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Thema Wind und Wende

10. Apr. 18

Ausgekohlt: Strukturwandel im Revier

Was dem Rheinischen Revier noch bevorsteht, erlebt die Region um Aachen seit mehr als 20 Jahren: den schmerzhaften Abschied von der Kohle. Ein Ortsbesuch zeigt, dass der Strukturwandel vor allem eins braucht: viel Zeit

Der Steiger: Fritz Ebbert, Jahrgang 1930, vermisst das bewegte Bergmannsleben: „Das war ein Schieben, ein Stoßen, ein Lärmen, ein Hupen, tags wie nachts.“

Von Timour Chafik

Wer wissen möchte, welche Stimme Kohle hat, der sollte Friedrich „Fritz“ Ebbert gut zuhören. Ebbert, Jahrgang 1930, geboren in Oberhausen, ordentlich rheinischer Einschlag in der Stimme, ehemaliger Steiger. Das sind die, die die Aufsicht über ihre unterstellten Bergleute hatten. Das sind auch die, die im Steigerlied besungen werden:

„Glück auf, Glück auf,
der Steiger kommt.
Und er hat sein helles Licht bei der Nacht,
schon angezünd’t.“

Man hört das manchmal noch, auf Schalke. Oder auf Parteitagen der SPD. Ebbert hört man sagen: „Ich war in vierter Generation Bergmann. Wollte eigentlich Lehrer werden. Aber mein Vater sagte Bergbau.“ Man müsse den Realitäten eben ins Auge schauen, meint er.

Er tut das in Alsdorf, im Zentrum des limburgischen Kohlereviers, das sich von Belgien über die Niederlande bis in die Täler von Wurm und Inde nach Deutschland erstreckt.

Steinkohle wurde hier gefördert, wo die Straßen Schachtstraße, Flözstraße oder Bierstraße heißen und vom Willy-Brandt-Ring umschlossen werden. Wo der Förderturm der Zeche Anna ein wenig verloren von der Mitte des Anna-Platzes die Häuserdächer überragt und seinen Schatten auf Kaufland, dm-Drogeriemarkt, Deichmann und Kik wirft.

Von der Kohle geprägt: Alsdorf war ein Nest von 2500 Einwohnern, bevor der Abbau begann. Heute sind es 50.000. Doch Jobs für Bergleute gibt es hier schon lang nicht mehr. Die Stadt sucht eine neue Identität.

Was bleibt, wenn die Kohlezechen schließen? Der Strukturwandel ist im Aachener Revier überall präsent

Wunderbare Industrieromantikreste in rotbraunem Backstein. Kumpelnostalgie, denn gefördert wird hier schon lange nichts mehr. Das große Zechensterben der Sechziger und Siebziger ließ im Aachener Revier einzig die Gruben Anna in Alsdorf und Emil-Mayrisch in Aldenhoven-Siersdorf übrig.

Aus wirtschaftlichen Gründen wurden beide 1983 zusammengelegt, mit der Schließung von Emil-Mayrisch eine Woche vor Weihnachten 1992 endete auch in Alsdorf der Steinkohlenbergbau.

Der hatte einst die Stadt aufblühen lassen. Anna war 150 Jahre das Herz der Region. Samt Kokerei, Kraftwerk, Bahnhof, Werkstätten, Berufsschule und Kasino. Der Abbau endete endgültig 1997 mit der Schließung des nördlichsten Bergwerks, der Grube Sophia-Jacoba in Hückelhoven.

Darum ist Alsdorf im Aachener Revier ein guter Start, um zu sehen, was bleibt außer Bergehalden, Zechensiedlungen, Verwaltungsgebäuden, Wasser- und Fördertürmen. Das Aachener Revier ist der kleine Steinkohlebruder des Rheinischen Reviers, das sich westlich von Köln und südlich von Düsseldorf in die Kölner Bucht drückt.

Es ist Europas größtes Braunkohlefördergebiet, unterteilt in die Zülpicher und Jülicher Börde, die Erftniederung und die Ville. Hier heißen die Orte Merzenich, Nörvenich, Jülich und Linnich und die Gruben Fortuna-Garsdorf, Bergheim oder Zukunft-West. Nach derzeitiger Planung soll der Kohleabbau bis 2030 gesichert sein, Prognosen darüber hinaus sind schwierig.

Skywalk am Tagebau Garzweiler: Im Rheinischen Revier läuft die Braunkohleförderung noch. Ganze Ortschaften sind den Baggern schon zum Opfer gefallen. Von der Plattform bietet sich Besuchern ein eindrucksvoller Blick auf das gewaltige Loch.

150 Jahre Bergbau haben Alsdorf träge gemacht. Die Stadt war nie gezwungen, um Firmenansiedlungen zu werben

Ob Stein- oder Braunkohle, ob schon stillgelegt oder noch stillzulegen: Der Strukturwandel hatte und hat die Region fest im Griff. „Alsdorf war immer eine Arbeiterstadt, da gab es fast nichts anderes als Bergarbeiter – bevor der Bergbau kam, hatte die Stadt 2500 Einwohner, jetzt sind es knapp 50.000“, sagt Harald Richter, Geschäftsführer der Energeticon gGmbH, eines im ehemaligen Steinkohlenbergwerk Anna II ansässigen Dokumentationszentrums, das versucht, Energiewende mit Strukturwandel zu vermitteln.

„Klar herrschten 1992 erst einmal eine Schockstarre und große Ratlosigkeit – 150 Jahre Bergbau, das hat die Stadt träge gemacht, man war ja nie gezwungen, Firmen anzuwerben. Der Eschweiler Bergwerksverein hat Wohnungsbau betrieben, Sport und Kultur gefördert und unterstützt. Und auf einmal musste man sich selbst zu Markte tragen.“

Ein Zu-Markte-tragen, das gilt nicht nur für Alsdorf und nicht nur für das Aachener Revier. Der Report „Das Rheinische Revier von morgen – den Strukturwandel bestreiten“ des Thinktanks E3G beschreibt das nüchtern: „Die Braunkohleindustrie ist für das Rheinische Revier also eine wichtige und strukturprägende Branche. Dabei gerät sie jedoch zunehmend unter Druck und hat keine gesicherte Zukunftsperspektive in einer dekarbonisierten Wirtschaft", heißt es da.

Und weiter: „Die vormals starke Montanindustrie sieht sich unter zunehmendem wirtschaftlichen Druck und muss sich auf einen Transformationsprozess der regionalen Wertschöpfungsketten einstellen.“

Auch wenn Nordrhein-Westfalen eines der wenigen Bundesländer sei, die bereits ein Klimaschutzgesetz und einen Klimaschutzplan verabschiedet hätten, sähen sich Landes- und Kommunalpolitiker immer noch in einem Konflikt zwischen dem Erhalt herkömmlicher Wirtschaftszweige und der Etablierung moderner Branchen gefangen, so die Autoren.

Hält den Strukturwandel in Alsdorf insgesamt für gelungen: „Die Vorstellung, dass hier alle depressiv durch die Straßen zogen, ist grundfalsch“, sagt der frühere Steiger Dieter Macko.

Im Braunkohletagebau arbeiten 20.000 Menschen. Ihr Anteil an den sozialversicherungspflichtigen Jobs liegt im Promillebereich

„Die Vorstellung, dass hier alle nach 1992 depressiv durch die Straßen zogen, ist aber grundfalsch“, sagt Dieter Macko, ehemaliger Steiger wie Fritz Ebbert, Jahrgang 1942, seit seinem 13. Lebensjahr im Bergbau tätig. „In Alsdorf konnte eine sozialverträgliche Stilllegung stattfinden, nach dem Motto ,keiner fällt ins Bergfreie'.

Was so viel heißt: Keiner fällt ins Nichts, jeder kriegt woanders eine Arbeitsstelle angeboten, geht in Rente oder Vorruhestand. Das aber brauche Zeit, sagt Macko, gut und gern einen Vorlauf von zehn Jahren, um das sinnvoll planen und umsetzen zu können.

Ohnehin, so die Macher der Studie „Arbeitsplätze in Braunkohleregionen – Entwicklungen in der Lausitz, dem Mitteldeutschen und Rheinischen Revier“, im Juli 2017 vom Beratungsunternehmen Arepo Consult für die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen veröffentlicht, sei der Strukturwandel auch im Braunkohlesektor längst Tatsache.

Demnach bestünden in Braunkohletagebauen und -kraftwerken der allgemeinen Versorgung nur noch rund 20.000 direkte Arbeitsplätze, nach Angaben des Braunkohleverbandes DEBRIV sind es im von RWE betriebenen Rheinischen Revier weniger als 9000, im Mitteldeutschen Revier weniger als 2600 und in der Lausitz weniger als 7900.

„Damit liegt der Anteil der Beschäftigten in der Braunkohle an der gesamten sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung sowohl auf Bundesebene als auch in jedem betroffenen Bundesland (Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt) nur im Promillebereich“, heißt es weiter.

Die Kommunen gestalten den Strukturwandel mit viel Kreativität. Dennoch schmerzt der Verlust der Bergmannskultur

Doch auch ein Tausendstel hat seine Geschichte. Zum Beispiel die, dass jeder verlorene direkte Arbeitsplatz seine tatsächliche Wucht erst in der Familie, dem nicht mehr zu bezahlenden Eigenheimkredit, der verlorenen Kaufkraft entfaltet.

Vielleicht hat Alsdorf gelernt, den inzwischen eine Generation andauernden Strukturwandel zu bewältigen, ihn anzunehmen, mit ihm zu gestalten. Es habe nie eine so kreative Phase in der Stadt gegeben wie nach der Schließung der Grube 1992, sagt Harald Richter: „Jeder Gedanke, jede Idee, und mag sie noch so skurril sein, durfte gedacht und gesponnen werden.“

Und dann erst die Solidarität der Kommunen untereinander: „Die haben sich untergehakt, haben gemeinsam um Fördermittel für den Strukturwandel gekämpft – mit Erfolg.“

Dennoch: Was bleibt, ist Stille. „Der Lärm, der fehlt mir heute“, sagt Fritz Ebbert. „Zeitweise war das hier Europas größte Kokerei und damit auch Europas größter Verschiebebahnhof – das war ein Schieben, ein Stoßen, ein Lärmen, ein Hupen, tags wie nachts.“ „Die Stadt war davon rhythmisiert“, sagt er.

Der Bergbau, so hart er auch gewesen sein mag, war überall, hatte dadurch auch etwas Behütendes und Verbindendes. „Er hat Leidens- und Arbeitsgemeinschaften geschaffen.“ Als das auf einmal weg war, sagt er dann noch, da kam ihm das so vor, als verstumme die Stadt.

Volker Kühn
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