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Thema Wind und Wende

30. Okt. 17

Den vierten Platz teilen sich gleich drei Windparks mit je 400 Megawatt Leistung. Der erste ist „Anholt” vor der Ostküste Jütlands. Seit 2013 ist er der größte Offshore-Windpark Dänemarks. Der Windpark der Firma DONG Energy versorgt umgerechnet rund 400.000 dänische Haushalte mit Strom und deckt damit etwa vier Prozent des dänischen Stromverbrauchs ab.

„Industriepolitisch eine Katastrophe“

Die Drosselung des Windkraftausbaus und die schleppende Netzerweiterung sind aus Sicht von Ursula Prall, Chefin der Stiftung Offshore-Windenergie, die größten Hindernisse der Branche

Für den Anstieg der Stromkosten sind nicht nur die Erneuerbaren verantwortlich, sagt Ursula Prall. Auch wenn von interessierter Seite der Eindruck erweckt würde.

Seit Juli ist Ursula Prall Vorstandsvorsitzende der Stiftung Offshore-Windenergie. Die Juristin engagiert sich seit 2004 in diversen Funktion für die Fortentwicklung dieser Technologie in Deutschland. Im Interview mit Energie-Winde spricht sie über die Ziele der Politik, Klagen der Unternehmen, die Tücken des Ausschreibungssystems und mögliche Ansätze für eine Beschleunigung des Netzausbaus.

Frau Prall, die noch amtierende Bundesregierung hat die Ausbauziele für die Offshore-Windkraft erheblich reduziert. Können Sie das nachvollziehen?
Ursula Prall: Das hatte sich seit der Strompreisdebatte 2013 angebahnt. Zu diesem Zeitpunkt war das maßgebliche politische Argument der Strompreis, der allerdings nicht nur durch den Ausbau der erneuerbaren Energien beeinflusst wird. Dieser Anschein wurde damals leider von politisch interessierter Seite geweckt. Hinzu gekommen sind dann erhebliche Netzprobleme an Land. Allerdings ist auch dafür nicht allein die Offshore-Windbranche verantwortlich.
Das neue Ziel von 15.000 statt 25.000 Megawatt Offshore-Windkraft bis 2030 ist ausgesprochen wenig. Industriepolitisch sind die Deckelung und der zeitliche Ablauf eine Katastrophe. Daher haben wir als Branche mit den norddeutschen Bundesländern im Cuxhavener Appell einen Ausbau von mindestens 20 Gigawatt bis 2030 und 30 Gigawatt bis 2035 gefordert. Anfang des nächsten Jahrzehnts wird es ansonsten einen Fadenriss geben, der die ganze Zulieferkette in Mitleidenschaft zieht. Die Begrenzung ist auch nicht zukunftsweisend, wenn man an die neuen Klimaziele für 2050 denkt.

Rechnen Sie damit, dass die neue Bundesregierung den Deckel anheben wird?
Prall: Der politische Wille ist meines Erachtens aktuell nicht so ausgeprägt. Vernünftig wäre aber auf jeden Fall, nach der zweiten Ausschreibung im April 2018 zu gucken, welche existierenden Netzkapazitäten noch frei sind. Die Größenordnung kennen wir noch nicht genau, weil wir nicht wissen, welches Projekt mit welcher zu installierenden Leistung auf welcher Netzanbindung einen Zuschlag bekommt.
Wir wissen auch nicht, ob alle Anbindungen, die im Raum stehen, tatsächlich gebaut werden müssen. Womöglich gibt es zwischen 500 und 1500 Megawatt ungenutzte Restkapazitäten. Diese nicht zu nutzen, erscheint uns volkswirtschaftlich ausgesprochen unvernünftig.

„Paradigmen- wechsel tun weh. Wirklich schmerzhaft ist der Deckel“ Ursula Prall über die Energiepolitik

Einige Planer von Offshore-Windparks wie WPD und PNE sind von dem Deckel unmittelbar betroffen und haben dagegen geklagt. Welche Chancen rechnen Sie denen aus?
Prall: Diese Unternehmen verfügen über Projekte, die nicht an den Ausschreibungen teilnehmen dürfen, weil ihr Planfeststellungsverfahren noch nicht ausreichend weit fortgeschritten ist oder weil sie relativ küstenfern liegen. Sie haben bereits viele Millionen in die Entwicklung dieser Projekte investiert. Dafür erhalten sie noch nicht einmal eine Entschädigung. Obwohl die Politik über die Jahre ein sehr dichtes und stringentes Anreizsystem aufgebaut hat und die Kläger daher damit rechnen konnten, ihre Windparks irgendwann zu realisieren.
Dass sie ganz „abgesägt“ werden, damit konnte niemand rechnen. Dass keine Entschädigung vorgesehen ist, wirft Zweifel an der Verfassungskonformität dieser Regelung auf. Da bleibt bei allen das deutliche Gefühl, dass das so nicht sein kann. Ob dies vor Gericht wirklich reicht, muss man abwarten.

Auf lange Sicht übernimmt auch in Deutschland der Staat die Flächenentwicklung für Offshore-Windparks. Ist das der richtige Ansatz?
Prall: Das ist eine Glaubensfrage. Wir sind in der Vergangenheit immer davon ausgegangen, dass es gerade nicht der Staat sein soll. Allerdings war das bisherige Modell auch nicht ideal. Es hat zu einer Planungssituation geführt, die auch die Branche nicht mehr glücklich gemacht hat und die kaum noch umsetzbar war. Eine gewisse Steuerung ist schon hilfreich für alle Beteiligten. Ich glaube auch, dass das sogenannte zentrale Modell funktionieren wird. Paradigmenwechsel tun eben weh. Wirklich schmerzhaft ist der Deckel.

„Nach den vorliegenden Studien ist da noch einiges an Musik drin“ Ursula Prall über die Auslastung der Stromnetze

Welche Möglichkeiten sehen Sie, den Netzausbau auf See und an Land zu beschleunigen?
Prall: Offshore können wir zunächst mit einiger Erleichterung verzeichnen, dass die Zeit massiver Verspätungen der Netzanbindung vorbei ist, weil nun deutlich früher begonnen wird mit der Errichtung. Eine Beschleunigung wäre natürlich trotzdem hilfreich. Die Branche hat mit einer Studie von Fichtner gezeigt, dass verschiedene Beschleunigungseffekte möglich wären.
Die Beschleunigung des Netzausbaus an Land ist der Stein der Weisen, den seit Jahren niemand findet. Es gibt nach meinem Dafürhalten zwei Ansätze: Der eine ist, wirklich genauestens zu untersuchen, welche vergleichsweise unaufwendigen Optimierungsmaßnahmen es im existierenden Netz gibt. Damit wäre schon mal sehr viel gewonnen. Nach den vorliegenden Studien ist da noch einiges an Musik drin.

Und die zweite Möglichkeit?
Prall: ... ist bislang nur eine Idee von mir – kein bisschen mehr. Ich meine, man müsste schon jetzt anfangen, in eine konkretere Planung zu gehen. Ohne dass durch diese Planung schon eine Pflicht zur Realisierung ausgelöst würde.
Damit könnte man aber, wenn sich der Bedarf zeigt, schneller diese Planung in einem recht konkreten Stadium aktivieren. Das ist etwas, was momentan nicht im Gesetz steht. Man würde früher anfangen, ohne den ganz konkreten Auftrag, und ohne genau zu wissen, ob die Trasse gebraucht wird. Vielleicht erweist sich das als nicht tragfähig. Aber der Status quo scheint mir keine Lösung zu sein, man wird hier jedenfalls mal kreativ denken müssen.

