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Thema Wind und Wende

23. Nov. 14

Borkum Riffgrund 1: Vor den Turbinen steht schon die Offshore-Umspannplattform

Geschenk an die Welt

Bewunderung und Schadenfreude, Erfolg oder Misserfolg: Kein industriepolitisches Vorhaben wird im Ausland so aufmerksam beobachtet wie die Energiewende. Gelingt sie, hat Deutschland auch die Welt ein bisschen gerettet.

Es war 1991, er war Umweltminister im Kabinett von Helmut Kohl. Die schwarz-gelbe Koalition in Bonn beschloss das Strom-Einspeisegesetz – von vielen unbemerkt. Das Gesetz regelte die Vergütung für Menschen, die mit Wassermühlen Strom herstellten oder sich die ersten erhältlichen Photovoltaikmodule aufs Dach schraubten. Der Anteil an der Energieerzeugung war noch kaum messbar, und doch wussten Politiker wie Töpfer, wo sie hinwollten: „Es war die klare Erkenntnis, dass wir in unserer Energieversorgung unabhängiger werden müssen von Importen.“ Und Jürgen Trittin, später Amtsnachfolger Töpfers im Umweltressort, sagt: „Der Kern war, dass wir eine andere, nicht das Klima belastende Form der Energieversorgung brauchen.“

Während die Erneuerbaren Energien zu Zeiten Helmut Kohls nicht über den Exotenstatus hinauskamen, wurden sie von der ersten rot-grünen Bundesregierung auf die große politische Bühne geholt. Im Jahr 2000 verabschiedeten SPD und Grüne mit ihrem Kanzler Gerhard Schröder das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Das wird von vielen kritisiert, teilweise sogar angefeindet, und doch ist es bis heute in Kraft und hat alle Reformen einigermaßen überstanden.
Das EEG lässt sich so eindeutig einem kleinen Kreis von Abgeordneten zuordnen, wie es nur ganz selten der Fall ist. Die Grünen Hermann-Josef Fell und Michaele Hustedt sowie der mittlerweile verstorbene „Solarpapst“ Hermann Scheer von der SPD und sein Genosse Dietmar Schütz setzten das EEG gegen starken Widerstand durch. „Es gab große Ablehnung in Teilen unserer Gesellschaft, geschürt durch Energieversorger, die um ihren Kohle- und Atomstrom fürchteten“, sagt Fell heute. „Sie haben mit vielen Desinformationen versucht, dieses Gesetz zu verhindern.“

Diese Energieversorger hatten einen mächtigen Freund in der Regierung. „Der zuständige Wirtschaftsminister Werner Müller wollte das Gesetz gar nicht“, weiß Dietmar Schütz, der später Präsident des Bundesverbandes Erneuerbare Energie wurde. So sei das Gesetz sehr stark aus dem Parlament initiiert worden, von jenen vier Abgeordneten, die ihre Fraktionskollegen in vielen Gesprächen überzeugen mussten. Unterstützt wurden sie dabei von Wissenschaftlern und den Pionieren der Erneuerbaren-Technik.

„Es war ein wogender Kampf um das EEG“, erinnert sich der CSU-Bundestagsabgeordnete Josef Göppel, schon damals ein Freund des Ökostroms. „Entscheidend für den Umschwung waren die vielen Tausend Anlagen.“ Seinerzeit waren „viele Tausend“ schon ein Erfolg, heute gibt es mehr als 1,4 Millionen EEG-geförderte Anlagen zur Stromerzeugung. Zu Beginn des Jahrtausends arbeiteten gut 30.000 Menschen in der Erneuerbaren-Branche, heute sind es nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums mehr als 370.000.

