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Thema Wind und Wende

20. Dez. 16

Mit Ehrengästen aus Politik und Wirtschaft feiert Siemens Ende November Richtfest an der Elbmündung in Cuxhaven. 200 Millionen Euro investiert der Konzern in das Werk – mit ungewissem Ausgang.

Luftnummer in Cuxhaven

Die EEG-Novelle und der Brexit verhageln die Jubelstimmung beim Richtfest des Siemens-Werks

Bei der Grundsteinlegung im August 2016 sprach Konzernchef Joe Kaeser von einem „klaren Bekenntnis zum Standort Deutschland“. Hinter den Kulissen sollen Politiker viel Druck ausgeübt haben, damit das Werk hierzulande gebaut wird.

Von Claus Gorgs

Ulrich Getsch hat sichtlich gute Laune. Gerade hat Cuxhavens Oberbürgermeister vier Weltmeister im Segeln ausgezeichnet, jetzt darf er dabei sein, wie ein gewaltiger Kran die mannshohe Richtkrone auf eine 30 Meter hohe Stahlkonstruktion hievt, die vom Sommer an den dann größten Arbeitgeber seiner Stadt beherbergen soll: das neue Offshore-Turbinenwerk von Siemens. „Die Jungs hier vor Ort verstehen einfach was von Wind“, sagt er in breitem Norddeutsch. „Das isso.“

Getschs Stolz ist allzu verständlich. Für die strukturschwache Region ist die Windradfabrik ein Sechser im Lotto – mit Superzahl. 1000 neue Arbeitsplätze sollen hier in den kommenden Jahren entstehen, die Zulieferer noch nicht mitgezählt. Der OB rechnet mit einer Erhöhung der Kaufkraft um 20 bis 30 Millionen Euro, die Nachfrage nach Gewerbeflächen steigt, gerade erst hat die Landesregierung in Hannover den weiteren Ausbau des Tiefwasserhafens in Aussicht gestellt. „Sie werden sehen: Schwupp-die-Maus läuft der Hafen voll“, jubelt Getsch.

Siemens hat in den vergangenen Monaten viel Aufwand betrieben, um den 300 Meter langen Rohbau an der Nordseeküste unweit der Elbmündung aus dem Schlick zu stampfen. 55.000 Kubikmeter Erde wurden bewegt, 24.000 Kubikmeter Stahlbeton und 200 Millionen Euro werden am Ende verbaut sein. Für den Münchner Konzern ist das Werk der erste Neubau eines Fertigungsstandorts in Deutschland seit mehr als 20 Jahren, die politische Bedeutung ist enorm. „Es ist etwas Großes, etwas Wichtiges, was hier passiert“, sagt Markus Tacke, Chef der Siemens-Windenergiesparte. Konzernchef Joe Kaeser spricht von einem „klaren Bekenntnis zum Standort Deutschland“. Ein Bekenntnis, das Siemens noch teuer zu stehen kommen könnte.

Ende 2017 sollen die ersten Turbinen das Werk verlassen, von dem bereits die Stahlstützen stehen. Die Rotorblätter dazu fertigt eine Schwesterfabrik im nordenglischen Hull. Sollte Großbritannien aus dem europäischen Binnenmarkt austreten, könnte das für Siemens zum Problem werden.

Windparks auf See sind das Rückgrat der Energiewende, ohne sie ist ein völliger Verzicht auf Atom- und Kohlestrom kaum vorstellbar. Zum einen sind die Riesenräder im Meer erheblich leistungsfähiger als ihre kleineren Verwandten an Land. Zum anderen weht der Wind über Nord- und Ostsee deutlich stärker und zuverlässiger als diesseits der Küste. Schon heute produzieren die deutschen Offshore-Anlagen unter Volllast so viel Strom wie zwei Atomkraftwerke, doch um die Energiewende zum Erfolg zu führen, reicht das noch lange nicht.

Erst drängt die Bundesregierung Siemens zum Fabrikneubau in Deutschland. Dann entzieht sie dem Werk die Grundlage

Siemens ist Weltmarktführer bei Offshore-Windrädern, bisher werden sie in der dänischen Stadt Brande gebaut. Als die Konzernführung entschied, die Produktionskapazität zu erweitern und zwei neue, effizientere Werke zu bauen, war das Interesse seitens der Bundesregierung groß, dass zumindest eine dieser Fabriken in Deutschland entsteht – als Beleg, dass die Energiewende nicht nur den Strom verteuert, sondern auch Technologie und Arbeitsplätze bringt. Ebenso groß war die Begeisterung, als Siemens die Entscheidung für Cuxhaven bekannt gab.
Deutschlands größter Industriekonzern bringt die Energiewende voran – das Skript für die gewünschte Erfolgsgeschichte war geschrieben. Doch kaum war der Grundstein für das Vorzeigeprojekt gelegt, war es die Regierung, die sich nicht mehr daran hielt.

Ende Mai 2016 beschloss das Bundeskabinett, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zu ändern und den Ausbau der Offshore-Windkraft zu drosseln. In den Jahren 2021 und 2022 dürfen jeweils nur 500 Megawatt zusätzliche Leistung installiert werden – was in etwa einem großen Windpark pro Jahr entspricht.

Bereits 2014 hatte die Große Koalition in Berlin die Ausbauziele um 40 Prozent beschnitten, nun wurden zusätzlich noch die Ausschreibungsbedingungen verschärft. Den Zuschlag für einen neuen Windpark soll künftig der Anbieter erhalten, der mit der geringsten Fördersumme auskommt. Was nicht gerade Hersteller stärkt, die im Hochlohnland Deutschland produzieren.

Wie fühlt es sich an, wenn einem der Stuhl just in dem Moment weggezogen wird, in dem man im Begriff ist, sich zu setzen? Markus Tacke windet sich. Der Siemens-Manager steht im dunkelblauen Anzug und blütenweißen Hemd im Nieselregen vor der Baustelle, auf der sich gelbe, blaue, rote und grüne Kräne drehen, als wollten sie ein bisschen Farbe in das Wolkengrau bringen. „Die Entscheidung für Cuxhaven ist und bleibt richtig“, sagt er schließlich mit leichtem Trotz in der Stimme. „Aber mit diesem Rückzug auf Raten ist schwer umzugehen. Mit der Zurückhaltung bei der Offshore-Windkraft vergibt Deutschland eine große Chance.“

Markus Tacke, Chef der Windenergiesparte von Siemens, verteidigt die Entscheidung für den Standort Cuxhaven weiterhin. Gleichzeitig warnt er davor, dass Deutschland durch die Drosselung der Ausbauziele seine starke wirtschaftliche Stellung in der Branche zu verspielen drohe.

Bleibt es bei der Deckelung der Ausbauziele, könnten der Siemens-Fabrik in rund zwei Jahren die Aufträge ausgehen

Vor allem dem Siemens-Konzern verdirbt die Regierung mit ihrem Kursschwenk eine große Chance. Denn niemand weiß, ob die Fabrik in Cuxhaven unter den gegebenen Umständen jemals ausgelastet sein wird. „Wenn die Ausbauziele bleiben, wie sie sind, muss dieses Werk von 2019 bis 2021 zwei Jahre Pause machen“, schimpft Daniela Behrens (SPD), Staatssekretärin im niedersächsischen Wirtschaftsministerium.

Werde die Produktion hochgefahren wie geplant, wäre die bis 2021 maximal zulässige Offshore-Kapazität bereits zwei Jahre früher fertig produziert – und für Siemens Cuxhaven gäbe es zumindest für den deutschen Markt nichts mehr zu tun. „Das kann nicht sein“, findet Behrens. „Wenn man ein Werk in Deutschland baut, muss man auch den deutschen Markt bespielen können.“

Die Sozialdemokratin sieht ihr Bundesland durch die EEG-Reform massiv benachteiligt – obwohl auch ihre Partei der Gesetzesänderung in Berlin zugestimmt hat. Sie hofft auf einen Politikwechsel nach der Bundestagswahl im Herbst. „Nach der EEG-Reform ist vor der EEG-Reform.“

Dass der Bund Unternehmen wie Siemens und seinen Zulieferern derart in den Rücken fällt, hat vor allem mit fehlenden Stromleitungen zu tun. Schon heute müssen die Netzbetreiber an besonders windigen Tagen Offshore-Parks in die Zwangspause schicken, weil das Hochspannungsnetz die gewaltigen Strommengen nicht aufnehmen kann. „Es ist widersinnig“, klagt Volker Weinreich, Chef der Hochspannungsleitstelle des Netzbetreibers Tennet in Lehrte bei Hannover. „Die Offshore-Windparks sind ein Riesenerfolg für die Energiewende. Und wir regeln sie immer häufiger ab, wenn sie am meisten Ertrag bringen.“

Weil Bund und Länder den Netzausbau in den vergangenen Jahren schleifen ließen, wird nun die Produktion von Ökostrom begrenzt, damit die Leitungen nicht durchschmoren und die Stromversorgung nicht zusammenbricht. Für die Bundesregierung ein notwendiger Schritt: „Wir haben den Strommarkt modernisiert, wir haben den Leitungsbau vorangebracht und können daher heute sagen, dass die Energiewende auf einem guten Weg ist“, sagt Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU), der einst als Umweltminister den größten Umbau in der Geschichte der deutschen Energieversorgung mit auf den Weg brachte.

Als wäre die EEG-Novelle nicht genug, ist da auch noch der Brexit. Was wird aus den britischen Großaufträgen?

Siemens-Windkraft-Chef Tacke mag sich dieser Sichtweise nicht anschließen. „Es gibt deutlichen Nachbesserungs-bedarf bei der Energiewende“, sagt er, während im Hintergrund schwere John-Deere-Schlepper kubikmeterweise frischen Mutterboden abkippen. „Wir haben in den vergangenen Jahren in Deutschland in die Lernkurve bei alternativen Energien investiert. Wir müssen aufpassen, dass jetzt nicht andere davon profitieren.“ Anders als Deutschland hätten weder die Briten noch die Niederländer ihre Ausbauziele beim Offshore-Windstrom reduziert. Gerade in Holland hat sich zuletzt gezeigt, wie sehr ein verlässlicher Rahmen nicht nur der Branche hilft, sondern auch dazu beiträgt, die Kosten der Energiewende zu begrenzen.

Das Luftbild zeigt die Dimensionen der Anlage. 1000 Menschen sollen hier arbeiten und viele weitere Jobs bei Zulieferern entstehen. Das strukturschwache Cuxhaven rechnet mit einem Kaufkraftzuwachs von bis zu 30 Millionen Euro. Falls die Fabrik irgendwann unter Volllast läuft.

Droht Deutschland seine Vorreiterrolle beim Ökostrom zu verlieren?

Siemens könnte das unter Umständen sogar verschmerzen. Der Konzern verschmilzt seine Windkraftsparte gerade mit dem spanischen Wettbewerber Gamesa und baut damit seine internationale Vormachtstellung im Offshore-Bereich weiter aus. Auch das neue Werk in Cuxhaven produziert für den Weltmarkt, drei der fünf bislang bestätigten Großaufträge kommen aus Großbritannien.

Doch genau hier liegt das nächste Problem für die Münchner: Ausgerechnet die Offshore-Nation Nummer eins in Europa ist gerade dabei, sich aus der Europäischen Union zu verabschieden – mit unabsehbaren Konsequenzen.

Auf die Frage nach den Folgen von Brexit und Ausbaustopp für Cuxhaven, reagiert der OB schmallippig

Was die Lage zusätzlich verkompliziert: Die Rotorblätter für die Turbinen aus Cuxhaven werden in der nordenglischen Stadt Hull gefertigt, das eine Werk ist ohne das andere nicht denkbar. Kaum vorzustellen, was passiert, wenn beide nicht mehr im selben Wirtschaftsraum liegen. „Ein möglicher Brexit macht mir noch größere Sorgen als die Entscheidungen in Berlin“, hatte Cuxhavens OB noch bei Grundsteinlegung im Mai 2015 gesagt. Jetzt ist der schlimmste Fall eingetreten: Ausbaustopp und Brexit.

„Das ist natürlich keine tolle Perspektive“, sagt Getsch heute. „Wir brauchen verlässliche Ausbauziele, das Land muss sich endlich entscheiden, welche Energieform es auf Dauer will.“

Auf die Frage, was das alles für die Auslastung des Werks in Cuxhaven bedeutet, für die Arbeitsplätze, den Aufschwung und die Kaufkraft, wird der parteilose Politiker schmallippig. „Das muss das Unternehmen beantworten“, sagt er – und hat es plötzlich sehr eilig. Es scheint, als passe die Antwort nicht so recht zur Feierstimmung.

Die konkrete Kapazität des neuen Standorts hat Siemens nie genannt, angeblich aus Wettbewerbsgründen. Ende 2017 sollen die ersten Turbinen aus Cuxhaven ausgeliefert werden, für das Hochfahren der Produktion in den Dreischichtbetrieb sind anderthalb bis zwei Jahre vorgesehen. Bis 2019 also, dem Jahr, in dem die Ausbaubremse in Deutschland greift und Großbritannien aller Voraussicht nach die EU verlässt.

Möglich, dass bis dahin eine andere Bundesregierung die Offshore-Windkraft wieder forciert. Möglich, dass die Briten auch nach dem Austritt Teil des EU-Binnenmarkts bleiben, und dann Schwupp-die-Maus alles wieder gut ist. Möglich ist das. Allerdings nicht besonders wahrscheinlich.

Larissa Dieckhoff
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