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Thema Mensch und Umwelt

15. Aug. 18

Grüne Wiesen, rote Dächer, blaue Solaranlagen: diese Farben sind in Wildpoldsried allgegenwärtig.

Die Strompioniere von Wildpoldsried

Das Dorf im Allgäu hat die Energiewende schon geschafft: Es erzeugt siebenmal so viel Ökostrom, wie es selbst verbraucht. Was ist das Rezept der 2600-Einwohner-Gemeinde? Und lässt es sich auf das ganze Land übertragen?

Von Volker Kühn

Für die Keimzelle einer Revolution ist Wildpoldsried ein ungewöhnlich friedlicher Ort. Einfamilienhäuser mit bunten Fensterläden säumen die Straßen, es gibt eine Kirche, eine Grundschule und Bauernhöfe, wie man sie sonst nur in den Bilderbüchern kleiner Kinder findet. Ein verschlafenes Idyll im Oberallgäu.

Doch ausgerechnet hierher strömen Jahr für Jahr Dutzende Besucherdelegationen aus aller Welt. Japaner haben sie schon im Rathaus begrüßt, Amerikaner und sogar eine Gruppe aus Äthiopien. Sie alle wollen die Revolution von Wildpoldsried studieren.

Denn die 2600-Seelen-Gemeinde am Alpenrand ist ein Zukunftslabor für die Energiewende. Hier lässt sich heute schon beobachten, wie der Strommarkt in vielen Ecken Deutschlands in einigen Jahren aussehen könnte: dezentral, digital – und vor allem ohne die Schlote der Großkraftwerke, die heute noch das Rückgrat der Energieversorgung bilden. Die Revolution von Wildpoldsried, das ist eine Welt, in der fossile Energien keine Rolle mehr spielen.

Elf Windräder drehen sich oberhalb von Wildpoldsried. Und auf fast jedem zweiten geeigneten Hausdach funkeln Solaranlagen.

Wildpoldsried hat mehr als genug Ökostrom. Selbst wenn Wind und Sonne gerade mal keine Energie liefern

Einer der Köpfe dahinter ist Günter Mögele, 59 Jahre alt, kariertes Hemd, offenes Lächeln. Der Zweite Bürgermeister des Dorfs empfängt im „Kultiviert“, einem Veranstaltungszentrum samt Gästezimmern, das die Gemeinde als „Energiehotel“ vermarktet. Denn während Mögele am Kaffeetisch seinen Laptop öffnet, läuft unter ihm im Keller eine Holzpelletheizung und versorgt einen Teil des Dorfs mit Wärme.

Mögele tippt eine Internetadresse ein und auf dem Bildschirm erscheinen Zahlen und Tortengrafiken, die sich in raschem Takt ändern. „Hier sehen Sie in Echtzeit, wie viel Energie wir gerade erzeugen und aus welchen Quellen sie stammt“, erklärt er. In diesem Moment zum Beispiel heißt das: 20 Prozent Biogas, 70 Prozent Windkraft und immerhin zehn Prozent Solarenergie – obwohl ein Wolkenschleier über dem Allgäu hängt.

Die eindrucksvollste Zahl steht darunter: 10,5. Wildpoldsried erzeugt an diesem Tag das 10,5-fache der Energie, die das Dorf selbst verbraucht. Die Überschüsse werden in Nachbargemeinden verbraucht. „Dass wir Strom aus Quellen außerhalb von Wildpoldsried beziehen müssen, kommt überhaupt nicht mehr vor“, erklärt Mögele. Das gelte selbst dann, wenn weder Wind noch Sonne Energie liefern.

Grüne Wiesen, rote Dächer, blaue Solaranlagen: diese Farben sind in Wildpoldsried allgegenwärtig.

Wind, Sonne, Biogas, Erdwärme: Wildpoldsried zapft alle Ökostromquellen an. Sogar kleine Wasserkraftwerke gibt es hier

Und das ist es, was das Dorf so interessant macht. Es hat die Energiewende bereits vollzogen. Während der Ökostromanteil bundesweit erst 38,5 Prozent beträgt, liegt er in Wildpoldsried im Jahresschnitt bei satten 700. Elf Windräder drehen sich über einem Wald am Ortsrand, auf 40 Prozent der geeigneten Dächer funkeln Solaranlagen, in vier Biogasanlagen vergärt die Gülle aus den örtlichen Kuhställen, dazu gibt es zahlreiche Hackschnitzelheizungen, sechs Erdwärmeanlagen und sogar zwei kleine Wasserkraftwerke.

Die bloße Erzeugung von Ökostrom ist allerdings nicht mehr das Hauptproblem der Energiewende. Schon heute gibt es in Deutschland so viele Windräder, Solarparks, Biogasanlagen und Wasserkraftwerke, dass sie bei Idealbedingungen das ganze Land versorgen können.

Das Problem sind die windstillen Tage, an denen die Sonne hinter Wolken hängt. Dann laufen die konventionellen Kraftwerke auf Hochtouren. Denn noch gibt es zu wenige Speicher, die an guten Tagen Ökostromüberschüsse aufnehmen, um sie an schlechten ins Netz einzuspeisen.

Weltmarktführer aus dem Allgäu: Christoph Ostermann (links) und Philipp Schröder von der Sonnen GmbH präsentieren vor der Firmenzentrale einen ihrer Stromspeicher.

Hinter einem Wäldchen baut die Sonnen GmbH Solarspeicher – und verkauft sie bis ins ferne Australien

Doch auch für dieses Problem haben sie im Allgäu eine Lösung. Das ist der zweite Teil der Revolution von Wildpoldsried, und wer ihn aus der Nähe studieren will, muss das kleine Gewerbegebiet hinter einem Wäldchen oberhalb des Dorfkerns aufsuchen. Hier hat die Firma Sonnen ihren Hauptsitz.

Keine neun Jahre ist sie alt, und doch hat das Massachusetts Institute of Technology (MIT) sie bereits 2016 zu einem der 50 innovativsten Unternehmen der Welt gekürt. Neben dem Bosch-Konzern war Sonnen der einzige deutsche Vertreter auf der prestigeträchtigen Liste.

Zwei Dinge sind es, die Sonnen so bemerkenswert machen. Zum ersten produziert die Firma Batteriespeicher, die sie in Ländern wie Deutschland, Italien, Australien und den USA vertreibt. Privathaushalte können damit den Strom ihrer Solaranlagen speichern. Je nach Anlagentyp und geografischer Lage kommen Solarstromerzeuger auf eine Selbstversorgungsgrad von vielleicht 50 oder 60 Prozent, den Rest müssen sie aus dem Netz beziehen. Mit einer Batterie lässt sich der Wert erheblich steigern, auch 80 oder gar 90 Prozent sind dann möglich. Mit mehr als 20.000 verkauften Speichern ist Sonnen in diesem Segment nach eigenen Angaben Weltmarktführer – vor bekannten Rivalen wie Tesla oder LG Chem.

Ab 2020 fallen Tausende Solaranlagen aus dem EEG. Das wird dem Speichergeschäft einen Schub geben, hofft Sonnen

Noch interessanter ist das zweite Standbein von Sonnen. Die Firma hat rings um diese Speicher ein Geschäftsmodell entwickelt, das den Managern der großen Stromkonzerne den „kalten Angstschweiß“ auf die Stirn treiben soll, wie Geschäftsführer Philipp Schröder tönt: Käufer einer Sonnen-Batterie können für eine monatliche Gebühr einer Community beitreten und untereinander Strom austauschen. Hat ein Teilnehmer mehr, als er braucht, beliefert er über das virtuelle Netz von Sonnen damit einen anderen, der gerade zu wenig hat. Sollte insgesamt nicht genügend Strom in der Community vorhanden sein, kauft Sonnen ihn von anderen Erzeugern zu.

Ihren alten Energieversorger brauchen die Teilnehmer dann nicht mehr. Es ist eines der klassischen Geschäftsmodelle der Digitalisierung: die Ausschaltung des Mittelsmanns.

