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Thema Mensch und Umwelt

04. Jul. 18

Hausdach mit Solaranlage: Selbst Großstädte können sich nach Meinung von Hackstock überwiegend selbst versorgen, wenn sie ihren Verbrauch stark reduzieren. Was dann an Energie noch fehlt, könne das Umland liefern.

„Vom Wissen ins Tun“

Roger Hackstock beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit erneuerbaren Energien. Im Interview erklärt der Autor, wie es gelingen kann, auch skeptische Menschen dafür zu begeistern, die Energiewende in den Alltag aufzunehmen.

Roger Hackstock, Jahrgang 1963, hat an der TU Wien Elektrotechnik mit Schwerpunkt Umwelttechnik studiert. Später war er Geschäftsführer des Branchenverbands Austria Solar. 2012 erschien sein erstes Buch „Energiewende – Die Revolution hat schon begonnen“.

Die Energiewende verändert über kurz oder lang unser aller Alltag – dieser Meinung ist Roger Hackstock, Autor des Buchs „Flexibel und frei. Wie eine umfassende Energiewende unser Leben verändert“. Was für Veränderungen sind das? Wie kann die Energiewende gelingen? „Wir brauchen tolle neue Produkte und Dienstleistungen, die viele Menschen begeistern“, sagt Hackstock im Interview mit Energie-Winde.

Was hat dazu geführt, dass Sie das Buch „Flexibel und frei“ geschrieben haben? Gab es einen Auslöser?
Nach der Veröffentlichung meines Buchs „Energiewende – Die Revolution hat schon begonnen“ im Jahr 2014 wurde ich immer wieder mit kritischen Fragen konfrontiert, nach dem Motto: Wie soll das mit der Energiewende in der Praxis funktionieren? Wird die energieintensive Industrie abwandern? Ist das in Großstädten überhaupt möglich? Wie soll das gehen, den ganzen Verkehr auf erneuerbare Energie umzustellen? Wie wirkt sich die Digitalisierung auf die Energiewende aus? Werden die Menschen die Energiewende überhaupt wollen? Und wer soll das alles finanzieren? Ich fing an Interviews zu geben, um diese Fragen zu beantworten. Irgendwann hatte ich eine Menge Stoff für ein neues Buch beisammen – so entstand „Flexibel und frei“.

Hausdach mit Solaranlage: Selbst Großstädte können sich nach Meinung von Hackstock überwiegend selbst versorgen, wenn sie ihren Verbrauch stark reduzieren. Was dann an Energie noch fehlt, könne das Umland liefern.

Dann greife ich doch gleich eine dieser Fragen auf: Wie kann die Energiewende in Großstädten funktionieren?
Energiewende in der Stadt heißt in erster Linie, sich auf die Energiequellen zu besinnen, die in der Stadt zur Verfügung stehen. Das sind in erster Linie Sonne, Umweltwärme und Abwärme. Damit kommt man schon sehr weit, wie Berlin, Frankfurt, Hamburg oder Wien haben ausrechnen lassen. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Die Städte könnten sich überwiegend selbst versorgen, wenn sie den Energieverbrauch etwa halbieren und alle Energiequellen vor Ort nutzen. Die fehlende restliche Energie kommt aus dem Umland, was ein neues Verhältnis zwischen Stadt und Land herstellen wird.

Wenn sich die Städte mit erneuerbarer Energie aus dem Umland versorgen, statt mit Öl und Gas aus Saudi-Arabien, Russland, Nigeria oder Venezuela, dann fließt das Geld für die Energierechnungen ebenfalls ins Umland und nicht in weit entfernte Gegenden. Wir reden da von einigen Milliarden Euro, die umgelenkt werden. Für Berlin wären die Energiequellen in Brandenburg, für Hamburg in Schleswig-Holstein, in Wien kommt schon heute der Strom zu einem großen Teil von Wasserkraft und Windstrom aus Niederösterreich und Burgenland. Auf dem Land sind die erneuerbaren Energiequellen zu Hause, die unsere Städte künftig speisen werden, davon bin ich überzeugt.

Und wo wirkt sich die Energiewende Ihrer Meinung nach am meisten auf den Alltag aus? Woran haben Sie es selbst als erstes gemerkt?

