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Thema Wind und Wende

02. Okt. 17

Von Atommeilern umzingelt

Während Deutschland 2022 aus der Kernkraft aussteigt, halten andere Staaten in Europa daran fest. Manche bauen sie sogar aus, um so ihre Klimaziele zu erreichen. Denn trotz der Gefahren und der offenen Endlagerfrage hat die Atomkraft etwa gegenüber Kohle zumindest einen Vorteil: Sie ist CO2-neutral.

Quelle: Hullie

Belgien

2003 beschloss Belgien, aus der Atomenergie auszusteigen, geschehen ist bislang allerdings wenig. Noch immer stammen noch fast 40 Prozent des Stroms aus Kernenergie. Die Regierung hat deshalb die Laufzeiten einiger Kraftwerke verlängert, die eigentlich 2015 stillgelegt werden sollten, wie zum Beispiel Doel und Tihange. 2025 soll nun endgültig Schluss sein. Ob es aber gelingt, in acht Jahren die 5000 Megawatt Leistung zu ersetzen, bezweifeln viele Experten.

Quelle: Kalerna

Finnland

Finnland betreibt derzeit zwei Kernkraftwerke in Loviisa und Olkiluoto mit insgesamt vier Reaktorblöcken, die rund 19 Prozent des Stroms liefern. In Olkiluoto ist zudem bereits seit 2005 ein fünfter Reaktor im Bau, der 2018 in Betrieb gehen soll. Da die Kosten des Projekts jedoch explodierten, liegt der Bau eines weiteren zunächst auf Eis. Doch auch in Zukunft wollen die Finnen auf Kernenergie setzen. 2017 soll beispielsweise ein Neubau in Hanhikivi beginnen.

Quelle: Pixabay-Falco

Frankreich

Frankreich ist in einer energiepolitischen Klemme: Rund 80 Prozent der elektrischen Energie bezieht das Land aus Kernenergie. 58 Reaktoren sind am Netz, einer im Bau. Viele von ihnen müssten nach 40 Jahren Laufzeit eigentlich bald stillgelegt werden. Das Energiewendegesetz von 2015 sieht zudem vor, den Anteil der Kernenergie bis 2025 auf 50 Prozent zu senken. Trotzdem dürfen die alten Meiler nun aber bis zu 50 Jahre laufen, sofern sie alle Sicherheitsvorschriften einhalten.

Quelle: Mark Robinson

Großbritannien

Großbritannien will bis 2025 aus der Kohleverstromung aussteigen und auf Kernenergie setzen, die bis 2050 die Hälfte des britischen Stroms liefern könnte. Dafür sollen auf die 15 vorhandenen Reaktoren bis 2030 zwölf neue folgen. Aber schon das erste Projekt, Hinkley Point C, sorgt für Kritik. Für die Investitionssumme von 23 Milliarden Euro erhalten die Investoren einen Strompreis von zehn Cent pro Kilowattstunde über 35 Jahre. Der britische Rechnungshof rechnet mit Kosten von 32 Milliarden Euro.

Quelle: A. Nagel

Niederlande

Die Niederländer betreiben mit Borssele, das 1973 in Betrieb ging, nur ein Atomkraftwerk. Es trägt mit rund 500 Megawatt gerade einmal knapp vier Prozent zur Stromversorgung des Landes bei. Und sollte eigentlich längst stillgelegt sein. Eine Klage verhinderte die geplante Abschaltung 2004 jedoch, nun soll Borssele bis 2034 laufen. RWE und Delta planten zudem ein zweites Kernkraftwerk. Die Finanzkrise, niedrige Preise am Strommarkt und öffentlicher Protest machten diese Pläne aber zunichte.

Quelle: Jan Jerszynski

Polen

Polen betreibt bislang kein einziges Atomkraftwerk, nur eine Ruine in Zarnowiec zeugt davon, dass in den Siebzigerjahren große Pläne geschmiedet wurden. Jetzt plant das Land zur Verringerung seiner C02-Emissionen aber den Bau von insgesamt sechs Kernkraftwerken. Der Beschluss hierfür fiel 2009. Drei Standorte in Westpolen sind in der Diskussion: Choczewo, Lubiatowo-Kopalino und Zarnowiec, auf dem Gelände der alten Anlage. 2024 wollen die Polen ihr erstes Kernkraftwerk in Betrieb nehmen.

Quelle: Dennis140

Schweden

Mit seinen acht Kernkraftwerken fährt das Land einen politischen Zickzack-Kurs: Ausstiegsbeschluss Anfang der Achtzigerjahre, 2009 wurde zurückgerudert. 2010, nach dem Unglück in Fukushima, erneut Ausstiegspläne, 2016 dann ein Kompromiss: Der Bau von neuen Anlagen ist möglich, gleichzeitig soll die Steuer auf Atomstrom bis 2019 auslaufen. Da bis 2024 die komplette Stromversorgung auf erneuerbare Energien umgestellt sein soll, sehen Experten aber wenig Chancen für neue Kernkraftwerke.

Quelle: Nawi112

Schweiz

2014 hat die Schweiz ihren Ausstiegsbeschluss von 2011 deutlich relativiert. Statt 2019 den ersten und 2034 den letzten der fünf Atommeiler abzuschalten, sollen nun 2029 und 2031 nur die beiden älteren nach 60 Jahren Betrieb vom Netz gehen. Die übrigen sollen so lang laufen, wie es die Aufsichtsbehörde ENSI für sicher hält. Neue Kernkraftwerke soll es aber nicht geben. 2017 stimmten die Schweizer in einer Volksabstimmung für die Energiestrategie 2050 und damit für einen Atomausstieg ohne Datum.

Quelle: ChNPP

Tschechien

Auch Tschechien will das Dilemma aus Klimaschutz und steigendem Strombedarf mit Kernkraftwerken lösen – findet nur niemanden, der sie bauen will. Sechs Reaktoren in Temelin und Dukovany erzeugen 32 Prozent des tschechischen Stroms. Laut der Energiestrategie von 2015 sollen es 2040 drei Reaktoren mehr und ein Anteil von bis zu 58 Prozent sein. Deutschland und Österreich sind nicht begeistert, denn alle Reaktoren stehen dicht an ihren Grenzen.

Und die Energiewende?

Europa steht klimapolitisch unter Druck: Um die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens einzuhalten, müssen die CO2-Emissionen sofort und drastisch sinken. Statt auf erneuerbare Energien setzen viele Staaten und auch die EU auf die CO2-freie und vermeintlich zuverlässige Kernenergie. Flexiblere Minikraftwerke sollen gefördert werden. Doch noch gibt es diese Technik nicht. Und neben allen Sicherheitsbedenken und Entsorgungsproblemen: Erneuerbare Energien vertragen sich schlecht mit dem Dauerlieferanten Atomkraft. Zu befürchten ist, dass die Strompreise an der Börse zu tief fallen, um Anlagen zu finanzieren, und dass auch in Zukunft Windparks vom Netz genommen werden müssen, damit der Atomstrom fließen kann.

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