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Thema Wind und Wende

28. Okt. 16

Fast überall, wo Stromtrassen geplant sind, protestieren die Anwohner. Das Foto zeigt ein Plakat im hessischen Fritzlar, wo der Süd-Link verlaufen könnte. Er soll sauberen Strom aus dem Norden in die süddeutschen Verbrauchszentren bringen.

Im roten Bereich

Politik und Forschung sind sich weitgehend einig: Deutschland braucht neue Stromautobahnen. Dennoch stockt der Ausbau – wegen Anwohnerklagen, Umweltbedenken und vieler anderer Probleme. Ein Überblick

Fast überall, wo Stromtrassen geplant sind, protestieren die Anwohner. Das Foto zeigt ein Plakat im hessischen Fritzlar, wo der Süd-Link verlaufen könnte. Er soll sauberen Strom aus dem Norden in die süddeutschen Verbrauchszentren bringen.

Gelb, Orange, Rot, Dunkelrot: Auf einer Karte der Höchstspannungsleitungen in Deutschland stechen die Warnfarben ins Auge. Sie markieren die Netzauslastung in einem Extremszenario, das im kommenden Winter durchaus eintreten kann. Dunkelrot steht dabei für eine Auslastung von 200 Prozent. Physikalisch ist das gar nicht möglich, ohne dass die Netze schweren Schaden nehmen. Besonders die Nord-Süd-Leitungen stehen unter enormem Druck.

Kollabiert das Netz also, sobald der Frost naht?
Nein. Denn in dieser Berechnung der Netzbetreiber sind die Notmaßnahmen nicht berücksichtigt, zu denen sie immer öfter greifen. Damit schaffen sie es, die Leitungen im grünen Bereich zu halten. Für einen Milliardenbetrag pro Jahr müssen dafür allerdings Kraftwerke vorübergehend außer Betrieb genommen werden. Auch Windräder an Land und auf hoher See werden regelmäßig ausgeschaltet, damit das Stromnetz nicht zusammenbricht.

Besonders kritisch für das Netz ist die sogenannte Stark-Wind-Stark-Last-Situation. Dann wird im Norden viel erneuerbarer Strom produziert, wenn gleichzeitig viel Strom in den süddeutschen Bevölkerungs- und Industriezentren verbraucht wird. Die Drähte laufen dann im wahrsten Sinne des Wortes heiß: Bis auf jenseits der 100 Prozent werden die Trassen teilweise gefahren. Das ist sogar von außen erkennbar: Die Leitungen hängen in solchen Phasen tiefer durch zwischen den Strommasten.

Das Kernkraftwerk Isar 2 in Bayern gehört zu den letzten, die in Deutschland abgeschaltet werden. Spätestens Ende 2022 geht es vom Netz. Um seinen Stromhunger zu stillen, ist das Bundesland dann noch dringender auf Importe angewiesen. Doch die Leitungen in den Norden sind bislang zu schwach.

Der Ausbau der Netze ist teuer – aber billiger als die Alternativen

Wie lässt sich das Leitungsproblem beheben? Lokale Speicher könnten eine Möglichkeit sein, doch die sind extrem teuer. Auch die Speicherung von überschüssigem Ökostrom in norwegischen Stauseen ist in Planung – dürfte allerdings nur Teil der Lösung sein.

Eine weitere Möglichkeit wäre es, den Ausbau der erneuerbaren Energien gleichmäßiger über Deutschland zu verteilen. Doch das hätte seinen Preis: Windkraft an Land zum Beispiel ist in Norddeutschland viel effizienter. Die Offshore-Windkraft, die vergleichsweise durchgängig Strom liefert, ist ohnehin nur vor den Küsten möglich.
Die naheliegende Antwortet lautet deshalb: Das Netz muss ausgebaut werden.

Michael Sterner, Professor für Energiespeicher und Erneuerbare Energien an der Ostbayerischen Technische Hochschule Regensburg, ist wie fast alle Experten der Meinung: „Der Netzausbau ist die mit Abstand günstigste Option. Das belegen zahlreiche Studien.” Auch in der Politik ist weitgehend unumstritten, dass der Ausbau der Stromnetze einstweilen die beste Lösung ist, wenn die Energiewende vorankommen soll. Es sei ein Mythos zu glauben, es würden keine zentralen Trassen gebraucht, sagte Energieminister Sigmar Gabriel (SPD) zuletzt.

Das Ob ist also keine Frage. Sondern das Wie.

Der Netzausbau wird zentral geplant und vorgegeben. Organisatorisch geschieht das vor allem auf zwei Ebenen: durch das Energieleitungsausbaugesetz (Enlag) von 2009 und das Bundesbedarfsplanungsgesetz von 2013. In Ersterem geht es um Ergänzungen zum bestehenden Höchstspannungsnetz, Letzteres sieht 3000 Kilometer neue Leitungen und 3000 Kilometer Netzverstärkungen vor.

Doch auf beiden Ebenen geht es nur schleppend voran. Auf rund 1800 Kilometer addieren sich die 22 Projekte des Enlag, die eigentlich schon 2015 fertig sein sollten. Das Termindebakel kann durchaus mit dem neuen Berliner Flughafen konkurrieren. Laut jüngsten Zahlen der Bundesnetzagentur sind erst 650 Kilometer fertiggestellt, also nur 35 Prozent der Gesamtlänge. Die Übertragungsnetzbetreiber erwarten, dass bis Ende 2017 nicht einmal die Hälfte der Leitungen fertig ist – zwei Jahre, nachdem der Abschluss für alle Projekte anvisiert war.

Bei den Leitungen aus dem Bundesbedarfsplangesetz sind ähnliche Verzögerungen absehbar. Eigentlich sollte der Ausbau bis 2022 beendet sein und vor allem die Nord-Süd-Kapazitäten des Stromnetzes enorm erweitern. Das Jahr 2022 ist deshalb ein wichtiges Zieldatum, weil dann die letzten Atomkraftwerke in Süddeutschland abgeschaltet werden und sich das Nord-Süd-Ungleichgewicht noch einmal verschärft. Doch es sind erst 350 Kilometer genehmigt und 69 gebaut. Unter der Hand sagen die Netzbetreiber übereinstimmend, dass sich der Ausbau bis deutlich nach 2025 verzögern wird. Auch die Bundesnetzagentur sieht das inzwischen so.

Die dünn besiedelte Uckermark ist ein wichtiges Rückzugsgebiet für Vögel. Bürgerinitiativen wehren sich seit 2008 gegen den Bau von Stromtrassen durch ein Biosphärenreservat – und bekamen vor Gericht Recht. Der Netzbetreiber 50 Hertz will nun beim Vogelschutz nachbessern.

Jeder Trassenkilometer bringt seine eigenen Probleme mit sich

Warum hinken die meisten Projekte deutlich dem Zeitplan hinterher? Jede Trasse ist ein Einzelfall und kämpft mit unterschiedlichen Problemen. Die Uckermark-Leitung in Brandenburg ist jedoch ein gutes Beispiel dafür, was schiefgehen kann beim Trassenausbau.

Die in der nordbrandenburgischen Region verlaufende Trasse soll 115 Kilometer lang werden und verläuft mit einem Schlenker nach Osten von Nord nach Süd. Sie verbindet drei größere Umspannwerke und ist für den Abtransport von Windstrom aus dem Norden dringend nötig – letztlich auch für die Offshore-Windparks in der Ostsee. Bei der Planung hielt man sich strikt an die Vorgabe, möglichst viele bestehende Trassen zu nutzen, selbst wenn dadurch Umwege in Kauf genommen wurden. 102 Kilometer laufen parallel zu bestehenden Stromleitungen, weitere fünf Kilometer entlang einer Bahnlinie. Der Ausbau hat also nur vergleichsweise moderate Auswirkungen auf die Landschaft.

Doch schon 2008 formierte sich massiver Widerstand vor Ort. Die damals gegründete Bürgerinitiative „Biosphäre unter Strom – keine Freileitung durchs Reservat“ zum Beispiel organisiert Proteste insbesondere gegen den Verlauf durch ein Biosphärenreservat. Seit Januar ist nun klar: Die Leitung darf vorerst nicht gebaut werden. Das Bundesverwaltungsgericht urteilte, der Genehmigungsbeschluss der örtlichen Behörden sei rechtswidrig, nachdem die Umweltschutzorganisation NABU sowie zwei Privatpersonen geklagt hatten.

Der Vogelschutz sei nicht ausreichend berücksichtigt worden – insbesondere, weil die Trasse besonders schützenswerte Gebiete durchquert. Der ostdeutsche Höchstspannungsnetzbetreiber 50Hertz will jetzt beim Vogelschutz nachbessern. Zusätzliche Gutachten sind in Auftrag gegeben. Doch das dauert. Das Projekt wird sich wohl erneut um Jahre verzögern, der Fertigstellungstermin ist offen.

Hier zeigt sich ein weiteres Mal, wie bei der Energiewende Ökos gegen Ökos streiten: Naturschützer prallen auf Klimaschützer. Ähnlich zäh kommt der Ausbau in vielen anderen Orten in Deutschland voran. Lokale Politiker, Bürgerinitiativen, Umweltorganisationen: Sie alle nutzen ihre legitimen Rechtsmittel voll aus, um neue Leitungen zu verhindern. Hinzukommen, wie im Fall der Uckermark-Leitung, auch Fehler bei Behörden und den Netzbetreibern.

2015 hat die Bundesregierung beschlossen, neue Starkstromtrassen vermehrt unterirdisch verlegen zu lassen. Das bringt nicht nur Mehrkosten von bis zu zwölf Milliarden Euro mit sich, sondern ist auch technisch umstritten. Erfahrungen wie hier in einem Starkstromtunnel in Berlin zeigen die Anfälligkeit solcher Leitungen.

Milliardenteure Erdleitungen sollen Anwohnerproteste besänftigen

Angesichts der bisherigen Erfahrungen bei vergleichsweise kleinen Projekten lässt sich erahnen, wie massiv der Widerstand gegen die als „Monstertrassen“ verschrienen, Hunderte Kilometer langen Nord-Süd-Leitungen wohl ausgefallen wäre, die zur zweiten Netzausbauwelle gehören. Die bayerische Landesregierung hatte sich zuweilen offen gegen deren Ausbau gestellt.

Nach jahrelangem Hickhack zog die Berliner Regierungskoalition daher Ende 2015 die Notbremse: Für Mehrkosten in Höhe von zehn bis zwölf Milliarden Euro werden die Gleichstromtrassen nun unterirdisch verlegt – ohne Monstermasten. Technisch ergibt das nicht besonders viel Sinn: Erfahrungen zum Beispiel mit dem großen Stromtunnel unter Berlin haben gezeigt, dass es bei unterirdischer Verlegung zu längeren Ausfallzeiten kommt. Bei einem Defekt gelangt man nicht so schnell an die Fehlerquelle und die Diagnose ist schwieriger. Und: Die technischen Planungen müssen ganz von vorn beginnen, auch der mögliche Trassenverlauf ist bei unterirdischer Verlegung ein anderer.

Es ist zudem nicht einmal gesagt, dass damit der Weg frei ist und die Klagen weniger werden. Ist eine unterirdisch verlegte Trasse fertig, stört sie zwar das Landschaftsbild tatsächlich weniger als eine Freileitung. Doch die Bauarbeiten greifen massiv in die Landschaft ein. Für eine Freileitung wird alle paar Hundert Meter ein Mast errichtet, für die unterirdische Verlegung muss durchgängig die Erde aufgebrochen und die Vegetation zeitweise vollständig entfernt werden. Der Netzausbau wird das Energiewendeland Deutschland noch sehr lange beschäftigen. Er ist äußerst mühsam, stockt, kommt nur im Schneckentempo voran. Aber echte Alternativen gibt es noch nicht.

Larissa Dieckhoff
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