Noch wichtiger als die nackten Zahlen ist aber der Modellcharakter der Energiewende und des EEG. „Wir haben als erstes Land in der Welt alle Arten der Erneuerbaren richtig gepusht und damit eine neue Industrie bekommen“, sagt der damalige Grünen-Abgeordnete Fell. Und CSU-Mann Göppel freut sich: „Das EEG hat das Bewusstsein dafür geschaffen, dass jeder Strom produzieren kann, dass wir nicht abhängig sind von Großkraftwerken, die 60 und mehr Prozent Abwärme produzieren und unser Klima belasten.“

Zum Klimaschutz und einem weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien bekennen sich im Grundsatz die meisten deutschen Politiker bis heute, und auch die Bevölkerung steht mehrheitlich hinter der Energiewende. Doch gibt es die Sorge, mehr Erneuerbare trieben die Strompreise. Tatsächlich macht die EEG-Umlage heute mehr aus als die berühmte „Kugel Eis im Monat“, von der im Jahr 2000 der damalige Umweltminister Trittin zum Start des Gesetzes noch gesprochen hatte. In den vergangenen Jahren ist die Umlage deutlich gestiegen, auf jetzt 6,24 Cent je verbrauchter Kilowattstunde. Die Abgabe für 2015 wird erstmals sinken, allerdings nur minimal auf dann 6,17 Cent. Und auch für die kommenden zwei Jahre erwarten Experten eine weitgehend stabile Umlage.

Windkraft und Sonnenstrom sind längst wettbewerbsfähig geworden

Selbst wenn man externe Kosten wie Gesundheits- und Umweltschäden nicht in die Strompreise einrechnet, sind Sonnenstrom und Windkraft an Land in den vergangenen Jahren so günstig geworden, dass sie von den Erzeugungskosten her längst problemlos mit neuen fossilen Kraftwerken mithalten können. Würde der europäische Handel mit CO2-Zertifikaten funktionieren und eine Steuerungswirkung entfalten, würde sich die Wettbewerbsposition der Erneuerbaren nochmals deutlich verbessern.

Mit der Energiewende hat Deutschland eine Industrie mit Unternehmen wie den Windradbauern Enercon und Nordex geschaffen, die ihre Maschinen in die ganze Welt verkaufen. 80 Prozent der hier produzierten Windräder gehen in den Export. Und auch ein Weltkonzern wie Siemens hat die Chancen der Energiewende genutzt.

Aber auch der Einspeisetarif des EEG wurde ein Exportschlager: Mehr als 60 Länder übernahmen die deutsche Idee, darunter die Schweiz, Japan oder Uruguay, ja selbst China. Auch eine Studie des Beratungsunternehmens Ecofys für die Europäische Kommission kam zu dem Ergebnis, dass Einspeisetarife den Ausbau der Erneuerbaren Energien schneller und kostengünstiger erreichen als andere Instrumente wie Ausschreibungen.

Wie sehr der Ausbau der Erneuerbaren von stabilen politischen Rahmenbedingungen abhängt, zeigt ein Blick ins Ausland. In Frankreich gibt es bei Photovoltaik nur für Anlagen mit weniger als 100 Kilowatt Spitzenleistung Einspeisevergütungen, Betreiber leistungsfähigerer Kraftwerke müssen sich an Ausschreibungen beteiligen. Dass diese keinesfalls zu niedrigeren Vergütungen führen als das EEG, zeigte sich kürzlich bei einer Auktion in Südfrankreich: Obwohl die Region von der Sonne verwöhnt ist, lag das Ergebnis der Ausschreibung 3 Cent je Kilowattstunde höher als in Deutschland. Auch die Ausschreibungen für Windenergie, onshore und offshore, haben in Frankreich zu unbefriedigenden Ergebnissen geführt.

Spanien liegt zwar dank günstiger klimatischer Bedingungen und der Förderung vergangener Jahre bei einem Ökostromanteil von fast 50 Prozent. Doch die rückwirkenden Förderkürzungen durch die konservative Regierung Mariano Rajoys haben den Markt geradezu zerstört und Investoren abgeschreckt.
Ähnliches ist in Italien zu befürchten. Dort will die Regierung die Einspeisevergütung für die dort vor allem wichtigen Photovoltaikanlagen mit mehr als 200 Kilowatt Leistung ebenfalls rückwirkend kürzen. Die bestehenden Berechnungen der Amortisationszeiten wären damit hinfällig, die Branchenverbände und finanzierenden Banken drohen mit einer Verfassungsklage.

In Dänemark liefern an manchen Tagen Windturbinen 100 Prozent des Stroms

Ganz anders sieht es in Dänemark aus. Ein stabiles Förderregime und kräftiger Wind haben dazu geführt, dass die Turbinen mittlerweile fast 30 Prozent des Stroms produzieren, an manchen Tagen sogar schon 100 Prozent. Zusammen mit Biomasse-Kraftwerken kommen die Erneuerbaren aufs Jahr gerechnet auf 44 Prozent.

Über Großbritannien lässt sich eine überraschende Erfolgsgeschichte erzählen. Die Insel ist bekannt für ihren umfangreichen Offshore-Windkraft-Ausbau, hat von 2011 bis 2014 rund 4 Gigawatt Solarenergie aufgebaut. Entscheidend dafür waren verlässlich fließende Fördergelder, kooperative Genehmigungsbehörden und kreative Finanzierungsmodelle.

Es ist wohl unbestritten, dass der Ausbau der Erneuerbaren in Europa, aber auch in Ländern wie China, Brasilien oder den USA nicht so weit vorangeschritten wäre, wenn Deutschland nicht so mutig vorangeschritten wäre – mit dem EEG im Jahr 2000 und mit dem endgültigen Atomausstieg nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011. Im vergangenen Jahr gingen nach Leistung gerechnet weltweit erstmals mehr Ökostromanlagen ans Netz als konventionelle Kraftwerke. Das meldete die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien. Weltweit liege der Ökostromanteil bereits bei 22 Prozent, so die Agentur.

Die Energiewende wird in Großbritannien skeptisch gesehen

Als „Silicon Valley der Energiewende“ sieht denn auch der global agierende US-Elektrokonzern General Electric Deutschland. Der amerikanische Erneuerbaren-Pionier Paul Gipe sagt: „Die Energiewende und das EEG sind Deutschlands Geschenk an die Welt.“ Das Land habe gezeigt, dass der Wechsel von fossilen Brennstoffen und Atomkraft zu Erneuerbaren viel schneller gelingen könne, als es sich irgendjemand habe vorstellen können. Und Anil Kane, Vorsitzender des indischen Windkraftverbandes und ehemaliger Präsident des weltweiten Branchenverbandes, sagt: „Deutschland ist unzweifelhaft führend in Erneuerbarer Energie.“ Es sei gut, dass die Bundesrepublik 100 Prozent Erneuerbare anstrebe. „Viele andere Regierungen haben begonnen, ähnlich zu denken. Es hat also international eine sehr wichtige Rolle gespielt.“

Außerhalb der Erneuerbaren-Branche ist die Euphorie etwas geringer, aber Anerkennung gibt es auch hier. So sagt Jeevan Vasagar, Berliner Korrespondent der „Financial Times“: „Die Energiewende wird in Großbritannien skeptisch gesehen.“ Sie sei kostspielig, und die Lasten würden stärker bei Haushalten und kleinen Unternehmen abgeladen als bei der Großindustrie. Wenn aber die – auch durch die Erneuerbaren – gesunkenen Börsenstrompreise auf die Stromtarife durchschlügen, könnte sich die Meinung auf der Insel ändern.

Wenn die Deutschen die Energiewende hinbekommen, haben sie das Rezept für das 21. und 22. Jahrhundert.

Thibaut Madelin von der französischen Wirtschaftszeitung „Les Echos“ sieht die Energiewette als „große Wette“ auf die Zukunft. Seine Landsleute betrachteten die Energiewende mit einer Mischung aus Bewunderung und Schadenfreude. „Bewunderung deshalb, weil es eine gigantische Leistung ist, ein komplettes Stromsystem in gut 20 Jahren umzubauen. Schadenfreude, weil die Deutschen oft als Oberlehrer rüberkommen. Wenn es jetzt hakt, weil zum Beispiel Bayern und Thüringen die Stromtrassen blockiert werden, freut man sich, weil der europäische Superstar auch mal ein Problem hat.“ In jedem Fall aber könne Frankreich etwas von Deutschland lernen: „Wenn die Deutschen die Energiewende hinbekommen, haben sie das Rezept für das 21. und 22. Jahrhundert.“

Iris Franco Fratini
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