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Thema Wind und Wende

16. Mär. 18

Der zweite Fadenriss ist da

Fast 2000 Stellen hat die norddeutsche Windkraft seit 2017 abgebaut. Dabei wollte die Politik einen erneuten Abschwung in der Branche nach 2013 eigentlich unbedingt verhindern. Kann die neue Groko gegensteuern?

Von Katharina Wolf

Es ist ein Abschied mit Würde: Die Mitarbeiter des Unternehmens Powerblades versammeln sich um das letzte Rotorblatt, das in ihrer Fabrik produziert wurde. Einer nach dem anderen schreibt seinen Namen auf den 61,5 Meter langen Flügel, bevor er die allerletzten Arbeitsschritte durchläuft. Anschließend steht das Trum, geschmückt mir einer riesigen roten Tüllschleife, in der Halle und der Betriebsratsvorsitzende Alan Thomas Bruce versammelt die Powerblades-Belegschaft zum letzten Mal.

Am 31. Januar war offiziell Schluss in der Bremerhavener Fertigung. Die meisten der 244 Beschäftigten wechselten in eine Transfergesellschaft, die letzten wickeln ab, was noch zu tun bleibt. „Wir wollten ein Zeichen setzen und mit geradem Rücken das Unternehmen verlassen“, sagt Bruce. Er hat bis zuletzt Mitarbeiter motiviert und die Bedingungen für den Sozialplan und die Transfergesellschaft ausgehandelt.

Abschiedsfoto: Ende Januar nehmen die Mitarbeiter von Powerblades in Bremerhaven Aufstellung vor den letzten Rotorblättern, die hier produziert wurden. Die Mutterfirma Senvion hat das Werk inzwischen geschlossen.

Weserwind, Adwen, Powerblades, Carbon Rotec: Die Pleiten und Werksschließungen in der Windkraft häufen sich

Es ist nicht die erste Nachricht von Werksschließungen in der Windbranche und es wird nicht die letzte sein. Laut IG Metall Küste sind allein in Norddeutschland seit Beginn 2017 fast 2000 Jobs weggebrochen – in einer Gegend, die ohnehin mit Krisen zu kämpfen hat.

In Bremerhaven lässt sich diese Entwicklung wie unter einem Brennglas beobachten. Noch vor wenigen Jahren waren neben dem Forschungsinstitut IWES vier produzierende Unternehmen angesiedelt: Weserwind baute Fundamente für die Offshore-Branche, Adwen stellte eigene Windenergieanlagen her, Senvion, ein weiterer Anlagenhersteller, produzierte Gondeln, und Powerblades lieferte als Teil der Senvion-Unternehmensgruppe Rotorblätter. In Lemwerder, knapp 50 Kilometer weseraufwärts, produzierte zudem Carbon Rotec ebenfalls Flügel für Windturbinen.

Zuerst meldete Weserwind Insolvenz an, dann verkündete Senvion, Teile seiner Produktionsstätten in Deutschland zu schließen. Zwar blieb das Gondelwerk in Bremerhaven verschont, doch für Powerblades und die anderen Werke in Schleswig-Holstein und Brandenburg bedeutete es das Aus. Gleichzeitig schloss Carbon Rotec seine Tore, 420 Mitarbeiter gingen in die Arbeitslosigkeit.

Melf Grantz ist seit 2011 Oberbürgermeister von Bremerhaven. Er erlebt bereits die zweite Krise der Windkraft während seiner Amtszeit.

Landauf, landab und auch auf See entstehen neue Windparks. Warum verliert die Windindustrie trotzdem Arbeitsplätze?

Der Hersteller Adwen wird nach der Übernahme durch den Mitbewerber Siemens Gamesa zum Serviceanbieter umgebaut, der sich um die bereits errichteten Anlagen kümmern wird. Die Mitarbeiter haben eine Beschäftigungsgarantie bis Ende des Jahres. Wie viele bleiben können, ist offen.

„Mit Stand Februar 2018 sind noch rund 1500 Menschen durch die Offshore-Windenergie beschäftigt“, sagt Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz. „Zu Spitzenzeiten waren es über 4000, nach Einschätzung der Wirtschaftsförderung sind ungefähr weitere 500 bedroht.“

Eine Entlastung könnte die Gondelfertigung sein, die Siemens Gamesa gleich nebenan in Cuxhaven eröffnet hat. Doch von den versprochenen 1000 Arbeitsplätzen sind erst 300 geschaffen – zu wenig, um die Verluste aufzufangen. Zurzeit werden dort vor allem Aufträge aus dem Ausland bearbeitet.

Keine guten Aussichten also für Bremerhaven, das sich selbstironisch Fishhtown nennt.

Dabei scheint doch Windenergie zu boomen. Wo liegen also die Gründe für diesen Jobverlust, der ja keineswegs nur Bremerhaven oder die Offshore-Branche betrifft? Auch in Hamburg, Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt verschwinden Windarbeitsplätze.

Ökostrom wird immer billiger. Für die Verbraucher ist das ein Segen – für die Windkraftzulieferer eine Belastung

Ein wichtiger Grund ist der enorme Kostendruck, der auf der Branche liegt. Weltweit sinken die Preise für Strom aus erneuerbaren Energien. Und was die einen als Durchbruch feiern, bedeutet für die anderen, dass sie ihre Kosten senken müssen – bis an die Schmerzgrenze.

Der dänische Anlagenhersteller Vestas, einer der größten Produzenten von Windrädern weltweit, meldete, dass bei Neuaufträgen der durchschnittliche Verkaufspreis von 0,95 Millionen Euro je Megawatt Turbinenleistung Ende 2016 auf 0,74 Millionen Euro je Megawatt Ende 2017 gesunken ist. Das ist ein Preisrückgang von rund 22 Prozent in nur einem Jahr.

Ein solcher Preisverfall lässt sich nur durch gesteigerte Ausbauzahlen auffangen. Doch die Windbranche blickt in eine ungewisse Zukunft. Besonders gut ist das am deutschen Markt abzulesen. Er mag nicht der größte der Welt sein, aber er lag in Europa 2017 auf Platz eins und hat auch als Schaufenster neuer Technologien seine Bedeutung.

Die Bundesregierung änderte 2016 grundsätzlich die Vergütung für erneuerbaren Strom: Statt wie bislang mit einer gesetzlich festgelegten Summe rechnen zu können, müssen die Windmüller jetzt mit ihren Parks um den niedrigsten Preis konkurrieren.

Die IG Metall in Niedersachsen kämpft für höhere Ausbauziele in der Windkraft. Andernfalls drohten hoch qualifizierte Arbeitskräfte in andere Branchen abzuwandern.

Die Hersteller brauchen neue Aufträge, um die Produktion auszulasten. Doch die Politik verzögert den Ausbau bewusst

Gleichzeitig wurde ein Ausbaudeckel eingeführt. Die Bundesnetzagentur schrieb 2017 insgesamt 2800 Megawatt Windleistung onshore und 1550 Megawatt offshore aus. Den Zuschlag erhielten die Anbieter mit dem niedrigsten Gebot. Die Konsequenz: Die Preise rutschten enorm, in der Offshore-Windenergie bei zwei Parks sogar auf null Cent pro Kilowattstunde. Die Betreiber wollen also ganz ohne öffentliche Förderung am Markt bestehen.

Zugleich aber verschob sich der Bau der Projekte: Auf dem Meer, weil erst gebaut werden kann, wenn der Netzanschluss gelegt ist, und der folgt einem festen Plan; an Land, weil in den Auktionen 2017 vor allem Bürgerenergiegesellschaften die Zuschläge erhielten, die zum einen noch keine Genehmigung für ihren Windpark haben und zum anderen erst viereinhalb Jahre nach Zuschlag ans Netz gehen müssen.

Die Folge: Die Sieger der Auktionen bestellen jetzt keine Windenergieanlagen für ihre Projekte, denn sie hoffen auf weiter sinkende Preise. Und so gerieten die Hersteller und mit ihnen die Zulieferer unter einen enormen Preisdruck, der dafür sorgte, dass Arbeitsplätze in Länder mit niedrigeren Lohnkosten verlegt wurden. Senvion beispielsweise produziert jetzt in Portugal.

„Wir wollen keinen Fadenriss“, versichert Bernd Westphal, energiepolitischer Sprecher der SPD im Bundestag. Er verweist auf die hohen Ausbauziele für 2035.

Die Hoffnung ruht auf dem neuen Koalitionsvertrag. Er müsse schnell und konkret umgesetzt werden, fordern Gewerkschafter

Die IG Metall warnt bereits vor Konsequenzen: „Jobs gibt es auch in anderen Branchen“, sagt Heiko Messerschmidt, Sprecher der IG Metall Küste. „Aber wenn die Kollegen erst woanders arbeiten, wird es schwierig, die Beschäftigung wieder aufzubauen, wenn man sie braucht.“ Denn angesichts der Klimaschutzziele, die Deutschland verfolgt, sei ein Ausbau der Windenergie unverzichtbar. Irgendwann, so die Hoffnung nicht nur bei der IG Metall, wird der Motor Windenergie also wieder anspringen.

„Wir wollen keinen Fadenriss“, betont auch Bernd Westphal, energiepolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, und verweist auf den Koalitionsvertrag. 65 Prozent des Stroms in Deutschland soll 2035 aus erneuerbaren Energien stammen, Sonderausschreibungen sollen kurzfristig Schwung in den Markt bringen.

„Die Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag müssen jetzt schnell und konkret umgesetzt werden“, fordert Heiko Messerschmidt „Ob das reicht, wird man sehen.“ Er befürchtet, dass die Produktion von Windenergieanlagen dauerhaft aus Deutschland abwandern könnte und hierzulande nur das Servicegeschäft bleibt.

„Aber auch im Zeitalter 4.0 müssen Produktionsstandorte in Reichweite der Entwicklungsabteilungen und des Managements bleiben, damit der Austausch funktioniert“, betont er. Der Produktion könnten also weitere Jobs folgen.

Dass die Arbeitskräfte aus der Windbranche gefragt sind, hat auch Alan Thomas Bruce erlebt. Er organisierte für die Beschäftigten von Powerblades eine Jobmesse. „Da kamen auch Unternehmen, die bereit waren, Leute fortzubilden“, berichtet er. Sein Anliegen: „Wir wollten zeigen, dass es trotz aller Hoffnungslosigkeit in Bremerhaven auch noch positive Signale gibt.“

Volker Kühn
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