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Thema Wind und Wende

17. Okt. 15

Träger des Deutschen Umweltpreises der Deutschen Bundesstiftung Umwelt: Klimaforscher Mojib Latif im Höhenwinde-Interview.

„Wie Schuppen von den Augen”

Klimaforscher Mojib Latif fordert den zügigeren Ausbau der erneuerbaren Energie: Wind, Sonne, Biomasse. Nicht nur im Stromsektor, sondern auch in den Bereichen Mobilität und Wärme. Zaudern bestraft die Zukunft.

Träger des Deutschen Umweltpreises der Deutschen Bundesstiftung Umwelt: Klimaforscher Mojib Latif im Höhenwinde-Interview.

Latif Mojib wuchs als Kind pakistanischer Einwanderer in Hamburg auf. Sein Vater war Imam an einer der ersten Moscheen in Deutschland. Schon als Schüler interessierten den heute 61-Jährigen naturwissenschaftliche Fragen. Nach dem Studium der Meteorologie beschäftigte er sich unter anderem mit dem Wetterphänomen El Niño und habilitierte später im Fach Ozeanographie. Bis 2002 arbeitete er als Dozent am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie; seit 2003 ist er Professor an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel und forscht am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. Im September 2015 erhielt Latif den hochdotierten Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).

Nicht um nach den Sternen zu greifen, sondern weil er diesen Ort einfach schätzt, wählte er für das Höhenwinde-Gespräch bei strahlendem Sonnenschein und fast Windstille das Dach des Hamburger Planetariums im Stadtpark aus.

Mit welchem Thema beschäftigen Sie sich gerade?
 Im Moment untersuche ich Klimaschwankungen, die sich über Jahrzehnte erstrecken. Es geht in meinen derzeitigen Forschungsarbeiten im Grunde genommen darum, wissenschaftlich einzuordnen und zu belegen, ob die klimatischen Veränderungen schon als Teil des von der Menschheit verursachten Klimawandels zu bezeichnen sind oder ob es sich doch nur um natürliche Veränderungen handelt.

… und zu welcher Antwort kommen sie?
Der Klimawandel verläuft langsam über viele Jahrzehnte. Wenn man ihn erfassen will, muss man die längerfristige Entwicklung betrachten. Es reicht nicht, sich die letzten 20 Jahre anzusehen, sondern man muss Jahrhunderte zurückgehen.

Wir Klimaforscher sprechen von historischen Wettermessungen, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Wir können über andere Methoden noch tiefer in die Geschichte eintauchen und uns zum Beispiel die letzten 2.000 Jahre ansehen.

Betrachtet man all diese Daten genau, dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Wir befinden uns schon jetzt im Klimawandel. So blieb die Standardtemperatur lange Zeit konstant und sauste just in dem Moment nach oben, als der Mensch im Zuge der industriellen Revolution verstärkt Kohle verbrannte und der Kohlendioxid-Gehalt der Luft in die Höhe schoss. Bis heute. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies Zufall ist, ist ziemlich gering.

Der Begriff „Klimawandel“ ist heute in aller Munde. Seit wann ist die öffentliche Diskussion über ihn eigentlich im Gange?
Mitte der achtziger Jahre brachte Der Spiegel ein Titelbild heraus, in dem der Kölner Dom im Wasser stand und darunter in großen Lettern „Die Klimakatastrophe“ zu lesen war. Damit war das Wort „Klimakatastrophe“ geboren und in die öffentliche und wissenschaftliche Diskussion hineingetragen worden, obwohl wir Wissenschaftler ihn vorher gar nicht benutzt hatten. Wir sprechen neutral von Klimawandel.

Dies liegt rund 30 Jahre zurück. Seitdem haben wir weltweit weiter steigende Emissionen von Klimagasen. Viele Klimaforscher sagen deshalb, dass eine Begrenzung der Erderwärmung auf 2 Grad Celsius schon heute nicht mehr möglich sein wird. Spitzt sich die Situation zu?
Tatsächlich war das erste Halbjahr 2015 das wärmste seit 150 Jahren. Ich gehe davon aus, dass wir im Jahr 2015 einen neuen Temperaturrekord erreichen werden.

Die entscheidende Frage ist, ob es der Ende des Jahres in Paris stattfindenden internationalen Klimakonferenz gelingt, wirksame Emissionsreduzierungen auf den Weg zu bringen. Die Chancen sind dafür nicht sonderlich groß, wenn man feststellt, dass seit der ersten Klimakonferenz die weltweiten Emissionen um fast 60 Prozent gestiegen sind.

Auf dem Dach des Planetariums mit Blick auf Hamburg, Klimaforscher Latif: „Wenn einer unbedingt mit einem Geländewagen fahren möchte, bekommt er eben einen Extra-Chip verpasst und zahlt dann eben fünf Euro für den Liter Kraftstoff.”

Wenn man ihren Äußerungen folgt, dann ist die Lage ernst. Doch scheint angesichts niedriger Ölpreise kein wirklicher Wandel einzutreten?
Die Fakten sind eindeutig: Der Meeresspiegel ist seit 1900 im globalen Durchschnitt um 20 Zentimeter gestiegen. In der Südsee ist der Anstieg in den letzten Jahrzehnten besonders dramatisch, vielen Inseln droht der Untergang.

Jedoch gibt es das Phänomen, das der menschliche Beitrag zum Klimawandel in Ursache und Wirkung entkoppelt ist. Zwar haben die Industrienationen seit Jahrzehnten Kohlendioxid in die Luft geblasen – spüren bisher aber kaum etwas.

Da das hiesige Klima noch nicht außer Rand und Band ist, wähnen sich viele im Gefühl scheinbarer Sicherheit. Doch ist das ein großer Irrtum, denn egal wo massive Umbrüche stattfinden, am Ende sind auch wir betroffen. Wir merken dies gerade bei den Flüchtlingsströmen. Und diese werden sich vermutlich infolge des Klimawandels noch vergrößern. Wie schon gesagt, die Entkopplung von Ursache und Wirkung, zeitlich wie räumlich, ist Gift für ein eigenverantwortliches, umweltbewusstes Handeln.

… damit sind wir beim wichtigen Thema Energiewende, sind Sie zufrieden mit der deutschen Energiewende?
Nein, überhaupt nicht. Deutschland hat zwar sehr viel in die erneuerbaren Energien investiert. Das ist ein großer Verdienst, hat doch unser Land die erneuerbaren Energien bezahlbar gemacht und den Grundstein dafür gelegt, dass so viele Menschen an eine globale Energiewende glauben.

Doch es hätte alles viel schneller gehen können. Es gab große Bedenken, die unter anderem von den Energieunternehmen geschürt wurden. Da gab es die Mär vom Blackout, der eintreten würde, wenn man die großen Atomkraftwerke abschalten würde. Jetzt sind die meisten abgestellt und was ist passiert?

Braucht es aus ihrer Sicht die erneuerbaren Energien, um den Klimawandel abzuwenden?
Ja, unbedingt. Zumal es technisch möglich ist. Anfang der neunziger Jahre haben die Energiekonzerne noch behauptet, dass fünf Prozent Strom aus erneuerbaren Energien bis 2020 realistisch wäre. Heute sind wir schon bei 30 Prozent. Daran erkennt man, welche Dynamik möglich ist. Das muss die Politik weiter fördern. Kurz um: Den erneuerbaren Energien gehört die Zukunft - nicht den konventionellen.

Wie ist eigentlich ihr Verhältnis zur Windenergie?
Wind ist natürlich eine großartige Möglichkeit, erneuerbare Energie zu erzeugen. Wind ist eigentlich überall verfügbar. Die Nutzung des Windes gehört daher unbedingt zum zukünftigen Energiemix dazu.

Ebenso wie Sonne, Erdwärme und in bestimmten Grenzen auch Biomasse. Was für mich jedoch auch sehr wichtig ist, dass die Energie dort erzeugt wird, wo sie benötigt wird. Das ist das A und O. Und vor allen Dingen muss man die Menschen beteiligen, weil dadurch die Akzeptanz steigt.

Man könnte lokale Energiesysteme perfektionieren, in dem man sehr viele Leute einbindet und ihr Fähigkeiten und ihre Intelligenz nutzt. Das ist für die Zukunft wichtig. Ich bin überzeugt davon, dass die erneuerbaren Energien in 50 Jahren ganz anders angewandt werden als sie heute genutzt werden. Sie sind dann viel mehr integriert in die Architektur und die Produkte, die uns täglich umgeben.

Soweit sind wir allerdings - leider - noch nicht. Die Windenergie ist derzeit der Motor der Energiewende. Sowohl auf dem Land als auf dem Meer. Stimmt Sie das nicht positiv?
Aus meiner Sicht muss man die Entwicklung der Offshore-Windenergie abwarten. Wenngleich ich kein Windenergie-Experte bin, wär es mir persönlich wichtig, dass, wenn man Offshore macht, die daraus gewonnene Energie auch in den küstennahen Regionen nutzt.

Ich halte nichts davon, diese Energie nach Bayern zu schicken, denn dort gibt es genug Möglichkeiten, erneuerbare Energie zu produzieren. Insofern möchte ich eigentlich nicht, dass das Geschäftsmodell einer zentralen Energieversorgung in die erneuerbaren Energien hineinkopiert wird, weil dann die dezentralen Vorteile der erneuerbaren Energiequellen gar nicht ausgespielt werden.

Sie sind also der Auffassung, dass die Offshore-Windenergie eine Fortsetzung alter Kraftwerksstrukturen sei?
Genau das. Diejenigen, die früher konventionelle Kraftwerke betrieben haben, betreiben in Zukunft Offshore-Windenergieparks. Dabei wäre eine dezentrale Energieversorgung aus meiner Sicht viel demokratischer und am Ende des Tages auch viel sozialer.

Trotzdem spricht Einiges für die Offshore-Windenergie. Auf dem Meer herrschen höhere Windgeschwindigkeiten, die eine bessere Grundlastfähigkeit der Windparks im Gegensatz zu bayerischen Binnenlandstandorten gewährleisten. Was sagen Sie dazu?
Gut, stimmt! Aber das muss man genau abwägen, auch was die Kosten betrifft. An der Tatsache, dass vor allem Bayern den Ausbau der Windenergie bisher hemmt, muss sich natürlich etwas ändern. Ähnliches gilt auch für Baden-Württemberg, wo man mittlerweile jedoch versucht, die Dinge zum Besseren zu ändern.

Unterm Strich: Wind ist prima. Was die Grundlast anbelangt, müssen wir langfristiger planen und denken. Wir müssen viel mehr als bisher versuchen, die Energie zu speichern, wie beispielsweise mit dem Power-to-Gas-Prozess.

Wäre es nicht denkbar, dass Offshore-Windparks mit Power-to-Gas den Treibstoff für große Kreuzfahrtschiffe liefern?
Das macht Sinn. Dazu liegen in der Tat Konzepte vor. Es ist bereits ein Containerschiff entwickelt worden, dass komplett mit Brennstoffzellen fährt. Die Offshore-Windenergie liefert dafür den notwendigen Wasserstoff.

Die Idee finde ich gut. Draußen auf dem Meer erzeugen große Windparks auf Pontons pausenlos Wasserstoff. Die Schiffe fahren dann dorthin, um aufzutanken. Der Haken ist nur, dass diese Technologie erst nach 2025 profitabel sein soll. Warum eigentlich? Wir müssen jetzt was tun und die entsprechenden Anreize schaffen!

Woran liegt es denn aus ihrer Sicht, dass solche Entwicklungen nur langsam vorankommen?
Weil kurzfristiger Gewinn und Egoismus unser Leben bestimmen. Vor ein paar Wochen hat das Umweltbundesamt einen Bericht herausgegeben, der aufgezeigt, dass die CO2-Emissionen nur noch im Verkehrssektor zunehmen. Abgesehen vom weiter ansteigenden Güterverkehr auf den Straßen muss sich jeder an die eigene Nase fassen.

Wenn ich mich in deutschen Städten umgucke, dann sehe ich viele Geländewagen. Kein Mensch in Hamburg braucht einen Geländewagen, es sei denn er ist Förster. Daher: Wenn einer unbedingt mit einem Geländewagen fahren möchte, bekommt er eben einen Extra-Chip verpasst und zahlt dann eben fünf Euro für den Liter Kraftstoff.

Dabei geht es ja nicht um Verzicht, sondern um Gewinn an Lebensqualität. Saubere Luft muss doch jeder wollen. Weniger ist in vielen Fällen mehr. Wir machen so viele Dinge, die völlig idiotisch sind.

Mit dem wunderbaren Blick vom Dach des Planetariums über die Stadt gefragt: Ist ein CO2 freies Olympia 2024 in dieser Stadt tatsächlich möglich oder doch nur eine Illusion?
Ehrlich gesagt, man wird es kaum hinkriegen können. Allerdings wäre das natürlich ein starkes Credo. Deutschland könnte damit, repräsentiert von Hamburg, noch einmal die Ernsthaftigkeit der Energiewende demonstrieren.

Das Gespräch führte Dierk Jensen

Iris Franco Fratini
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