Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Wind und Wende

25. Sep. 15

Jährlich werden rund 22 Milliarden Euro an die Betreiber von Erneuerbaren-Energien-Anlagen als Vergütung für die Stromeinspeisung ausgeschüttet.

Windstrom aus der Steckdose

Ökostrom für Privatkunden kommt vorrangig aus den preisgünstigsten Quellen, vor allem aus Wasserkraftwerken in den Alpen und Windparks an der Küste. Die Offshore-Windenergie ist dafür noch zu teuer.

Den Strom, den die Kunden bekommen, bekommen sie in der Zusammensetzung, wie er momentan in allen deutschen Kraftwerken produziert wird. Im Mittel waren das bei der Windenergie rund 10 Prozent im Jahr 2014.

Der naheliegende Gedanke, den Strom vollständig aus einem Windpark zu beziehen, der in Sichtweite der eigenen Wohnung liegt, lässt sich aus verschiedenen Gründen nicht verwirklichen.

Zum einen schwankt die Leistung des Windparks stark, so dass es vorkommen kann, dass sie nicht zur Versorgung der angeschlossenen Haushalte ausreicht. Um dies zu vermeiden, müsste man Windparks aus unterschiedlichen Regionen zusammenschalten, denn „irgendwo weht immer Wind“. Dann müsste der Strom aber lange Transportwege zurücklegen. Oder man müsste den Strom für die Zeiten der Windstille in Batterien speichern. Das ist allerdings ein relativ teures Vorhaben.

Physikalisch gesehen kommt aus der Steckdose immer ein „Strom-Mix“, denn die Ladungsträger (die Elektronen) müssen alle durch das Stromnetz fließen, das Deutschland überspannt, und mischen sich dabei vollständig.

Man bekommt also immer den Strom in genau der Zusammensetzung, wie er momentan von allen deutschen Kraftwerken produziert wird. Im Mittel waren das im vergangenen Jahr 10 Prozent aus Windenergie, knapp 10 Prozent aus Biomasse sowie 6,4 Prozent aus Solaranlagen und 4 Prozent aus Wasserkraftwerken. Der Kernenergieanteil erreichte knapp 18 Prozent, Kohle- und Gaskraftwerke erzeugten zusammen etwas mehr 52 Prozent.

Die Einspeisungsanteile schwanken täglich: Am 1. Juli produzierten die Solaranlagen 230 Gigawattstunden und deckten 16 Prozent des Bedarfs. Am 23. Januar waren es nur 7 Gigawattstunden.

Ökostromversorger und einige Stadtwerke schließen mit Betreibern von Wasserkraftwerken Verträge über die Lieferung einer bestimmten Strommenge ab.

Ökostrom als Produkt

Rein rechnerisch kann man trotz der Durchmischung ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien beziehen. Ökostromversorger, inzwischen aber auch viele Stadtwerke, schließen mit Betreibern von Wasserkraftwerken oder Windparks Verträge über die Lieferung einer bestimmten Strommenge, mit der sie den Bedarf ihrer Kunden vollständig decken können.

Beispielsweise bietet die süddeutsche Naturenergie AG ein Stromprodukt an, das zu 100 Prozent aus Wasserkraftwerken stammt. Der Ökostromversorger kauft genau so viel Strom aus zwölf Wasserkraftwerken am Hochrhein ein, wie seine Kunden verbrauchen.

Die Elektrizitätswerke Schönau, deren Gründer 1996 als „Stromrebellen“ berühmt wurden, gehören zu den Ökostrom-Pionieren. Sie kaufen Windstrom aus 22 deutschen Windkraftanlagen, die sich im Besitz von Energiegenossenschaften befinden, und ergänzen diese Strommenge durch Windstrom aus 28 Windkraftanlagen in Österreich sowie Wasserkraft aus Norwegen und Schweden.

Ökostrom ist ein ganz normales Stromprodukt geworden. Allerdings müssen die Ökostromanbieter mit spitzem Bleistift rechnen und kaufen bevorzugt den günstigsten Strom auf, also Wasserkraft aus den Alpen und Windstrom von der Küste. Offshore-Windstrom ist bisher nicht Bestandteil der Ökostrom-Produkte, denn er ist noch zu teuer.

Jährlich werden rund 22 Milliarden Euro an die Betreiber von Erneuerbaren-Energien-Anlagen als Vergütung für die Stromeinspeisung ausgeschüttet.

Verwirrende Stromkennzeichnung

Die Ökostromanbieter sind aber gesetzlich verpflichtet, in der Stromkennzeichnung, die jeder Verbraucher mit seiner Rechnung erhält, einen bestimmen Anteil (zurzeit 32 Prozent) an erneuerbaren Energien auszuweisen, die nach dem EEG gefördert werden. Dieser Anteil setzt sich aus Wind- und Solarstrom sowie dem Strom aus Biomasse- und kleinen Wasserkraftwerken zusammen.

Das gilt auch dann, wenn der Ökostromanbieter seine Kunden zu 100 Prozent mit Strom aus großen Wasserkraftwerken versorgt, die gar nicht in den Genuss der EEG-Vergütung kommen. Die Stromkennzeichnung ist in diesem Fall paradox, wird aber vom Gesetzgeber gewünscht, um allen Kunden zu verdeutlichen, dass sie sich an der EEG-Umlage beteiligen müssen.

Hintergrund dieser rigide anmutenden Maßnahme ist die Tatsache, dass jährlich rund 22 Milliarden Euro an die Betreiber von Solar- und Windkraftanlagen sowie Biomasse- und Kleinwasserkraftwerken als Vergütung für die Stromeinspeisung ausgeschüttet werden. Diese gigantische Summe lässt sich nur refinanzieren, wenn alle Stromkunden dazu beitragen.

Laut Thomas Banning, Vorstandsvorsitzender der Naturstrom AG, erwerben viele Versorger für ihre Stromtarife Herkunftsnachweise, die die Erzeugung von Ökostrom irgendwo in Europa bescheinigen.

Besser aus der Region

Manchmal ist es für die Kunden schwer nachvollziehbar, wo der von ihnen bestellte Ökostrom erzeugt wurde. „Viele Versorger erwerben für ihre Ökostromtarife Herkunftsnachweise, die die Erzeugung von Ökostrom irgendwo in Europa bescheinigen“, kritisiert Thomas Banning, als Vorstandsvorsitzender der Naturstrom AG einer der besten Kenner des Ökostrommarktes.

„Mit diesen Nachweisen können sie ihren an der Strombörse gekauften Kohle- und Atomstrom in Grünstrom umfärben“, gibt er zu bedenken.

Viele Kunden haben das erkannt und bevorzugen deshalb den Solar- und Windstrom aus der Region. Die Naturstrom AG bietet in Bayern seit kurzem Ökostrom an, der zu 100 Prozent aus Bayern stammt, wobei mindestens 25 Prozent direkt aus regionalen Solar- und Windkraftanlagen stammen. Der Rest wird also im Wesentlichen aus Wasserkraft erzeugt, die in Bayern reichlich vorhanden ist.

Laut Prof. Dr. Bruno Burger vom Fraunhofer ISE kommt der Stromüberschuss dadurch zustande, dass der Strom hierzulange günstiger produziert werden kann und deshalb im Ausland sehr begehrt ist.

Import und Export von Strom

Der Austausch von Strom über die Landesgrenzen hinweg ist in Europa schon seit vielen Jahren üblich, um regionale Engpässe auszugleichen und die Versorgung zu sichern. Außerdem soll preisgünstiger Strom möglichst weiträumig verteilt werden, damit die Nachbarländer davon profitieren können. Umweltfreundlichkeit spielt dabei keine Rolle, sondern nur der Strompreis. Es fließt deshalb sowohl Kohle- und Atomstrom als auch Solar- und Windstrom in beiden Richtungen über die Grenzen.

Seit einigen Jahren zeichnet sich der Trend ab, dass der deutsche Exportüberschuss deutlich zunimmt. Der Grund liegt auf der Hand: „Wir wollen immer mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugen, aber wir fahren die konventionellen Kraftwerke nicht herunter“, stellt Prof. Dr. Bruno Burger fest. Er ist zuständig für Energiedaten und strategische Entwicklung am Fraunhofer ISE in Freiburg und analysiert die Stromeinspeisung aus konventionellen und erneuerbaren Energien seit mehreren Jahren.

Seiner Ansicht nach kommt der Exportüberschuss nicht dadurch zustande, dass in Deutschland wegen starker Sonneneinstrahlung oder kräftiger Winde das Netz „überlauft“ und deshalb Strom sehr billig verkauft oder gar verschenkt werden muss – sondern dadurch, dass der Strom hierzulande häufig günstiger produziert werden kann und deshalb im Ausland begehrt ist.

„Im ersten Halbjahr 2015 haben die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber erneut deutlich mehr Strom ins Ausland verkauft als von dort bezogen und dadurch einen Saldo von rund 1.050 Millionen Euro erzielt“, hat Bruno Burger errechnet. Er erwartet, dass sich dieser Trend fortsetzt.

Ricarda Schuller
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt