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20. Feb. 18

Ein bisschen wie auf der „Enterprise“: André Klatt (unten rechts) und seine Kollegen sind in der Leitwarte umgeben von Monitoren. Sie zeigen ihnen den Zustand von mehr als 3200 Windrädern an.

Auf der Kommandobrücke der Windkraft

In einer Leitwarte werden die Daten Tausender Windräder überwacht. Kleinere Probleme lösen die Techniker per Fernsteuerung, bei größeren schicken sie Bodentrupps. Ortsbesuch bei der Deutschen Windtechnik in Nordfriesland

Von Denis Dilba

Abgesehen vom Ausblick auf den kleinen Springbrunnen im Garten, erinnert die neue Leitwarte der Deutschen Windtechnik Service GmbH tatsächlich leicht an die Brücke von „Raumschiff Enterprise“: Sechs Plätze stehen der Crew zur Verfügung, jeder davon bestückt mit vier Monitoren, und alle sind zur Stirnseite des Raums ausgerichtet – zur imposanten Videowand.

Mit wenigen Mausklicks kann sich André Klatt darauf die Daten sämtlicher Windräder anzeigen lassen, die von der Leitwarte in Ostenfeld bei Husum betreut werden. Und das sind einige. Der Mann mit dem kurz geschorenem Haar und dem Kinnbart, offizieller Titel „Team Leader Control Center“, überwacht von seinem Arbeitsplatz in Nordfriesland aus exakt 3258 Anlagen.

Rund 2000 davon stehen über ganz Deutschland verteilt, die übrigen im europäischen Ausland: in Spanien, Schweden, Schottland, Polen, Frankreich und den Niederlanden.

Aufstellen zum Gruppenfoto: Wenn Serviceteams eine Turbine abschalten, um daran zu arbeiten, kündigen sie das per Handy-App in der Leitwarte an. Die Kollegen wissen dann, dass es sich nicht um ein technische Störung handelt.

Die meisten Symbole auf der Karte leuchten grün: Alles in Ordnung. Unruhig werden die Mitarbeiter bei den roten Icons

Rechts auf der Videowand wird eine Wetterkarte mit aktuellen Windprognosen angezeigt, links sind die neuesten Kundenanfragen oder ausgewählte Maschinendaten zu sehen. Dazwischen leuchten auf einer digitalen Karte viele kleine Windkraft-Icons, die meisten grün, einige wenige gelb oder rot.

„Unser Job ist einfach beschrieben“, sagt der Leitwartentechniker, „wir wollen möglichst viele grüne Anlagen auf der Karte sehen.“ Denn das heißt: das Windrad läuft.

Damit übernehmen Teams wie das von Klatt eine zentrale Rolle in der Windkraftindustrie. Je zuverlässiger sie arbeiten, desto mehr Ökostrom liefern die Anlagen und desto schneller kommt die Energiewende in Deutschland und Europa voran. Jede Minute Stillstand dagegen kostet die Besitzer Geld.

Durchgehend alle Windräder grün zu halten, sei aber kaum möglich, erklärt Klatt. Das funktioniere schon wegen der Abregelung bei Starkwind nicht. „Aber 97, 98 Prozent Verfügbarkeit einer Anlage bekommen wir in der Regel hin.“

Dabei arbeitet die Leitwarte mit dem sogenannten Scada-System (System Control And Data Acquisition). Es erfasst eine Vielzahl von Daten über den Anlagenzustand und meldet Betriebsparameter wie die Drehzahl, die Leistung oder die Windgeschwindigkeit und -richtung.

Auch Fehler an den Anlagen registriert das System automatisch. Einen Teil davon können die Techniker in der Leitwarte direkt beheben. Für andere schicken sie Serviceteams los.

Ein bisschen wie auf der „Enterprise“: André Klatt (unten rechts) und seine Kollegen sind in der Leitwarte umgeben von Monitoren. Sie zeigen ihnen den Zustand von mehr als 3200 Windrädern an.

Nur wenn sie laufen, bringen die Windräder Geld. Bleibt eines stehen, melden sich schnell nervöse Besitzer in der Leitwarte

Die Mitarbeiter sind europaweit im Einsatz und melden sich per Handy-App in der Windkraftkommandozentrale in Nordfriesland an und ab, wenn sie zu den Windenergieanlagen ausrücken.

Die nennen hier alle nur WEA. Genau zu wissen, wann wer an welcher WEA war, sei wichtig für das Reporting, so Klatt. „Denn wenn wir vertraglich zusichern, dass ein Windrad zu 97 Prozent der Zeit läuft, müssen wir das auch belegen können.“

Damit die hohe Auslastung wirklich erreicht wird, kämpfen die auf Anlagentechnik geschulten Mitarbeiter des Leitwartenteams gegen das rote Icon. Es zeigt an, dass sich ein Windrad nicht mehr dreht.

„Keine Anlage sollte länger als zwei Stunden am Stück stehen“, sagt Torsten Wohlert, Head of Engineering Department, der für die Leitwartenmodernisierung in Ostenfeld vor gut zwei Jahren verantwortlich war.

„Auf registrierte Störungen können wir sofort reagieren, indem wir Fehler extrem zeitnah analysieren und die notwendigen Schritte zur Entstörung einleiten“, sagt Wohlert.

Diese Arbeitsschritte geschehen an den sechs Einzelplätzen in der Leitwarte, an denen entweder pausenlos das Telefon klingelt oder Tastaturen klappern. Denn kurz nachdem eine Windkraftanlage anzeigt, dass die Rotoren nicht mehr drehen und das entsprechende Miniwindrad auf der Karte der Videowand rot wird, melden sich bereits die Kunden. „Typischerweise mit einem charmanten ‚Was ist mit meiner WEA los? Warum steht die?‘ per Mail oder Telefon“, sagt Klatt.

Windräder in Andalusien: Die Techniker überwachen von Nordfriesland aus nicht nur Anlagen in Deutschland, sondern auch in sechs weiteren europäischen Ländern.

In vielen Fällen hilft der alte Trick vom Heimcomputer: einmal aus- und anschalten, dann läuft das System wieder rund

Oft könne das Leitwartenteam aber schon da Entwarnung geben, sagt Wohlert: „Unsere Statistiken zeigen, dass wir 60 bis 70 Prozent der eingehenden Störungsmeldungen allein durch ein Resetting des Anlagenbetriebs beseitigen können.“ Was nichts anderes heißt, als die WEA wie einen zickenden Computer aus- und dann wieder anzuschalten.

„Das machen wir allerdings nicht auf Verdacht“, sagt Klatt: „Leistungswerte, Windgeschwindigkeiten, Drehzahlen, Temperaturen aus der Maschine, Außentemperaturen, Statuscodemeldungen – die WEAs sagen uns schon ziemlich genau, was mit ihnen gerade los ist.“

Bei Kleinigkeiten, wie leichten Sensorfehlern oder kurzen Spannungsausfällen im Windpark, starten Klatt und seine Kollegen die Maschine direkt wieder per Mausklick aus der Leitwarte. „Die sind dann innerhalb einer Viertelstunde wieder grün“, sagt Klatt.

Bei schwerwiegenderen Problemen, wie etwa einem Getriebeschaden, würden Servicetechniker von der nächstgelegenen Servicestation mit entsprechenden Ersatzteilen und Werkzeugen zu den Anlagen geschickt, um sie wieder flott zu bekommen, erklärt er.

Arbeitsplatz mit Ausblick: Servicetechniker arbeiten im Maschinenhaus eines Windrads. Die Ausfallzeiten werden so gering wie möglich gehalten.

Windparks stehen meist fern der Ballungsgebiete, wo die Netzabdeckung schlecht ist. Das erschwert die Fernsteuerung

Damit es keine Verzögerungen gibt, ist die Leitwarte im Dreischichtbetrieb 24 Stunden und 365 Tage im Jahr durchgehend besetzt. Die Frühschicht beginnt um sechs, die mittlere um 14 Uhr und die späte um 22 Uhr. Immer acht Stunden plus rund eine halbe Stunde Übergabe an das folgende Team.

Dabei werden unter anderem die gelben Icons diskutiert. Die bedeuten: unbekannter Zustand, keine Daten über die Windkraftanlage vorhanden. „Da kann es ein Problem geben, muss es aber nicht“, sagt Klatt. Zunächst sei das so, als ob sie gerade keine Telefon- oder Internetverbindung haben.

Und das ist bei vielen WEAs nichts Ungewöhnliches: „Die Standorte der Windkraftanlagen liegen ja in der Regel nicht in Ballungsgebieten, daher sind dort die LTE-Netzabdeckung und auch der DSL- oder Telefonanschluss vergleichsweise schlecht.“

Gelbe Icons stehen daher zunächst nur unter Beobachtung: Erst wenn sich an ihrem Status mehr als eine Stunde lang nichts ändert, schaut das Fernüberwachungsteam genauer nach. „Normalerweise hat die Anlage da aber schon wieder auf grün geschaltet.“

Die Anbindung der Windkraftanlagen ans Netz verbessere sich aber stetig, sagt Klatt, der seit sieben Jahren am Standort Ostenfeld arbeitet. „Heute werden die Kommunikationswege durch LTE und den Breitbandausbau immer schneller und besser.“

Dadurch können er und seine Kollegen immer mehr Daten in kürzeren Intervallen holen. „Wir gehen schon stark in Richtung umfassender Echtzeitanalyse“, sagt der Techniker. „Zusammen mit noch mal verbesserten Analyseprogrammen ist das die Zukunft.“

Auf der „Enterprise“ würde man von Warp-Geschwindigkeit sprechen.

Volker Kühn
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