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Thema Wind und Wende

24. Apr. 18

Wie man den Kohleausstieg steuert

Was bedeutet das Ende der Braunkohle für die betroffenen Regionen? Wie gestaltet man den Strukturwandel aktiv? „Am besten von langer Hand geplant“, sagt Boris Linden von der Innovationsregion Rheinisches Revier.

Mit der Ansiedlung neuer Unternehmen darf nicht erst begonnen werden, wenn die Tagebaue stillgelegt sind, erklärt Boris Linden von der Innovationsregion Rheinisches Revier. Der Umbau müsse schon vorher beginnen.

Das Schlagwort „Strukturwandel“ ist verhältnismäßig abstrakt – was bedeutet das im Alltag für die Region?
Boris Linden: Dass wir Netzwerke aufbauen, Strategien entwickeln und Strukturen schaffen müssen, um die Region und mit ihr die Menschen mitzunehmen. Klingt immer noch abstrakt, ist aber die notwendige Voraussetzung, da es hier keinerlei Tradition in der Zusammenarbeit gab. In den verschiedenen Orten am Tagebaurand waren die jeweiligen Entwicklungsschwerpunkte der Nachbarorte gar nicht bekannt. Das müssen wir ändern.

Heißt also in erster Linie kommunizieren und aufklären?
Linden: Ja, und vor allem Erfolge aufzeigen. Dadurch, dass wir hier eine permanente Verfügbarkeit von Energie und damit Versorgungssicherheit hatten, hat sich hier eine überproportional hohe Konzentration von energieintensiver Industrie niedergelassen, insgesamt 6.000 energierelevante Unternehmen mit mehr als 100.000 Arbeitsplätzen.

Werden die auch künftig noch in die Region investieren?
Linden: Das ist eine der entscheidenden Fragen, auf die wir Antworten liefern müssen. Dazu initiieren wir Gespräche und Projektkonsortien – zum Beispiel mit Stadtwerken, mit Netzbetreibern, mit innovativen Unternehmen aus der Digitalwirtschaft. Wir schaffen Vertrauensräume, in denen Partner gefunden und neue Ideen ins Leben gerufen werden.

Welche sind das?
Linden: Quirinus zum Beispiel, ein regionaler Verbund von Verteilnetzbetreibern, Energieversorgern, Herstellern und Betreibern von Anlagen wie Datenkommunikation, Schwungradspeicher und Kraft-Wärme-Kopplung. Ein virtuelles Flächenkraftwerk, das netzdienlich arbeitet und erneuerbare Energie über die Verteilnetzbetreiber austariert. Und das zeigt: Wir können hier regionales Energiemanagement fahren, eigenes Know-how vorhalten und den Unternehmen vor Ort Versorgungssicherheit gewährleisten.

Nur: Schafft das auch Arbeitsplätze? Wird der Mitarbeiter aus dem Braunkohlekraftwerk Weisweiler im „smarten Energienetz“ Fuß fassen?
Linden: Dazu verfolgen wir hier einen vorsorgenden Strukturwandel. Soll heißen: Wir haben wichtige Erfahrungen in der Steinkohle gemacht, kennen die Prozesse des dort stattgefundenen nachsorgenden Strukturwandels, in dem die Freisetzung von Mitarbeitern im Nachgang gesteuert werden musste. Hier steuern wir proaktiv, und nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.

Zum Beispiel wie?
Linden: Indem wir für sogenannte Erweiterungsflächen von Kraftwerken, die vor 40 Jahren in den Plan geschrieben wurden, eine Planänderung bewirken. Im Idealfall können wir so schon zu einem Zeitpunkt Unternehmen ansiedeln, zu dem nebenan noch das Kraftwerk läuft. Das ist ein Werkstattprozess, in dem die Zukunft geplant wird, und das nicht nur für die nächsten zehn Jahre, sondern weit darüber hinaus. Dadurch sind wir einfach frühzeitiger unterwegs als es die Kollegen im nachsorgenden Strukturwandel sein konnten.

Die Fragen stellte Timour Chafik.

Volker Kühn
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