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Thema Wind und Wende

13. Mär. 15

Lange Leitung

Der Ausbau der neuen Stromtrassen in den Süden Deutschlands geht nur langsam voran. Vor allem in Bayern werden die Strom-Autobahnen ausgebremst.

Seehofer verlangt nachträglich Nachbesserungen am Netzausbau und verzögert damit die Energiewende

Wer in diesen Monaten in Bayern unterwegs ist, könnte meinen, es würden neue Atomkraftwerke gebaut. Heuwagen mit Protestplakaten stehen an den Autobahnen, Tausende Bürger erscheinen auf Protestveranstaltungen. Ein harter Slogan taucht immer wieder auf: „Mördertrasse“.

Doch was die bayrische Provinz in Aufruhr versetzt, sind nur Pläne zum Bau neuer Stromtrassen. Mit einem zweiten großen Schub beim Netzausbau soll bis zum Jahr 2022 sichergestellt werden, dass für die Energiewende und die Strommärkte ausreichend Leitungen zur Verfügung stehen.

Zentraler Bestandteil des dafür eigens aufgestellten, sogenannten Netzentwicklungsplans ist der Bau von drei großen neuen Nord-Süd-Trassen. Erstmals soll dabei die besonders verlustarme Gleichstromtechnik über große Entfernungen an Land zum Einsatz kommen.

Im Augenblick ist die Lage unübersichtlich. Rund 2.700 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen und der Ausbau bestehender Trassen ist geplant – und eigentlich auch schon von der Politik abgesegnet worden. Im Sommer 2013 schrieben Bund und Länder die Projekte sogar in ein eigenes Gesetz.

Dadurch sollte sichergestellt werden, dass Planung und Bau zügig erfolgen und nicht unnötig durch die Bürokratie behindert werden. Gleichzeitig sollten die betroffenen Bürger in den Dialog eingebunden werden.

Doch vor allem Bayern schießt quer: Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) stellt offen die Stromtrassen in Frage und hält sie für unnötig. Vor allem die Süd-Ost-Trasse, die von Sachsen-Anhalt durch Thüringen bis tief nach Bayern, an den Atomkraftwerksstandort Gundremmingen, führt, ist ihm lästig.

Die Trassenführung sei „so nicht tragbar“, sagte Seehofer im Dezember vor Journalisten in Berlin. Bayerns Ministerpräsident wirft dem zuständigen Netzbetreiber Amprion schwere Fehler bei der Planung vor.

Sogar Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) ist inzwischen der Meinung, dass die Trasse kaum so gebaut werden wird: Auf einer Veranstaltung in Nürnberg erklärte er kürzlich, man dürfe „nicht ein kleines Dorf mit einer 380-Kilovolt-Leitung einkreisen“. Um jahrelange juristische Auseinandersetzungen mit betroffenen Bürgern zu vermeiden, müssten deshalb neue Lösungen gesucht werden. Das aber kostet ebenfalls Zeit – und zusätzliches Geld.

Seehofer ist überzeugt, dass das für den Netzausbau maßgebliche Bundesbedarfsplangesetz einfach geändert werden kann. Doch das ist nicht so einfach. Immerhin muss er dafür die Bundesregierung und seine Länderkollegen überzeugen.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) zum Beispiel ist gegen die Änderung der Netzausbaupläne und verweist darauf, dass auch Bayern dem Gesetz zugestimmt habe.

Netzleitstelle der EnBW: Übertragungsnetzbetreiber warnen vor noch größeren Engpässen

Das Netz ist noch nicht fit für die Energiewende

Wie schwierig schon der Bau von Leitungen ist, um die es keine politische Kontroverse gibt, zeigt die vorherige Erweiterungsrunde, die 2009 mit dem Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG) wurde.

Nach den jüngsten Zahlen der Bundesnetzagentur sind von 1.887 Kilometern neuer Leitungen bislang lediglich 23 Prozent fertiggestellt. Bis 2016 sollen 40 Prozent fertig sein. Eigentlich war die Fertigstellung aller Leitungen bis 2015 vorgesehen.

Doch Bürgerproteste, langsame Genehmigungsverfahren und Bauverzögerungen verschieben die Projekte immer weiter in die Zukunft – darunter auch die wichtige Thüringer Strombrücke, die das ost- und westdeutsches Netz besser miteinander verzahnen soll.

Auch wegen dieser Verzögerungen gerät das deutsche Stromnetz an seine Grenzen – und kann seine Aufgabe, jederzeit Elektrizität von den Erzeugern zu den Verbrauchern zu bringen, nicht mehr richtig erfüllen. So sind beispielsweise Maßnahmen wie das sogenannte Redispatch inzwischen Alltag für die Betreiber der Höchstspannungsnetze.

Deshalb werden etwa Kraftwerke im Norden Deutschlands, die günstig Strom produzieren können, immer öfter abgeregelt. Stattdessen springt eine Anlage in Süddeutschland ein, weil die Netzkapazitäten zur Übertragung des Stroms von Nord nach Süd nicht ausreichen.

Über die Netzentgelte muss der Stromkunde die Kosten für diesen Zwangseingriff tragen: Vor einigen Jahren war Redispatch noch die absolute Ausnahme, laut Bundesnetzagentur kam es dagegen 2013 an 232 Tagen des Jahres zu solchen Eingriffen. Die Kosten nur dafür: 133 Millionen Euro.

Dass das Netz nicht fit ist für die Energiewende, zeigt sich aber besonders deutlich daran, dass auch die erneuerbaren Energien immer häufiger abgeregelt werden, um die Stromnetze zu entlasten. Immerhin 0,44 Prozent des mittels Erneuerbare-Energien-Gesetz eingespeisten Stroms gingen so 2013 verloren. Die Entschädigungszahlungen für die Anlagenbetreiber lagen bei insgesamt 43,7 Millionen Euro.

Ohne den Ausbau der Stromnetze würde dieser Wert immer weiter ansteigen. Obwohl die Errichtung neuer Grünstromanlagen durch die EEG-Novelle im vergangenen Sommer etwas abgebremst wurde, nimmt der Anteil an der Stromerzeugung weiter zu: Im Jahr 2025 soll er schon bei 40 bis 45 Prozent liegen. Zum Vergleich: Heute stammt rund ein Viertel des in Deutschland verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Energiequellen.

Der Netzausbau bleibt abhängig von politischen Entscheidungen

Übertragungsnetzbetreiber warnen vor noch größeren Engpässen

Dabei entstehen besonders viele neue Anlagen im Norden Deutschlands, denn dort ist der Ertrag von Windanlagen deutlich höher. Allein im vergleichsweise kleinen Schleswig-Holstein sind Windanlagen mit einer mehr als doppelt so hohen Leistung installiert wie in Bayern und Baden-Württemberg zusammen – und sie erzielen im hohen Norden auch noch eine wesentlich höhere Auslastung.

Damit nicht genug: In den kommenden Jahren wird außer der Windenergie an Land auch die Offshore-Windkraft auf hoher See deutlich ausgebaut. Anlagen mit rund 6,5 Gigawatt Leistung und die entsprechenden Netzverbindungen zum Festland sollen bis 2020 fertig gestellt sein.

Die Windräder auf hoher See erzeugen sehr verlässlich Strom – es käme einem kostspieligen Treppenwitz gleich, wenn sie wegen Netzengpässen abgeregelt werden müssten.

Auch ein anlaufender stärkerer Ausbau der Photovoltaik in Süddeutschland wird dieses Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd nicht ausgleichen – sondern nur der Bau neuer Leitungen. Das ist das Fazit der Übertragungsnetzbetreiber, die jüngst ihre Netzentwicklungspläne für den Ausbau bis 2024 vorgestellt haben.

So sei trotz leicht gebremster Energiewende der Bau der großen neuen Übertragungskorridore mit HGÜ-Leitungen weiter notwendig.

Allerdings: Der Netzausbau bleibt abhängig von politischen Entscheidungen. So plant das Energieministerium von Sigmar Gabriel eine tiefgreifende Reform der Strommärkte. Dabei ist auch vorgesehen, dass erneuerbare Energien routinemäßig um drei Prozent ihrer Jahreserzeugung gedrosselt werden können – bei vollem finanziellen Ausgleich für die Betreiber.

Das würde den Bedarf an neuen Stromnetzen etwas senken, genauso wie die geplante Flexibilisierung der Verteilnetze. Dass Deutschland einen massiven Ausbau der Stromnetze braucht, um die Energiewende zu schaffen, steht für die meisten jedoch außer Frage.

Sogar für Sigmar Gabriel, der durchaus Kritik an einzelnen Trassen übt, sind es „irre Zustände“, dass der Netzausbau nur so schleppend vorankommt.

 

Iris Franco Fratini
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