Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Wind und Wende

23. Okt. 15

Strom für 1.000 Einwohner: Vor der Küste von Block Island im Bundesstaat Rhode Island entsteht nach langen Jahren hitziger Debatten der erste kommerzielle Hochsee-Windpark der USA.

Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Nach jahrelangem Streit bauen die USA endlich einen Offshore-Windpark. Das Potenzial ist riesig – doch die Branche hat viel Lehrgeld gezahlt. Erste Lektion: Leg dich niemals mit den Kennedys an.

Strom für 1.000 Einwohner: Vor der Küste von Block Island im Bundesstaat Rhode Island entsteht nach langen Jahren hitziger Debatten der erste kommerzielle Hochsee-Windpark der USA.

Von Kathrin Werner

Inzwischen sieht man sogar etwas. Vor den grünen Wiesen und weißen Stränden des Inselchens Block Island an der amerikanischen Ostküste liegt ein Frachtkahn im Wasser.

Darauf die knallgelb gestrichenen Stahlfundamente mit ihren vier Beinen. Zwei riesige Kräne stehen bereit, um die 400 Tonnen schweren Kolosse im Atlantik zu versenken. So etwas hat es in Amerika noch nie gegeben: Da draußen im Meer entsteht eine Offshore-Plattform – aber sie bohrt nicht nach Öl, sondern soll Ökostrom produzieren.

Seit Jahrzehnten gibt es in den Vereinigten Staaten, diesem Land, das eigentlich immer Vorreiter sein will, Streit über Offshore-Windenergie. Es geht um die großen Fragen, die sich bei dieser Form der Energiegewinnung stellen: Ist Offshore zu teuer? Welche Subventionen brauchen die Unternehmen? Können sie die technischen Schwierigkeiten im rauen Atlantik in den Griff bekommen, trotz Winterstürmen und Hurrikanen? Und verschandelt das Ganze die Natur?

Vor der Küste von Block Island im Bundesstaat Rhode Island entsteht nach langen Jahren hitziger Debatten nun tatsächlich der erste kommerzielle Hochsee-Windpark der USA. Er soll all die Fragen beantworten.

Fünf Windräder sollen bald Strom für die knapp 1.000 Einwohner von Block Island liefern. Bislang erzeugen sie ihren Strom komplett mit Dieselgeneratoren, das ist teuer und schmutzig.

Was die Block Islander an Offshore-Windstrom nicht brauchen, fließt künftig per Unterseekabel ins Stromnetz auf dem Festland. Das 107 Millionen Dollar teure Kabel bringt auch bessere Internetverbindungen auf die Insel – und Strom vom Festland, wenn nicht genug Wind weht.

290 Millionen Dollar an Projektfinanzierung hat das Unternehmen Deepwater Wind aufgetrieben, das den Windpark entwickelt. Hauptinvestor ist die französische Bank Société Générale.

Der Finanzinvestor D.E. Shaw Group, der schon vorher in das Projekt eingestiegen war, hatte bereits 70 Millionen Dollar an Eigenkapital beigesteuert. Alstom liefert die fünf Sechs-Megawatt-Turbinen und die 15 Rotorblätter, die schon in Dänemark auf den Transport über den Atlantik warten. 2009 hatte Deepwater Wind mit der Projektplanung begonnen. Im Sommer 2016 soll der Vorzeige-Park fertig werden.

„Wir wissen, dass die Welt genau beobachtet, was wir hier tun und wir sind unglaublich stolz, dass wir der Vorreiter einer neuen amerikanischen Cleantech-Industrie sind“, sagte Deepwater-Wind-Chef Jeffrey Grybowski bei der Grundsteinlegung. „Für diesen Augenblick haben wir jahrelang gearbeitet – und es ist der Anfang von etwas sehr Großem.“

Die Grundsteinlegung vor einigen Wochen hieß natürlich mangels Stein anders: „Steel in the Water”.

„Ich werde meinen Kindern und Enkelkindern davon erzählen, dass ich dabei war, als der erste Offshore-Windpark der USA gebaut wurde“, sagte Emily Norton von der Naturschutzorganisation Sierra Club. „Ich werde erzählen, dass wir die Wahl hatten, ihnen eine Zukunft zu geben, die von schmutzigen fossilen Brennstoffen angetrieben wird, die zu extremen Stürmen, Hitzewellen und Dürren führen. Aber wir haben uns für eine Zukunft mit Energie von Wind und Sonne und schlauer Technik entschieden.“

Dass um so einen kleinen Park eine solche Aufregung herrscht, hat einen Grund: Bislang ist alles schief gelaufen, was in den USA mit Offshore-Wind zu tun hat.

Mächtige Gegner: Nicht nur die Kennedys, sondern auch Außenminister John Kerry, Ex-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney und Politik-Großspender und Multimilliardär Bill Koch sind Cape-Wind-Gegner.

Leg dich niemals mit den Kennedys an

Das bislang größte Debakel heißt Cape Wind und ist ein deutlich ehrgeizigeres Projekt als Block Island. Doch wenn der Kennedy-Clan gegen etwas ist, wird es schwierig in Amerika.

Cape Wind sollte eigentlich ein Prestigeprojekt werden: Der erste Offshore-Windpark der Vereinigten Staaten sollte Arbeitsplätze und ganz viel sauberen Strom bringen, genug für drei Viertel von Cape Cod und die Inseln von Martha’s Vineyard und Nantucket – Nobel-Ferienorte.

Trotzdem schrieb Robert F. Kennedy, Jr., der als Umweltrechtsanwalt arbeitet und sich für etliche Nauturbelange einsetzt, flammende Kommentare gegen Cape Wind, etwa im Wall Street Journal und der New York Times: Windparks, ja bitte, aber doch nicht hier, findet er: „Ich glaube daran, dass manche Gebiete komplett für industrielle Erschließung gesperrt sein sollten.“ Das Kennedy-Anwesen liegt ganz in der Nähe von Cape Wind.

Und es sind nicht nur die Kennedys. Zu den Cape-Wind-Gegner zählen die mächtigsten Männer der USA: Außenminister John Kerry, Ex-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney und Politik-Großspender und Multimilliardär Bill Koch.

Seit 2001 gibt es das Großprojekt, damals galt der Gedanke, Windmühlen ins Meer zu bauen, als visionär und modern.

Die Branche steckte auch in Europa noch in den Anfängen, ein paar Windräder vor der dänischen Küste, in den Niederlanden und in Großbritannien gab es, dazu ein, zwei Ideen auf Reißbrettern, das war es eigentlich. In Europa hat sich seither viel getan, nicht zuletzt in der deutschen Nord- und Ostsee. In den USA nichts.

Immer mal wieder sah es so aus, als hätte Cape Wind den Durchbruch geschafft. Alle Genehmigungen für den Offshore-Windpark liegen vor. Siemens hatte groß verkündet, die 130 Turbinen und die Serviceplattform zu liefern.

Der Baubeginn war für diesen Mai vorgesehen. 2,6 Milliarden Dollar sollte Cape Wind nach dem letzten Planungsstand kosten. Das Projekt bekommt Subventionen von der US-Regierung.

Doch immer neue Klagen von Naturschützern, immer neue technische Probleme, Schwierigkeiten bei der Finanzierung und Rechtsstreits mit den Stromversorgern verzögern das Projekt immer weiter. Die zwei Energiekonzerne, die sich einst verpflichtet haben, den Großteil des Offshore-Windstroms zu kaufen, sind wieder abgesprungen.

Ende Februar sind noch einmal ein paar hundert Menschen für den Park auf die Straße gegangen, doch die Gegner sind zahlreicher. Die Anti-Cape-Wind-Gruppe Alliance to Protect Nantucket Sound sammelt pro Jahr 2 bis 2,5 Millionen Dollar Spenden ein.

„Dead in the water“ nennt ein Branchenbeobachter den Windpark – obwohl ja noch nichts im Wasser zu sehen ist.

Block Island macht den amerikanischen Offshore-Freunden nun neue Hoffnung. Deepwater Wind hat Pachtverträge mit 30 Jahren Laufzeit in öffentlichen Gewässern in der Nähe des ersten Parks. Rund 25 Kilometer südwestlich von Martha’s Vineyard wäre Platz für 250 Turbinen.

Emily Norton von der Naturschutzorganisation Sierra Club freut sich ihren Kinden und Enkelkindern erzählen zu können, wie sich das Land für eine Zukunft mit Energie von Wind und Sonne entschieden hat.

„Wenn wir ein Offshore-Wind-Projekt haben, das Leute anschauen und verstehen und studieren können, wird das den Menschen eine Menge Sorgen nehmen”, sagt Abigail Ross Hopper, die Chefin der Behörde Bureau of Ocean Energy Management.

Ihre Behörde hat ein Gebiet vor der Küste von Rhode Island und Massachusetts als Offshore-Bereich ausgezeichnet, in dem mit Windrädern mit 9.000 Megawatt Leistung genug Strom erzeugt werden könnte für 700.000 Haushalte.

Auch Dong Energy ist in den US-Markt eingestiegen. Der Energiekonzern aus Dänemark hat sich die Projektrechte für 1.000 Megawatt vor Massachusetts gesichert. „Die USA sind ein interessanter Markt für Offshore-Wind mit dem Potenzial, ein wichtiges Gebiet in der Zukunft zu werden“, sagt Dong-Windkraft-Chef Samuel Leupold.