„Wir wollten die Technik an die Natur und die Menschen anpassen, statt umgekehrt“ Hackstock über sein Umweltengagement als Student

Ich denke, die Menschen bemerken die Energiewende im Alltag vor allem bei Ökostrom, Elektromobilität, Verbot von Ölheizungen und solchen Themen. Ich selbst beschäftige mit seit meinem Technikstudium in den 1980er-Jahren mit erneuerbarer Energie. 1986 gründeten wir die Gruppe „Angepasste Technologie“ an der TU Wien. Wir waren grünbewegte Studenten und wollten die Technik wieder an die Natur und die Menschen anpassen, statt umgekehrt. 1995 beteiligte ich mich am ersten Bürgerkraftwerk Österreichs, eine Windkraftanlage mit 225 Kilowatt. Heute wäre das ein Zwerg am Windmarkt.

Fünf Jahre später bin ich dann privat auf einen Ökostromanbieter umgestiegen. Das machen immer mehr Menschen, weil das ein einfacher Weg ist, um sich an der Energiewende zu beteiligen. Mittlerweile sind auch die Energieversorger aufgesprungen und bieten ihren Kunden Hilfestellungen an, wenn sie umsteigen oder sich eine Ökostromanlage aufs Dach setzen wollen.

Die zweite große Änderung, die im Alltag zu bemerken ist, sind Elektroautos, über die in den Medien viel berichtet wird und die man immer öfter auf der Straße sieht. Jeder kennt Tesla und die Geschichten rund um selbstfahrende Autos. Da ist in den Köpfen was in Bewegung gekommen.

Die dritte Veränderung findet beim Heizen statt, wo fossile Energieträger zunehmend in Verruf geraten. Dänemark hat vor zwei Jahren ein Verbot von neuen Ölheizungen erlassen, auch in Österreich und Deutschland sind solche Verbote geplant. Das wird die Menschen in der Praxis bei der nächsten Heizungswahl beschäftigen.

Vor welche Herausforderungen stellt das die Energiewirtschaft?
Bisher hatten die Energieversorger die Aufgabe, Kraftwerke zu errichten und uns mit Strom und Wärme zu versorgen. Jetzt machen viele Privatpersonen und Unternehmen das selbst, was die Energieversorger irritiert. Die meisten haben die Zeichen der Zeit aber erkannt, einige Stadtwerke leisten mittlerweile sogar Hilfestellung, damit sich die Kunden unabhängig machen können. Natürlich versuchen sie damit das Heft in der Hand zu behalten, um das Tempo beim Umbau des Energiesystems selbst zu bestimmen.

Ein paar Ökostromgesetze haben diese Entwicklung in den letzten Jahren beschleunigt, das letzte war das Mieterstromgesetz. Die nächste Herausforderung wird sein, eine solche Bewegung auch bei der Wärme in Gang zu setzen.

„Ich glaube, dass Änderungen des Verhaltens in relativ kurzer Zeit möglich sind“ Hackstock über die Energiewende im Privatleben

Wie schwierig ist es, sein eigenes Verhalten und Leben so zu verändern, dass es positiv zur Energiewende beiträgt?
Das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung ist bereits sehr hoch, das zeigen alle Umfragen seit Jahren. Die Frage ist nur, wie man vom Wissen ins Tun kommt. Es muss für die Menschen ein persönlicher Vorteil rausspringen, damit sie in Richtung Energiewende handeln, wobei das nicht nur Geld heißen muss.

Die Energiewende bringt viele Produkte hervor, welche die Menschen begeistern, wie Solaranlagen, Elektroautos oder Speicher. Die Produkte führen aber nicht automatisch zu Verhaltensänderungen, dafür muss der Rahmen geändert werden, in dem wir agieren und das kann nur die Politik machen. In Wien ist vor Jahren gleichzeitig eine neue Parkgebühr für Autos und ein sehr günstiges Jahresticket für die öffentlichen Verkehrsmittel eingeführt worden. In wenigen Monaten hatten Tausende Wiener eine Jahreskarte und haben das Auto stehen gelassen, weil die neue gesetzliche Regelung das begünstigt hat. Ich glaube, dass breite Verhaltensänderungen in relativ kurzer Zeit möglich sind, wenn klare politische Signale und Entscheidungen getroffen werden.

