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Thema Wind und Wende

26. Okt. 18

Die Zahl der Windräder in Schweden steigt. Derzeit entsteht in dem skandinavischen Land der größte Windpark Europas.

Energiewende auf Schwedisch

Die Skandinavier machen beim Ausbau der erneuerbaren Energien große Fortschritte: Der Erfolg beruht auf zwei Säulen: einem ausgeklügelten Zertifikatesystem und der Stärke der Windenergie.

Von Irene Gronegger

Schweden gilt für viele als Vorbild, wenn es um nachhaltige Energieversorgung geht. Doch auch im Land der Seen und Wälder ist die Diskussion um die Energieversorgung noch lange nicht beendet. Schweden verfügt über zahlreiche Flüsse, daher ist es nicht überraschend, dass die Wasserkraft seit Jahrzehnten die wichtigste Säule der schwedischen Energieerzeugung ist. In den 70er- und 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurde jedoch die Atomenergie so stark ausgebaut, dass sie die Wasserkraft zeitweise überholte.

Keine Form der erneuerbaren Energien in Schweden wächst derzeit schneller als die Windenergie. Ihr Anteil am Strommix liegt bei gut zehn Prozent.

Kernenergie und Wasserkraft bestimmen die schwedische Stromerzeugung

Seit Jahren liegen Kernenergie und Wasserkraft ungefähr gleichauf und erzeugen zusammen rund vier Fünftel des schwedischen Stroms. Das soll nicht auf Dauer so bleiben: 1980 wurde per Referendum ein Baustopp für neue Kraftwerke und der Atomausstieg bis 2010 beschlossen.

Schweden war damit das erste Land der Welt, das sich per Volksentscheid für den schrittweisen Atomausstieg entschied. Allerdings hat sich die politische Bewertung der Atomkraft in Schweden in den letzten Jahrzehnten schon mehrfach geändert und die Deadline verstreichen lassen. Derzeit sind noch immer acht Atomreaktoren an drei Standorten in Südschweden in Betrieb. Einige Atomkraftwerke wurden abgeschaltet, weitere sollen nun bis 2040 folgen. Das schwedische Ziel ist, den Strombedarf bis dahin mit regenerativen Energien zu decken.

Aber auch die Wasserkraft ist in Schweden nicht unumstritten. Die meisten Wasserkraftwerke mit ihren großen Stauseen liegen in Nord- und Mittelschweden an großen Flüssen, die aus den Bergen kommen. Doch der Ausbau der Wasserkraft ist zum Erliegen gekommen. Gerd Lejdstrand, Wasserkraftexperte der schwedischen Energieagentur, erklärt den Hintergrund: „Es gäbe noch Potenzial für neue Wasserkraftwerke, aber derzeit schützen Gesetze die nicht ausgebauten Flüsse, weil die Auswirkungen auf die Umwelt groß wären. Politisch wird ein Ausbau der Wasserkraft aber positiv bewertet.“

Deshalb werden ab 2019 die Genehmigungen der bestehenden Wasserkraftwerke dahingehend überprüft, ob die Leistung der Anlagen durch den Einbau neuerer Technik erhöht werden könnte.

Windenergie wird an Bedeutung gewinnen

Beim künftigen Wachstum der regenerativen Energien wird der Windkraft eine tragende Rolle zukommen: Noch zu Beginn dieses Jahrtausends betrug die Stromerzeugung aus Windenergie gerade einmal 0,5 Terawattstunden. Im Jahr 2017 wurden bereits 17,3 Terawattstunden produziert, das entspricht einem Anteil von über 10 Prozent der schwedischen Stromerzeugung. Für das Jahr 2021 hat die schwedische Energieagentur bereits eine Produktion von 27 Terawattstunden errechnet.

Gleichzeitig prognostizieren die Experten einen Rückgang der Stromerzeugung durch Atomkraft um knapp ein Viertel auf 49 Terawattstunden. Mögliche Schwankungen in der Stromproduktion durch Windkraft sollen durch Wasserkraft- und diverse Heizkraftwerke, die zunehmend mit Biomasse betrieben werden, ausgeglichen werden.

Der Windpark Lillegrund liegt vor Malmö in der Ostsee. Mit einer Kapazität von 110 Megawatt ist er der größte der fünf schwedischen Offshore-Windparks. Ein weiterer liegt in einem Binnensee.

Europas größter Onshore-Windpark entsteht

Die schwedischen Windkraftanlagen befinden sich traditionell auf dem Festland, viele in den teilweise landwirtschaftlich genutzten Regionen im Süden des Landes. Großes Potenzial für den weiteren Ausbau der Windenergie liegt jedoch im hohen Norden des Landes. Hier leben nur wenige Menschen, doch dieses Land ist Weidefläche der Rentierherden, die die Lebensgrundlage der Volkgruppe der Samen sind.

Ungeachtet dieses Konflikts schreitet genau dort der Bau des größten Onshore-Windparks in Europa voran. Ende 2019 sollen 179 Windenergieanlagen insgesamt 650 Megawatt grünen Strom liefern. Doch die Planungen gehen noch weiter: In insgesamt drei Bauphasen soll der Park auf gigantische 1101 Turbinen auf einer Fläche von 450 Quadratkilometern anwachsen. Der Windpark würde dann eine Gesamtleistung von über zehn Gigawatt erbringen – genug, um 400.000 Haushalte ein Jahr lang mit grüner Energie zu versorgen.

Offshore-Windkraft spielt in Schweden dagegen nur eine untergeordnete Rolle. „Onshore-Windkraft ist kostengünstiger“, erklärt Linus Linde von der schwedischen Energieagentur. „Außerdem ist es in manchen Fällen schwierig, eine Erlaubnis für Offshore-Anlagen zu bekommen, weil es Konflikte mit dem Vogel- und Meeresschutz gibt, zunehmend auch mit der Landesverteidigung.“

Ein Blick in die Statistik verdeutlicht dies: Der größte schwedische Offshore-Windpark Lillgrund liegt in der Ostsee zwischen Schweden und Dänemark und hat eine Leistung von 110,6 Megawattstunden. Er ging bereits im Jahr 2008 in Betrieb, seitdem hat sich vergleichsweise wenig getan.

Die Zahl der Windräder in Schweden steigt. Derzeit entsteht in dem skandinavischen Land der größte Windpark Europas.

Biomasse und Sonne ergänzen den Energiemix

Die in Deutschland weit verbreitete Fotovoltaik trägt in Schweden relativ wenig zur Energiewende bei. Der Grund liegt darin, dass die Sonne dort tiefer steht als in südlicheren Breiten und Solaranlagen entsprechend weniger Strom produzieren. Die Regierung bezuschusst dennoch den Kauf von Anlagen und Solarspeichern für Privathaushalte. Deshalb wächst die Zahl der Installationen beständig. Der jährliche Ertrag wird aber in absehbarer Zeit unter einer Terawattstunde bleiben.

In der Summe wichtiger ist die Biomasse – Schweden ist groß und zu zwei Dritteln bewaldet. So lassen sich Pellets auf dafür bestimmten Flächen produzieren und Reste aus der Forst- und Holzwirtschaft verwerten.

Hinzu kommt noch Biomasse aus anderen Quellen, zum Beispiel aus Abfällen. Als erneuerbar zertifizierte Biomasse trug 2017 mit 5,3 Terawattstunden zur Stromerzeugung bei. Dass der Anteil noch nicht größer ist, liegt auch daran, dass Biomasse auch für die Gewinnung von zahlreichen weiteren Materialien, wie zum Beispiel Biokraftstoffen, biobasierten Chemikalien, Textilien sowie für die Wärmegewinnung genutzt wird.

Zertifikate statt Einspeisevergütung für grünen Strom

Ein Faktor für die erfolgreiche Energiewende in Schweden: das Zertifikatesystem. 2003 führte Schweden ein System ein, das regenerative und gleichzeitig wirtschaftlich profitable Energiequellen begünstigt. 2012 gründeten Schweden und Norwegen einen gemeinsamen Markt für den Handel mit sogenannten grünen Zertifikaten.

So funktioniert es: Beide Länder geben handelbare Zertifikate für jede produzierte Megawattstunde aus, die in den ersten 15 Jahren generiert wird, in denen sich die Anlage in Betrieb befindet. Als Ziel legte die Regierung die Neuinstallation von 18,4 Terawattstunden grünen Stroms bis zum Jahr 2020 fest.

Die Stromproduzenten werden vom Staat verpflichtet, einen bestimmten Anteil ihres Stroms aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen. Für jede Megawattstunde grünen Stroms erhält der Kraftwerksbetreiber ein Zertifikat. Kraftwerksbetreiber haben dabei die Wahl, grünen Strom selbst zu produzieren oder zuzukaufen. Grünstromproduzenten können wiederum ihre Zertifikate an Betreiber konventioneller Kraftwerke verkaufen.

Entscheidend ist am Ende für alle Kraftwerksbetreiber, dass die Anzahl der eingereichten Zertifikate dem vorgeschriebenen Anteil ihres Stroms aus erneuerbaren Quellen entspricht. Stellt die regulierende Behörde fest, dass zu wenig Zertifikate eingereicht wurden, droht eine Strafzahlung. Die Quoten werden regelmäßig angehoben: Auf diese Weise nimmt der Anteil der regenerativen Energien laufend zu und der Einsatz fossiler Brennstoffe zur Stromerzeugung geht zurück.

Die schwedische Energiewende nimmt weiter Fahrt auf

2017 verlängerten beide Länder ihr gemeinsames Zertifikatesystem bis 2030. Beide Länder hatten sich verpflichtet, die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen bis 2020 auf 28,4 Terawattstunden zu steigern. Norwegen behält seine Ziele bei und wird keine neuen Projekte mehr zum Zertifikatesystem hinzufügen.

Schweden hingegen hat die eigenen Ausbauziele inzwischen noch weiter erhöht: Bis zum Jahr 2030 sollen noch einmal 18 Terawattstunden hinzukommen. Diese Entscheidung dürfte nicht allzu schwergefallen sein: Die schwedische Energieagentur schätzt, dass die zusätzliche Produktion bereits Ende dieses Jahres dieses Ziel übersteigen könnte.

Volker Kühn
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