Einen Turbo für sein Geschäft verspricht sich Schröder ab 2020. Dann endet für die ersten der gut 1,6 Millionen Solaranlagen in Deutschland die Frist, in der ihre Besitzer laut dem Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) ihren Strom zu einem garantierten Abnahmepreis ins Netz einspeisen können. Statt die üppige EEG-Subvention einzustreichen, müssen die Erzeuger dann Energie, die sie selbst nicht nutzen können, zum Niedrigpreis an der Börse verramschen. Es sei denn, sie kaufen sich einen Speicher.

Die Energiewende geneißt in Wildpoldsried breite Zustimmung. Schon am Ortseingang wirbt die Gemeinde mit ihrer Vorreiterstellung beim Klimaschutz.

Wildpoldsried empfängt Besuchergruppen aus aller Welt. Aber auch Strom- und Technikkonzerne kommen in das Dorf

Wenn Schröder davon spricht, in wenigen Jahren „mehr Kunden als Eon“ zu haben oder die alte Energiebranche „plattzumachen“, klingt er ähnlich großspurig wie Elon Musk, Chef des Elektroautopioniers Tesla, mit dem Sonnen im Batteriespeichermarkt konkurriert. Und tatsächlich dürfte sich Schröder einiges von Musk abgeschaut haben, immerhin war der heute 35-Jährige in einem knapp zweijährigen Intermezzo bei Tesla für das Geschäft in Deutschland und Österreich verantwortlich. 2015 kehrte er zu Sonnen zurück.

Schröders Vision ist eine Energiewelt, in der sich Millionen Privatleute dank digitaler Technik dezentral versorgen. Dass mehr daran sein könnte, als so manchem alten Branchenriesen lieb ist, zeigt die Tatsache, dass die Großen dem Geschäftsmodell der 400-Mann-Firma aus dem Allgäu nacheifern: Auch Eon und EWE zum Beispiel bieten inzwischen eine Art Community für Solaranlagenbesitzer an.

Und auch andere Konzerne schauen mit Interesse nach Wildpoldsried. Siemens etwa erprobt hier sogenannte Smart- und Micro-Grids – intelligent gesteuerte Stromnetze, die vom übrigen Netz abgekoppelt arbeiten. Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet will zusammen mit Sonnen auf Basis der Blockchain-Technologie Speicherbatterien einsetzen, um die Stromleitungen zu stabilisieren.

Wildpoldsried ist klein, sein Energiebedarf gering. Taugt das Dorf als Beispiel für die industriellen Zentren des Landes?

Denn im Netz müssen Angebot und Nachfrage immer deckungsgleich sein. Wird kurzfristig mehr Strom erzeugt als verbraucht, sollen die Speicher in Sekundenbruchteilen bereitstehen, um diesen Überschuss aufzunehmen.

Bislang müssen in solchen Situationen Kraftwerke vom Netz genommen werden. Da Kohle- und Atommeiler zu unflexibel sind, trifft es oft Windräder oder Solaranlagen. Deren Besitzer müssen für den erzwungenen Produktionsausfall entschädigt werden. Die Kosten für dieses sogenannte Redispatch trägt die Allgemeinheit. Sie belaufen sich auf Hunderte Millionen Euro – pro Jahr.

Doch selbst wenn es den Pilotprojekten in Wildpoldsried gelingt, Lösungen für dieses Problem zu finden, bleibt fraglich, inwieweit sie sich auf den Großmaßstab skalieren lassen. Denn der Energiebedarf der kleinen Gemeinde am Alpenrand lässt sich kaum mit dem einer Metropole oder industrieller Zentren wie dem Ruhrgebiet vergleichen.

Auch künftig werden daher neben dezentralen Energiequellen Kraftwerke mit gewaltiger Kapazität gebraucht, um Fabriken und Großstädte am Laufen zu halten – Wasserkraftwerke etwa, Windparks auf See oder auch Großsseicher.

Die Leistung der Strompioniere von Wildpoldsried schmälert das allerdings nicht.

Volker Kühn
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