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Thema Wind und Wende

23. Okt. 18

„Das ist bei Weitem nicht genug“

Eicke Weber ist einer der renommiertesten deutschen Solarforscher. Im Interview beschreibt er Parallelen zwischen der Krise in der Fotovoltaik und der Windenergie – und geht mit der Politik scharf ins Gericht.

Bis 2016 hat Eicke Weber das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg geleitet. Der 1949 geborene Physiker zählt zu den gefragtesten deutschen Experten für Sonnenenergie. Er sitzt in zahlreichen Gremien und ist auch politisch aktiv.

Nach schmerzvollen Jahren erkennt Weber inzwischen wieder einen leichten Aufwärtstrend für die deutsche Solarbranche. Er fordert allerdings mehr Unterstützung durch die Regierung. Das gelte genauso für die Windenergie, die ebenfalls aus politischen Gründen gedrosselt werde.

„Die großen Parteien können sich nicht gegen die Interessen der klassischen Energieversorger durchsetzen. Die wollen ihre alten Kraftwerke noch möglichst lange laufen lassen“, sagt Weber im Interview mit Energie-Winde.

Herr Weber, wie erleben Sie den Zustand der Solarbranche?
Eicke Weber: Global erleben wir einen beispiellosen Boom. Im vergangenen Jahr gab es weltweit erstmals einen Zubau von mehr als 100 Gigawatt Leistung bei Fotovoltaikanlagen, davon etwa die Hälfte in China. Die Aussichten für die Branche sind hervorragend, selbst, wenn es mal die eine oder andere Delle geben sollte.

In Deutschland zieht das Ausbautempo der Fotovoltaik nach schwierigen Jahren ebenfalls an. Wie beurteilen Sie die Lage hier?
Weber: Ich sehe in Deutschland eine schwache Aufwärtsentwicklung. Die Zubauleistung ist seit der EEG-Reform 2014 von 1,5 auf zwei Gigawatt gestiegen. Das ist erfreulich, aber bei Weitem nicht genug. Ziel der Bundesregierung bleibt es, bis 2050 den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung auf 80 Prozent zu steigern. Um das zu erreichen, müssen wir pro Jahr mindestens drei Gigawatt Fotovoltaik Leistung zubauen - vorausgesetzt, die Windkraft legt in gleichem Maße zu.

Deutschland war das Musterland der Energiewende. Gehen andere Staaten heute mutiger voran?
Weber: Nehmen Sie Indien. Der Strommarkt des Landes ist nur doppelt so groß wie der deutsche. Aber allein bis 2022 will die indische Regierung 125 Gigawatt zubauen. Bis 2027 soll sich der Ausbau auf 275 Gigawatt summieren. Das liegt natürlich auch daran, dass es in vielen Regionen kein Stromnetz gibt. Der dezentrale Ausbau von Fotovoltaik ist deshalb ein geeignetes Mittel, um breiten Bevölkerungsschichten den Zugang zu Elektrizität zu ermöglichen. Aber Indien nimmt auch die Herausforderungen des Klimawandels sehr ernst.

Wahlparty der Grünen in Bayern: „Die Landtagswahl hat gezeigt, dass die einzige Partei, die das Klimaproblem ernst nimmt, erfolgreicher abschneidet als jemals zuvor, sagt Eicke Weber.“

Ernster als Deutschland?
Weber: Bei uns vermisse ich bei fast allen Parteien eine entsprechende politische Willensbildung. Angesichts der Probleme, vor die uns der globale Klimawandel stellt, ist das sehr erstaunlich. Außerdem scheint diese Politik auch der Haltung in weiten Teilen der Bevölkerung zu widersprechen. Die Landtagswahl in Bayern hat gezeigt, dass die einzige Partei, die das wachsende Klimaproblem ernst nimmt, erfolgreicher abschneidet als jemals zuvor.

