Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Faszination und Technik

14. Nov. 18

Überzeugungstäter: Auch das Auto von Familie Otto läuft mit Ökostrom aus ihrer Fotovoltaikanlage. Den Fahrzeugakku laden sie mittags, wenn der Stromspeicher im Haus meist besonders voll ist.

Ein Speicher voller Sonne

Viele Solaranlagenbesitzer erhalten nur noch bis 2021 einen Festpreis für ihren Ökostrom. Die Anlagen können sich aber auch danach noch lohnen – wenn man wie Familie Otto aus Niedersachsen einen Stromspeicher installiert

Von Kathinka Burkhardt

Wer Michael Otto in seinem Haus im niedersächsischen Artlenburg besucht, sieht sofort: Hier wohnt ein Freund des Ökostroms. Das Dach ist komplett mit dunklen Fotovoltaikmodulen bedeckt, dazwischen zwei helle Felder zur Erwärmung von Wasser, und vor der Garage steht ein Elektroauto.

Aber dass der 65-Jährige und seine Frau seit Kurzem sogar zu den wichtigsten Aktivisten der Energiewende gehören, verbirgt das Einfamilienhaus hinter seinen rot verklinkerten Mauern. Um genau zu sein: in einem kleinen Raum neben der Garage. Dort haben Elektriker vor ein paar Wochen einen grauen Kasten aufgestellt, womit Familie Otto dem nahekommt, wovon viele Verbraucher träumen – energetische Unabhängigkeit.

Bei dem unscheinbaren Klotz handelt es sich nämlich um einen Stromspeicher. Damit fängt Otto bis zu zehn Kilowattstunden der Energie von seinem Hausdach auf. „Jetzt können wir unseren Solarstrom speichern und damit unseren eigenen Bedarf fast komplett abdecken“, sagt Otto. „Das ist natürlich klasse!“

Kraftklotz: Seit September speichert Michael Otto den Strom seinerFotovoltaikanlage in dieser Batterie. In guten Zeiten komme er damit auf einen Selbstversorgungsgrad von 90 Prozent, sagt der Niedersachse.

Das EEG garantiert eine feste Vergütung für Ökostrom nur für 20 Jahre

Die Batterie von Familie Otto gehört zu den 100.000 dezentralen Stromspeichern, die es laut Bundesverband Solarwirtschaft mittlerweile in Deutschland gibt – und die damit ein immer wichtigerer Baustein für das Gelingen der Energiewende werden.

Experten erwarten, dass ihre Zahl ab 2021 sprunghaft steigen wird. Der Grund: Dann läuft für die ersten Fotovoltaikanlagen und Windräder die feste Vergütung aus, die im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) auf 20 Jahre begrenzt wurde.

Nach Ablauf dieser Zeit können Solaranlagenbesitzer ihren Strom nicht mehr einfach zum Festpreis ins Netz einspeisen, sondern müssen sich selbst um den Verkauf kümmern etwa über einen Abnahmevertrag mit ihrem lokalen Energieversorger oder über die Börse, wo es derzeit drei bis vier Cent gibt.

Da Hausbesitzer je nach Standort und Anlage im Schnitt lediglich 30 bis maximal 40 Prozent des Eigenverbrauchs mit ihrem Solarstrom decken können, müssen sie den Rest weiter für rund 29 Cent pro Kilowattstunde Strom einkaufen und sind zudem abhängig von den Preisschwankungen am Markt.

Das ist besonders ärgerlich, wenn sich die Fotovoltaikanlage nach 20 Jahren Betrieb refinanziert hat und die Besitzer ab dann für jede selbstgenutzte Kilowattstunde Solarstroms bis auf wenige Betriebskosten gar nichts bezahlen müssen.

„Der Eigenverbrauch mithilfe eines Speichers ist ab 2021 die lukrativste Option“ Norbert Schwieters, Energieexperte bei PwC

Es ist es günstiger, den Solarstrom selbst zu verbrauchen, statt ihn zu verkaufen

Wer sich im Jahr 2001 eine Fotovoltaikanlage aufs Dach gesetzt hat, bekommt eine Vergütung von 29 Cent pro eingespeister Kilowattstunde. Zu diesen Konditionen lohnt sich ein speicherloses System bis heute.

