Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Wind und Wende

23. Nov. 18

„Wir brauchen Signale für den Exportschlager Windkraft“

Das Energiesammelgesetz der Bundesregierung soll die Energiewende vorantreiben. Doch das Paket reicht nicht aus, meint Mecklenburg-Vorpommerns Energieminister Christian Pegel. Hier erklärt er die Gründe dafür.

Christian Pegel (SPD) ist seit 2014 Minister für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung in Mecklenburg-Vorpommern.

Ein Gastbeitrag von Christian Pegel

Mit dem mehrheitlichen Beschluss, Kurs auf eine Energiewende zu nehmen, hat sich Deutschland nach dem Atomunfall von Fukushima zu einer nachhaltigen Entwicklung zu Gunsten unserer Kinder, unserer Enkel und unserer Erde bekannt. Ein wichtiger Baustein ist und bleibt dabei, die Energieerzeugung umzusteuern.

Die Windenergie ist ein entscheidender Bestandteil der Energiewende. Vor allem wir im Norden der Republik haben mit unseren geografischen und klimatischen Bedingungen die besten Voraussetzungen, um mit Hilfe des Windes die Energieerzeugung aus fossilen Brennstoffen zu ersetzen. In Mecklenburg-Vorpommern decken wir unseren Strombedarf rein rechnerisch schon seit 2013 aus erneuerbaren Energiequellen. Der Wind hat daran mit ca. 62 Prozent den größten Anteil.

Das Energiesammelgesetz „erweckt den Eindruck, über einen energiepolitischen Minimalkonsens der Koalitionspartner nicht hinauszukommen“, schreibt Pegel.

„Die Windenergie hat für eine Re-Industrialisierung in unserem Bundesland gesorgt“

Für die norddeutschen Bundesländer hat die Windenergie und ihre langfristige Zukunft neben der umwelt- und energiepolitischen auch eine enorme wirtschaftliche Bedeutung: Allein in Mecklenburg-Vorpommern sind durch die Windbranche on- und offshore mindestens 15.000 hoch qualifizierte und gut bezahlte Arbeitsplätze entstanden.

Dabei wird die gesamte Wertschöpfungskette von der Entwicklung über Herstellung und Aufbau bis hin zu Betrieb und Wartung der Windenergieanlagen bei uns im Land abgebildet. Dank der Offshore-Windindustrie boomen Häfen und Werften. Die Windbranche hat für eine Re-Industrialisierung in unserem Bundesland gesorgt, das nach der Wende weitgehend deindustrialisiert worden war.

Für die Windenergie definiert das neue Energiesammelgesetz nun endlich Zeiträume und Mengen für die Sonderausschreibungen. Es erweckt aber den Eindruck, über einen energiepolitischen Minimalkonsens der Bundeskoalitionspartner nicht hinauszukommen.

Angesichts der drohenden Verfehlung unserer Klimaschutzziele brauchen wir aber keinen ängstlichen kleinsten gemeinsamen Nenner. Wir brauchen mutige Aufbruchsignale – und dies vor allem auch für den Energiewende- und Exportschlager „Deutsche Windkraft“.

„Wir müssen den nächsten Schritt gehen: die Umsetzung der Sektorenkopplung“ Christian Pegel

„Diese 100 Prototypen müssen kurzfristig ausgeschrieben werden“

Wir müssen, und dies mit aller Konsequenz, den nächsten Schritt gehen: die Umsetzung der Sektorenkopplung, also der Einsatz erneuerbarer Energien im Verkehrs- und Wärmesektor. Dafür brauchen wir eine Vision für die künftige Energiewende in Deutschland. Eine Vision, die das Energiesammelgesetz nicht aufzeigt.

Für diesen nächsten Schritt muss jetzt der gesetzliche Rahmen gesetzt werden. Dazu zählt eine Öffnungsklausel für 100 Testballons, mit denen die Sektorenkopplung an häufig abgeregelten Energieerzeugungsanlagen in den Netzengpassregionen ausprobiert werden kann.

Diese 100 Prototypen müssen kurzfristig ausgeschrieben werden und zwar so, dass verschiedenste Lösungen für Sektorenkopplung eine Chance erhalten, teil- oder ganz befreit von hinderlichen Regelungen und Abgaben ihre Wirksamkeit zu beweisen. Damit wird der bislang (zu) enge Rahmen der Power-to-Heat-Maßnahmen deutlich erweitert werden.

Im Ergebnis werden sich einige wenige der vielen Sektorenkopplungstechnologien und -maßnahmen, die unter Laborbedingungen theoretisch möglich sind, als praktisch umsetzbar herauskristallisieren. Das werden dann die sein, die praktisch und flexibel Netze stabilisieren helfen, und beweisen, dass sie im industriellen Maßstab funktionieren.

Statt Windräder bei Stromüberschüssen abzuregeln, um die Netze vor Blackouts zu schützen, sollte ihre Energie an Ort und Stelle genutzt werden, meint Pegel – etwa zur Produktion sauberer Treibstoffe.

„Dieser Strom wird helfen, innovative Sektorenkopplungsideen direkt an Windparks umzusetzen“

Neben einer Experimentierklausel für diese 100 Prototypen braucht das Energiesammelgesetz eine pragmatische Lösung für die Anlagen zur sauberen Energieerzeugung – vor allem im Windkraftbereich , die am häufigsten abgeregelt werden.

Dort, wo der Netzausbau nicht schnell genug Linderung bringt, muss es zulässig werden, den nicht genutzten Windstrom - der gleichwohl vergütet wird - trotzdem zu ernten. Unter der Voraussetzung, das sichergestellt ist, dass er nicht das öffentliche Netz nutzt beziehungsweise vor dem Netzengpass entsprechend des Netzstabilitätsbedarfs genutzt wird.

Damit werden neben den 100 Testpiloten weitere Sektorenkopplungsprojekte möglich. Diese können dazu beitragen, den volkswirtschaftlich schwer vermittelbaren Zustand zu beseitigen, dass bezahlter Strom nicht genutzt wird.

Dieser Strom, der dann nicht ständig verfügbar, aber „kostenfrei“ ist, wird helfen, innovative Sektorenkopplungsideen direkt an Windparks umzusetzen. Ein Beispiel wäre etwa die Umwandlung des erzeugten Windstroms in saubere Treibstoffe, die in unserem gewässerreichen Bundesland für emissionsfreie Antriebe in der Schifffahrt genutzt werden können.

„Windräder, die stillstehen, stoßen auf Unverständnis“ Christian Pegel

„Ein Riesengewinn für die Akzeptanz der Windenergieanlagen“

Solche Anwendungen vor Ort dürften einen Riesengewinn für die Akzeptanz der Windenergieanlagen in der Bevölkerung bringen. Windräder, die stillstehen, stoßen auf Unverständnis. Und sie sind zu einem der wichtigsten Argumente in windkritischen Diskussionen geworden.

Ganz ohne Not: Der Gesetzgeber hat es in der Hand, diese Energiemengen zur Verfügung zu stellen, wenn damit die Netzentlastung gesichert bleibt und stattdessen Wertschöpfung vor Ort dank innovativer Ideen möglich wird.

Volker Kühn
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt