Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Wind und Wende

04. Apr. 17

Offshore-Windparks erhalten in Deutschland bislang eine Einspeisevergütung von durchschnittlich zehn Cent je Kilowattstunde.

Gib mir fünf

Mit Spannung wird das Ergebnis der Auktion von Lizenzen für Offshore-Windparks erwartet. Ein Preissturz wie im Ausland gilt als wahrscheinlich. Mancher Investor dürfte echte Kampfpreise geboten haben.

Von Steven Hanke

Die Fachleute im Bundeswirtschaftsministerium staunten ungläubig über Deutschlands Nachbarn. Mit einem solchen Preissturz, wie ihn die Niederlande und Dänemark im vergangenen Jahr als Ergebnis ihrer ersten Auktionen von Offshore-Windparks meldeten, hatte kaum jemand gerechnet. Die 4,9 Cent je produzierter Kilowattstunde, die der dänische Ostsee-Windpark Kriegers Flak erhält, entsprechen schließlich nicht einmal der Hälfte dessen, was deutsche Offshore-Windparks im Schnitt über 20 Jahre hinweg kassieren. „Die Zuschlagspreise in Holland und Dänemark waren doch überraschend niedrig“, sagt Karin Freier, Referatsleiterin im Bundeswirtschaftsministerium.

Offshore-Windparks erhalten in Deutschland bislang eine Einspeisevergütung von durchschnittlich zehn Cent je Kilowattstunde.

Das Ministerium hat deshalb das Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos AG beauftragt, der Sache auf den Grund zu gehen. Es sollte vor allem zwei Fragen en détail klären: Wie kommen solche Preise zustande? Und sind sie auch in Deutschland denkbar? Schließlich läuft auch hierzulande die erste Versteigerung von Lizenzen für Offshore-Windparks.

Die Studie von Prognos ist noch ein gut gehütetes Geheimnis, doch Energie-Winde hat bereits Antworten auf die beiden Fragen.

Erstens: Die Zuschlagswerte liegen der Studie zufolge größtenteils unterhalb der Kosten, zu denen der Strom überhaupt erzeugt werden kann, wie Referatsleiterin Freier auf Anfrage bestätigt. Die Investoren nehmen bei den gegenwärtigen Rahmenbedingungen also Verluste in Kauf, aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht ergeben die Gebote zunächst keinen Sinn. Das heißt, dass sie strategischer Natur sein müssen – es geht den Investoren um langfristige Ziele.

Zweitens: Ähnliche Preise sind auch hierzulande denkbar. „Ich vermute, dass wir in Deutschland Auktionsergebnisse unterhalb unserer Kostenschätzung von sieben Cent sehen werden“, erklärte Frank Peter von Prognos, der als Co-Autor an der Studie beteiligt war, gegenüber Energie-Winde.

Frank Peter ist Co-Autor einer Studie der Prognos AG für das Bundeswirtschaftsministerium. Er rechnet mit Geboten unter sieben Cent je Kilowattstunde.

Die Erzeugungskosten liegen bei sieben Cent je Kilowattstunde. Trotzdem werden Gebote unterhalb dieser Marke erwartet

„Wenn einige Bieter strategisch agieren, könnte es sogar weit unter die Sieben gehen“, ergänzte Peter. Das sei „sehr wahrscheinlich möglich“, falls die Bieter hohes Risiko eingingen und die finanzielle Reserve für ungeplante Ereignisse während der Installation sowie ihre Eigenkapitalquote kleinhielten. Zudem müssten sie unter anderem auf deutlich sinkende Turbinenpreise spekulieren und davon ausgehen, den Windpark nach dem Förderende noch fünf Jahre weiterbetreiben zu können.

Wenn die Bieter mit diesem Szenario kalkulieren, ist nicht auszuschließen, dass am Ende sogar eine Fünf vor dem Komma steht.

Die strategischen Gebote bergen aus volkswirtschaftlicher Sicht allerdings ein Risiko: Die Windparks, die bei der Auktion den Zuschlag erhalten, könnten am Ende gar nicht gebaut werden. Dann müssten die Auktionssieger zwar eine Strafe zahlen, doch die ist mitunter recht niedrig. Das mögliche Motiv hinter solchen Geboten ist klar: Konkurrenten könnten vom Markt ferngehalten werden. Allerdings würde ein solches Vorgehen den Wettbewerb verzerren und wäre womöglich rechtswidrig.

Dirk Briese vom Marktforscher Trendresearch hält es für möglich, dass Bieter mit Tiefstpreisen versuchen, andere vom Markt fernzuhalten.

Der rasante technische Fortschritt senkt die Kosten der Offshore-Windkraft. Turbinen und Fundamente werden günstiger

Ein entsprechendes Szenario beschreibt der Marktforscher Dirk Briese von Trendresearch: „Der Gebotswert kann auch niedriger sein als sieben Cent, wenn man Wettbewerber verdrängen und den Markt bereinigen möchte.“ Genau das sei zum Teil bei den letzten Ausschreibungen in Dänemark und Holland geschehen. „Wir glauben, dass man mit 4,9 Cent Kilowattstunde, selbst bei den Rahmenbedingungen dort, aus heutiger Sicht den Park nicht wirtschaftlich betreiben kann“, so Briese.

Unabhängig davon ist man sich in der Branche mittlerweile einig, dass die Preise künftig einstellig statt zweistellig sein werden. Wohin genau die Reise geht, ist schwer abzuschätzen. Die Bieter lassen sich naturgemäß vorab nicht in die Karten gucken. Hinweise liefert allerdings eine Umfrage, die jüngst auf einer Fachkonferenz zur Offshore-Windenergie in Hamburg durchgeführt wurde. Sechs Prozent der Teilnehmer, unter denen etliche Vertreter aus dem Bieterkreis waren, rechnen demnach mit einem Ergebnis von fünf bis sechs Cent. Weitere 16 Prozent glauben an sechs bis sieben Cent. Die übrigen erwarten ein Ergebnis zwischen sieben und neun Cent.

„Im Trend werden wir eine ähnlich starke Kostensenkung erfahren wie die Projekte in unseren Nachbarländern“, sagte Matthias Zelinger, energiepolitischer Sprecher des Herstellerverbandes VDMA, zu Energie-Winde. Deutlicher wird Marktforscher Briese: „Wir schätzen, dass es in Richtung sieben, acht Cent je Kilowattstunde gehen wird“, sagte er im Gespräch.

 Briese erregte kürzlich Aufsehen mit einer Kostenstudie, die der Redaktion vorliegt. Demzufolge hätte das Ostsee-Projekt Gennaker des Bremer Entwicklers WPD mit Kosten von 6,65 Cent je Kilowattstunde „als Ausgangsniveau eines typisch deutschen Offshore-Windparks“ in die Auktion gehen können. Er erfüllte aus einem formalen Grund allerdings nicht die strengen Zulassungskriterien der Regulierungsbehörde.

Ausgangspunkt jeder Preisprognose sind die tatsächlichen Kosten der Windstromproduktion auf See. Sie sind in den vergangenen Jahren rapide gesunken. Das ist unter anderem dem technischen Fortschritt bei Turbinen und Fundamenten zu verdanken. In Deutschland kommt man nach den Berechnungen von Prognos für das Ministerium realistischerweiseauf eine Größenordnung von durchschnittlich sieben Cent pro Kilowattstunde. Im Ausland landet man wegen günstigerer Standortbedingungen in Punkto Windverhältnisse, Meeresboden und Netzanbindung gut einen Cent darunter. 5,5 Cent sind an einem Superstandort möglich.

Windkraftanlagen in Dänemark: Dank günstigerer Standortbedingungen kann Offshore-Strom hier für rund einen Cent weniger produziert werden als in Deutschland.

Wenn 2022 das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet wird, könnten die Strompreise steigen. Darauf spekulieren jedenfalls einige Bieter

Die sehr niedrigen Zuschlagspreise im Ausland spiegeln das Kostenbild also sehr wahrscheinlich nicht wieder, sagt Peter von Prognos. Die niederländischen Borssele-Projekte mit 7,3 beziehungsweise 5,5 Cent liegen seiner Ansicht nach noch im Kostenrahmen. Bei Kriegers Flak mit einem realen, inflationsbereinigten Zuschlagswert von 4,2 bis 4,3 Cent bleibt hingegen eine Erklärungslücke von gut einem Cent übrig.

Die Kosten allein sagen aber noch nichts darüber aus, wo am Ende die Gebote landen werden. Viele andere Faktoren spielen eine Rolle. Dazu gehört, dass die Projektentwickler im Zuge des schleichenden Abschieds von Kohle- und Atomenergie langfristig auf deutlich steigende Strompreise spekulieren und deshalb glauben, mit weit weniger staatlicher Förderung auszukommen. Die Fördersysteme in den Niederlanden und Dänemark basieren auf solchen Annahmen und sind auf einen deutlich kürzeren Zeitraum von weniger als 15 Jahren angelegt als in Deutschland (20 Jahre). Hinzu kommt, dass sich die Betreiber genauso wie die dahinterstehenden Finanzinvestoren und Banken angesichts des härter werdenden Wettbewerbs mit deutlich kleineren Renditen zufriedengeben müssen.

Eon-Chef Johannes Teyssen ging bei der Auktion in den Niederlanden leer aus. Die Angebote der Konkurrenten nannte er ein „Zeichen des größten Übermuts“.

Viele Bieter sind dringend auf einen Zuschlag angewiesen und kalkulieren äußerst knapp – es ist eine Wette auf die Zukunft

In den deutschen Auktionen in diesem und im nächsten Jahr konkurrieren 23 Windparks mit mehr als 7000 Megawatt Gesamtleistung um eine ausgeschriebene Menge von 3100 Megawatt. Ein Großteil geht also leer aus. Viele Bieter sind aber händeringend auf einen Zuschlag angewiesen. Darunter sind einerseits hochspezialisierte kleine Projektentwickler wie British Windenergy, eine Tochter der insolventen deutschen Windreich AG, die kaum etwas anderes können oder je gemacht haben. Andererseits handelt es sich um große Energiekonzerne, die Offshore-Wind zum Ersatz für ihr schrumpfendes Geschäft mit fossilen Energien auserkoren haben. Ein Zuschlag würde ein Stück weit ihre Zukunft sichern. Deshalb kalkulieren sie ganz knapp und gehen Risiken ein.

Mit ihren Geboten schließen sie zum Teil Wetten auf die technische Entwicklung ab. Immerhin sind ihre Projekte erst für das nächste Jahrzehnt bestimmt. Sie preisen also technische Konfigurationen ein, die es noch gar nicht gibt. Ob die Rechnung aufgeht, ist offen. „Ich glaube, dass die meisten Wettbewerber, die jetzt die Auktionen gewonnen haben, sich noch nicht eingedeckt haben“, sagte Eon-Vorstandschef Johannes Teyssen, der bei Borssele das Nachsehen hatte. „Man muss sehr viel Mut haben, zu glauben, dass Siemens und Vestas ihre Angebotspreise so dramatisch senken“, erklärte er mit Blick auf die Turbinenpreise. Die Auktionsergebnisse für Borssele 3 & 4 seien ein „Zeichen des größten Übermuts“, darin sei eine „strategische Markteintrittsprämie“ eingepreist: Der in Borssele zum Zuge gekommene Ölkonzern Shell war bis dato nicht in der Offshore-Windkraft vertreten.

Iberdrola ist einer der Konzerne, die sich Hoffnungen auf einen Zuschlag machen können. Das Foto zeigt Bauteile des Windparks Wikinger, den der spanische Energieversorger in der Ostsee baut.

Wer erhält den Zuschlag? Zur Auktion zugelassen sind Investoren aus Deutschland, Dänemark, Spanien und Kanada

Einen Favoriten bei der ersten Versteigerung in Deutschland zu benennen, ist schwierig. Würde man allein der Kostenlogik folgen, so erhalten laut der Studie von Trendresearch die Windparks Ostseeschatz und Baltic Eagle in der Ostsee und Nordsee 3 und Godewind 4 einen Zuschlag. Freuen könnten sich Windreich, der spanische Energieversorger Iberdrola, der kanadische Investor Northland Power mit der RWE-Tochter Innogy und der dänische Konzern Dong Energy. Andere Analysten sehen indes das Projekt Kaskasi II von Innogy vorn, weil es schon sehr weit fortgeschritten ist. „Die Kosten werden aber nicht der entscheidende Punkt sein“, betont Marktforscher Briese noch einmal. „Der entscheidende Punkt wird das strategische Gebot sein.“

Die Frage sei, wer sich jetzt wie aufstellt, ob etwa Weltmarktführer Dong seine Marktanteilsstrategie fortfahren will. Und ob andere Bieter das erwarten und deshalb vielleicht umso aggressiver vorgehen, so Briese. Dong allein geht in Deutschland mit fünf Projekten und 1342 Megawatt Gesamtleistung an den Start, liegt damit aber nicht an der Spitze. Dort trohnt Vattenfall mit drei Windparks und 1680 Megawatt. Die Schweden haben mit Blick auf die Auktionen kurzerhand zwei Projekte mit zusammen 1168 Megawatt gekauft.

Mittel- bis langfristig werden sich die Auktionsergebnisse bei etwa fünf Cent einpendeln, aber wohl nicht darunter, glaubt die Mehrheit der Branchenexperten. „Ich glaube nicht, dass wir wirklich nachhaltig unter fünf Cent kommen“, sagt etwa Briese. Ohnehin sei man schon bei sieben oder acht Cent konkurrenzfähig zu den anderen, auch konventionellen Energieträgern. „Da muss auch gar nicht viel weiter heruntergegangen werden.“

Den Systemwechsel hin zu Ausschreibungen hält die Mehrheit grundsätzlich für richtig. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die ausgeschriebenen Mengen groß genug sind, der Wettbewerb funktioniert und die Projekte am Ende auch realisiert werden. Das wird man abwarten müssen.

Volker Kühn
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt