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Thema Wind und Wende

16. Sep. 16

„Wenn der deutsche Markt für Windenergie schrumpft, dann kann man nicht erwarten, dass die großen Unternehmen hierbleiben, Dafür braucht es staatliche Impulse”, sagt Eike Weber im Interview.

„Man muss Angst vor der Politik haben“

Die Reform des EEG drosselt den Ausbau der Erneuerbaren. Ein großer Fehler, warnt Energieexperte Eicke Weber: Deutschlands Klimaziele und sein technologischer Vorsprung seien in Gefahr.

„Das ist so, als hätte man in der Entstehungsphase der Autoindustrie den Bau von Straßen verhindert”: Eike Weber über die Reform des EEG.

Eicke Weber ist einer renommiertesten Experten für Sonnenenergie in Deutschland. Der 66-jährige Physiker leitet das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Den Niedergang der deutschen Solarwirtschaft führt er im Gespräche mit Energie-Winde auf politische Fehler zurück. Er fordert, die europäische Solar- und Windindustrie gezielt zu fördern.

Die jüngste EEG-Novelle soll die Wind- und Solarbranche in Deutschland an den Wettbewerb heranführen. Entsteht jetzt heilsame Konkurrenz?

Die erneuerbaren Energien in Deutschland sind längst wettbewerbsfähig. In den vergangenen zehn Jahren ist der Erzeugungspreis für Sonnenstrom und Windstrom an Land auf sieben Cent pro Kilowattstunde gefallen. Mit erneuerbaren Energien lässt sich also Strom zu ähnlichen Preisen erzeugen wie mit Kohle oder Gas.

Hat das EEG dann nicht seinen Sinn erfüllt?

Nur bis zur Reform von 2014. Jetzt drosselt das neue EEG den Zubau der Erneuerbaren in Deutschland. Wer zum Beispiel seinen erzeugten Solarstrom selbst verbraucht, muss künftig dafür bezahlen. Wer baut sich da noch eine Solaranlage aufs Dach? Dieser Irrweg schadet der jungen deutschen Solarbranche. Das ist so, als hätte man in der Entstehungsphase der Autoindustrie den Bau von Straßen verhindert.

Das reformierte EEG sollte ja nur einen zu schnellen Ausbau verhindern …

Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss in Deutschland aber nicht langsamer vorangehen, sondern noch schneller. Ziel der Regierung ist es, bis 2050 den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung auf 80 Prozent zu steigern. Alle Studien gehen davon aus, dass wir dafür eine installierte Leistung von mindestens 150 Gigawatt Sonnenstrom und 150 Gigawatt Windstrom benötigen. Heute beträgt das Verhältnis gerade einmal 40 zu 40. Wir müssten bis 2050 jedes Jahr rund drei Gigawatt Sonnenstrom und drei Gigawatt Windstrom zubauen – also doppelt so viel wie heute.

Die deutsche Solarbranche hat in den vergangenen Jahren sehr gelitten. Wird sich der Niedergang fortsetzen?

Das ist nicht auszuschließen. Ich habe vor Kurzem selbst versucht, in Deutschland eine hochmoderne Solarfertigung aufzubauen. Den Investoren hat die Technologie gefallen und auch der Business Plan. Aber der deutsche Markt ist ihnen zu klein. Investoren gehen dorthin, wo sie bessere Bedingungen vorfinden. Länder wie die USA, Russland, Türkei, Iran oder Ägypten bauen die Sonnenstromerzeugung massiv aus. Dort besteht großes Interesse an Technologien – auch aus Deutschland. Doch wie sollen wir unsere neuen Produkte am Weltmarkt verkaufen, wenn wir sie selbst immer weniger nutzen?

Die Konkurrenz aus China hat den deutschen Solarmarkt erobert. Was haben die Chinesen besser gemacht?

China hat Hersteller von Solaranlagen direkt unterstützt, aber nicht mit klassischen Subventionen, sondern mit Kreditgarantien in Höhe von insgesamt etwa 50 Milliarden Dollar. Unser Problem ist, dass es in Europa keine gezielte Unterstützung für die Solarunternehmen gibt.

Aber es existieren Förderprogramme …

Aber nicht für Unternehmen im Bereich Spitzentechnologie, sondern nur für strukturschwache Regionen. Deshalb haben sich so viele Solarfirmen in Ostdeutschland angesiedelt. Die Hilfen dieser Regionalfonds entsprechen einem niedrigen dreistelligen Millionenbetrag. Die Politik hat nicht erkannt, dass Solarenergie eine Spitzentechnologie ist. Deshalb stehen heute die großen Fabriken in China.

„Wenn der deutsche Markt für Windenergie schrumpft, dann kann man nicht erwarten, dass die großen Unternehmen hierbleiben, Dafür braucht es staatliche Impulse”, sagt Eike Weber im Interview.

Hat die deutsche Solarwirtschaft zu wenig in Forschung und Entwicklung investiert, wie einige Studien zeigen?

Das ist ein Märchen. Deutsche Unternehmen und öffentliche Geldgeber haben auf diesem Gebiet hervorragend zusammengearbeitet. Natürlich konnten sich junge Solarfirmen nur kleine Entwicklungsabteilungen leisten. Durch gemeinsame Projekte mit der Wissenschaft haben sie aber unsere Forschungsergebnisse umgesetzt. Das gilt bis heute. Mein Institut muss sich ja wie alle Fraunhofer-Institute mit Projektgeldern weitgehend selbst finanzieren. Die kommen oft aus der Industrie. Im Jahr 2006 hatte mein Institut 490 Mitarbeiter und ein Jahresbudget von 25 Millionen Euro. Heute sind es 1100 Mitarbeiter mit einem Gesamtbudget von 80 Millionen Euro.

Ist die Krise der deutschen Solarbranche ein warnendes Beispiel für die Windindustrie?

Die deutsche Windbranche werden die Veränderungen ebenfalls treffen. Denn die Industrie ist dort, wo der Markt ist. Ähnlich wie in der Solarbranche soll der Windkraftmarkt in Deutschland aus politischen Gründen schrumpfen. Das ist gefährlich – wie in der Solarindustrie.

Können Wettbewerber aus Asien auch eine Gefahr für deutsche Windanlagenbauer werden?

Man muss sich weniger vor den Chinesen fürchten als vor der deutschen Politik. Wenn der deutsche Markt für Windenergie schrumpft, dann kann man nicht erwarten, dass die großen Unternehmen hierbleiben. Dafür braucht es staatliche Impulse.

Wie könnten die aussehen?

Im Wettbewerb mit autoritär geführten Ländern zu bestehen, ist immer schwierig. Länder wie China, Malaysia oder auch Taiwan können Zukunftstechnologien viel leichter fördern als wir. Europa braucht eine gemeinsame Industriepolitik. In der Vergangenheit haben wir uns darauf verlassen, dass der freie Markt die Dinge regelt. Wir haben nur vergessen, dass der Markt nicht überall frei ist.

Kann die Energiewende als historisches Projekt scheitern?

Nein. Spätestens nach dem Klimaschutzabkommen von Paris 2015 ist die Energiewende global geworden und nicht mehr aufzuhalten. Auch in Deutschland wird sie weitergehen. Die Frage ist, ob deutsche Unternehmen davon profitieren werden.


Die Fragen stellte Heimo Fischer

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