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Thema Mensch und Umwelt

17. Jul. 18

„Viel Neues, das sich gestalten lässt“

Im ersten Teil unserer Serie über die Auswirkungen der Energiewende auf den Arbeitsalltag schildert Robert Steidl (57), Kaminkehrermeister, aus München, wie sich sein Beruf verändert.

In seiner Lehrzeit ist Robert Steidl noch mit dem Eisen in die Kamine eingestiegen, um den Ruß abzukratzen. Heute sieht der Beruf des 57-Jährigen ganz anders aus. Auch die Energieberatung gehört dazu.

Ich bin seit 40 Jahren in diesem Handwerk und habe schon manche Neuerung mitgemacht. Immer wenn sich was bewegt und ändert, kommen die kritischen Stimmen. Als die Ölheizungen auf den Markt gekommen sind, hieß es: „Wir sterben aus“. Dasselbe bei den Gasheizungen. Jetzt die Energiewende – und wieder heißt es: „Wir sterben aus“. Ich lebe aber immer noch.

Ja, die Energiewende macht vieles neu, aber wir müssen sie schaffen – sonst gibt's uns nicht mehr. Es gibt zwei Optionen: Entweder man macht mit oder man geht drauf. Und das gilt nicht nur für das Kaminkehrerhandwerk. Wir haben heute tatsächlich wesentlich weniger Arbeit an und mit den neuen Feuerstätten, das ist natürlich auch der Technik geschuldet. Ich kann mich aber einer neuen Technik nicht verschließen und mit den alten Zöpfen weiterarbeiten, wenn die nicht mehr akzeptiert, sondern abgeschnitten werden. Dann bin ich fehl am Platz.

Wenn ich mir meinen Vater anschaue, der auch Kehrer war, der hat noch „deutsche Kamine“ gekehrt. Das sind die, in die wir von innen eingestiegen sind und den Ruß dann mit dem Eisen abgekratzt haben. Das kenne ich noch aus meiner Lehrzeit. Heute gibt's sie aber nur noch vereinzelt. Dann kamen die kleinen Kamine, die man mit der Bürste kehrt und inzwischen haben wir seit Jahren unsere Kamine – oder korrekt: Abgasanlagen – aus Kunststoff.

„Für einen 16-Jährigen macht das den Beruf durchaus spannender“ Steidl über neue Perspektiven für Azubis

„Für manche bedeutet das ein komplettes Umdenken“

Moderne Feuerstätten machen weniger Dreck, müssen nicht so häufig geprüft und gereinigt werden. Im Gegenzug müssen wir uns neue Aufgaben suchen. Wir sind ja inzwischen auch Energieberater und haben ein Aufgabenfeld, das von Gebäudehygiene über die Gebäude- bis zur Lüftungstechnik reicht. Zukunftsaufgaben, denen wir uns stellen und mit denen wir arbeiten müssen. Für manche bedeutet das ein komplettes Umdenken. Aber der Besen, so wie man ihn sich beim Kaminkehrer immer vorstellt, wird irgendwann nur noch vereinzelt gebraucht werden.

Wir haben darauf auch mit der Umstellung unserer Ausbildungsordnung reagiert. Ein Geselle wird heute – neben der klassischen Kaminkehrerarbeit – zum Beispiel in der Energieberatung, der Wartung von Rauchmeldern und der Überprüfung von Gasleitungen ausgebildet. Für einen 16-Jährigen macht das den Beruf durchaus spannender, als er es sich vielleicht zunächst gedacht hat.

Auch für mich ist die Energieberatung ein immer wichtigerer Teil meiner Arbeit geworden, sie ist inzwischen mein zweites Standbein. Habe ich früher einen Tag pro Woche dafür aufgewandt, könnte ich heute glatt noch einen Mitarbeiter einstellen – und müsste immer noch Aufträge ablehnen. Da schlägt die Energiewende natürlich direkt bis in meinen Arbeitsalltag durch: durch die kontrollierte Wohnraumlüftung und Dämmmaßnahmen lässt sich wahnsinnig viel Energie einsparen. Was meines Erachtens neben dem Wechsel der Energieträger mindestens ebenso wichtig ist: den Verbrauch runterzuschrauben, überall. Wenn wir uns allein anschauen, wie viel Energie wir über den Wohnraumbestand verschwenden – würden wir hier richtig sanieren, dann wäre die Energiewende noch leichter zu schaffen.

Aufgezeichnet von Timour Chafik.

Volker Kühn
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