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Thema Mensch und Umwelt

16. Nov. 18

Thiele (Zweiter von rechts) mit der Crew des „Endeavour“-Flugs vom Februar 2000. Ziel der Mission war eine Kartierung der Erdoberfläche, um aus den gewonnenen Daten ein Höhenmodell des Planeten zu errechnen.

„Offshore in seiner extremsten Variante“

Energieerzeugung im Weltall – ein Hirngespinst? Der deutsche Astronaut Gerhard Thiele glaubt das nicht: Ein Gespräch Zukunft der Energieversorgung für die Erdbevölkerung im Jahr 2100.

Gerhard Thiele kam 1986 über eine Zeitungsanzeige des Bundesforschungsministeriums zur Raumfahrt. Gesucht wurden damals Wissenschaftsastronauten für einen Spacelab-Aufenthalt. Im Jahr 2000 flog der heute 65-Jährige als zehnter Deutscher ins All.

Der Weltraum, unendliche Weiten, auch im Denken. Soweit das Klischee. Umso nüchterner und damit erfrischender das Höhenwinde-Interview mit dem Astronaut Gerhard Thiele. Vom 11. bis zum 22. Februar 2000 – genau elf Tage, fünf Stunden und 39 Minuten – kartografierte der Missionsspezialist aus dem Space Shuttle „Endeavour“ heraus die Landmasse der Erde.

Die perfekte Zeit für Horizont- oder Bewusstseinserweiterung, gar ein Zwiegespräch mit Gott? Fehlanzeige. „Es ging in erster Linie darum, die nächste Messung durchzuführen“, sagt der heute 65-Jährige beim Treffen mit Energie-Winde in Bonn.

Dennoch verfehlten Sonnenaufgänge, das Tanzen in der Schwerelosigkeit und der leuchtende Nil ihre Wirkung nicht. Ein Gespräch über Arbeit und ergreifende Momente im Shuttle, die Frage, was der Mensch im All eigentlich zu suchen hat, und warum der Weltraum für die Energieversorgung der Zukunft entscheidend sein kann.

Thiele (Zweiter von rechts) mit der Crew des „Endeavour“-Flugs vom Februar 2000. Ziel der Mission war eine Kartierung der Erdoberfläche, um aus den gewonnenen Daten ein Höhenmodell des Planeten zu errechnen.

Herr Thiele, vermissen Sie das Weltall?
Gerhard Thiele: Nein, ganz und gar nicht. Klar: Es ist immer wieder toll, Bilder oder Filme zu sehen und die Erinnerungen an den Flug zurückzuholen. Melancholisch macht mich das aber nun wirklich nicht. Das mag für Sie, der Sie nie dort oben waren, vermutlich schwerer nachvollziehbar sein, oder?

Zumindest klingt es weit unromantischer als gedacht.
Thiele: Nicht falsch verstehen: Es gab auch romantischer Momente. Die Sonnenauf- und -untergänge oder das Tanzen in der Schwerelosigkeit zum Beispiel, all das hat mich schon beeindruckt. Allerdings habe ich das Außergewöhnliche daran erst im Nachhinein so richtig realisiert, wahrscheinlich so ähnlich wie bei einem Tennisspieler, der gerade dabei ist, Wimbledon zu gewinnen. Der bekommt während des Matches auch nicht mit, dass er gerade etwas Großes leistet, sondern denkt nur an den nächsten Aufschlag, den nächsten Punkt.

Bei uns war das ähnlich: Im Shuttle ging es in erster Linie darum, die nächste Messung durchzuführen, um eine möglichst komplette Radarkarte der Erde zu erstellen. Erst nach der Landung realisiert man, was wirklich passiert ist.

Und was ist wirklich passiert – kam ein anderer Gerhard Thiele aus dem All zurück?
Thiele: Ich kann nur für mich sprechen, aber: Nein, großartig verändert bin ich nicht zurückgekommen. Auch die immer wieder gern angeführte Horizonterweiterung habe ich nicht erfahren. Philosophie und Spiritualität haben mich schon vorher fasziniert, haben vielleicht eine zusätzliche Färbung bekommen, aber im Großen und Ganzen haben die elf Tage mich nun wirklich nicht verändert.