Laut einer Studie der Stanford University reichen die Luftströmungen vor der US-Atlantikküste aus, um ein Drittel der USA – beziehungsweise die gesamte Ostküste von Maine bis Florida – mit Strom zu versorgen.

Laut der staatlichen Forschungseinrichtung National Renewable Energy Laboratory haben die Vereinigten Staaten ein gigantisches Potenzial für Offshore-Windenergie: Windräder mit einer Kapazität von 1.000 Gigawatt könnten in Wassertiefen bis zu 30 Meter stehen. Insgesamt wäre Platz für Windparks mit 4.200 Gigawatt vor den Küsten und in den Großen Seen der USA.

In der bislang wichtigsten Studie aus dem Jahr 2012 ist das US-Energieministerium zu dem Ergebnis gekommen, dass die Vereinigten Staaten bis 2030 ein Fünftel ihres Stroms mit Windkraft erzeugen könnten, 15 Prozent soll Offshore dazu beisteuern.

Bis 2030 sollen Windräder mit 54 Gigawatt Leistung entstehen, bis 2020 sind bereits zehn Gigawatt geplant. Bislang sieht es allerdings nicht so aus, als würden die USA dieses Ziel erreichen. Gerade sind elf Projekte mit nur 2.500 Megawatt in Planung, die meisten sind nicht sehr weit fortgeschritten.

Präsident Barack Obama besichtigt ein Rotorenwerk: Für die US-Regierung gehört grundsätzlich auch Offshore-Wind mit zur Energiewende.

Erdgas, Solarstrom und Onshore-Wind sind günstiger

Derzeit kosten Bau und Errichtung von Offshore-Windrädern in den USA rund 5.600 Dollar pro Kilowatt – und das ist das größte Problem der jungen Branche.

„Wir haben im ganzen Land noch sehr viel Platz für Solaranlagen und Onshore-Wind und beide sind einfach billiger“, sagt etwa Tim Winter, der als Finanzanalyst beim Fondsanbieter GAMCO Investors in St. Louis arbeitet. „Offshore hat nur eine Chance, wenn die Regierung das massiv subventioniert oder Energieversorger verpflichtet, Offshore-Parks im Portfolio zu haben.“

Aber danach sieht es momentan nicht aus, zumal derzeit wegen des billigen Fracking-Erdgases die Energiepreise sehr niedrig sind, so dass es der teurere Offshore-Windstrom schwer hat auch im Vergleich zu Gaskraftwerken.

Und dann gibt es noch das Kennedy-Problem: Neben der großen, alten Familie finden auch viele andere Amerikaner Windräder im Meer hässlich.

Auch in Amerika gibt es eine Energiewende, US-Präsident Barack Obama fördert erneuerbare Energien und will aus der Kohle aussteigen. Der CO2-Ausstoß seines Landes soll bis 2020 um 17 Prozent sinken, im Vergleich zu 2005.

Das Ausbaupotenzial ist riesig. Die Erneuerbaren produzierten im vergangenen Jahr gerade einmal 13 Prozent des US-Stroms – und darunter sind sechs Prozentpunkte Wasserkraftwerke. 4,4 Prozent steuern Windräder bei, sie stehen an Land.

Dabei gibt es viel mehr Sonne und Wind, vor allem aber viel mehr Platz für Ökostrom-Anlagen als etwa in Deutschland, wo der Ökostrom-Anteil mehr als doppelt so hoch ist.

Für die US-Regierung gehört grundsätzlich auch Offshore-Wind mit zur Energiewende. Allerdings sind die Subventionen nicht sehr zuverlässig. Der Production Tax Credit, eine Steuergutschrift für Energieunternehmen für Erneuerbare, ist der wichtigste regulatorische Treiber für die Windenergiebranche. Hinzu kommt der Investment Tax Credit, der besonders für Offshore-Unternehmen wichtig ist, und eine Steuergutschrift über 30 Prozent der Investitionskosten bedeutet.

Allerdings sind beide Steuervorteile nur eine temporäre Förderung, die der Kongress im vergangenen Jahrzehnt mehrmals auslaufen ließ und kurzfristig wieder verlängerte – besonders für die Offshore-Industrie mit ihren langen Planungsphasen und hohen Kosten ist das ein Problem.

Die American Wind Energy Association kämpft für eine fünfjährige Verlängerung, doch die Unterstützung im zerstrittenen US-Kongress in Washington ist nicht sicher.

Aber jetzt sind erst einmal alle Augen auf den knallgelben Stahlplattformen vor der Küste von Rhode Island gerichtet. Es gab erste technische Probleme, einen Unfall mit einem der Frachtkähne. Außerdem hat eine Gruppe Offshore-Gegner vor dem Rhode Island District Court Klage gegen den Stromabnahme-Vertrag eingereicht.

Noch aber liegt Amerikas erster Offshore-Windpark im Zeitplan.

Iris Franco Fratini
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt