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Thema Wind und Wende

04. Jan. 16

Wo liegt Deutschlands Windhauptstadt?

Die Offshore-Windkraft boomt – und mindestens ein halbes Dutzend Orte an der Küste will davon profitieren. In einer dreiteiligen Reihe stellen wir die aussichtsreichsten Standorte vor.

Die Offshore-Windkraft schafft neue Arbeitsplätze, so zum Beispiel bei der Kabelverlegung für Offshore-Windparks. Davon profitieren nicht nur Zuliefererunternehmen, sondern auch hochqualifizierte Arbeitskräfte, die die Branche wie ein Magnet anzieht.

Von Heimo Fischer

Die Rivalität der deutschen Küstenstädte ist so alt wie die Orte selbst. Im Lauf der Zeit hat sich das Kräfteverhältnis immer wieder verändert. War zu Zeiten der Hanse lange Lübeck das politisch und wirtschaftlich dominierende Zentrum im Norden, wechselten sich über die Jahrhunderte zahlreiche weitere Städte ab, die auf dem einen oder anderen Gebiet führend waren.

Nicht zuletzt ging es dabei immer um ökonomische Macht in Form von Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen. Wo siedeln sich die meisten Werften an? Wo unterhält die Marine ihre Stützpunkte? In welchen Häfen liegen die größten Fischfangflotten? Wo stehend die bedeutendsten Handelshäuser und wo legen die Frachtschiffe internationaler Reedereien an und ab? Das sind die entscheidenden Felder, auf denen traditionell der Konkurrenzkampf unter Deutschlands Küstenstädte ausgefochten wird.

In den vergangenen zehn Jahren ist aber noch ein weiteres hinzugekommen: die Offshore-Windkraft. Denn die junge Branche verspricht Wachstum. Sie wirkt wie ein Magnet auf hochqualifizierte Arbeitskräfte und deren Familien, sie lockt finanzstarke Investoren und sie fördert als zukunftsorientierte saubere Technologie obendrein das Image der Städte, an denen sich die Unternehmen der Branche niederlassen.

Die Offshore-Windkraft boomt – und ihre Aussichten werden allen Schwierigkeiten zum Trotz in Zeiten der Energiewende und der Klimabeschlüsse von Paris eher besser als schlechter.

Kein Wunder also, dass mindestens ein halbes Dutzend Städte entlang der deutschen Nord- und Ostseeküste versucht, ein möglichst großes Stück von dem Kuchen abzubekommen, der da gerade verteilt wird. Dafür tun sie eine Menge: Sie bieten etwa Flächen für Windkraftfirmen an, sie finanzieren Forschungsvorhaben und sie erweitern ihre Häfen.

Seit einiger Zeit fällt in ihrem Werben um Investoren und Unternehmen dabei immer wieder ein Begriff: der von der „Windhauptstadt“. Natürlich ist das kein offizieller Titel. Aber doch einer, mit dem Kommunalpolitiker ihre Reden schmücken und lokalpatriotische Journalisten ihre Artikel. Denn er ist ein Signal, an die Branche genauso wie an die Öffentlichkeit: Wo könnten die Bedingungen für die Offshore-Windkraft schließlich besser sein als in Deutschlands Windhauptstadt?

Die meisten Branchenkenner würden den Titel im Augenblick wohl am ehesten Hamburg oder Bremerhaven verleihen – hier haben sich bislang die meisten Firmen angesiedelt. Aber muss das auch so bleiben? Immerhin wächst und verändert sich die Offshore-Windkraft so dynamisch wie wenige andere Industrien. Was heute gilt, kann morgen schon wieder überholt sein.

Verschiedene Städte und auch Inseln konkurrieren um den Titel der Windhauptstadt Deutschlands. Dabei haben sie unterschiedliche Schwerpunkte. Helgoland zum Beispiel bietet sich als Standort für Wartung und Betriebsführung an.

Die Branche entwickelt sich rasant

Das zeigt schon ein Blick auf die Statistik. Nach Angaben der Stiftung Offshore-Windenergie haben Mitte 2015 insgesamt 668 deutsche Anlagen eine Leistung von 2778 Megawatt erzeugt. Bis zum Jahresende wurden bereits 3300 Megawatt erwartet, bis 2020 wird voraussichtlich die doppelte Leistung erreicht worden sein.

Neun Windparkprojekte sind im Bau, fünf weitere beschlossen. Zudem laufen noch 50 Genehmigungsverfahren. Eine grafisch animierte Übersicht der Ausbaugebiete in deutschen Gewässern finden Sie hier. Der Gesamtumsatz der deutschen Offshore-Branche wird über die komplette Wertschöpfungskette bis 2021 auf schätzungsweise 22 Milliarden Euro steigen – und damit fast vier Mal so hoch sein wie 2010. Die Zahl der Beschäftigten wird womöglich von heute 18.000 auf 30.000 zulegen.

Vor allem Städte in Küstennähe werden von dieser Entwicklung profitieren. Jede hat ihre eigene Strategie. Einige setzen auf Fabriken, andere betrachten sich als Umschlagplatz für Zulieferteile. Eine dritte Gruppe bietet sich als Standort für Wartung und Betriebsführung an. „Das trifft zum Beispiel auf Helgoland zu“, sagt Christian Schmitt, der das Maritime Cluster Norddeutschland leitet. Als Service-Standort will die nahe an den Windparks gelegene Insel noch vom Offshore-Boom zehren, wenn alle Neubauprojekte abgeschlossen sind.

Oft arbeiten Gemeinden regional zusammen, um sich als Offshore-Standort zu profilieren. Das gilt beispielsweise für Bremerhaven, das mit Bremen ein gemeinsames Bundesland bildet. So manches Unternehmen hat ein Standbein in beiden Städten. Und nicht nur dort. „Viele Arbeitsplätze befinden sich auch im benachbarten Niedersachsen“, sagt Daniela Schimrigk, Projektleiterin bei der Windenergie-Agentur WAB. Ähnliche Bedingungen finden sich in Emden, wo sich Unternehmen im Umland entlang der sogenannten Ems-Achse angesiedelt haben.

Doch das Rennen um neue Investoren wird härter. Bremerhaven baut seinen Hafen für Offshore-Kunden aus und befindet sich damit in direkter Konkurrenz zu Cuxhaven, das diesen Schritt bereits vollzogen hat. Auch in Emden gibt es entsprechende Pläne. Und in Norddeich denken Lokalpolitiker darüber nach, ob der Hafen für Offshore-Schiffe tiefer werden muss.

Mit anderen Worten: Die Rivalität der Küstenstädte wird auch in Zukunft weitergehen.

Wo aber liegt nun Deutschlands Windhauptstadt? In einer dreiteiligen Reihe stellen wir in den kommenden Tagen die wesentlichen Standorte vor. Den Auftakt macht ein Porträt der Vorreiter Hamburg und Bremerhaven. Es folgt eine Analyse der Städte Cuxhaven und Emden, die zum Verfolgerfeld zählen. Warum sich auch Norddeich, Helgoland und Saßnitz als heimliche Windhauptstadt fühlen dürfen, erklären wir in unserem letzten Artikel.

Ricarda Schuller
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