Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Wind und Wende

14. Jun. 16

Das geplante Siemens-Turbinenwerk aus der Luftperspektive und die Stadt Cuxhaven im Hintergrund.

Megafrust statt Megawatt

Die Offshore-Windkraft hat das verschlafene Cuxhaven zur Boomtown gemacht, allein Siemens investiert 200 Millionen Euro. Doch die EEG-Reform gefährdet den Aufschwung. Besuch einer verunsicherten Stadt.

Für Oberbürgermeister Ulrich Getsch (links) soll das Turbinenwerk der Jobmotor von Cuxhaven sein. Für Siemens-Projektleiter Thorsten Granzow ist es ein Schritt auf dem Weg von der Manufaktur zur Serienfertigung in der Offshore-Windkraft.

Von Claus Gorgs

Die Zukunft in Cuxhaven ist so laut, dass Thorsten Granzow fast schreien muss. „Wir werden unsere gesamten Offshore-Aktivitäten hier bündeln“, sagt der Siemens-Manager, während wenige Meter hinter ihm Europas größte Pfahlramme 26 Meter tiefe Löcher in den weichen Boden hämmert.

Jeder Schlag lässt das Gelände erzittern, das so groß ist wie 24 Fußballfelder. 1800 Betonpfähle werden es am Ende sein, auf denen in wenigen Monaten eine Fabrik für Windkraftturbinen zum Einsatz auf hoher See stehen wird – der erste Neubau eines Siemens-Werks in Deutschland seit 25 Jahren. „Wenn wir die volle Auslastung erreicht haben“, so Granzow, „werden hier zirka 1000 Mitarbeiter beschäftigt sein.“

Ja, wenn.

Granzow, weißes Hemd, perfekt gebundene Krawatte, dunkler Anzug, ist Leiter des rund 200 Millionen Euro teuren Bauprojekts an der Elbmündung. Er trägt einen weißen Schutzhelm mit Siemens-Schriftzug, seine Schuhe sehen aus, als wäre er die 20 Meter vom Auto bis zur von Betonmischern und Lastwagen durchpflügten Baustelle geschwebt.

Sein Job ist es, für einen perfekten Ablauf der Bauphase zu sorgen, danach übernimmt ein anderer Manager. Dass man jetzt, Ende Mai, dem Zeitplan sogar um einige Tage voraus ist, freut ihn sichtlich. „Die Windkraftbranche vollzieht gerade den Sprung von der Manufaktur zur Serienfertigung“, sagt Granzow. Am Ende dieses Prozesses will Siemens der effizienteste Windradhersteller der Welt sein und die verschiedenen Modelle in spezialisierten Werken bauen, so wie Mercedes die C-Klasse in Bremen produziert und die E-Klasse in Sindelfingen. Wo der Standort liegt, ist im Grunde egal, Hauptsache die Rahmenbedingungen stimmen.

Die Stadt Cuxhaven hat viel dafür getan, dass die Rahmenbedingungen stimmen für Investoren wie Siemens – namentlich der Mann, der jetzt neben Granzow im Sand steht. Ulrich Getsch hat eine tiefe, raue Stimme, den obersten Hemdknopf trägt er offen, der Krawattenknoten hängt einige Zentimeter tiefer. Einen Schutzhelm hat er nicht auf und breitschultrig wie er ist, wirkt er, als würde er auch keinen brauchen.

Für den Oberbürgermeister der Kreisstadt ist der Zuschlag für das Turbinenwerk der größte politische Erfolg seiner Karriere, die Krönung seines Ziels, das verschlafene Nordseebad zum Zentrum der deutschen Offshore-Industrie zu machen. „Als Siemens sich für Cuxhaven entschieden hat, ist ein Ruck durch die Stadt gegangen“, sagt der 66-Jährige. Von da an hätten seine von Natur aus eher skeptischen Bürger zum ersten Mal wirklich geglaubt, dass er wahr werden könnte, der Traum vom Wohlstand aus Wind.

Bis die Bundesregierung vor wenigen Wochen die Spielregeln änderte. Wieder einmal. Seither herrscht Verunsicherung an der Nordsee. „Ich sehe das mit Sorge“, sagt Getsch.

Kummer sind sie gewohnt in Cuxhaven. Jahrzehntelang fanden sie kein Mittel gegen den Niedergang von Fischerei und Werftindustrie. Nach der Wiedervereinigung blieben dann auch noch die Touristen weg, weil die Seebäder an der mecklenburgischen Ostsee schicker waren und immer Wasser hatten, nie Watt. Dann kam die Energiewende – und mit ihr ein neues Geschäftsmodell: Offshore-Windkraft. Megawatt.

Seit 2006 ist die Stadt wieder im Aufwind: Rund 300 Millionen Euro sind seither in den neuen Tiefwasserhafen geflossen, in Kaianlagen und Gewerbeflächen. Weitere 250 Millionen sollen in den kommenden Jahren folgen, im Wesentlichen finanziert vom Land Niedersachsen. Die Strategie, ideale Bedingungen zu schaffen für Firmen, die ihr Geld mit Windkraftwerken in der Nordsee verdienen, ist aufgegangen.

An der Küste abseits der Badestrände reihen sich die Offshore-Firmen aneinander wie Perlen auf einer Schnur: Ambau, ein Hersteller von Türmen und Plattformen für Windräder etwa oder Otto Wulff, ein Betreiber von Schwerlast-Spezialschiffen.

Und jetzt sogar Siemens, der Weltmarktführer bei Offshore-Windanlagen. 1000 neue Arbeitsplätze. Plus etwa 600 weitere bei Zulieferern, die sich rings um das neue Turbinenwerk ansiedeln sollen. So war der Plan.

Auf einer Fläche von 24 Fußballfeldern sollen im neuen Cuxhavener Werk bis zu 1000 Angestellte Maschinenhäuser von Offshore-Windrädern bauen. Geplanter Produktionsstart ist Ende 2017. Experten bezweifeln allerdings, dass sich die 200 Millionen Euro Investitionskosten angesichts der reduzierten Ausbauziele lohnen.

Wie die EEG-Reform die Stadt durchrüttelt

Und dann das: Ende Mai beschloss das Bundeskabinett, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zu ändern, zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren. Schon im ersten Schritt 2014 waren die Ausbauziele für Offshore-Windkraft um 40 Prozent beschnitten worden, nun werden zusätzlich noch die Ausschreibungsbedingungen verschärft. Den Zuschlag für einen neuen Windpark soll künftig der Anbieter erhalten, der mit der geringsten Fördersumme auskommt.

Das ist gut für die Stromkunden, weil der Strompreis nicht mehr so stark steigt. Aber schlecht für die mittelständischen Zulieferer in Cuxhaven, weil die großen Hersteller versuchen werden, um jeden Preis die Kosten zu drücken. „Die gesamte Konkurrenzsituation wird sich verändern“, sagt Hans-Joachim Stietzel, Leiter der Agentur für Wirtschaftsförderung Cuxhaven. „Kleinere Unternehmen werden sich Partner suchen müssen.“

Hintergrund der Gesetzesnovelle sind die ausufernden Kosten für den subventionierten Ökostrom. Zudem werden die geplanten Stromautobahnen aus dem windreichen Norden in die industriellen Zentren in West- und Süddeutschland später fertig als geplant, sodass der Windstrom nicht wie geplant abfließen kann. Bei den Windrädern an Land wird der Ausbau noch drastischer gekürzt – ironischerweise am meisten dort, wo der Wind am stärksten weht.

„Wenn das Gesetz so kommt, wird das Wachstum der Offshore-Branche nicht so stark werden wie erwartet“, sagt Heiko Messerschmidt von der IG Metall Küste. „Wir befragen gerade unsere Betriebsräte, wie sie die wirtschaftliche Situation in ihren Betrieben sehen. Viele erwarten sogar einen Rückgang der Produktion und machen sich Sorgen.“

Megafrust statt Megawatt.

Was es heißt, wenn sich die politischen Rahmenbedingungen plötzlich ändern, hat die Stadt schließlich schon einmal durchlebt: 2013 schlitterte Cuxhaven Steel Construction in die Pleite, eine Tochter des Windpioniers Bard. Neben hausgemachten Schwierigkeiten lag das nicht zuletzt an der vom damaligen Bundesumweltminister Peter Altmaier angestoßenen Strompreisbremse, die die ausufernden Kosten der Energiewende eindämmen sollte. Auch wenn sie nie realisiert wurde, verunsicherte schon die Diskussion darüber die Investoren schwer. Sie legten ihre Projekte auf Eis, bundesweit gerieten Windkraft-Zulieferer in Schieflage.

Mehr dazu in unserem Artikel Wellen-Geschäft.

 

Zeremonie für eine ungewisse Zukunft: Siemens-Manager und Politiker beim ersten Spatenstich am 13. Juni in Cuxhaven. Die Politik hat hinter den Kulissen viel Druck aufgebaut, damit Siemens sein neues Werk in Deutschland und nicht im Ausland baut. Doch nun gefährdet die EEG-Reform die Auslastung des Großprojekts.

„Wir hätten uns einen größeren deutschen Markt gewünscht“, erklärt Siemens

Für Siemens-Manager Granzow steht fest: „Das Werk in Cuxhaven kommt auf jeden Fall. Wir produzieren hier für den internationalen Markt, davon ist Deutschland nur ein Teil. Aber wir hätten uns ganz klar einen größeren deutschen Markt gewünscht.“ Das Gesetz sieht einen Zuwachs von jährlich 730 Megawatt beim Offshore-Windstrom bis 2030 vor.

Das entspricht etwa 100 Windturbinen der Größe, wie Siemens sie in Cuxhaven produzieren will. Damit könnte das neue Werk alle für Deutschland benötigten Hochsee-Windkraftanlagen im Alleingang bestücken – und wäre trotzdem längst nicht ausgelastet.

Sicher: Die Windenergiesparte des Münchner Konzerns hat bereits drei Großaufträge aus Großbritannien in den Büchern, deren Auslieferung Ende 2017 beginnen soll. Allein auf den deutschen Markt ist das Werk also nicht angewiesen. Doch Experten bezweifeln, dass sich die Investition mit den reduzierten Ausbauzielen noch rechnet. Angeblich haben Siemens-Manager in Berlin sehr deutlich ihrem Unmut darüber Luft gemacht, dass die Regierung sie zunächst zu einer Investition in Deutschland drängte – und dann im Regen stehen ließ. Offiziell bestätigt wird das von Siemens nicht. Aber auch nicht bestritten.

„Wer eine Technologie fördern will, darf sie nicht beschränken“, sagt Thomas Ahme, stellvertretender Vorsitzender des Siemens-Betriebsrats in Hamburg und zuständig für den künftige Standort Cuxhaven. „So ein Werk braucht ausreichende Stückzahlen, um rentabel zu sein. Eine Mengenbeschränkung ist für uns ein Problem. Und ja, das kann Auswirkungen auf Arbeitsplätze haben.“ Für konkrete Zahlen sei es allerdings zu früh.

Was die Verantwortlichen in Cuxhaven mehr als alles andere nervt, ist die Unsicherheit. „Dieses permanente Hin und Her erzeugt Misstrauen in der Bevölkerung“, sagt Wirtschaftsförderer Stietzel. „Und wenn die Menschen nicht daran glauben, dass Offshore-Energie nachhaltig ist, kommen vielleicht in Zukunft nicht mehr so viele hier her.“ Dabei braucht die Stadt Zuzug. Für das Werk. Für die Windkraft. Für den Wohlstand.

Das geplante Siemens-Turbinenwerk aus der Luftperspektive und die Stadt Cuxhaven im Hintergrund.

Nicht nur Berlin macht Cuxhaven das Leben schwer – auch London

Die Stadt tut einiges, um potenziellen Neubürgern das Leben an der Nordseeküste schmackhaft zu machen, von Qualifizierungsmaßnahmen für Windkraftexperten bis zur Hilfe bei der Wohnungssuche. „Wenn ihr wollt, bauen wir euch sogar eine energieeffiziente kleine Siemens-Stadt“, lacht Bürgermeister Getsch und sieht dabei aus, als würde er dem Siemens-Projektleiter neben ihm am liebsten kräftig auf die Schulter schlagen. „Könnt ihr haben, wird aber nicht billig.“ Granzow lässt das Angebot unkommentiert.

Die beiden sind ein ungleiches Duo, doch sie eint ein großes Ziel: Das Siemens-Offshore-Werk muss ein Erfolg werden, auch unter den erschwerten Bedingungen. Kein Mensch kann derzeit seriös sagen, ob die für 2019 geplante Vollauslastung mit 18 Schichten pro Woche jemals erreicht wird. Ob weitere Zulieferer nach Cuxhaven kommen, für die Getsch schon eine Industriefläche von weiteren 14 Fußballfeldern in direkter Nachbarschaft zum Siemens-Werk reserviert hat.

Und was mit den Aufträgen aus Großbritannien wird, sollte das Land tatsächlich für den Austritt aus der EU votieren. Kein Land in Europa baut derzeit mehr Offshore-Windanlagen. „Der Brexit macht mir noch größere Sorgen als die Entscheidungen in Berlin“, sagt das Stadtoberhaupt.

Sie haben nach Alternativen gesucht in Cuxhaven, das schon. „Wir wollen keine Monokultur“, sagt Wirtschaftsförderer Stietzel. Er war nah dran, einen Zulieferer für die Öl- und Gasindustrie in den Hafen zu locken, doch dann sackte der Ölpreis ab, der Plan zerschlug sich. Die Stadt kann mit ihrem gut ausgebauten Hafen punkten, doch für Unternehmen, die nicht auf die Lieferung von Schwerlastkomponenten auf dem Seeweg angewiesen sind, bietet der Standort kaum Vorteile. Die Bahn ins rund 120 Kilometer entfernte Hamburg, mit dessen Energiecluster die Niedersachsen kooperieren, braucht beinahe zwei Stunden; auf die Autobahnanbindung an die Hansestadt warten sie hier seit mehr als 20 Jahren.

Immerhin läuft der Tourismus wieder, die Übernachtungszahlen steigen, mehr als 3,3 Millionen zählten die Hotels und Pensionen 2015 – eine halbe Million mehr als noch vor zehn Jahren. In der Stadt wimmelt es von Fahrrädern, mehr 1000 radelnde Gäste kommen an guten Tagen, leerstehende Geschäfte gibt es kaum noch in der Stadt. Doch wie lange trägt der Aufwind? Mit der EEG-Novelle ist die Unsicherheit nach Cuxhaven zurückgekehrt.

Der ohrenbetäubende Lärm ist verstummt, die Pfahlramme hat ein Einsehen für heute. Es ist ein grauer Tag, Granzow und Getsch steigen in ihre Dienstwagen und brausen davon. Auf dem Nachbargelände schimmern gelbe Türme für Windkraftanlagen der Firma Ambau, irgendwo dahinter verschwimmt der Horizont. Wo die Welt endet und der Himmel beginnt, ist nicht wirklich zu erkennen.

Ricarda Schuller
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt