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Thema Wind und Wende

07. Jun. 16

58 Kernkraftwerke und ein bisschen Wind

Jahrzehntelang hat Frankreich auf Kernkraft gesetzt wie kaum ein anderes europäisches Land. Jetzt beginnt auch hier die Energiewende. Die Ziele sind ehrgeizig, die Aussichten eher ungewiss.

Dies sei der Beitrag Frankreichs zum Schicksal unseres Planeten, so die französische Umweltministerin Ségolène Royal als Frankreich über das „Energiewendegesetz für grünes Wachsum” abstimmte.

Von Heimo Fischer

Umweltministerin Ségolène Royal wählte besondere Worte, als die französische Nationalversammlung über das „Energiewendegesetz für grünes Wachstum“ abstimmte. „Es stellt den Beitrag Frankreichs zum Schicksal unseres Planeten dar“, sagte sie im Juli 2015.

Ihre Worte waren ein wenig pathetisch, aber nicht unangebracht. Denn tatsächlich steckt der Text einen Rahmen für die künftige Energiepolitik des Landes ab, der weit über das hinausgeht, was beispielsweise das deutsche EEG vorsieht. Neben konkreten Zielen für den Ausbau von Wind-, Sonnen- und Wasserkraft macht es Vorgaben für eine höhere Energieeffizienz und die Vermeidung von Abfällen. „Etwas Vergleichbares gibt es in Deutschland nicht“, sagt Sven Rösner, stellvertretender Leiter des Deutsch-Französischen Büros für erneuerbare Energien in Paris.

Bis sich die französische Regierung zu einer Energiewende entschloss, dauerte es allerdings wesentlich länger als in anderen Ländern Europas. Der Grund dafür ist einfach: Durch den massiven Ausbau der Kernkraft in den 70er-Jahren war der Energiebedarf gedeckt – und das zu günstigen Preisen.

Auch heute noch heizt ein großer Teil der Franzosen die Wohnung mit elektrischem Strom, der zu 75 Prozent aus den 58 Atommeilern des Landes kommt. Lange Zeit war in Frankreich das Thema Energieerzeugung deswegen gleichzusetzen mit Kernkraft.

In der Debatte um den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid fühlte sich Frankreich daher nicht angesprochen. Nach Angaben des mehrheitlich in Staatshand befindlichen Stromkonzerns Electricité de France (EdF) entstehen im eigenen Land nur 15 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde, was deutlich unter dem europäischen Schnitt von 325 Gramm liegt.

Die Glanzzeiten der Atomenergie sind vorbei. Französische Atomkonzerne machen Verluste und mit dem neuen Gesetz zur Energiewende sollen nur noch 50 statt heute 75 Prozent aus der Kernenergie kommen.

Atomkraft verursacht Milliardenkosten

EdF und der staatliche Atomkonzern Areva sind feste Größen in Frankreichs Energie- und Wirtschaftspolitik. Schätzungen zufolge hängen an der französischen Nuklearbranche 2500 Firmen mit 220.000 Arbeitsplätzen. Noch Anfang des Jahrtausends galt die Atomtechnologie des Landes als Exportschlager – etwa für die aufstrebenden Staaten Asiens, deren Hunger nach billiger Energie wuchs.

Vielleicht war diese Lage zu komfortabel. Jedenfalls hat Frankreich es versäumt, rechtzeitig umzusteuern. Durch die Katastrophe von Fukushima aber brach die weltweite Nachfrage nach Atomstrom ein, gleichzeitig häuften sich technische Probleme bei der neuen Generation von Druckwasserreaktoren, die Areva unter anderem für EdF in Flamanville an der französischen Kanalküste baut – eines von mehreren Projekten, das zum Milliardengrab werden könnte. Folge: Vergangenes Jahr machte Areva zwei Milliarden Euro Verlust, im Jahr zuvor waren es fünf Milliarden.

Ein weiteres Problem verstärkt ein Umdenken in Sachen Kernkraft: Bis 2015 muss EdF etwa 55 Milliarden Euro in seine Kernreaktoren stecken, wenn sie weiter laufen sollen. Bereits 2022 werden 22 der 58 französischen Reaktoren das Ende ihrer Laufzeit erreicht haben, die derzeit bei 40 Jahren liegt.

Abriss oder Erneuerung? Das ist für die französische Atombranche so, wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Der Rechnungshof des Landes schätzt, dass es allein 28,4 Milliarden Euro kosten wird, den anfallenden Atommüll im Falle eines Rückbaus zu entsorgen. Die Abrisskosten kommen extra hinzu. „Der französischen Atomwirtschaft geht es nicht gut“, urteilt Experte Rösner. Zurzeit kann EdF allerdings noch günstig Strom erzeugen, denn die Meiler sind komplett abgeschrieben.

Aus diesem Grund setzt sich EdF dafür ein, die Laufzeiten der französischen Kernkraftwerke zu verlängern – und Umweltministerin Royal zeigt sich dafür offen. Dennoch deutet alles darauf hin, dass die besten Jahre der Branche vergangen sind. Das Gesetz zur Energiewende schreibt jedenfalls fest, dass künftig nur 50 statt 75 Prozent des in Frankreich erzeugten Stroms aus Kernkraft kommen sollen.

Laut Sven Rösner, stellvertretender Leiter des Deutsch-Französischen Büros für erneuerbare Energien, hat Frankreich sehr viel Potential für die Erneuerbaren. Allein die Küstenlänge beträgt über 3.400 Kilometern.

Großer Investitionsbedarf für Erneuerbare

Ehrgeizige Vorgaben macht das Gesetz auch zum Endenergieverbrauch im Land. Die erneuerbaren Energien haben daran einen Anteil von 14 Prozent, Bis 2020 soll er auf 23 Prozent steigen und 2030 schließlich bei 32 Prozent liegen. Experten gehen allerdings davon aus, dass sehr hohe Investitionen nötig sind, um nicht schon das erste Zwischenziel zu reißen.

Darüber hinaus ist vorgesehen, dass der Endenergieverbrauch bis 2030 um 30 Prozent sinkt und bis 2050 um 50 Prozent. Der Ausstoß von Treibhausgasen soll dann auf ein Viertel im Vergleich mit 1990 sinken. Die meisten Energiemarktprognosen gehen davon aus, dass die Stromnachfrage bis 2030 nur leicht sinken wird.

Beim Ausbau der erneuerbaren Energien spielt Wind- und Sonnenkraft eine herausragende Rolle. „Das Potenzial dafür ist in Frankreich sehr hoch“, sagt Rösner. Die Küste Frankreichs ist 3427 Kilometer lang. Deutschland kommt nur auf 2389 Kilometer. Zudem bietet der Süden des Landes hervorragende Bedingungen für Fotovoltaikanlagen.

Ein weiterer Pluspunkt für die erneuerbaren Energien ist die geringe Bevölkerungsdichte. Dadurch wird es unwahrscheinlicher, dass sich Einwohner durch Erzeugungsanlagen belästigt fühlen. Dessen ungeachtet gibt es aber auch in Frankreich erhebliche Proteste gegen den Bau von Windparks.

An Land versucht die Regierung deshalb die Genehmigungsverfahren zu vereinfachen, um den Zubau zu beschleunigen. Zu den zentralen Elementen des Energiewendegesetzes gehört eine einheitliche Zulassung für Windenergie-, Biogas- und Wasserkraftanlagen. Bisher vergehen ab der Planung oft sechs bis acht Jahre, bis sich zum Beispiel die ersten Windräder drehen.

In den vergangenen drei Jahren hat sich die Lage der Windindustrie allerdings schon deutlich verbessert. Dazu trug auch das Ende eines komplizierten Rechtsstreits über Einspeisevergütungen bei. In Frankreich kommen derzeit knapp 11.000 Megawatt aus der Windenergie. In Deutschland sind es mehr als 40.000. Bis 2020 soll dieser Wert in Frankreich bei 25.000 Megawatt liegen – davon 6000 Megawatt aus Offshore-Windparks.
Um diese Ziele zu schaffen, muss Frankreich die Genehmigungs- und Bauzeiten allerdings erheblich beschleunigen. „Sonst wird es schwierig“, sagt Rösner. Selbst wenn die Energiewende des Landes einen noch so guten Beitrag zur Zukunft des Planeten leisten will. 

Ricarda Schuller
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