Politische Entscheidungen sind das eine. Wie kann man es Ihrer Meinung nach aber schaffen, die Menschen selbst für das Thema Energiewende zu begeistern?
Wenn man die Begeisterung daran misst, dass jedes neue Bürgerkraftwerk binnen weniger Stunden ausverkauft ist, dann ist sie bereits sehr hoch. Wenn Tesla ein neues Modell ankündigt, gibt es in wenigen Tagen Hunderttausende Vorbestellungen, weil die Menschen von dem Produkt begeistert sind. Darin liegt wahrscheinlich auch der Schlüssel für das Gelingen der Energiewende. Wir brauchen tolle neue Produkte und Dienstleistungen, die viele Menschen begeistern. Ich beschreibe in meinem Buch viele Beispiele aus der Praxis die zeigen, dass die Energiewende die besseren Lösungen bietet, wenn man es schlau angeht. Die Aufgabe der Politik ist es, den gesetzlichen Rahmen so zu verändern, dass der Weg für diese neuen Lösungen geebnet wird.

„Wir müssen aufpassen, nicht von diesen Ländern überholt zu werden“ Hackstock über die Energiewende außerhalb Europas

Sie beschreiben im Buch ein Emissionspunktesystem, mit dem alle Bereiche des Alltags hinsichtlich ihres Ausstoßes an Treibhausgasen bewertet werden. Jedem Menschen stehen dabei pro Tag 6,8 Kilogramm Treibhausgase zu, umgerechnet in 100 Punkte. Haben Sie dieses System schon mal angewandt? Wie schwierig ist es, die 100 Punkte einzuhalten?
Der Rechner zeigt auf anschauliche Weise, wie der CO2-Ausstoß im Alltag zustande kommt, da hat man ja normalerweise kein Gefühl dafür. Ich kann jedem empfehlen, ihn mal auszuprobieren, man findet ihn unter www.eingutertag.org. Der Rechner zeigt, dass es sich an manchen Tagen locker ausgeht, die 100 Punkte einzuhalten, an anderen liegt man chancenlos darüber. Der Grund sind meist lange Autofahrten, die Ölheizung, hoher Fleischkonsum oder wenn man Obst aus fernen Ländern kauft. Ich habe ihn selbst ein paar Mal ausprobiert und dabei einiges gelernt. Zum Beispiel, dass Drachen steigen, ein Buch lesen oder jemand küssen voll klimafreundliche Betätigungen sind, da fallen keine Klimapunkte an. (lacht)

Deutschland als Technologieland hat gute Voraussetzungen, die Energiewende umzusetzen. Was ist aber mit Ländern, die nicht so weit entwickelt sind? Wie kann man die Energiewende dorthin exportieren?
Ich halte das für einen Irrglauben, dass wir uns mit der Energiewende auf lange Sicht leichter tun als weniger entwickelte Länder. Wir haben ein über Jahrzehnte aufgebautes zentrales Energiesystem, das wir mühsam an die dezentrale Energiewende anpassen müssen, gegen den Widerstand der Energiewirtschaft und so manche Zweifler in der Bevölkerung. Länder wie Brasilien, Indien, Mexiko, Südafrika oder China kennen kein so flächendeckendes Energiesystem und tun sich daher leichter im Umgang mit dezentraler erneuerbarer Energie.

In Afrika zum Beispiel gibt es seit Jahren Start-ups mit neuen Geschäftsmodellen, die jedem Einwohner mit Handy die Möglichkeit geben, Strom von der Sonne zu beziehen, wenn er gerade Geld dafür hat. Er braucht kein Startkapital und kein Bankkonto, mit einer App kann er den Wechselrichter für jeweils ein bis zwei Stunden freischalten, die Bezahlung erfolgt übers Mobiltelefon.

Auch beim Verkehr ist in diesen Ländern nicht üblich, dass jeder ein Auto besitzt. Da haben es Carsharing-Dienste und selbstfahrende Autos in Zukunft leichter als bei uns, wie Umfragen in diesen Ländern zeigen. Ich glaube, wir werden die Energiewende nicht in andere Länder exportieren“, sondern müssen eher aufpassen, nicht von diesen überholt zu werden.

Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Wie wird sich unser Leben noch verändern?
Tja, das wird von uns selbst abhängen. Wenn wir das Pariser Klimaabkommen ernst nehmen und bis Mitte des Jahrhunderts komplett aus fossilen Brennstoffen aussteigen, werden wir das im Alltag merken – mit besserer Luft, weniger Lärm auf der Straße und überall Solaranlagen und Windkraftwerke, an die wir uns rasch gewöhnen. Wir werden ein ökologisches Leben führen und viel Spaß haben dabei, das kann ich mir gut vorstellen. In 100 Jahren, wenn die Energiewende längst vollzogen ist, werden die Menschen dann vielleicht zurückblicken, die Stirn runzeln und sich fragen, was an dem Wandel eigentlich so schwierig gewesen ist. (lacht)

Die Fragen stellte Mareike Redder

Volker Kühn
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