Sie meinen die Grünen?
Weber: Ja. Für einen intelligenten Menschen, der sich um die Zukunft des Planeten sorgt, gibt es in Deutschland leider keine Alternative mehr zu den Grünen. Sehr schade für die Traditionsparteien.

Traditionsparteien wie die FDP – der Sie angehören.
Weber: Ich bin der FDP bewusst in Freiburg beigetreten. Dort hatten die Liberalen 1971 ihre Freiburger Thesen verabschiedet. In dem Grundsatzprogramm hatte die Partei gefordert, dass das Recht auf Erhaltung der Umwelt ein zentrales Menschenrecht sei. Wenn die FDP dabei geblieben wäre, hätte es die Partei der Grünen nicht geben müssen. Ich habe mich bei meiner Landtagskandidatur 2016 für die Vorbereitung eines Schulterschlusses mit den Grünen stark gemacht. Die Südwest-FDP hat mit ihrem verhängnisvollen Pforzheimer Beschluss aber dagegen gestimmt.

Heute hat man den Eindruck, dass die FDP oft Gegnern der Energiewende eine Plattform bietet.
Weber: Ich darf Ihnen versichern, dass es in der FDP eine starke Minderheit gibt, die das anders sieht und unglücklich darüber ist, dass ihre Partei die augenblickliche Situation nicht nutzt, um eine wirtschaftsverträgliche Umweltpolitik durchzusetzen.

„Ausschreibungen bringen wenig, wenn die regulatorischen Hürden bleiben“ Weber über geplante Sonderauktionen des Bundes

Die Deckelung des Zubaus von Fotovoltaik sollte hohe Energiepreise vermeiden – und Unternehmen stützen. War die Maßnahme sinnvoll?
Weber: Sie war niemals notwendig. Die EEG-Umlage für neugebaute Fotovoltaikanlagen ist längst vernachlässigbar, weil die Kosten von modernen Anlagen so niedrig sind, dass sie kaum mehr bezuschusst werden müssen.

Warum hat die Große Koalition die Deckelung dann beschlossen?
Weber: Die großen Parteien können sich nicht gegen die Interessen der klassischen Energieversorger durchsetzen. Die wollen ihre alten Kraftwerke noch möglichst lange laufen lassen. Die SPD beispielsweise war früher umweltpolitisch sehr fortschrittlich, in Ländern wie Nordrhein-Westfalen vertritt sie heute jedoch die Interessen der sterbenden Kohlewirtschaft – unter anderem deshalb, weil Städte und Gemeinden des Landes an Versorgern wie RWE beteiligt sind, aus deren Gewinnen sie sich finanzieren. Personelle Verflechtungen spielen ebenfalls eine Rolle. Viele verdiente Sozialdemokraten sind in den Führungsetagen klassischer Energieversorger gelandet.

Die Solarbranche ist auch nicht gerade für zurückhaltende Lobbyarbeit bekannt.
Weber: Das wird immer behauptet, ist aber falsch. Die Fotovoltaikindustrie ist vergleichsweise jung. Entsprechend schwach aufgestellt sind ihre Lobbygruppen – sehr zum Leidwesen der Branche.

Immerhin setzt sich die SPD in der Großen Koalition für eine Sonderausschreibung zum Ausbau der erneuerbaren Energien ein. Was bringt das?
Weber: Ausschreibungen bringen wenig, wenn die regulatorischen Hürden hoch bleiben. Wäre es möglich, auf dem eigenen Dach erzeugten Strom nicht nur selbst zu verbrauchen, sondern mit dem Nachbarn zu teilen, wäre das ein großer Fortschritt. Moderne Speichertechnik wird das bald zu annehmbaren Preisen möglich machen. Gespeicherter Strom wird in Deutschland allerdings noch immer mit Abgaben sowohl für Verbrauch als auch Erzeugung belegt, weil der Speicher den Strom aufnimmt und wieder abgibt. Das ist aber Blödsinn, da ein Speicher den Strom weder verbraucht noch produziert.