„In dem Moment wurde mir klar, warum ich eigentlich hier oben war“ Thiele über ein Schlüsselerlebnis auf dem Flug

Ich bin bekennender Christ, aber Gott hat oben nicht zu mir gesprochen, jedenfalls nicht anders, als hier unten auf der Erde. Während des Flugs läuft ohnehin ein klar vorgezeichneter Film ab, der genau festlegt, was wann wie zu tun ist. Erst nach ein paar Tagen, mit der Gewissheit, dass alles auf einem guten Weg ist, lässt die Anspannung allmählich nach und man bekommt den Kopf frei, um den ein oder anderen Gedanken auch mal schweifen zu lassen.

Welchen zum Beispiel?
Thiele: In der zweiten Flugwoche, vielleicht am siebten oder achten Tag, überquerten wir zuerst den Atlantik, trafen auf Großbritannien, dann Frankreich und Italien bevor es über das Mittelmeer hinausging. Da schob sich langsam ein Lichterband über den Horizont. Das war der Nil, genauer: die Städte und Dörfer, die den Verlauf des Nils nachzeichneten. Und in dem Moment wurde mir klar, warum ich eigentlich hier oben war!

Thiele fotografiert aus der „Endeavour“ heraus die Erde: „Ich war zur rechten Zeit am rechten Ort, als Astronauten gesucht wurden.“

Und warum?
Thiele: Vordergründig deshalb, weil ich zur rechten Zeit am rechten Ort war, als Astronauten gesucht wurden, und die geforderten Eigenschaften mitbrachte. Aber viel entscheidender und der eigentliche Grund, warum ich die Erde in rund 230 Kilometer Höhe umkreise, muss doch ein Mensch gewesen sein, der lange vor meiner Zeit gelebt hat. Einer, der sich als erster die Frage gestellt hat, wie es ist, zu den Sternen oder unter den Sternen zu fliegen.

Das müssten Sie bitte näher erklären.
Thiele: Der leuchtende Nil hat mich darauf gebracht. In dem Moment wurde mir klar, dass dieser Mensch jemand gewesen sein muss, der nicht 24 Stunden am Tag hart für sein Überleben gekämpft hat. Der nicht nur mühsam dafür arbeiten musste, dass er satt wird, sondern in einer Kultur zuhause war, die ihm die grundlegenden Lebensbedürfnisse erfüllt. Damit ergibt sich – so wie bei uns heute auch – eine gewisse Freiheit des Denkens, die Option eines „Sich-mit-anderen-Dingen-Beschäftigens“.

Der Nil hat mich zwar auf diesen Gedanken gebracht, aber ob das nun in Ägypten oder in Mesopotamien oder in China gewesen sein mag, ist zweitrangig. Wichtig war nur: Dieser Mensch hat das vermeintlich Unmögliche gedacht. Und was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.

Nach seinem Flug war Thiele unter anderem für die Astronautenauswahl der Esa verwantwortlich. Auch seine Tochter Insa Thiele-Eich zieht es ins All: Die Meteorologin und Astronautin hat sich für einen ISS-Aufenthalt im Jahr 2020 beworben.

Frei nach dem Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt – ist das eine Art Lebensmotto für Sie?
Thiele: Lebensmotto ist ein großes Wort, aber es steckt viel Wahres darin: Nur das Denken bringt uns weiter, auch wenn Vieles zum heutigen Zeitpunkt noch unvorstellbar erscheint. Aber das war schon immer so: hätte man im Jahr 1900 einen Menschen gefragt, was alles bis zum Jahr 2000 passiert, dann hätte der alles Mögliche vorhergesagt, aber sicher keinen Ersten oder Zweiten Weltkrieg, oder dass wir innerhalb eines Jahrhunderts zum Mond fliegen werden. Der Erstflug der Gebrüder Wright hatte ja noch nicht einmal stattgefunden.

Selbst ein Albert Einstein hat in seiner Allgemeinen Relativitätstheorie 1915 die Gravitationswellen zwar theoretisch beweisen können, aber gleichzeitig erklärt, dass sie nie nachweisbar sein würden. Heute bauen wir Raumsonden, um Gravitationswellen zu beweisen. Ein Detail nur, aber die Geschichte zeigt uns, wie die Menschen immer wieder Mittel und Wege gefunden haben, um große Herausforderungen zu meistern, vermeintlich unlösbare Aufgaben zu lösen.

Wie zum Beispiel die Energiefrage.
Thiele: Richtig, für die wir heute, aber auch für die Menschen in 100 Jahren, Antworten finden müssen. Im Jahr 2100 werden zehn Milliarden Menschen die Erde bevölkern. Das heißt auch: Für ein stabiles Miteinander können die Verhältnisse wie sie heute sind nicht einfach so fortgeschrieben werden. Jeder einzelne dieser zehn Milliarden Menschen wird im Jahr 2100 im Durchschnitt drei Kilowatt Energie benötigen – und ich halte es für völlig unrealistisch, diese zehn Milliarden Menschen ohne Energie aus dem Weltall versorgen zu können.

„Offshore in seiner extremsten Variante“ Gerhard Thiele über Solarkraftwerke im All

Was nichts anderes heißt als Sonnenenergie außerhalb der Erdatmosphäre zu „ernten“?
Thiele: Richtig, über sogenannte Solar Power Stations, Solarkraftwerke in der Erdumlaufbahn. Im Prinzip eine Raumstation zur Energieerzeugung, die die Sonnenenergie in ihrer reinsten Form und ohne „störenden“ atmosphärischen Filter aufnimmt.

Technisch mag das noch weit weg sein und wird möglicherweise erst in 100 Jahren realisiert, nachdem erste Pilotprojekte und Demonstrationen in Umlauf gebracht und erfolgreich getestet wurden. Aber wir werden nicht umhinkommen, das Weltall als Option zur Energiegewinnung in Betracht zu ziehen. „Offshore“ in seiner extremsten Variante, quasi.

Was kann die Raumfahrt zu einer sicheren Energieversorgung der Zukunft beitragen?
Thiele: Erstens: Das Wissen, das wir über die Raumfahrt gewinnen, wird zunehmend schneller in den unterschiedlichsten Branchen und Industrien nachgefragt und eingesetzt, auch in der Energiewirtschaft.

Zweitens: Die Idee eines Kraftwerks in der Erdumlaufbahn ist ja nicht neu, wird aber noch nicht so vehement verfolgt, dass eine Raumfahrtagentur die Finanzierung einer solchen Idee konkret angeht. Aber in Kombination mit der Privatwirtschaft wird sich das Gesicht der Raumfahrt künftig grundlegend ändern. Die Raumfahrtfreaks, die Wissensträger, die sitzen ja nicht nur bei der Esa oder der Nasa, sondern auch bei einem Elon Musk und Co. Die Konkurrenz um die besten Ideen ist voll im Gange.

Womit die Raumfahrt immer mehr zu einem Business im Sinne von neuen Geschäftsmodellen wird – auch für die Energie aus dem Weltall?
Thiele: Natürlich! Energie ist kostbar und wenn die Privatwirtschaft immer aktiver im Weltraum tätig ist, wird das All auch immer erschwinglicher. Konkurrenz belebt das Geschäft, ein millionenteurer, exklusiver Privatflug vor einigen Jahren kostet heute nur noch einen Bruchteil dessen. In die Richtung wird es weitergehen. Es werden sich Geschäftsmodelle entwickeln, die auch die Energieerzeugung im Weltraum weit günstiger erscheinen lassen, als wir sie uns heute vorstellen können.

Die Fragen stellte Timour Chafik.

Volker Kühn
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