Aber mit jedem Jahr danach wurde eine niedrigere Vergütung festgelegt: So bekommt Michael Otto für seinen Solarstrom mit rund 15 Cent nur noch gut die Hälfte. Für ihn ist die Vergütung allein kein finanzieller Anreiz, um Solarstrom zu produzieren.

Auch die Unternehmensberatung PwC kommt in einer aktuellen Analyse zu dem Ergebnis, dass eine durchschnittliche Fotovoltaikdachanlage auf einem Einfamilienhaus im Jahr durch den Verkauf des selbstgewonnenen Stroms an der Börse lediglich 163 Euro einbringt. Durch die Eigennutzung könnte der Haushalt dagegen 533 Euro sparen, die er sonst an einen Stromanbieter zahlen muss.

Mit einem Speicher wäre das Ersparnis sogar ein Vielfaches höher, denn: „Dank sinkender Speicherpreise ist der Eigenverbrauch mithilfe eines Speichers nach unseren Berechnungen ab 2021 die lukrativste Option für Betreiber typischer privat genutzter Anlagen“, sagt Norbert Schwieters, Leiter Energiewirtschaft bei PwC.

„Da ist man in hohem Maße autark“ Thorsten Behrmann, Energieanlagenplaner

Mit Stromspeicher steigt der Selbstversorgungsgrad – in Einzelfällen auf 90 Prozent

Eigentlich hatte Otto lediglich etwas für die Umwelt tun wollen, als er 2013 seine Fotovoltaikanlage anschaffte. „Es ging mir nicht darum, mit der Einspeisung des Solarstroms ins Netz Geld zu verdienen oder besonders wirtschaftlich zu sein“, sagt er.

Einen zusätzlichen Speicher fand er damals noch zu teuer. Da ihn das Batteriesystem aus ökologischen Gründen faszinierte, recherchierte er aber immer wieder zu dem Thema und fand in diesem Jahr schließlich zu Thorsten Behrmann von Enerix, der von seinem Büro in Reinbek bei Hamburg aus Fotovoltaikanlagen plant und installiert.

Da jede Solaranlage wegen des jeweiligen Dachs und der Haustechnik anders ist, bietet der Projektleiter verschiedene Systeme und Speicher an. „Wir entwickeln mit jedem Kunden ein auf seinen Bedarf optimal zugeschnittenes System – das ist völlig individuell“, sagt Behrmann.

Er registriert bereits jetzt ein steigendes Interesse an Speichern, obwohl die EEG-Vergütung auch für die ältesten Anlagen noch einige Jahre läuft. „Solaranlagen werden immer interessanter, weil mehr Menschen unabhängig vom Strom der großen Konzerne sein möchten“, sagt er. Und: „Schon jetzt lohnt sich so eine Anlage meiner Meinung nach vor allem mit passendem Speicher.“

Ohne Speicher kann heute in der Regel maximal 40 Prozent des eigenen Strombedarfs gedeckt werden, da gerade in den Abendstunden, wenn alle zuhause sind, kein Strom produziert wird; mit Batterie und intelligenter Steuerung sind es dagegen bis zu 90 Prozent. „Da ist man in hohem Maße autark“, sagt Behrmann.

Solarpark und Windräder bei Lüneburg: Fließt mehr Ökostrom in die Netze, als die Leitungen verkraften, schalten die Betreiber einzelne Kraftwerke ab. Häufig trifft es dabei erneuerbare Energien, während Kohlekraftwerke weiterlaufen.

Der Stromanteil, der nicht genutzt werden kann, soll so klein wie möglich sein

Denn unter anderem lässt sich mit einem Speicher das Einspeisemanagement der Netzbetreiber ein wenig umgehen, das die eigene Stromproduktion an sonnenreichen Tagen drosselt.

Die Netzbetreiber müssen in der Lage sein, an langen Sonnentagen mit hoher Solarstromproduktion Blackouts zu verhindern. Deshalb regulieren sie die Einspeisung, indem sie zum Beispiel große Solarparks abschalten. „Kleine private Anlagen werden aber nicht individuell an den entsprechenden Tagen runtergefahren, sondern es gibt über den Wechselrichter im Haus eine permanente Abregelung ab 70 Prozent der maximalen Leistung“, erklärt Behrmann.

