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Thema Wind und Wende

09. Aug. 16

Im Versuchsendlager Asse bei Wolfenbüttel lagern mehr 125.000 Fässer mittel- und hochradioaktiver Müll. Weil Wasser in das Bergwerk eindringt, müssen sie herausgeholt werden. Kostenpunkt: vermutlich zehn Milliarden Euro.

Gesucht: Atommülltonne für Jahrmillionen

Zwei Kommissionen schlagen Lösungen für die Atommüllfrage vor. Die eine definiert Kriterien für ein Endlager, die andere sagt, wer dafür bezahlen soll. Beide stehen im Feuer der Kritik.

Der damalige niedersächsische Regierungschef Ernst Albrecht entschied sich 1977 für Gorleben als Endlagerstandort. Europas größtes Industrieprojekt sollte Jobs im strukturschwachen Wendland schaffen.

Von Volker Kühn

Am 22. Juni 1977 überrascht der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) die Bundesrepublik mit einer Entscheidung: In einem Salzstock im strukturschwachen Wendland, dicht an der Grenze zur DDR, soll das größte Industrieprojekt Europas entstehen – das Atommüllendlager Gorleben nebst angeschlossener Wiederaufbereitungsanlage für Kernbrennstoffe.

Die Frage, wo Deutschland den Abfall seiner mit Milliardensubventionen aus dem Boden gestampften Atomindustrie lässt, beschäftigt die Politik zu dieser Zeit immer drängender. Denn die Fässer voller Strahlenschrott bringen die über das ganze Land verteilten Zwischenlager zunehmend an ihre Grenzen.

Heute, fast vier Jahrzehnte und zwei Atomausstiege später, hat Deutschland noch immer kein Endlager für hochradioaktiven Müll.

Doch seit Kurzem liegen zumindest Vorschläge auf dem Tisch, die bei der Lösung von zwei entscheidenden Fragen der Endlagersuche helfen sollen: Welche Kriterien müssen geeignete Standorte erfüllen? Und wer trägt die Kosten für den Bau und Betrieb jener Anlage, die noch in vielen Generationen den gefährlichsten Müll der Menschheit sicher verwahren soll?

Erarbeitet haben diese Lösungsvorschläge zwei Gremien: die „Kommission Lagerung hochradioaktiver Abfallstoffe“, meist „Endlagerkommission“ genannt, und die „Kommission zur Überprüfung der Finanzierung des Kernenergieausstiegs“, die in den Medien meist schlicht „Atomkommission“ heißt.

Von Beginn an war Gorleben hart umkämpft. Der Plan, hier auch eine Wiederaufbereitungsanlage für Brennstäbe zu bauen, wurde daher bald fallengelassen. Doch bei Castor-Transporten nach Gorleben kommt es noch immer zu großen Protesten.

Gorleben bleibt als Atommüll-Endlager im Rennen

Die Endlagerkommission unter Vorsitz der beiden früheren Umwelt-Staatssekretäre Ursula Heinen-Esser (CDU) und Michael Müller (SPD) legte ihren Abschlussbericht im Juni 2016 vor. Gut zweieinhalb Jahre lang hatten die Kommissionsmitglieder aus Politik, Wissenschaft, Umweltverbänden, Industrie, Gewerkschaften und Religionsgemeinschaften getagt.

Sie sind im Wesentlichen zu zwei Ergebnissen gekommen. Zum einen kommen für ein Endlager demnach drei geologische Formationen in Frage, die bei der Suche gleichrangig behandelt werden sollen: Salz, Ton und Granit.

Auch der Salzstock Gorleben bleibt im Spiel, obwohl seine Eignung unter Wissenschaftlern und Umweltverbänden höchst umstritten ist – zu instabil sei das Deckgebirge über dem Salzstock, zu groß die Gefahr, dass Grundwasser mit strahlendem Material in Kontakt kommt. Gegen ein Endlager in Granit wehren sich zudem Bayern und Sachsen – zumindest die Vorkommen in ihren Ländern seien dafür ungeeignet.

Das zweite Ergebnis der Endlagerkommission: Die Suche soll transparent und unter Einbindung der Öffentlichkeit an in Frage kommenden Standorten erfolgen. Das ist nicht zuletzt eine Lehre aus den bis heute andauernden Protesten in Gorleben, wo die Politik die Bürger vor vollendete Tatsachen gestellt hatte.

Im Versuchsendlager Asse bei Wolfenbüttel lagern mehr 125.000 Fässer mittel- und hochradioaktiver Müll. Weil Wasser in das Bergwerk eindringt, müssen sie herausgeholt werden. Kostenpunkt: vermutlich zehn Milliarden Euro.

