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Thema Wind und Wende

20. Sep. 16

Scharfer Wind aus Fernost

Deutschlands Solarpioniere sind reihenweise vor der Konkurrenz aus China in die Knie gegangen. Auch in der Windkraft zittert so mancher. Doch die Branche scheint gewappnet zu sein – derzeit zumindest.

Dank günstiger Produktionsbedingungen und staatlicher Hilfen haben Hersteller aus Südostasien binnen weniger Jahre die Führung auf dem Weltmarkt erobert.

Von Heimo Fischer

Als die Bundesregierung zur Jahrtausendwende die Energiewende einleitet, bricht für die Solarbranche ein neues Zeitalter an. Reihenweise wachsen Fabriken aus dem Boden, sie entwickeln und bauen Zellen, bringen Module und Wechselrichter auf den Markt. Landauf, landab planen Ingenieure und Handwerker Solarparks und auf immer mehr Hausdächern funkeln die blauen Anlagen in der Sonne.

Bald schon beschäftigt die neue Branche Tausende Mitarbeiter und bewegt Milliarden. Zehn Jahre dauert dieser Boom.

Doch als Konkurrenten aus Asien das Geschäft erobern und die Bundesregierung den Ausbau begrenzt, bricht der Markt zusammen. Dutzende Unternehmen rutschen in die Pleite. Der Solarboom erweist sich als Strohfeuer.

Die Windkraftindustrie verfolgt diesen Niedergang mit Sorge. Kann sich das Drama bei ihr wiederholen?

Beide Branchen verbindet schließlich viel. Wie die Solarenergie bildet die Windkraft eine Säule der Energiewende. Genau wie sie profitierte sie über viele Jahre von verlässlichen Einnahmen aus dem EEG. Doch jetzt bremst die Bundesregierung den Zubau. „Die deutsche Windbranche werden die Veränderungen ebenfalls treffen“, sagt Eicke Weber, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg.

Ein Niedergang wie in der Solarbranche wäre katastrophal. Vor fünf Jahren flossen in Deutschland noch 20 Milliarden Euro in den Ausbau der Photovoltaik, wie Zahlen des Wirtschaftsministeriums zeigen. Dann ging es steil bergab: Vergangenes Jahr wurden nur noch 1,5 Milliarden Euro in neue Anlagen investiert. Das ist lediglich ein Zehntel der Gesamtinvestitionen in erneuerbare Energien – im Jahr 2010 lag der Anteil noch bei über zwei Dritteln.

Der Solarboom in Deutschland ist längst abgeebbt. Für Hausbesitzer lohnt es sich immer seltener, Anlangen auf dem eigenen Dach zu installieren.

Für die Windkraft brechen unbequeme Zeiten an

Von einem derartigen Absturz ist in die Windkraft derzeit weit entfernt. Zwar gingen 2015 die Investitionen in Erzeugungsanlagen an Land und See leicht zurück. Sie liegen aber noch immer bei fast zehn Milliarden Euro. Das ist drei Mal so viel wie 2010. Der Bau von Windrädern machte im vergangenen Jahr rund zwei Drittel aller Investitionen für Ökostromanlagen in Deutschland aus.

Für die Windindustrie brechen dennoch unbequeme Zeiten an. Denn in Zukunft wird die Menge des Zubaus über Ausschreibungen geregelt. Eine Einspeisevergütung gibt es damit nicht mehr in automatisch planbarer Höhe. Das neue System bringt zudem Vorlaufkosten mit sich und das Risiko, keinen Zuschlag zu erhalten.

„Das wird nach unserer Einschätzung für einige Marktteilnehmer schwer zu bewältigen sein“, sagt Rainer Heinsohn von PNE Wind, einem Windparkprojektierer aus Cuxhaven. Eine Neuordnung der Branche schließt er deshalb nicht aus.

Doch noch ist Zeit. Denn das Ausschreibungsmodell wird sich erst in einigen Jahren voll auswirken. Wer bis 2016 eine Genehmigung für seinen neuen Windpark hat und ihn bis 2020 in Betrieb nimmt, der profitiert noch von den günstigeren Bestimmungen des alten EEG.

Deshalb herrscht in der Windbranche derzeit eine kleine Sonderkonjunktur. Schnell werden noch Flächen ausgewiesen und Windparks geplant. Nach Zahlen des Bundesverbandes der Windenergie (BWE) wurden im ersten Halbjahr an Land 73 Prozent mehr Windkraftleistung zugebaut als im Vorjahreszeitraum.

Länder wie Indien und China drängen nach der Solarbranche immer stärker auch in die Windkraft. Sie soll ihnen helfen, die Abhängigkeit von fossilen Energien zu überwinden.

Die Erneuerbaren boomen – vor allem außerhalb Deutschlands

Freude kommt in der Branche deshalb aber nicht auf. Dafür ist die Zukunft zu ungewiss. Für die Zeit nach 2018 seien kaum Prognosen möglich, sagt BWE-Präsident Hermann Albers. „Die beiden Übergangsjahre kaschieren die Wirklichkeit, was die Zahl der Akteure und die Erreichung der Energiewende angeht.“

Zumindest in Deutschland. Denn auf dem globalen Markt sieht Albers gute Chancen. Immerhin sind die Erzeugungskosten der Windkraft an Land dank neuer Technik in den vergangenen Jahren stark gefallen und können mit Kohle und Gas mithalten. „Der weltweite Siegeszug der preiswerten Windenergie ist nicht mehr aufzuhalten“, sagt Albers.

Ein Beispiel dafür ist China. Meldungen zufolge will die Volksrepublik allein in diesem Jahr Anlagen mit einer Leistung von mindestens 20 Gigawatt errichten. Das entspricht der Hälfte des deutschen Gesamtbestands. Aber auch Indien und die USA gelten als Zukunftsmärkte für Windanlagenbauer.

Mit anderen Worten: Der Markt wird wachsen – aber nicht in Deutschland.

Wer international mithalten will, bündelt deshalb seine Kräfte. Siemens übernimmt derzeit den spanischen Rivalen Gamesa. Das Hamburger Unternehmen Nordex geht mit dem italienischen Wettbewerber Acciona Windpower zusammen. Der Friedrichshafener Technikkonzern ZF kaufte eine Sparte von Bosch Rexroth, um sein Geschäft mit Windantriebstechnik auszubauen.

Analyst Fechner beobachtet die Entwicklung nicht ohne Sorge. „In Teilen der Windbranche geht es jetzt um Größe“, sagt er. Damit steige die Gefahr, dass sich Unternehmen an einer Übernahme verheben.

Solarzellenhersteller schreiben Milliarden ab

Auch die deutsche Solarbranche hatte Mitte der 2000er-Jahre auf Übernahmen gesetzt. Große Konzerne wie Bosch investierten Milliarden – zum Beispiel in den Thüringer Solarzellenhersteller Ersol. Doch Größe zahlte sich nicht aus. Wenige Jahre später musste Bosch aus der Solartechnik aussteigen und einen großen Teil der Investitionen abschreiben.

Ein Grund dafür war die erdrückende Konkurrenz aus China. Die Regierung in Peking hatte auf die Solarwirtschaft als Zukunftstechnologie gesetzt. Während die Deutschen die Erzeugung von Sonnenstrom förderten, wählte die Volksrepublik einen anderen Weg „China hat Hersteller von Solaranlagen direkt unterstützt“, sagt Eicke Weber vom ISE. Der Staat garantierte für Kredite über schätzungsweise 50 Milliarden Dollar.

In der Folge entstanden riesige Solarfabriken in China, die günstig produzieren konnten und den Markt mit billigen Produkten überfluteten. Ab 2011 warfen immer mehr deutsche Hersteller das Handtuch. Der einst weltgrößte Solarzellenhersteller Q-Cells in Bitterfeld meldete Insolvenz an. Das Unternehmen Conergy konnte ebenfalls seine Schulden nicht mehr bezahlen.

Die Krise erfasst auch Hersteller von Solarthermie wie den Erlanger Produzenten Solar Millenium. Als eines der wenigen deutschen Unternehmen ist der Modulbauer Solarworld übriggeblieben – mit nach wie vor erheblichen Problemen.

Die deutsche Solarindustrie hat sich nach der Jahrtausendwende rasant entwickelt. Sie beschäftigte Tausende von Mitarbeitern und bewegte Milliardensummen.

Erobert China jetzt auch den Markt für Windkraft?

Ob die Chinesen den deutschen Windmarkt genauso überrollen können, darf bezweifelt werden. „Dafür sind die Branchen zu unterschiedlich“, sagt ein Industrievertreter. Die Windanlagenbauer sind fest im deutschen Maschinenbau verankert, einer erfahrenen Branche, die seit Jahrzehnten technisches und betriebswirtschaftliches Wissen sammelt. Viele Solarunternehmen betraten hingegen technisches Neuland.

Dennoch scheint die Windindustrie nervös. Einige Branchenvertreter wollen sich nur schriftlich äußern, andere gar nicht. Erst vor Kurzem breitete sich Unruhe aus, als ein chinesischer Investor die Mehrheit an einem Windpark vor Helgoland kaufte. Der Preis soll bei 1,6 Milliarden Euro gelegen haben. Im Offshore-Bereich waren Chinesen bislang kaum in Erscheinung getreten.

Anders dagegen bei Windrädern für die Installation an Land, wo sie ganz vorn in der Branche mitspielen. 2015 waren fünf chinesische Anbieter unter den zehn weltgrößten Windanlagenherstellern. In Europa fassten sie bislang aber kaum Fuß. „Das hat zum einen damit zu tun, dass der technische Rückstand noch groß ist“, sagt ein Industrievertreter. Aber auch damit, dass sie die Windkraftanlagen im Heimatland benötigen, um ihre Ausbauziele zu erreichen.

Aber auch die EU will offensichtlich nicht, dass sich der Niedergang der Solarbranche in anderen Industriezweigen wiederholt. So weigerte sich das EU-Parlament im Frühjahr, China als Marktwirtschaft anzuerkennen. Für die Volksrepublik ist das ärgerlich, denn sie muss nun weiterhin hohe Zölle für Exporte nach Europa zahlen.
Es scheint, als halte die EU trotz aller Einschnitte ihre schützende Hand über die Branche. Dadurch könnte den Windunternehmen das Schicksal der Solarbranche erspart bleiben.

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