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Thema Wind und Wende

23. Mär. 16

„Wir brauchen einen stabilen Markt”

Ausschreibungsmodell, Übergangszeiten und die Gefahr eines Fadenrisses – die Offshore-Windbranche steht vor Veränderungen. Michael Hannibal beschreibt die Auswirkungen, die ein schneller Systemwechsel haben könnte.

Um optimale Bedingungen für den Offshore-Ausbau zu schaffen, darf das Marktvolumen laut Michael Hannibal, CEO für den Bereich Offshore-Wind bei Siemens, nicht zu klein sein. Nach 2021 sollten mindestens 900 Megawatt pro Jahr ausgebaut werden.

Viele Akteure im Offshore-Windmarkt befürchten durch die Ausschreibungen und die gesenkten Ausbauziele der Bundesregierung einen Fadenriss beim Ausbau der Offshore-Windenergie. Warum?
Der erwartete Systemwechsel wirft die Frage auf, ob der Ausbaukorridor in den nächsten Jahren konstant bleibt. Das kann Investoren verunsichern. Um solche Befürchtungen zu entkräften, kommt es aus unserer Sicht darauf an, wie genau die Umstellung auf ein Ausschreibungsmodell ausgestaltet wird. Siemens begleitet diesen Prozess mit konstruktiven Vorschlägen. Insbesondere bei Windparks auf See haben wir darauf hingewiesen, dass lange Planungsvorlaufzeiten zu berücksichtigen sind. Projekte, die ab 2020 ans Netz gehen, müssen heute mit der Planung begonnen haben.

Wichtig ist eine ausreichend lange Übergangsphase, bevor ein neues, zentrales Modell eingeführt wird. Die Übergangsphase sollte auf vier Jahre (2021 bis 2024) mit durchschnittlich mindestens 900 Megawatt pro Jahr ausgeweitet werden. Dies synchronisiert den Ausbau der Offshore-Windenergie-Projekte mit dem heutigen Stand der Technik der Netzanschlüsse und eröffnet gleichzeitig die Möglichkeit technischer Anpassungen im Bereich Netzanschluss.

Die Netzplanung hat in der Übergangsphase eine zentrale Bedeutung. Nach dem aktuellen O-NEP 2025 sollen nach 2020 erst im Jahr 2023 wieder neue Netzanbindungssysteme in Nord- und Ostsee in Betrieb genommen werden. Die vorgeschlagene Reduktion der Netzanbindungen kommt einem Ausbaustopp gleich und muss schnellstmöglich korrigiert werden. Dabei sind verbindliche Aussagen über den weiteren Netzausbau dringend nötig. Andernfalls können die ersten Netzanschlüsse, deren Realisierung fünf Jahre dauert, nicht bis 2021 umgesetzt werden.
 
Welche Auswirkungen hätten unveränderte Bedingungen auf die Branche und Ihr Unternehmen, das ja gerade in Cuxhaven eine neue Fertigung aufbaut? Sind die Kapazitäten weiter ausgelastet oder droht eine Krise, wie bei der Verkündung der Strompreisbremse?
Ein Abschmelzen des Zubaus in der Übergangszeit auf ein Ausschreibungsmodell ab 2020 hätte schwerwiegende Folgen und sollte daher unbedingt vermieden werden. Auch die neuen „Zwischenziele“ von 11 Gigawatt bis 2025 bedeuten ein jährliches Ausbauvolumen im Schnitt von 660 Megawatt zwischen 2021 und 2025. Damit würde sich das ursprüngliche Marktvolumen erheblich verringern, industrielle Auslastung und weitere Kostensenkung stünden in Frage. Das gilt für unsere Fertigung in Cuxhaven dann ebenso wie für andere Unternehmen der Branche.

Siemens hat in den vergangenen Jahren wichtige Fortschritte bei der Kostensenkung erzielt und mit unserer Technologie werden bereits 2020 Offshore-Projekte mit Stromgestehungskosten unter 10 Cent pro Kilowattstunde starten. Die Kostensenkung ist daher ein Ziel, dem wir uns stellen und das wir mitgestalten möchten, wie wir auch mit unserer Investition in Cuxhaven unterstreichen. Um einen kontinuierlichen Ausbau auch in der Übergangsphase sicherzustellen, sprechen wir uns für mehrere Ausschreibungen mit angemessenem Volumen aus. Für Prototypen ist eine Regelung erforderlich, um sie weiterhin zeitnah errichten und testen zu können.
 
Könnte der deutsche Markt an Bedeutung in Europa verlieren? Welche Konsequenzen hätte das?
Neben dem Vereinigten Königreich ist Deutschland für Siemens der wichtigste Offshore-Markt. Daher haben wir in beiden Ländern in die Produktion und in gut ausgebildetes Personal investiert. Wir brauchen diese beiden Märkte auch langfristig, wenn neue Märkte hinzukommen, um das notwendige Wachstum sicherzustellen. Deshalb führt aus unserer Sicht kein Weg daran vorbei, den deutschen Offshore-Markt auch beim Umstieg auf ein Ausschreibungsmodell stabil zu halten.
 
Sie haben einen Wunsch frei: Wie sehen optimale Bedingungen für den Ausbau der Offshore-Windenergie aus?
Ein wachsendes Marktvolumen auch in internationaler Perspektive sowie rasche Fortschritte bei der Kostensenkung würden unsere Branche zügig voranbringen und das Ziel einer klimafreundlichen Energiewirtschaft in wenigen Jahren Realität werden lassen.

 

Steffen Kück
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