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Thema Wind und Wende

31. Mär. 17

Unter dem Hammer

Deutschland versteigert zum ersten Mal Lizenzen zum Bau von Offshore-Windparks. Andere Länder haben bereits Erfahrungen mit dem Auktionsmodell. Nicht überall funktioniert es gleich gut.

Von Steven Hanke

In der deutschen Energiepolitik beginnt eine neue Ära: Zum ersten Mal versteigert die Bundesnetzagentur Lizenzen zum Bau und Betrieb von Offshore-Windparks. Bis zum Montag, 3. April, konnten Interessenten ihre Angebote einreichen. 23 potenzielle Projekte mit einer Kapazität von insgesamt 7500 Megawatt haben sich zunächst um 1550 Megawatt beworben.

Energie-Winde wird Sie in den kommenden Tagen mit umfassenden Hintergrundinformationen zu der Ausschreibung versorgen. Den Auftakt macht ein Blick ins europäische Ausland – denn andere Länder sind mit ihren Auktionen schon einen Schritt weiter. Allen voran die Niederlande. Als erste überhaupt in Europa haben sie sich schon 2012 von der EU-Kommission eine Ausschreibung von Offshore-Windparks und anderen Ökostromprojekten genehmigen lassen.

Den Brüsseler Beamten kam der Brief aus den Niederlanden gerade recht. Denn die Kommission spielte zu jener Zeit ohnehin gerade Modelle durch, um die Energiewende in Europa kostengünstiger zu gestalten. Unverhofft lieferte ihr Den Haag die Blaupause. 2014 erklärte die Kommission in ihren Umwelt- und Energiebeihilfeleitlinien wettbewerbliche Ausschreibungen nach dem Vorbild der Niederländer zum Zielmodell.

Die Dänen sind dem Beispiel fast parallel gefolgt und auch die deutschen Auktionen entsprechen dem Modell. Dagegen können die Ausschreibungen in Großbritannien nur mit viel gutem Willen als solche bezeichnet werden – und in Frankreich verdienen sie die Bezeichnung nicht. Energie-Winde fasst die Erfahrung dieser Länder zusammen.

Die stabilen Rahmenbedingungen in den Niederlanden erleichtern es Investoren, günstige Angebote abzugeben. Seit 2015 schreibt die Regierung in Den Haag jährlich Offshore-Windparks mit einer Kapazität von 700 Megawatt aus.

Die Vorreiter: Die Niederlande sind die ersten, die Offshore-Windparks unter den Hammer bringen

Die Niederländer beschlossen bereits 2011 einen radikalen Schwenk bei der Förderung erneuerbarer Energien, um die Kosten zu drücken. Statt die Vergütungssätze für jede produzierte Kilowattstunde Strom staatlich festzulegen, sollten die Unternehmen jeweils einen Preis bieten, zu dem sie bereit wären, ihre Projekte zu realisieren; das niedrigste Gebot würde gewinnen. Dieses neue, technologieübergreifende Ausschreibungssystem „SDE+“ hat die Regierung 2015 noch einmal modifiziert und um eine spezifische Auktion nur für Offshore-Windräder erweitert.

Zwischen 2015 und 2019 will sie jährlich zwei gleichgroße Nordsee-Windparks mit zusammen 700 Megawatt Leistung versteigern und so jeweils in etwa ein Kohlekraftwerk ersetzen. Der Staat übernimmt dabei die Genehmigung und die Entwicklung der Meeresflächen, misst die Windbedingungen und prüft die Umweltverträglichkeit des Baus.

Eine entscheidende Neuerung ist zudem, dass das Gesamtvolumen der Zuschüsse und das Auktionsergebnis nach oben gedeckelt sind. Für die Projekte, die im Zeitraum bis 2019 ausgeschrieben werden, will man insgesamt höchstens 18,6 Milliarden Euro ausgeben.

Die Ergebnisse der ersten Offshore-Wind-Auktionen in den Niederlanden können sich sehen lassen. Der dänische Energiekonzern Dong erhielt im Juli 2016 den Zuschlag für die Projekte Borssele 1 & 2 mit zusammen 700 Megawatt zum Preis von 7,27 Cent. Ende des Jahres setzte ein Konsortium um den Öl- und Gaskonzern Shell noch einen drauf und ergatterte sich Borssele 3 und 4 (ebenfalls 700 Megawatt) für gerade einmal 5,45 Cent. Das ist gut die Hälfte der rund zehn Cent, die deutsche Meereswindparks nach dem alten Vergütungssystem über einen Zeitraum von 20 Jahren im Schnitt erhalten.

Beachtlich an Borssele 3 & 4 ist nicht nur der niedrige Zuschlagspreis, sondern auch das geringe Gesamtniveau der Förderung. Die Betreiber erhalten die 5,45 Cent nur für rund 5,5 Milliarden Kilowattstunden Strom, folglich also 300 Millionen Euro. Die können sie über einen Zeitraum von 15 Jahren verteilen und immer nur dann in Anspruch nehmen, wenn die Strompreise an der Börse niedriger sind.

Die 300 Millionen Euro reichen bei Weitem nicht aus, um das milliardenteure Vorhaben zu finanzieren. Der größte Teil der Kosten muss also ohne staatliche Hilfe über Erlöse im Stromhandel gedeckt werden. Zu erwarten ist, dass die Fördermittel größtenteils in den ersten knapp acht Jahren fließen, bevor die Strompreise voraussichtlich wieder deutlich steigen und der Park ohne Förderung auskommt.

Die Dänen waren vor einem Vierteljahrhundert die ersten, die hier in Vindeby Windräder ins Meer gebaut haben. Die lange Erfahrung dürfte ihren Anteil daran haben, dass vor der dänischen Küste der Windpark mit der bislang günstigsten Einspeisevergütung entsteht: 4,9 Cent je Kilowattstunde.

Die Preisbrecher: In Dänemark baut Vattenfall einen Offshore-Windpark für 4,9 Cent je Kilowattstunde

Aufsehen erregte das Auktionsergebnis für den dänischen Ostsee-Windpark Kriegers Flak (600 Megawatt) Ende vergangenen Jahres. Hier konnte der schwedische Energieversorger Vattenfall mit 4,9 Cent die 5,45 Cent von Shell in Holland zur großen Überraschung aller noch einmal unterbieten. Auch das Fördervolumen ist ein ganzes Stück geringer mit rund 1,5 Milliarden Euro, verteilt auf 30 Milliarden Kilowattstunden Strom. Der Windpark soll Anfang des nächsten Jahrzehnts in Betrieb gehen.

Ihren ersten Offshore-Windpark schrieben die Dänen sogar schon vor den Niederländern aus. Im März 2015 ging Vattenfall als Sieger aus der Versteigerung von Horns Rev 3 mit 400 Megawatt Leistung hervor. Der Zuschlagspreis betrug 10,3 Cent je Kilowattstunde, bei einem Fördervolumen von 20 Milliarden Kilowattstunden respektive 2,1 Milliarden Euro. Das Kraftwerk soll Anfang 2020 in Betrieb gehen, in unmittelbarer Nachbarschaft der beiden deutschen Nordsee-Windparks DanTysk und Sandbank, an denen Vattenfall beteiligt ist.

Auch die Ausschreibungen für die beiden küstennahen, dänischen Projekte Versterhav Nord und Vesterhav Syd mit zusammen 350 Megawatt in der Nordsee konnte Vattenfall gewinnen, und zwar für etwa 6,4 Cent. Bis 2050 will Dänemark jedes Jahr einen Offshore-Windpark mit 400 Megawatt bauen, um seine Klimaziele zu erreichen.

Nirgendwo wird so viel Strom aus Offshore-Windkraft erzeugt wie in Großbritannien. Die Ausschreibung der Windparks entspricht allerdings nicht den Standards, die von der EU-Kommission gefordert werden.

Die Außenseiter: Den Auktionen in Großbritannien und Frankreich fehlt echter Wettbewerb

Offiziell fanden auch in Frankreich und Großbritannien bereits Ausschreibungen statt. Streng genommen erfüllen sie jedoch nicht die Anforderungen und werden deshalb von Experten oft nicht dazugezählt. Die Briten bezuschlagten 2014 in einer ersten, technologieübergreifenden Auktion die Windparks Walney Extension, Dudgeon, Hornsea One, Burbo Bank Extension und Beatrice mit insgesamt 3140 Megawatt und in einer zweiten East Anglia One und Neart na Gaoithe mit insgesamt 1162 Megawatt. Allerdings war dabei die Zahl der Bieter gering, die Förderung nicht mengenmäßig begrenzt und teilweise vom Staat festgelegt. Die Zuschlagspreise von 14 oder 15 Cent sind zudem vergleichsweise hoch.

Die französische Auktion gilt vor allem deshalb nicht als echter Wettbewerb, weil dabei ein hoher Anteil inländischer Wertschöpfung vorgeschrieben war und daher bisher ausschließlich französische Unternehmen zum Zug kamen. Das brachte deutsche Projektentwickler und Anlagenhersteller auf die Barrikaden. Letztlich zählt in Paris allerdings nicht unbedingt der günstigste Preis, vielmehr hat der Wirtschaftsminister das letzte Wort – und der trifft seine Entscheidungen eher aus industriepolitischem Kalkül. Bislang hat die EU die französischen Auktionen auch nicht genehmigt.

Volker Kühn
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