Besitze der Kunde allerdings einen Solarspeicher, könne mithilfe der entsprechenden Software der überschüssige Energieertrag gespeichert werden. Somit bliebe mehr vom eigenen Strom nutzbar.

Allerdings erreichen die meisten Solaranlagen nur an wenigen Tagen im Jahr überhaupt eine Leistung von 70 Prozent. Denn nicht alle Dächer sind perfekt zur Sonne ausgerichtet oder stehen in sonnenreichen Regionen.

Die Annahme, dass jeden Tag 30 Prozent des eigenen Solarstroms somit ungenutzt verpufft, stimmt zwar nicht. Aber: „Wer eine Solaranlage hat, möchte doch nicht, dass überhaupt Strom verpufft, sondern dass sämtlicher Ertrag genutzt wird – von mir oder von anderen“, sagt Behrmann.

Überzeugungstäter: Auch das Auto von Familie Otto läuft mit Ökostrom aus ihrer Fotovoltaikanlage. Den Fahrzeugakku laden sie mittags, wenn der Stromspeicher im Haus meist besonders voll ist.

Überschüssigen Strom spart er auf einem virtuellen Konto seines Speicherherstellers an

Genau das macht Michael Otto. Wie gut seine Solaranlage und der Speicher zusammenarbeiten, kann er jederzeit beobachten. Der Arzt zückt sein Smartphone, öffnet seine Strom-App und studiert vier miteinander verbundene Kreise: Er sieht zu jedem Zeitpunkt genau, wie weit der Stromspeicher aufgefüllt ist, wie viel Strom er ins Netz seines Anbieters einspeist, wie viel er selbst entnimmt und wie hoch sein Autarkielevel ist. In einem anderen Diagramm kann er genau abgleichen, wann er am Tag mehr Strom verbraucht als er im Stromspeicher vorrätig hat.

Mit diesem Wissen kann Otto auch darauf achten, dass große Strommengen nur dann verbraucht werden, wenn der eigene Speicher voll ist, und er nichts hinzukaufen muss. „Meinen Wagen lade ich natürlich in meiner Mittagspause zuhause auf, wenn der Speicher am vollsten ist und danach auch noch bis zum Abend wieder aufladen kann“, so Otto.

Nicht nur wegen des zusätzlichen Energiebedarfs seines Autos hat er sich für einen Speicher entschieden. Otto kann über seinen Anbieter Senec in einer Cloud wie in einem Sparbuch virtuell Energie ansparen und sie dann zum Beispiel erst im Winter aufbrauchen, wenn die Sonne seltener scheint.

Und nicht nur das: „Ich habe derzeit so viel Solarstrom, dass ich über die Cloud sogar meine Tochter in ihrer WG in Hamburg mit eigenem Strom versorge.“

Verbraucherschützer erklären, ab wann sich die Investition in den Speicher lohnt

Natürlich entstehen durch die Anschaffung eines Speichers neue Kosten. Die Kapazität von Speichern für Privathaushalte reicht derzeit von drei bis zehn Kilowattstunden. Laut den Experten des Verbraucherportals Finanztip.de lohnt sich die Anschaffung dabei, wenn die jeweilige Batterie beim Kauf nicht mehr als 1000 Euro pro Kilowattstunde Speicherkapazität gekostet hat und sie 20 Jahre läuft.

Es gibt erst wenige Hersteller, die hochwertige Batterien zu diesen Preisen anbieten. Dies dürfte sich aber bald ändern. Die Experten von PwC erwarten eine Halbierung der Preise für Stromspeicher bis zum Jahr 2025 – wenn immer mehr Solarstromanlagenbesitzer keine Vergütung mehr erhalten.

Für Michael Otto war die EEG-Vergütung nie Antrieb für die Anschaffung seiner Fotovoltaikanlage noch für den Stromspeicher. Fernab von politischen Diskussionen in Berlin oder Protesten wie im Hambacher Forst will er einen Beitrag zur Energiewende beitragen.

„Natürlich ist es ein Privileg, sich eine solche Anlage und den Speicher leisten zu können“, sagt der Allgemeinmediziner. „Aber wenn niemand das tut, was in seinen Möglichkeiten steht, dann kommen wir bei der Energiewende nicht weiter.“

Volker Kühn
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt