Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Wind und Wende

18. Okt. 16

So harmonisch wie auf diesem Foto aus der Nähe von Hannover ist das Nebeneinander von Windrädern und Kohlekraftwerken in der Realität nicht. Immer öfter müssen Windparks abgeschaltet werden, während fossile Energiequellen am Netz bleiben.

Ökostrom ausgebremst

Während die Netzbetreiber die Produktion von Ökostrom immer öfter drosseln, laufen Kohlekraftwerke im Dauerbetrieb. Das ist klimapolitisch absurd und treibt Kosten der Energiewende in die Höhe

So harmonisch wie auf diesem Foto aus der Nähe von Hannover ist das Nebeneinander von Windrädern und Kohlekraftwerken in der Realität nicht. Immer öfter müssen Windparks abgeschaltet werden, während fossile Energiequellen am Netz bleiben.

Von Volker Kühn

Mitte August im Offshore-Windpark Borkum Riffgrund 1, gut 50 Kilometer vor der ostfriesischen Küste. Trotz der laufenden Wartungsarbeiten drehen sich fast alle der 78 Windräder in der Sommerbrise. Zuverlässig schicken sie ihren Strom gen Festland, bei Volllast deckt die Leistung den Bedarf von rund 320.00 Haushalten.

Doch mit einem Mal ist Schluss. Die Rotoren kommen zum Stillstand, der Wind pfeift wirkungslos an ihnen vorbei.

„Vermutlich ist der Park abgeschaltet worden, weil zu viel Strom im Netz war”, sagt einer der Techniker aus den Wartungstrupps und zuckt resigniert die Achseln. Was soll er auch machen? Wenn der Netzbetreiber entscheidet, einzelne Stromerzeuger stillzulegen, um die Übertragungsstabilität nicht zu gefährden, sind diese machtlos.

Und das kommt immer häufiger vor. Mal trifft es Solarparks, mal Windräder an Land und manchmal eben Offshore-Windparks. Ob draußen auf See gerade nur ein laues Lüftchen weht oder ob beste Bedingungen herrschen, ist dem Netzbetreiber egal. Er muss einzig und allein die Leitungen vor Überlastungen schützen. Denn die Stromversorgung von Haushalten und Unternehmen hat oberste Priorität.

So weit, so verständlich. Und doch gibt es ein Problem: Während saubere Windparks immer häufiger abgeschaltet werden, laufen viele schmutzige Kohlekraftwerke im Dauerbetrieb – ohne dass irgendjemand genau erklären könnte, warum das so ist.

Das ist nicht nur klimapolitisch absurd, sondern kommt die Privathaushalte auch teuer zu stehen. Denn zum einen führt der Stromüberschuss aus der Dauerproduktion von Kohlekraftwerken und der rasant gewachsenen Ökostromproduktion zu einem Preisverfall an der Strombörse. Weil der Gesetzgeber den Erzeugern sauberen Stroms allerdings einen festen Preis garantiert, der deutlich höher als der Börsenpreis liegt, steigt die EEG-Umlage – jener Betrag, mit dem die Verbraucher die Differenz zum Garantiepreis ausgleichen.

Zum anderen müssen auch die Besitzer der vom Netzbetreiber abgeschalteten Erzeuger entschädigt werden, schließlich liegt es nicht in ihrer Verantwortung, dass sie ihren Strom nicht in die Leitungen einspeisen können. Die Verbraucher zahlen gewissermaßen für Phantomstrom.

Der Ausbau der Netze kommt nur schleppend voran. Vor allem der Abtransport von Windstrom aus dem Norden in die Verbrauchszentren im Süden und Westen der Republik stockt. Das Foto zeigt die Verlegung eines Erdkabels auf einer Baustelle von Amprion in Nordrhein-Westfalen.

Mehr Ökostrom gleich höhere Umlage? Die Formel stimmt so nicht. Kohlekraftwerke tragen mindestens genauso dazu bei

Wie dramatisch die Situation ist, belegt eine aktuelle Untersuchung der Bundesnetzagentur zur Stabilität der Stromnetze. Demnach hat die Zahl der Abschaltungen von Windparks in jüngster Zeit drastisch zugenommen. Allein 2015 musste die Produktion von Ökostromanlagen um 4722 Gigawattstunden reduziert werden. Das ist drei Mal so viel wie 2014. 2013 trat das Problem praktisch gar nicht auf. Die Kosten für die Abschaltungen sind gewaltig: Im vergangenen Jahr mussten die Netzbetreiber den Ökostromproduzenten gut 480 Millionen Euro ersetzen. Geld, das sie sich über die EEG-Umlage von den Verbrauchern zurückholten.

Denn zum einen sind es die Engpässe in den Stromautobahnen nach Süden, die die wachsende Zahl der Abschaltungen nötig macht: Wären die Netze besser ausgebaut, könnte der Strom leichter abtransportiert werden. Und zum anderen tragen auch die fossilen Energieträger Schuld an der Situation: Würden sie häufiger vom Netz gehen, käme es seltener zu Notabschaltungen von erneuerbaren Stromquellen.

Entsprechend verärgert reagiert Robert Habeck, der grüne Umweltminister von Schleswig-Holstein: „Strom aus erneuerbaren Energien abzuschalten, statt ihn zu nutzen ist absurd. Zumal wenn Kohle- und Atomstrom weiter fließen und die Netze verstopfen.”

In der Öffentlichkeit ist der Schuldige für den Anstieg der Umlage oft schnell gefunden: Verantwortlich sei der zu schnelle Ausbau der erneuerbaren Energien. Und tatsächlich verschärft die geballte Konzentration von Windkraftanlagen vor allem im Norden die Situation. Doch die Gleichung, wonach mehr Ökostrom automatisch Probleme, stimmt so nicht.

Die vier Netzbetreiber in Deutschland.

Kohlekraftwerke sind zu unflexibel, um kurzfristig vom Netz zu gehen. Stattdessen müssen oft Ökostromanlagen abgeschaltet werden

Verantwortlich für die überregionalen Stromnetze in Deutschland sind vier Betreiber:

  • das niederländische Unternehmen Tennet,
  • die frühere RWE-Tochter Amprion,
  • das belgisch-australische Unternehmen 50Hertz,
  • die 100-prozentige EnBW-Tocher TransnetBW.

Sie alle kämpfen mit einem Problem: der fehlenden Flexibilität von Kohle- und Kernkraftwerken. Die Anlagen brauchen schlicht zu lang, um herunter- oder wieder hochgefahren zu werden. Das allerdings führt dazu, dass die Betreiber sie selbst in Zeiten, in denen der Strompreis ins Negative fällt – in denen sie also für den von ihnen eingespeisten Strom zahlen müssen – weiter am Netz lassen.

Wie das Beratungsunternehmen Consentec festgestellt hat, fahren die Betreiber fossiler Kraftwerke die Produktion in solchen Situationen zwar etwas herunter. Aber eben nicht vollständig. Das sei nur in einem kleinen Teil der Fälle klar zu begründen, weil es über den Verkauf an der Börse hinaus weitere Einnahmequellen gibt – etwa bei Kraftwerken, die für plötzliche Spannungsabfälle in Reserve gehalten werden, oder die Industriebetriebe nicht nur mit Strom, sondern auch mit Dampf oder Wärme beliefern.

Für viele quasi pausenlos laufende Kohlekraftwerke gilt das allerdings nicht. Sie produzieren offenbar vor allem deshalb weiter, weil das Herunterfahren die Anlagen verschleißen würde und sich deshalb betriebswirtschaftlich nicht lohnt.

Die Bundesregierung reagiert, mit dem Problem konfrontiert, mit einer erstaunlichen Ahnungslosigkeit. Die Betreiber konventioneller Kraftwerke hätten „unterschiedliche Beweggründe”, ihre Anlagen nicht vom Netz zu nehmen, heißt es aus dem Bundeswirtschaftsministerium auf eine aktuelle Anfrage der Grünen im Bundestag. Detaillierte Informationen lägen nicht vor. Erst im kommenden Jahr soll ein Bericht der Bundesnetzagentur das Problem endlich genauer erklären.

Es dürfte also durchaus noch häufiger vorkommen, dass die Rotoren der Windparks draußen auf See stillstehen, selbst wenn beste äußere Bedingungen herrschen.

Larissa Dieckhoff
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt