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Thema Wind und Wende

08. Dez. 17

Heizkraftwerk Linden in Hannover (Niedersachsen) steht (Langzeitbelichtung). Das Heizkraftwerk Linden wird mit Erdgas befeuert

Stunde Null in der Energiebranche

20 Jahre nach dem Ende der Strommonopole in Deutschland zeichnet sich eine neue Konzentrationswelle ab – diesmal europaweit. Die bereits totgesagten Versorger erleben eine Renaissance. Fragt sich nur für wie lange

Von Claus Gorgs

Es war der Startschuss in ein neues Zeitalter: Am 28. November 1997 beschloss der Deutsche Bundestag die Reform des Energiewirtschaftsgesetzes – und öffnete den über Jahrzehnte abgeschotteten Strommarkt für den Wettbewerb. Konzerne wie Veba und Viag (die später zu Eon fusionierten) oder RWE verloren ihre Gebietsmonopole, ein ganzes Heer neuer Anbieter entstand. Heute können auch Norddeutsche Strom bei den Münchner Stadtwerken beziehen, Bahn und Post verkaufen ebenso selbstverständlich Elektrizität wie Aldi und Lidl, auf Vergleichsportalen wie Verivox oder Check24 können Kunden zwischen mehr als 100 Versorgern wählen.

Die Großkonzerne, so schien es, hatten ausgedient, spätestens seit Bundeskanzlerin Angela Merkel 2013 die unter Rot-Grün eingeleitete Energiewende betätigte und zunächst die Kernenergie und später im Zuge des Pariser Klimaschutzabkommens auch die Kohleverstromung zum Auslaufmodell machte. Selbst eine Pleite der einstigen Stromgiganten Eon und RWE schien nicht mehr ausgeschlossen.

„Bei den großen konventionellen Kraftwerken sehen wir Konzentrationstendenzen, bei den erneuerbaren Energien dreht sich gerade der gesamte Markt“, sagt Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende.

Kohle und Gas feiern derzeit ein Comeback, die Aktienkurse von Versorgern wie Uniper und RWE steigen. Aber wie lange noch?

Doch seither ist Bemerkenswertes geschehen: Die Energie von gestern ist plötzlich wieder sexy. Die Eon-Aktie hat seit Jahresbeginn um 57 Prozent zugelegt, das Papier von RWE um 65 Prozent. Die Eon-Tochter Uniper, in die der Essener Konzern seine konventionellen Kraftwerke ausgelagert hat, wird im kommenden Jahr vom finnischen Versorger Fortum übernommen – für 22 Euro pro Anteilsschein. Anfang des Jahres lag der Kurs noch bei weniger als zwölf Euro. Innogy, die Ökostromsparte des Rivalen RWE, gilt als Übernahmekandidat für den französischen Energieriesen Engie, vormals GDF Suez.

Es sieht so aus, als stünde dem deutschen Strommarkt 20 Jahre nach seiner Liberalisierung eine neue Fusionswelle bevor – nur dass die Riesen von einst nun selbst auf dem Einkaufszettel stehen, und zwar auf dem ihrer europäischen Konkurrenten. Kehren die alten Monopolstrukturen zurück im neuen Gewand?

„Da passiert gerade etwas ganz Substanzielles“, sagt Patrick Graichen, Direktor des Berliner Thinktanks Agora Energiewende. „Bei den großen konventionellen Kraftwerken sehen wir Konzentrationstendenzen, bei den erneuerbaren Energien dreht sich gerade der gesamte Markt. Beide Seiten stehen vor einem fundamentalen Wandel – auf sehr unterschiedliche Weise.“

Deutschlands Energieerzeuger erleben gerade eine doppelte Revolution: Einerseits feiern Kohle und Gas ein erstaunliches Comeback. Vor einem Jahr als schmutzige Auslauftechnologien quasi abgeschrieben, haben steigende Strompreise und günstige Wechselkurse das Geschäft mit fossiler Energie wieder attraktiv gemacht.

Zudem setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass konventionelle Kraftwerke trotz aller Fortschritte bei regenerativen Quellen und Speichertechnologien noch lange unverzichtbar bleiben werden. Konzerne wie Fortum, der tschechische Energieversorger EPH oder auch RWE wittern hier ein durchaus langfristig lukratives Geschäft – und wollen die von der grün gewendeten Konkurrenz verschmähten vermeintlichen Altlasten einsammeln.

Fortum-Zentrale im finnischen Helsinki: Der Energiekonzern übernimmt den 47-prozentigen Anteil, den Eon noch an Uniper hält.

Die Tschechen zahlen Milliarden für Vattenfalls Braunkohlgruben, die Uniper-Kraftwerke gehen nach Finnland: Größe ist entscheidend

Auch auf der anderen Seite, bei den erneuerbaren Energien, hat der Wettlauf um die Zukunft begonnen – allerdings unter gänzlich anderen Vorzeichen. Hier treffen die Großen wie Eon, das RWE-Spin-off Innogy oder EnBW auf innovative neue Player wie den Allgäuer Ökostrompionier Sonnen oder das Hamburger Start-up Enyway, die günstigen Grünstrom aus der Nachbarschaft versprechen und die klassischen Versorger gänzlich überflüssig machen wollen.

„In Deutschland existieren gerade zwei Energiemarktsysteme parallel“, sagt Thomas Fritz, Partner beim Beratungshaus Oliver Wyman. „In den nächsten zwei bis drei Jahren werden wir eine Vielzahl neuer Geschäftsmodelle erleben, in fünf bis zehn Jahren werden sie international skalierbar sein und danach werden wir den Markt nicht wiedererkennen.“

Bei Kohle und Gas ist der Trend zur Größe schon seit geraumer Zeit zu sehen. Immer mehr Versorger trennen sich von ihren konventionellen Energiesparten, um sich ganz auf die Erneuerbaren zu konzentrieren. Andere sammeln diese neuerdings ungeliebten Assets ein in der Annahme, dass sie für die Versorgungssicherheit noch für viele Jahre gebraucht werden.

Einer dieser Lumpensammler ist der Energiekonzern EPH. Im April 2016 kauften die Tschechen der schwedischen Vattenfall-Gruppe ihr ostdeutsches Braunkohlegeschäft für 3,4 Milliarden Euro ab, bereits ein Jahr zuvor hatten sie den konventionellen Teil des Eon-Geschäfts in Italien übernommen. Im Oktober gab Eon überraschend den Verkauf seines 47-Prozent-Anteils an der gerade erst in die Unabhängigkeit entlassenen Kraftwerkstocher Uniper an Fortum bekannt – was einer De-facto-Übernahme durch die Finnen gleichkommt.

Atomkraftwerk von Engie in Belgien: Der französische Konzern wird immer wieder als Treiber der Konsolidierung genannt.

Die alten Riesen Eon und RWE haben es verpasst, rechtzeitig auf Erneuerbare zu setzen. Deshalb geraten sie jetzt ins Hintertreffen

„Energie ist ein kapitalintensives Geschäft, da ist Größe entscheidend“, sagt Thomas Deser, Portfoliomanager bei Union Investment. Er rechnet mit einer zunehmenden Internationalisierung der Branche, neben EPH und Fortum sieht er auch die kapitalstarke italienische Enel sowie Engie aus Frankreich als mögliche Konsolidierer.

„Engie schreitet mit der eigenen Umstrukturierung gut voran, sobald die abgeschlossen ist, wird etwas passieren“, so Desers Prognose. Als möglicher Partner wird immer wieder Innogy genannt, die RWE über einen Aktientausch an Engie abgeben könnte. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gilt als großer Fan eines solchen transnationalen Champions – unter französischer Führung, versteht sich.

Dass Eon und RWE im Endspiel um Europas Energiemärkte voraussichtlich keine Führungsrolle übernehmen werden, haben sie nach Ansicht von Stephan Kohler vor allem sich selbst zuzuschreiben. „Die deutschen Konzerne hätten den Wandel in Richtung erneuerbare Energien einleiten müssen, als sie noch stark waren“, sagt der Energieexperte und ehemalige Chef der Deutschen Energie-Agentur (Dena). „Eon und RWE haben viel zu spät angefangen und sind an ihrer eigenen Trägheit gescheitert.“

Eine Analyse, die mittlerweile selbst von Eon-Chef Johannes Teyssen geteilt wird. Seine lange unumstößliche Überzeugung, Kohle und Gas würden noch über Jahrzehnte der Hauptenergieträger bleiben, bezeichnet er heute öffentlich als „Fehleinschätzung“.

Eon-Chef Johannes Teyssen war lange ein Verfechter von Kohle und Gas. Eine „Fehleinschätzung“, wie er nach der Abspaltung des konventionellen Geschäfts sagt.

Der Markt verändert sich rasant. An die Stelle großer Versorger tritt eine Vielzahl neuer Anbieter, die auf ein dezentrales System setzen

Inzwischen kann es ihm gar nicht schnell genug gehen, das einstige Kerngeschäft loszuwerden, obwohl Uniper inzwischen wieder gutes Geld verdient. Steigende Strompreise, steigende CO2-Preise und ein günstigerer Rubelkurs für das wichtige Russlandgeschäft: „Für Eon hätte es nicht besser laufen können“, sagt Investmentexperte Deser.

Mittlerweile notiert die Uniper-Aktie sogar oberhalb des von Fortum gebotenen Preises von 22 Euro. Dass die Essener trotzdem verkaufen, deutet er als Indiz, „dass Eon nicht an die Nachhaltigkeit des Uniper-Aufschwungs glaubt“. Anders ausgedrückt: Nichts wie weg. Bevor der unberechenbare Strommarkt wieder in die andere Richtung dreht.

Mit dem Geld aus den Verkäufen und der Rückzahlung der vom Bundesverfassungsgericht gekippten Brennelementesteuer im Rücken stürzen sich die Konzerne nun in den Markt für erneuerbare Energien und treffen dort nicht nur auf neue Wettbewerber, sondern auf völlig andere Strukturen. Während bisher wenige zentrale Großkraftwerke für die Stromversorgung zuständig waren, sind es jetzt Millionen von Solarpanelen auf unzähligen Hausdächern, Tausende kleiner Biogasanlagen und Windräder überall im Land.

„Es entsteht gerade ein dezentrales System mit einer Vielzahl von Playern“, sagt Marktexperte Fritz von Oliver Wyman. „Jeder Haushalt, jedes Unternehmen kann Erzeuger und Verbraucher zugleich sein. Produziert man mehr Strom, als man verbraucht, gibt man ihn ab. Erzeugt man weniger als den eigenen Bedarf, kauft man zu. Es wird neue Geschäftsmodelle geben, die diese moderne Energiewelt steuern.“

„In den nächsten zwei bis drei Jahren werden wir eine Vielzahl neuer Geschäftsmodelle erleben“, meint Thomas Fritz vom Beratungshaus Oliver Wyman.

Die Digitalisierung könnte auch in der Energiebranche zum großen Gamechanger werden. Blockchain macht es möglich

Die ersten gibt es bereits. Seit einigen Wochen vermarktet das Start-up Enyway aus Hamburg Ökostrom direkt vom Erzeuger an die Konsumenten. Das erklärte Ziel: die traditionellen Versorger überflüssig zu machen. Gründer Heiko von Tschischwitz, der vor 20 Jahren schon zu den Initiatoren des inzwischen größten deutschen Ökostromanbieters Lichtblick gehörte, versteht sein Unternehmen als Marktplatz, auf dem jeder mit jedem Energie handeln kann, von Privatmann zu Privatmann, eine Art AirBnB der Energiewirtschaft.

Abgerechnet wird digital über ein Blockchain-Verfahren, reicht der Strom im eigenen System nicht aus, speist Enyway Ökostrom aus dem Verbundnetz ein. „Die klassischen Versorger werden nicht von heute auf morgen verschwinden, aber ihre Rolle wird sich stark verändern“, ist Fritz überzeugt. Heute liege der Anteil dezentraler Energieversorgungskapazitäten global bei etwa fünf Prozent. Bis 2025 geht er von 25 Prozent aus.

Ermöglicht wird dieses neue Stromzeitalter durch die Digitalisierung. Smarte Zählerkästen, die den Verbrauch jedes einzelnen Geräts genau erfassen und vorausberechnen, helfen, die Energieströme so exakt wie möglich zu steuern. „Die Energieversorger werden sich zu Energiedienstleistern wandeln, die individuelle Angebote für jeden Kunden machen“, sagt Ex-Dena-Chef Kohler. „Die Unternehmen, die das beste Komplettpaket anbieten, werden das Spiel gewinnen.“

„Ein Unternehmen wie Eon auf Start-up zu trimmen, ist schon eine Herausforderung“ Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende

Wer das sein wird, ist längst noch nicht ausgemacht. Die grün gewendeten Versorger aus der Kohlezeit verfügen noch immer über Millionen von Kunden und Stromanschlüssen, ein unschätzbarer Vorteil. Doch im Gegensatz zu den neuen Rivalen schleppen sie die Kultur, die Kosten und die Strukturen von Konzernen mit sich herum. Agilität und das Denken in digitalen Geschäftsmodellen gehören nicht gerade zu ihrer DNA.

„Ein Großunternehmen wie Eon auf Start-up zu trimmen, ist schon eine Herausforderung“, sagt Patrick Graichen von Agora Energiewende. Zudem dürfte es Jahre dauern, die vielen analogen Anschlüsse zu intelligenten Energiemanagementsystemen umzurüsten.

Eon und Innogy versuchen, sich das nötige Know-how über Beteiligungen und Übernahmen von Internet-Start-ups zu sichern. 300 Millionen Euro stehen bis 2020 dafür bereit. Vor zweieinhalb Jahren gründete Innogy-Chef Peter Terium einen Außenposten im Silicon Valley, weitere Zukunftsteams arbeiten in Berlin, Tel Aviv und London an den intelligenten Netzen der Zukunft. Eon fährt eine ähnliche Strategie, EnBW versucht, mit einem „Innovationscampus“ in Deutschland den Wandel zu managen.

Gaskraftwerke wie hier in Hannover haben auch in einer CO2-freien Welt eine Zukunft: Sie könnten mit Ökostrom erzeugtes Gas verbrennen.

Es sind nicht nur agile Start-ups, die in die Branche drängen. Auch Giganten wie Google könnten zu Rivalen der Stromerzeuger werden

Für Oliver-Wyman-Berater Fritz ist noch nicht ausgemacht, wer am Ende das Rennen machen wird. „Alle großen Versorger haben erkannt, dass sie neue Geschäftsmodelle brauchen. Aber das reicht noch nicht, sie müssen schneller und dynamischer werden.“ Da die Kosten durch die Digitalisierung tendenziell sinken, hätten auch clevere Start-ups eine reelle Chance, erfolgreich zu sein.

Doch zusätzlicher Wettbewerb droht auch noch aus einer ganz anderen Richtung: Google, Apple und Amazon haben sich in den USA bereits Stromhandelslizenzen gesichert. Die Internetkonzerne verfügen über alles, was man für einen erfolgreichen Markteintritt braucht: Millionen von Kundendaten, digitales Know-how und unermesslich viel Geld. „Wenn einer dieser Technologiekonzerne in den Markt einsteigt“, so Fritz, „kann alles sehr schnell gehen.“

Agora-Chef Graichen hält es deshalb für naiv, von einer Welt zu träumen, in der sich jeder beim Ökostromer nebenan mit den benötigten Kilowattstunden eindeckt. „Größe ist auch in der neuen Energiewelt relevant, weil das Geschäft rentabler wird, desto mehr Datenpunkte man einsammeln kann.“ Außerdem sei das Stromgeschäft ein extrem regulierter Markt, in dem Angebot und Nachfrage stets genau austariert werden müssen, um die Netzstabilität nicht zu gefährden.

„Die Blockchain kann zwar Abläufe beschleunigen, aber kein europaweites Hochspannungsnetz stabil halten, um Blackouts zu vermeiden“, sagt der Experte. „Die meisten App-Entwickler haben keine Ahnung von den Regularien des Energiemarkts und unterschätzen diesen Punkt gewaltig.“

Einig sind sich die Experten, dass konventionelle Kraftwerke noch lange eine bedeutende Rolle bei der Energieversorgung spielen werden, allen voran die Gaskraftwerke, in denen sich auch in einem Szenario, in dem 100 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammt, problemlos Methangas verfeuern ließe, das durch überschüssige Wind- oder Sonnenenergie erzeugt wurde.

„Kraftwerke, die Brennstoff verbrennen, wird man immer brauchen“, sagt Graichen. „Kein Speicher ist derzeit in der Lage, eine Woche Windstille im Winter abzupuffern.“ Was wiederum dafür spricht, dass auch die Geschäftsmodelle in der alten Energiewelt eine langfristige Zukunft haben.

Volker Kühn
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