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Thema Wind und Wende

14. Dez. 16

Die Niederlande haben eine jahrhundertealte Tradition im Bau von Windmühlen. In die Offshore-Windkraft sind sie erst vor rund zehn Jahren eingestiegen. Die Ausbauziele sind gewaltig.

Vorbild Niederlande

Holland bejubelt einen Preissturz in der Offshore-Windkraft – dank klarer Ausbaupläne, geschickter Netzpolitik und geografisch günstiger Bedingungen. Was Deutschland davon lernen kann.

Wirtschaftsminister Henk Kamp, der sich wie hier auf einem Fahrrad gern ökologisch gibt, kann sich freuen: Offshore-Windenergie in den Niederlanden wird immer billiger.

Von Angelika Dehmel

Der Wind, der sich vor den ostfriesischen Inseln austobt, unterscheidet sich nicht groß von dem, der etwas weiter südwestlich über der niederländischen Nordsee bläst. Sollte man meinen.Und doch gibt es einen himmelweiten Unterschied: Der niederländische Wind ist günstiger.

Wenn Offshore-Windparks in Deutschland Strom erzeugen, erhalten die Betreiber dafür eine gesetzlich garantierte Einspeisevergütung, die im langjährigen Schnitt zwischen zwölf und 14 Cent je erzeugter Kilowattstunde liegt. In den niederländischen Windparks Borssele 3 und 4 bekommen sie nur 5,45 Cent. Zu diesem Preis hat Mitte Dezember ein Bieterkonsortium bestehend aus Shell, Van Oord, Eneco und Mitsubishi/DGE den Zuschlag zum Bau der Anlagen erhalten. Sie sollen 22 Kilometer vor der Küste der Provinz Zeeland entstehen und ab 2023 eine Million Haushalte mit sauberem Strom versorgen.

5,45 Cent – wer diesen Preis vor zwei Jahren vorhergesagt hätte, wäre von vielen Branchenbeobachtern für verrückt erklärt worden. Es ist schon das zweite Mal binnen kurzer Zeit, dass die Niederlande für ein Ausrufezeichen in der Offshore-Windkraft sorgen. Erst im Sommer hatte der dänische Konzern Dong Energy für 7,27 Cent den Zuschlag zum Bau von Borssele 1 und 2 bekommen. Noch günstiger ist bislang nur der Windpark Kriegers Flak, den Vattenfall für 4,99 Cent vor der dänischen Küste baut.

Entsprechend begeistert zeigt sich die Regierung in Den Haag: „Wenn der Energiepreis sich so weiterentwickelt wie erwartet, sind rund siebeneinhalb Jahre nach dem Bau überhaupt keine Subventionen mehr für Offshore-Windenergie nötig“, sagt der niederländische Wirtschaftsminister Henk Kamp.

Drei Offshore-Windparks liefern inzwischen Strom aus der niederländischen Nordsee. Daneben gibt es einige ältere Anlagen im flachen Ijsselmeer, die wegen dessen geringer Wassertiefe aber nicht mit den großen Parks auf See vergleichbar sind.

Wie ist das möglich? Warum ist der Ökostrom aus dem Meer in den Niederlanden so viel günstiger als in Deutschland?

Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Sie hängen sowohl mit der Energiepolitik unseres Nachbarlands zusammen, als auch mit geografischen und konjunkturellen Faktoren.

Rundum-Sorglos-Paket beim Stromanschluss

Zum einen ist die Marktsituation derzeit einfach günstig. Der niederländischen Windenergievereinigung NWEA zufolge spielen den Parkbetreibern die niedrigen Zinsen und vergleichsweise günstige Stahlpreise in die Hände.
Zum anderen können die Parks in den Niederlanden sehr viel dichter an der Küste gebaut werden – das drückt den Aufwand und die Kosten. In der deutschen Nordsee ist der Bau nur außerhalb des Nationalparks Wattenmeer möglich, mit oft mehr als doppelt so langen Kabelverbindungen und Anfahrtszeiten.

Und noch ein Grund spielt der Branche in unserem Nachbarland in die Hände. „Das niederländische System ist so organisiert, dass einerseits Unternehmen miteinander konkurrieren müssen und andererseits die Regierung alle Voraussetzungen für den Bau reguliert“, sagt die für Energiefragen verantwortliche Sprecherin des niederländischen Wirtschaftsministeriums.

Der Staat regelt gewissermaßen alles: den Standort, die Genehmigungen und auch den Netzanschluss. Der Stromerzeuger, der das günstigste Gebot abgibt, bekommt sowohl den Zuschlag für den Bau als auch die Subventionen.

Das ist ein Riesenunterschied zum früheren System, in dem die Unternehmen selbst für den Netzanschluss zuständig waren. Heute ist der staatliche Stromnetzbetreiber Tennet, der auch in Deutschland tätig ist, dafür verantwortlich, Umspannwerke in den Offshore-Windparks aufzustellen und für den Abtransport der Energie zu sorgen.

Für Borssele wird Tennet zwei der teuren Plattformen errichten, die den Strom sammeln und in der Nähe des Umspannwerks Borssele anlanden, wo er auf das in den Niederlanden übliche Spannungsniveau von 380 Kilovolt gebracht wird. Für den Anschluss ans Netz bekommt Tennet eine Subvention von 1,4 Cent pro Kilowattstunde.

Die Niederlande haben eine jahrhundertealte Tradition im Bau von Windmühlen. In die Offshore-Windkraft sind sie erst vor rund zehn Jahren eingestiegen. Die Ausbauziele sind gewaltig.

Regierung setzt Obergrenze für Einspeisevergütung

Sieben Bieter und Konsortien hatten für Borssele 3 und 4 insgesamt 26 Gebote abgegeben. Mehr als 11,975 Cent je Kilowattstunde durften sie in ihren Angeboten nicht verlangen. Das war die von der niederländischen Regierung gesetzte Grenze.

Der Preis spiegele die extrem schnelle Entwicklung wider, die die Offshore-Windkraft zurzeit durchlebe, sagt Jasper Vis, Geschäftsführer von Dong Energy in den Niederlanden, dessen Unternehmen Borssele 1 und 2 baut. Gerade in Sachen Kosten habe sich in den letzten Jahren viel getan, zum Beispiel durch größere Windräder, eine gestiegene Produktionsmenge und weitere Innovationen im Bereich Turbinen, Rotorblätter, Kabel oder Installationsmethoden.

Für die Stromkonzerne spielt allerdings noch etwas eine essentielle Rolle: die Planbarkeit in den Niederlanden. „Einer der wichtigen Aspekte des niederländischen Systems ist, dass es einen klaren Plan für den Ausbau der Offshore-Windenergie gibt und dass Gewissheit darüber besteht, in welchem Umfang die Offshore-Windenergie ausgebaut wird“, sagt Vis. Das sei nötig, um die Kosten reduzieren zu können.

In Deutschland dagegen erzeugen die wiederholten Novellen des EEG große Unsicherheiten. Immer wieder müssen Unternehmen und Windkraftstandorte um ihre Investitionen zittern, wie zuletzt etwa in Cuxhaven zu beobachten war.

Konzerne können mit großem Ausbauvolumen planen

Das niederländische Energieabkommen aus dem Jahr 2013 sieht vor, dass im Jahr 2023 insgesamt 16 Prozent des Stroms nachhaltig produziert werden müssen. Einen Teil dazu soll die Offshore-Windenergie leisten, für die 2023 Strom ein Volumen von 4450 Megawatt geplant ist.

Zurzeit gibt es neben kleineren Anlagen im flachen Ijsselmeer drei Offshore-Windparks in den Niederlanden: Luchterduinen, Prinses Amaliawindpark und Egmond aan Zee. Zwei weitere, Buitengaats und Zee-Energie, befinden sich im Bau und sollen Mitte kommenden Jahres fertiggestellt sein. Zusammen haben diese Windparks eine Kapazität von 957 Megawatt Strom.

Das kleine Innovationsgebiet Borssele 5 wird im kommenden Jahr ausgeschrieben. 2017 und 2018 folgen zwei Windparks an der Südküste mit je 700 Megawatt Leistung, im Jahr 2019 ein Park im Norden, ebenfalls mit 700 Megawatt. Bis die Regierung ihre Ausbauziele erreicht, müssen also noch viele Windräder auf den Grund der niederländischen Nordsee gestellt werden. Weitere Preisstürze sind damit nicht ausgeschlossen.

Larissa Dieckhoff
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