„Wer für den Weltmarkt produziert, kann das hier genauso gut machen wie in China“ Weber über die Solarbranche

Kritiker monieren, in Deutschland gebe es zu viel Solarstrom, der deshalb billig ins Ausland verkauft werden müsse.
Weber: Falsch! Der ausgeführte Strom ist im wesentlichen Kohlestrom. Im Gegensatz zu Wind- und Solaranlagen lassen sich fossile Kraftwerke nicht abregeln. Deshalb müssen die Betreiber von Kohlekraftwerken den zu viel erzeugten Strom exportieren - zeitweise sogar zu negativen Preisen. Auffällig ist, dass der Exportüberschuss in den Wintermonaten besonders hoch liegt, also dann, wenn weniger Solarstrom produziert wird.

Unternehmen investieren in Deutschland wieder in die Fertigung von Solarmodulen. Kündigt sich eine Wende für die gebeutelte deutsche Solarbranche an?
Weber: Das halte ich für möglich. Wer für den Weltmarkt produziert, kann das hier mittlerweile genauso machen wie in China. Dank hochautomatisierter Fabriken macht die Arbeitskraft bei Solarmodulen nur noch fünf Prozent der Herstellungskosten aus. Entscheidend ist aber auch das Investitionsklima, das sich zum Beispiel in Kreditgarantien oder der Bereitstellung von Flächen ausdrückt. Da hat Deutschland Nachholbedarf. China sorgt mit Bankgarantien dafür, dass Solarunternehmen günstige Darlehen erhalten, was die Kapitalkosten erheblich verringert.

„Beide Märkte werden aus politischen Gründen am Wachstum gehindert“ Weber über die deutsche Wind- und Solarbranche

Was kann die deutsche Windbranche von der Solarindustrie lernen, um zu vermeiden, dass es ihr ähnlich ergeht?
Weber: Die deutsche Windbranche hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie die Solarindustrie. Beide Märkte werden aus politischen Gründen am Wachstum gehindert. Das ist ein großer Nachteil für die heimische Industrie. Warum sollten Investoren in Deutschland Fabriken für Windkraftanlagen bauen, wenn der inländische Markt von der Politik gedeckelt wird? Hier brauchen wir ein klares staatliches Bekenntnis.

Ein gutes Umfeld für erneuerbare Energien boten bislang auch die USA. Hat sich das unter der derzeitigen US-Regierung geändert?
Weber: Die USA bleiben auch unter Trump föderal aufgebaut und es gibt große Unterschiede zwischen den Bundesstaaten. Ein Beispiel ist das wirtschaftlich starke Kalifornien. Das Land hat schon lange keine Kohlekraftwerke mehr und nur noch ein einziges Kernkraftwerk, das in spätestens fünf Jahren abgeschaltet sein soll. Vor kurzem wurde in Kalifornien ein aufsehenerregendes Gesetz verabschiedet. Es sieht vor, dass ab 2020 kein neues Haus mehr ohne eigene Fotovoltaikanlage gebaut werden darf. Davon sind wir in Deutschland Lichtjahre entfernt. Würde der Bauminister so einen Schritt ankündigen, gäbe es einen Aufschrei in weiten Teilen des Landes.

Sie kommen aus der Wissenschaft. Wie haben sich die Jahre der gedrosselten Solarbranche auf Forschung und Entwicklung in Deutschland ausgewirkt?
Weber: Was diesen Punkt betrifft, verdient die Bundesregierung großes Lob. In den verantwortlichen Ministerien wurde die Forschungsförderung vernünftig weitergetrieben. Dadurch liegen wir zumindest auf dem Gebiet der Fotovoltaik an der Weltspitze und beherrschen nach wie vor neueste Technologiegenerationen wie PERC oder Heterojunction. Allerdings gibt es in Deutschland nur noch wenige Fabriken, die diese Technologien nutzen.

Die Fragen stellte Heimo Fischer.

 

Volker Kühn
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