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Thema Mensch und Umwelt

02. Nov. 18

Der Stromverbrauch durch einen einzelnen Klick im Internet ist winzig. In der Summe aber verbraucht das globale Datennetz gewaltige Mengen an Energie.

Wie Windstrom das Internet antreibt

Der Stromverbrauch des World Wide Web ist gigantisch. Führende Techkonzerne zeigen, dass der Bedarf aus regenerativen Quellen gedeckt werden kann. Ein wichtige Rolle spielen dabei Power Purchase Agreements, kurz: PPAs

Von Christoph Lindemann

Wäre das Internet ein Land, wäre es der weltweit sechstgrößte Stromverbraucher – zu dieser Einschätzung kommt die Umweltorganisation Greenpeace. Der schnelle Klick mit der Maus bewirkt umfangreiche Rechenprozesse im Hintergrund. Ein Strombedarf der sich potenziert. Denn weltweit stellen Milliarden von Internetnutzern Suchanfragen, bleiben über Social-Media-Anwendungen mit Bekannten in aller Welt in Kontakt oder konsumieren Videoclips und andere Formen der digitalen Medien.

Doch wie in vielen Staaten der Welt wächst auch im Internet der Anteil an Ökostrom, aus dem der Bedarf gedeckt wird. Die führenden Techkonzerne Google, Apple, Facebook und Amazon nehmen dabei eine Vorreiterrolle ein.

Windräder im Bundesstaat Kansas: In den USA sind Power Purchase Agreements sehr viel weiter verbreitet als in Deutschland.

Selbstverpflichtung zur Ökostromnutzung

Wie alle Großkonzerne verfolgen die Internetgiganten in ihrer Unternehmenspolitik eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie. Facebook kündigte beispielsweise bereits 2015 an, innerhalb von drei Jahren seinen Strom aus regenerativen Quellen zu beziehen. Ein Ziel, das der Konzern bereits nach zwei Jahren als erreicht verkünden konnte. Ab 2020 soll der eigene Strombedarf dann ausschließlich regenerativ gedeckt werden.

Google hat inzwischen sein 2012 ausgegebenes Ziel erreicht, so viel Ökostrom zu erwerben, wie alle Rechenzentren und Büros weltweit verbrauchen. 2017 war das erste Jahr, in dem diese 100-Prozent-Abdeckung gelang. Der Technologiekonzern Apple verkündete 2018 ebenfalls, seine Standorte komplett mit Ökostrom zu versorgen. Lange war das Unternehmen bei der Nutzung regenerativen Energien unter den Wettbewerbern führend, 2016 lag die Abdeckung mit erneuerbaren Energien bereits bei 87 Prozent.

Und auch Amazon hat angekündigt, die eigenen Rechenzentren mit erneuerbaren Energien zu versorgen – auch wenn das Unternehmen dafür keinen konkreten Zeitplan vorlegte.

Der Stromverbrauch durch einen einzelnen Klick im Internet ist winzig. In der Summe aber verbraucht das globale Datennetz gewaltige Mengen an Energie.

PPAs als neue Form des Energiebezugs

Doch wo kommen diese immensen Mengen an Ökostrom her, die von den weltweiten Rechenzentren verbraucht werden? Klassische Energieversorger haben erst spät den Weg zu erneuerbaren Energien eingeschlagen und können nur bedingt entsprechende Tarife für Gewerbekunden anbieten. Und der Betrieb eigener Erzeugungsanlagen wie Solarpanels auf dem Dach der Firmengebäude kann den Bedarf in der Regel nur anteilig decken. Die Lösung liegt im Direktbezug regenerativer Energie vom Erzeuger. Ein wichtiges Instrument dafür sind sogenannte Power Purchase Agreements (PPAs).

Hierbei handelt es sich um langfristige Lieferverträge, die direkt zwischen dem Erzeuger und dem Verbraucher abgeschlossen werden. Bei Corporate PPAs verpflichtet sich das Unternehmen beispielsweise, die komplette Strommenge eines Windparks über einen bestimmten Zeitraum abzunehmen.

Die Laufeiten sind lang und liegen bei bis zu 20 Jahren. Damit sind PPAs ein gutes Instrument, um Planungssicherheit für Windparkbetreiber zu schaffen. Viele Projekte zur regenerativen Energieerzeugung können auf dieser Grundlage erst entstehen. In den USA ist dieses Modell der Direktabnahme bereits seit langem gängige Praxis.

Wichtigste Energielieferanten bei PPAs sind Wind- und Solarstrom. Die Abnehmer sichern sich durch ein PPA günstige und klar kalkulierbare Stromkosten. Der kalkulierbare Zeitraum ist dabei wesentlich länger, als es aktuell mit Angeboten auf dem Energiemarkt möglich wäre.

Geothermie-Kraftwerk auf Island: Die Insel ist mit ihren kalten Temperaturen und dem großen Potenzial erneuerbarer Energien ein beliebter Standort für Rechenzentren.

In Europa im Aufwind – in Deutschland noch selten

Die HSH Nordbank hat in einer aktuellen Studie das Potenzial von Corporate PPAs in Europa analysiert. Für das Jahr 2017 verzeichnete die Studie ein Rekordvolumen von 1,44 Gigawatt Leistung, für die die langfristigen Abnahmeverträge geschlossen wurden. Das war eine Steigerung von 20 Prozent zum Vorjahr. Die PPA-Verträge beziehen sich dabei vorwiegend auf Erzeugungsanlagen in Schweden, Norwegen, den Niederlanden und Großbritannien.

In Deutschland hat sich das Modell noch nicht durchgesetzt. Hier steht die Ökostromförderung mithilfe von Einspeisevergütungen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) der Wirtschaftlichkeit von PPAs gegenüber. Die sinkenden Erzeugungskosten und die damit zu erwartende rückläufige Förderung werden in Zukunft die Attraktivität von PPAs allerdings steigen lassen.

PPAs sind für sämtliche Branchen interessant

Neben den großen Techkonzernen zeichnet sich der Trend zu PPAs in weiteren Wirtschaftsbereichen ab. Denn die langfristige Strompreisfixierung ist für jedes Unternehmen mit entsprechend hohem Strombedarf attraktiv. So gibt es zunehmend Vertragsabschlüsse aus der Industrie. Zu den Unternehmen, die PPA nutzen, zählen unter anderem Branchenriesen wie Nestlé, Phillips oder BMW. Der Trend zur neuen Form des Stromdirektvertriebs hat dabei gerade erst begonnen.

Volker Kühn
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