Ab 2050 soll der Atommüll eingelagert werden

Läuft alles wie geplant, könne in den 30er-Jahren dieses Jahrhunderts ein Standort festgelegt werden und der Bau beginnen. Ab etwa 2050 sei mit dem Beginn der Einlagerung des Mülls zu rechnen, prognostiziert die Endlagerkommission. Die geschätzten Kosten bezifferte der Vorsitzende Michael Müller schon 2015 gegenüber der „Frankfurter Rundschau“ auf 50 bis 70 Milliarden Euro.

Die Kritik am Kommissionsbericht entzündete sich allerdings nicht nur an der Einbeziehung Gorlebens oder von Granitflächen in die weitere Endlagersuche. Umstritten ist auch die Frage, ob es möglich sein soll, den Atommüll zurückzuholen, nachdem er einmal unter die Erde ist.

Dafür sprechen unter anderem die Erfahrungen aus dem niedersächsischen Versuchsendlager Asse, in dem zwischen 1979 und 1995 mittel- und hochradioaktive Abfälle eingelagert wurden. Die Grube hat sich inzwischen als instabil erwiesen und droht abzusaufen.

Deshalb soll der Müll nun wieder herausgeholt und umgelagert werden – was den Steuerzahler vermutlich rund zehn Milliarden Euro kosten wird. Auch bei einem künftigen Endlager ist nicht auszuschließen, dass sich der Standort im Nachhinein als ungeeignet zeigt.

Zudem will die Endlagerkommission späteren Generationen die Chance lassen, den Müll durch möglicherweise neu entdeckte Verfahrensweisen so zu behandeln, dass sich seine Strahlengefahr schneller verringert. Kritiker halten dies allerdings für falsch: Statt komplett aus der Atomtechnologie auszusteigen, werde so die weitere Forschung daran ermutigt.

Die Vorsitzenden der Atomkommission Matthias Platzeck, Ole von Beust und Jürgen Trittin (von links) haben Vorschläge für die Finanzierung des Atomausstiegs vorgelegt – für die sie von Umweltverbänden und der Atomindustrie scharf kritisiert werden.

Stromkonzerne zahlen 23 Milliarden Euro für Atomdeal

Auf viele Vorbehalte stoßen auch die Ergebnisse der zweiten Kommission, die sich mit der Finanzierung des Atomausstiegs beschäftigt hat. Unter dem Vorsitz von Jürgen Trittin (Grüne), Ole von Beust (CDU) und Matthias Platzeck (SPD) legte sie ihren Abschlussbericht zwei Monate vor der Endlagerkommission im April dieses Jahres vor.

Der zentrale Punkt: Die Atomkonzerne Eon, Vattenfall, RWE und EnBW sollen 23,3 Milliarden Euro an einen Fonds zahlen, der die Kosten für die Zwischen- und Endlagerung ihres Mülls übernimmt. Sollte es teurer werden – wovon die meisten Experten und auch die Endlagerkommission ausgehen – haftet der Staat, sprich: der Steuerzahler.

Entsprechend laut war der Aufschrei im Lager der Atomgegner. Dass die Milliardenkosten für den Rückbau der Atomkraftwerke und den Transport des Abfalls von den Konzernen selbst getragen werden sollen, fällt für sie dabei kaum noch ins Gewicht.

Und während die Aktienkurse von RWE und Eon nach Bekanntwerden des Atomdeals kräftig zulegten, liefen Umweltorganisationen wie der BUND und Greenpeace Sturm. Die Konzerne könnten sich für einen „unverschämt niedrigen Preis“ von der Haftung für die Atomrisiken freikaufen, klagte Greenpeace.

Die Atomkonzerne selbst sehen dies freilich allerdings ganz anders: „Die Kommission geht mit ihren Empfehlungen über das wirtschaftlich Verantwortbare hinaus“, stöhnte beispielsweise RWE-Finanzchef Bernhard Günther, dessen Unternehmen ohnehin mit fast 28 Milliarden Euro verschuldet ist und das neben der Atomkraft mit dem Braunkohlegeschäft eine weitere Baustelle hat.

Ganz gleich, ob man sich einem der beiden Lager anschließt oder die Kritik von beiden Seiten als Bestätigung für die Richtigkeit der Vorschläge der Atomkommission sieht – eines steht fest: Die Altlasten der einst als konkurrenzlos günstig gepriesenen Atomkraft werden noch viele Generationen beschäftigen.

Ricarda Schuller
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