschränkt sich die Energiewende auf die Stromerzeugung. In Dänemark ist auch die Wärme grün

Den zweiten Erfolgsfaktor der Dänen sieht Ropenus darin, dass sich die Energiewende dort auch auf den Wärmesektor erstreckt. „Mehr als die Hälfte der dänischen Fernwärmeversorgung basiert heute auf grüner Energie“, sagt die Agora-Expertin.

Die maßgeblichen Verfahren seien hier Kraftwärmekopplung über Biomasseverbrennung und dezentrale Elektroheizkessel, die mit Windstrom betrieben werden. In Deutschland und anderen Ländern sei die Energiewende bisher auf den Stromsektor begrenzt, sagt Ropenus.

Den in Sachen Kohlendioxidemissionen überall noch problematischen Verkehrssektor eingerechnet, kommt Dänemark auf einen vergleichsweise hohen Anteil der Erneuerbaren an der Gesamt-Energieversorgung von 32,2 Prozent in 2016 (Deutschland: 14,8 Prozent). Unter den EU-Ländern liegt Dänemark damit nach den klassischen Wasserkraft-und Biomasse-Ländern Schweden, Finnland, Lettland und Österreich in den Top fünf.

Das ist dem Land aber lange noch nicht genug: Die Windstrom-Produktion soll weiter steigen, sagt Energieminister Lilleholt.

Offshore-Windräder zwischen Dänemark und Schweden: Die Regierung in Kopenhagen treibt den Bau zusätulicher Parks voran.

„Dänemark hat verstanden, dass die Energiewende nicht gegen oder ohne die Bürger gemacht werden kann“

Dass diese Ankündigung sehr wahrscheinlich auch umgesetzt wird, liegt an der dritten Zutat des Erfolgsrezepts: „Dänemark ist im Hinblick auf die politische Kultur sehr konsensorientiert an die Energiewende herangegangen“, sagt Ropenus: „Erst Ende Juni hat es parteiübergreifend eine neue Energievereinbarung gegeben: Dänemark wird sehr stark auf Offshore-Windenergie setzen.“

Drei neue Hochseewindparks sollen bis 2030 entstehen, der erste mit einer Kapazität von beeindruckenden 800 Megawatt. Solche Vereinbarungen, die über die Legislaturperioden der Regierungen hinaus Bestand haben, führten zu mehr Stabilität und damit mehr Planbarkeit, sagt die Expertin. „Darüber hinaus hat Dänemark von Anfang an verstanden, dass die Energiewende nicht gegen oder ohne die Bürger gemacht werden kann.“

Finanzielle staatliche Unterstützungen bei der Planung von Windparks, garantierte Beteiligungen oder Entschädigungen für Bürger mit Eigentum in der Nähe von neuen Standorten und die häufige Organisation in Genossenschaften, führten zu mehr Akzeptanz der Energiewende in der Gesellschaft.

Mehr Windräder auf See, dafür deutlich weniger an Land: Dänemark justiert seine Energiewende nach

Aber auch solche Maßnahmen hätten Grenzen, sagt Agora-Expertin Ropenus: Der Bau zusätzlicher Windkraftanlagen an Land sei auch in Dänemark immer schwerer durchzusetzen. Daher enthält die Energievereinbarung vom Juni auch den Passus, durch die effizienteren Offshore-Windparks, die Anzahl der 4300 Onshore-Windräder bis 2030 auf 1850 Anlagen zu reduzieren.

„Das beste Mittel für die Akzeptanz der Energiewende ist, dass die Bürger sehen, dass mit ihnen und für sie geplant wird“, sagt Ropenus. Auch in dieser Hinsicht können sich Deutschland und andere Ländern noch viel von Dänemark abschauen.

Volker Kühn
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