„Eine Dauerlösung kann das Losverfahren natürlich nicht sein“ Ursula Prall über die Vergabe von Windparklizenzen

Die Sieger der ersten Ausschreibung in diesem Jahr haben ihre Gebote größtenteils ohne staatliche Förderung kalkuliert. Falls in der zweiten Runde viele das Gleiche tun, könnte am Ende sogar das Los entscheiden. Sollte der Gesetzgeber die Zuschlagskriterien anpassen?
Prall: Nein, nicht vor der zweiten Ausschreibung. Das hätte man, wenn überhaupt, direkt nach der ersten Auktion im Mai machen müssen. Jetzt ist es viel zu kurzfristig, die Unternehmen kalkulieren alle schon kräftig, rechnen und überlegen sich ihre Strategien. Wenn jetzt noch weitere Kriterien eingeführt würden, wäre das gar nicht mehr zu bewältigen.
Für die ersten beiden Auktionen haben wir auch Regelungen, wie zu bezuschlagen ist, wenn es gleichlautende Gebotswerte gibt. Den Ausschlag gibt erstens der Gebotswert, zweitens die Gebotsmenge und drittens das Los. Das reicht für den Moment.
Eine Dauerlösung kann das Losverfahren natürlich nicht sein. Wenn die null Cent die Regel werden, brauchen wir langfristig natürlich Kriterien, nach denen die Zuschläge erteilt werden. Vielleicht zählt dann so etwas wie die Eignung und Erfahrung eines Bieters, seine bereits installierte Megawattzahl, wie das die Niederlande derzeit planen, oder eine Beteiligung an der Netzanbindung. Das sind derzeit aber alles noch Gedankenspiele, hier ist noch viel zu überlegen.

Das niedrigste Gebot der zweiten Auktion setzt automatisch den maximal zulässigen Höchstwert in der darauffolgenden. Schon bei einem einzigen Nullgebot gibt es künftig also gar keine Förderung mehr. Muss man zumindest diese Regelung ändern?
Prall: Die erste Reaktion der Branche nach den Nullgeboten war, dass der Gesetzgeber da natürlich ran sollte. Man wird aber die Ergebnisse der zweiten Runde abwarten müssen. Wenn sich zeigt, dass die null Cent ein Ausreißer sind, dann muss der Gesetzgeber sicherlich handeln. Dann könnte er den Höchstwert zwar massiv senken, aber es wäre noch ein Wert.
In der ersten Runde wurden auch nicht alle Zuschläge für null Cent erteilt – dies gerät derzeit häufig in Vergessenheit. Wenn nun auch in der zweiten Runde viele Unternehmen die Null bieten, darf man schon Zweifel haben, ob eine Förderung überhaupt noch erforderlich ist. Dann müsste eine Änderung nicht unbedingt sein. Es gibt ja immer noch die massive Förderung dadurch, dass die Netzanbindung gestellt wird. Das ist ein wichtiger Kostenfaktor.

In der zweiten Ausschreibung müssen laut Gesetz auch Ostsee-Projekte einen Zuschlag erhalten, und zwar im Umfang von 500 Megawatt oder einem Drittel des Gesamtvolumens. Halten Sie diese Mindestquote für sinnvoll?
Prall: Die Ostsee muss im Spiel bleiben. Ohne diese Quote wäre die Ostsee aus Kostengründen möglicherweise nicht konkurrenzfähig gewesen, obwohl es dort auch gute Standorte gibt. Allerdings darf man gespannt sein, zu welchen Preisen dort die Zuschläge ergehen. Die Frage ist nämlich auch, ob der Wettbewerb in der Ostsee ähnlich groß ist wie in der Nordsee.

Die Fragen stellte Steven Hanke.

Die Stiftung Offshore-Windenergie wurde 2005 auf Anstoß des Bundesumweltministeriums gegründet. Beteiligt waren außerdem die Küstenländer und sämtliche Wirtschaftsbereiche, die sich in der Offshore-Windenergie engagieren.

Volker Kühn
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