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Thema Wind und Wende

17. Mär. 17

Wenn sich Windräder bei stürmischem Wind besonders schnell drehen (wie diese per Mehrfachbelichtung aufgenommene Anlage), fällt der Strompreis am Spotmarkt. Ohne Einspeisevergütung verdienen Ökostromproduzenten dann kaum etwas.

Versuch und Irrtum

Die Ökostromproduktion steigt, doch den Börsenpreis bestimmt noch immer die Steinkohle. Das liegt am Mechanismus der Terminmärkte, der Kohle begünstigt und den Erfolg der Energiewende gefährdet.

Von Claus Gorgs

Ihre dunkelste Stunde in diesem Jahr erlebten die erneuerbaren Energien am 24. Januar gegen 18 Uhr. Ein typischer Wintertag, wolkenverhangen und düster, und noch dazu: nahezu windstill. Dunkelflaute nennen die Experten solche Momente, in denen die Erzeugung von Wind- und Solarstrom faktisch zum Erliegen kommt. Nur die weitgehend wetterunabhängigen Biogasanlagen und Wasserkraftwerke sorgen in solchen Situationen dafür, dass wenigstens noch ein bisschen Ökostrom durch die Leitungen fließt – knapp 90 Prozent des Verbrauchs wurden an diesem Januartag durch Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke gedeckt. Fast wie in alten Zeiten.

Wenn sich Windräder bei stürmischem Wind besonders schnell drehen (wie diese per Mehrfachbelichtung aufgenommene Anlage), fällt der Strompreis am Spotmarkt. Ohne Einspeisevergütung verdienen Ökostromproduzenten dann kaum etwas.

Zwar muss niemand Angst haben, dass während einer solchen Dunkelflaute irgendwo im Land das Licht ausgeht. Allen Panikmachern und Schwarzsehern zum Trotz gibt es genügend konventionelle Kraftwerke, um selbst einen kompletten Ausfall der Erneuerbaren zu kompensieren. Das gilt sogar dann, wenn 2022 das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet wird. Dennoch geht von der starken Schwankungsanfälligkeit der Windkraft- und Solaranlagen eine Gefahr aus, die mittelfristig die Energiewende vor ernste Schwierigkeiten stellen kann. Das Problem schlummert – im Strompreis.

Seit der Strommarkt in Deutschland 1998 liberalisiert wurde und die regionalen Monopole der großen Versorger fielen, wird elektrische Energie wie ein Rohstoff an der Börse gehandelt: Langfristige Geschäfte mit festen Lieferzeitpunkten, die Jahre in der Zukunft liegen können, werden am Terminmarkt abgewickelt, kurzfristige am Spotmarkt. Da sich die Produktion von Ökostrom kaum über längere Zeiträume planen lässt, erfolgt der Handel nahezu ausschließlich über den Spotmarkt.

„Ab Mitte der 2020er-Jahre werden wir einen komplett veränderten Strommarkt sehen“, erklärt Felix Matthes, Energieexperte des Öko-Instituts. Der Grund: Für viele Solar- und Windkraftanlagen läuft dann die gesetzlich garantiere Einspeisevergütung aus.

Bei Idealwetter für Ökostrom kollabiert der Spotmarktpreis. Hoch ist er nur, wenn kaum Ökostrom fließt. Wie sollen die Erzeuger so Geld verdienen?

Ist das Angebot knapp – etwa während einer Dunkelflaute –, steigen die Preise am Spotmarkt rasant, am 24. Januar zeitweilig auf über 160 Euro pro Megawattstunde. Das ist mehr als das Vierfache des Durchschnittspreises. Lacht hingegen die Sonne bei einer frischen Brise, fluten gigawattweise Wind- und Solarstrom ins Netz. Dann fällt der Preis auf null oder wird sogar negativ, weil die Netzbetreiber draufzahlen, um die überschüssige Energie irgendwie loszuwerden. Denn anders als Stahl, Kohle oder Aluminium kann man Strom nicht auf Halde legen und auf bessere Preise warten: Die Speicherkapazitäten in Deutschland reichen gerade einmal für eine Stunde des täglichen Bedarfs.

Noch stören die extremen Preisschwankungen an der Börse die Betreiber von Wind- und Solarparks wenig, denn sie bekommen für jede Kilowattstunde, die sie ins Netz einspeisen, einen garantierten Preis, und zwar über einen Zeitraum von 20 Jahren. Egal ob der Spotmarktpreis auf null fällt oder noch darunter, der Betreiber bekommt seine gesetzlich festgelegte Einspeisevergütung, die Differenz zahlt der Endverbraucher über die EEG-Umlage.

Doch diese für die Erneuerbaren komfortable Situation wird sich in den kommenden Jahren ändern, wenn für die ersten Windräder und Solaranlagen die Förderung ausläuft. „Ab Mitte der 2020er-Jahre werden wir einen komplett veränderten Strommarkt sehen“, erklärt Felix Matthes, Experte für Energiepolitik beim Öko-Institut in Berlin gegenüber Energie-Winde. „Wir werden dann ein anderes Marktdesign brauchen.“ Wie dramatisch der Umbruch ist, zeigt das Beispiel Thüringen: Allein dort verlieren laut einer aktuellen Meldung der Energie- und Greentech-
Agentur 200 von insgesamt 790 Anlagen 2020 die feste Vergütung.

Ohne die derzeitige staatliche Förderung geraten die Wind- und Solarstromproduzenten in eine paradoxe Situation: Wenn die Preise hoch sind, verdienen sie kaum etwas – weil dies immer dann der Fall ist, wenn kaum Wind weht und die Sonne nicht scheint. Dann machen die konventionellen Kraftwerke das Geschäft. Bei optimalen Wetterbedingungen ist die Ertragssituation aber noch schlechter, weil dann Strom im Überfluss vorhanden ist und der Spotmarktpreis auf null fällt oder negativ wird.

Wie viel Strom kostet, bestimmt das letzte Kraftwerk, das zugeschaltet werden muss, um den jeweils aktuellen Bedarf zu decken

Am Terminmarkt dagegen spielen die Erneuerbaren kaum eine Rolle. Hier folgt der Preis im langfristigen Mittel weitgehend dem der Steinkohle. Das liegt am speziellen Marktmechanismus: Entscheidend für die Höhe des Strompreises ist immer das letzte Kraftwerk, das vom Netzbetreiber zugeschaltet werden muss, um den aktuellen Strombedarf zu decken.

Als Erstes wird der am billigsten produzierte Strom eingespeist, meist Atomkraft, dann folgen die jeweils teureren Kraftwerkstypen – Braunkohle, Steinkohle, Gas und schließlich Öl. Das letzte und damit teuerste noch benötigte Kraftwerk wird dabei so vergütet, dass es gerade noch kostendeckend arbeitet – und auch alle anderen Kraftwerke, die zu diesem Zeitpunkt am Netz sind, erhalten diesen Preis, obwohl sie eigentlich günstiger produzieren. In den vergangenen Jahren waren meist Steinkohlekraftwerke ausschlaggebend für den Preis, während die klimafreundlicheren, aber teureren Gaskraftwerke stillstanden.

Werden nun im Zuge der Energiewende Kohlekraftwerke ab- und Gaskraftwerke vermehrt zugeschaltet, wird der Preis an den Terminmärkten voraussichtlich steigen. Das ist das nächste Paradox: Obwohl der Ausbau der Erneuerbaren rasant fortschreitet und obwohl so viel günstiger Strom zur Verfügung steht wie noch nie, dürfte der Börsenpreis anziehen.

„Bis zu einem Anteil von etwa zwei Dritteln Erneuerbaren kann der jetzige Mechanismus noch funktionieren. Danach sind wir in einer Welt, in der wir nicht wissen, wie die Preisfindung läuft“: Patrick Graichen, Chef der Denkfabrik Agora Energiewende.

Steigt der Ökostromanteil auf mehr als zwei Drittel, funktioniert das heutige Preisfindungsmodell nicht mehr, warnt Agora Energiewende

„Die Börse bildet nur die Kosten für die Energieerzeugung ab. Investitionen, etwa in den Bau von Windrädern oder Kraftwerken, sind im Preis nicht berücksichtigt“, erläutert Energieexperte Matthes. Das heißt: In einer Welt, in der es nur noch Erneuerbare gibt, tendiert der Strompreis gegen null. Denn weil Wind- und Solarstrom anders als konventionelle Kraftwerke keinerlei Brennstoffe verbrauchen und auch keine Schadstoffe ausstoßen, produzieren sie Energie nahezu ohne laufende Kosten. „Unter diesen Bedingungen werden sich erneuerbare Energien nie selbst refinanzieren können“, sagt Matthes. „In dem Markt, den wir heute haben, wird kein Erzeuger von Erneuerbaren Geld verdienen.“

Noch funktioniert das System. Der Anteil der Ökoenergie am deutschen Strommix liegt bei knapp einem Drittel, Atom- und Kohlekraftwerke sorgen für eine zuverlässige Abdeckung des Grundbedarfs, an Tagen wie dem 24. Januar 2017 springen zusätzlich die teureren Gaskraftwerke ein. „Wir befinden uns in einer Übergangsphase“, sagt Patrick Graichen, Chef der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende. „Bis zu einem Anteil von etwa zwei Dritteln Erneuerbaren kann der jetzige Mechanismus noch funktionieren. Danach sind wir in einer Welt, in der wir noch nicht wissen, wie die Preisfindung läuft.“

Klar ist bereits heute, dass die Preisschwankungen an der Börse zunehmen werden. In den kommenden fünf Jahren gehen sukzessive alle deutschen Atomreaktoren vom Netz, auch der Ausstieg aus der Kohleverstromung bleibt ein politisches Ziel der Bundesregierung, anders sind die Klimaschutzziele kaum einzuhalten. Spätestens dann kommt die Stunde der Gaskraftwerke. 28 Gigawatt könnten die bereits bestehenden Anlagen schon heute leisten, das ist etwa ein Drittel des normalen täglichen Bedarfs.

„Die Preise an der Strombörse werden zukünftig stärker schwanken“, prognostiziert Andreas Kuhlmann, Geschäftsführer der regierungsnahen Deutschen Energie-Agentur (Dena).

Wenn die feste Vergütung endet, wird es spannend: Rechnet sich der Betrieb von Wind- und Solaranlagen dann noch?

Doch ein Großteil dieser Kapazität steht ungenutzt in der Landschaft herum, weil selbst die modernsten Erdgaskraftwerke im Betrieb teurer sind als die ältesten Braunkohlemeiler. Werden diese eingemottet, sind die Gasturbinen zurück im Geschäft. Was das bedeutet, lässt sich an der jüngsten Dunkelflaute im Januar studieren. „Die Preise an der Strombörse werden zukünftig stärker schwanken“, sagt Andreas Kuhlmann, Geschäftsführer der regierungsnahen Deutschen Energie-Agentur (Dena).

In den vergangenen Jahren waren sie aufgrund fallender Kosten für Steinkohle und CO2-Zertifikate gesunken. Die EEG-Umlage und das Netzentgelt, das die Leitungsbetreiber für das Management des zunehmend überforderten Stromnetzes erheben, werden bis Mitte der 2020er-Jahre ebenfalls neue Rekordhöhen erreichen. Erst zu Beginn dieses Jahres hatte der größte Anbieter Tennet die Abgabe um 80 Prozent erhöht.

Mit dem Ausstieg aus Atomkraft und Kohle schmelzen die Überkapazitäten, die unseren Strommarkt heute prägen. Die entstehende Lücke müssten die Erneuerbaren füllen – sie sind dazu wegen ihrer hohen Wetterabhängigkeit aber kaum in der Lage. Und wer investiert schon in Windräder oder Solaranlagen, wenn es für den produzierten Strom weder eine staatliche Förderung noch auskömmliche Preise gibt? In der Theorie regelt das der Markt: Ist das Stromangebot zu groß, werden eben unrentable Windparks stillgelegt, herrscht Knappheit, werden neue gebaut.

Nur sei der Strommarkt mit anderen Märkten schwer zu vergleichen, wendet Felix Matthes vom Öko-Institut ein. „An einem heißen Sommertag kann es schon mal sein, dass den Gastwirten das Bier ausgeht. Das sollte beim Strom besser nicht passieren.“

Für Windräder, die schon um die Jahrtausendwende gebaut wurden, läuft die Ökostromförderung bald aus.

Wie sieht der Strommarkt der Zukunft aus? Das ist offen. Im Gespräch ist zum Beispiel eine Art Flatrate wie beim Mobilfunk

Wie Matthes glaubt auch Agora-Vordenker Graichen, dass Energieerzeuger im Ökostromzeitalter nicht mehr ausschließlich pro Kilowattstunde bezahlt werden sollten, „sondern auch dafür, dass es sie gibt“. Er plädiert für einen „Strommarkt 2.0“, in dem sich sowohl Erneuerbare als auch konventionelle Energieerzeuger auf Ausschreibungen für das Bereitstellen von Kraftwerken bewerben können – eine Weiterentwicklung dessen, was in der jüngsten Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) etwa für neu entstehende Windparks bereits beschlossen ist. Finanziert würde das neue System durch die Verbraucher über eine Art Flatrate, wie man es vom Mobilfunktrag oder Internetanschluss kennt. „Das heißt nicht, dass es für die Stromkunden zwingend teurer wird“, sagt Graichen, „nur anders organisiert.“

In einer Zeit, in der die Strommenge stark von nicht zu beeinflussenden Faktoren wie Windstärke und Sonneneinstrahlung abhänge, werde es eine Nachfrage nach dem Produkt „gesicherte Stromversorgung“ geben, denkt auch Matthes. „Dafür muss es dann auch einen Preis geben.“ Aus seiner Sicht wäre es sinnvoll, den Systemwechsel so schnell wie möglich einzuleiten – bevor es nach dem Ende der Nuklear- und Kohleära zu Problemen bei der Versorgungssicherheit kommt. Dabei sollten auch Anreize gesetzt werden, um Investitionen in Energiespeicher und flexible Produktionsanlagen zu finanzieren, die ihre Stromnachfrage an das Angebot anpassen können. Zum Beispiel, indem ein Aluminiumwerk seine Produktion bei Sonnenschein hochfährt und in der Nacht drosselt, wenn kein Solarstrom mehr zur Verfügung steht.

Den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien und von Stromspeichern zu fördern, hält auch die Dena für sinnvoll, von einem raschen Systemwechsel dagegen eher nichts. „Mit dem Ausbau der Stromnetze, dem Bau von Speichern und der Flexibilisierung der Nachfrage werden in den kommenden Jahren sehr viele Hebel auf den Strommarkt einwirken. Es ist unmöglich vorherzusagen, wie er in 20 Jahren aussehen wird“, sagt Dena-Chef Kuhlmann. „Es ist jetzt an der Zeit, Flexibilitätstechnologien den Weg zu bereiten, damit sie zur Verfügung stehen, wenn wir sie in ein paar Jahren brauchen.“

Derzeit plant die Bundesregierung allerdings keine weiteren Anreize, im Gegenteil. Weil der notwendige Ausbau der Stromautobahnen nur schleppend vorankommt, hat sie den Bau neuer Wind- und Solarparks im vergangenen Jahr gedeckelt. „An einen Ausstieg aus der Kohleverstromung ist unter diesen Bedingungen nicht zu denken, es gibt keine bezahlbare Alternative“, schimpft ein Energiemanager, der nicht genannt werden möchte. Die Regierung betreibe die Energiewende nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“.

Manche fürchten, dass am Ende Irrtum herauskommt.

Volker Kühn
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