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Thema Wind und Wende

28. Jul. 17

Als Arne Dunker das Konzept des Klimahauses entwarf, war sein Ziel klar: Es sollte mehr sein als nur eine Touristenattraktion. Dunker möchte die Besucher nachhaltig für den Klimawandel sensibilisieren.

„Klimaschutz hat wenig mit Verzicht zu tun“

Im Klimahaus Bremerhaven lernen rund 500.000 Besucher pro Jahr die Schönheit, aber auch die Fragilität des Planeten kennen. Geschäftsführer Arne Dunker erklärt, wie jeder Einzelne helfen kann, die Umwelt zu bewahren

Arne Dunker, Jahrgang 1971, ist seit der Eröffnung 2009 Geschäftsführer des vielfach ausgezeichneten Klimahauses. Darin stecke „wahnsinnig viel Herzblut und Zeit“, sagt er.

Sommerferien im Klimahaus Bremerhaven: Zahlreiche Familien und Urlauber entdecken auf einer Reise einmal um den Globus, wie sich das Klima entlang des achten Längengrads Ost ändert: Vom kühlen Norden geht es in die heiße Wüste Afrikas, in die Kälte der Antarktis und die tropische Schwüle Samoas. Wechselnde Temperaturen, Geräusche, Gerüche, eine beeindruckende Raumgestaltung und lebende Tiere lassen die Besucher ganz eigene Eindrücke sammeln.

Im World Future Lab, der neusten Attraktion des Klimahauses, ist Arne Dunker zu finden. Er hat das Konzept der spektakulären Einrichtung entwickelt und ist seit der Eröffnung 2009 ihr Geschäftsführer. Im Interview mit Energie-Winde erklärt er, wie er zum leidenschaftlichen Vorkämpfer für die Umwelt wurde, wie das Klimahaus in seinen gut 500.000 Besuchern pro Jahr dieselbe Begeisterung wecken will und warum das entgegen mancher Vorurteile auch ohne den Verzicht auf sämtliche Annehmlichkeiten des Lebens möglich ist.

Als Arne Dunker das Konzept des Klimahauses entwarf, war sein Ziel klar: Es sollte mehr sein als nur eine Touristenattraktion. Dunker möchte die Besucher nachhaltig für den Klimawandel sensibilisieren.

Herr Dunker, Sie sind als Kind durch ganz Deutschland gewandert. Erzählen Sie mal: Wie kommt man als Achtjähriger dazu?
Arne Dunker: Ich war tatsächlich erst acht Jahre alt. Meine Familie war schon immer bei den Naturfreunden, und die Naturfreunde Deutschland haben damals das erste Mal eine Durchwanderung des ganzen Landes geplant. Meine Eltern sind als sehr naturverbundene Menschen mit mir und meinem Bruder mitgezogen. In den Oster- und den Herbstferien sind wir jeden Tag eine Etappe gelaufen.

Wie lang ist so eine Etappe gewesen?
Dunker: Naja, die Tagesetappen waren zwischen 20 und 35 Kilometer lang. Bis wir dann durch waren, sind tatsächlich vier Jahre ins Land gegangen, auch weil wir immer an die Ferien gebunden waren.

Was ist Ihnen dabei besonders im Gedächtnis geblieben – schmerzende Füße?
Dunker: Ja, ich sehe noch die Bilder, wo ich mit Blasen groß wie Fünfmarkstücke abends im Quartier lag. Oder dass wir im Odenwald unglaublich viele Pilze gefunden haben. Oder wie ein Freund von mir, der mitgelaufen ist, in einen tiefen Graben gestürzt ist und sich den Kopf aufgeschlagen hat. Aber im Großen und Ganzen ist es das Gemeinschaftserlebnis, in der Gruppe den ganzen Tag in der Natur zu sein, Wind und Wetter zu trotzen und dann abends in sehr einfachen Quartieren sehr gemütliche und gesellige Abende zu verbringen.

Haben diese Wanderungen auch damit zu tun, dass Sie sich jetzt besonders stark für Klima und Umwelt interessieren?
Dunker: Ja, es hat meine Naturverbundenheit maßgeblich geprägt. Auf jeden Fall hat es meine Begeisterung für das Wandern ins Leben gerufen. Und es hat sicher dazu beigetragen, dass ich aus dem Klimahaus mehr machen wollte als eine reine Touristenattraktion.

Schon von außen beeindruckt das Klimahaus durch seine spektakuläre Architektur. Es wirkt, als hätte ein gigantisches Schlauchboot im Hafen festgemacht.

Wie ist die Idee zum Klimahaus entstanden?
Dunker: Die Stadt Bremerhaven hatte aus einem Investitionsprogramm ein Budget für eine touristische Ankerattraktion, aber keine Idee und kein Konzept, wie diese inhaltlich aussehen sollte. Ich war damals bei der Petri & Tiemann GmbH beschäftigt, die sich mit Konzepten für Besucherattraktionen beschäftigte. Es war Dr. Petri selbst, der bei einem Vor-Ort-Termin hier in Bremerhaven, bei dem uns der Wind und der Regen um die Ohren flogen, die Idee hatte: „Lass uns doch was zum Thema Klima machen!“.

Das Klimahaus ist mit 500.000 Besuchern pro Jahr eine Ankerattraktion geworden und hat zahlreiche Preise gewonnen. Vor Kurzem sind Sie mit dem B.A.U.M.-Umweltpreis ausgezeichnet worden. Wie fühlt es sich an, wenn eine Idee so erfolgreich ist?
Dunker: Das ist gut formuliert, denn ich habe zwar den Preis bekommen, aber er ist in der Kategorie Institutionen verliehen worden. Daran mag man erkennen, dass eher das Haus gemeint ist und das, was wir in mittlerweile acht Jahren erreicht haben, und nicht ich in Person. Ansonsten machen wir unseren Erfolg nicht an der Verleihung von Preisen fest, sondern daran, wie weit es uns gelingt, Menschen in diesem Haus für die Themen Klima und Klimaveränderung zu sensibilisieren.

Zu Beginn ihrer Weltreise im Klimahaus kommen die Besucher durch die Schweiz. Von hier folgen sie dem achten Längengrad Ost rund um den Globus, bis sie zum Schluss zurück in Bremerhaven sind.

Wie viel steckt von Ihnen persönlich in diesem Konzept des Klimahauses?
Dunker: Wahnsinnig viel Herzblut und Zeit. Gerade in der Entstehungsphase, wo es auch eine richtige Droge war, habe ich am Tag zwischen 15 und 20 Stunden gearbeitet. Manchmal frage ich mich rückblickend, wie ich das über Jahre durchstehen konnte. Aber es zeigt natürlich auch, wie stark die Motivation und die Begeisterung für das Projekt war.
Ich hatte damals die Gesamtleitung für das Ausstellungskonzept. Wir hatten zwar eine Kreativagentur, aber es gibt auch viele Einzelideen, wie der Film am Anfang über die Reise, die tatsächlich von mir kamen. Es war ein großes Glück, die Projektleitung übernehmen zu dürfen, und es ist heute ein großes Glück, dieses Haus leiten zu dürfen. Es gibt mir, aber auch vielen anderen hier die Möglichkeit, sich einzubringen und daran mitzuwirken, dass die Ausstellung immer wieder verändert und aktualisiert wird. Auch neue Themen wie Offshore-Windenergie und klimafreundliche Ernährung finden im Hause ihren Platz.

Sie zeigen das Klima entlang des 8. Längengrads und den Klimawandel. Was wollen Sie bei Ihren Besuchern bewirken, welches Gefühl sollen sie haben, wenn sie das Klimahaus verlassen?
Dunker: Es sind nicht wenige, die zunächst mit einer touristischen Motivation kommen, also erst einmal einen schönen Tag verbringen wollen. Sie finden das Thema Klima spannend, weil wir unterschiedliche Klimazonen darstellen, eine Reise um den Globus möglich ist, sie durch die Antarktis laufen, in Samoa am Strand sitzen oder in Kamerun durch den Regenwald gehen.

„Dem Klima wäre schon nennenswert geholfen, wenn wir nur das konsumieren würden, was wir wirklich brauchen“, sagt Dunker, der auf diesem Foto im Niger-Raum des Klimahauses steht.

Aber wenn diese Menschen hier im Haus sind, kommen ganz schnell Fragen auf: Wieso ist es an der einen Stelle heiß, an der anderen kalt? Warum verändert sich bei den Yupik in Alaska etwas und warum stellen Fiede und Lore Nissen auf Langeneß fest, dass die Sturmfluten immer häufiger kommen? So beginnen Kinder und Erwachsene Fragen zu stellen und sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Dann geht es auch schnell weiter: Warum verändert sich das? Und irgendwann ist man soweit, dass man fragt: Habe ich eigentlich auch eine Rolle in dem System? Im Idealfall nimmt dann der eine oder andere mit: „Mensch, da muss ich auch an meinem Verhalten etwas ändern.“ Wenn aber ein Besucher hinausgeht und sagt: „Ich hab hier einen tollen Tag verbracht!“, sind wir damit auch glücklich. Aber ich glaube, dass wir den Großteil der Besucher hier im Hause berühren und ihnen zeigen, dass die Erde wunderschön ist, wir sie aber auch bewahren müssen.

Sie haben mal bedauert, dass Klimaschutz leider oft mit Verzicht und Einschränkung gleichgesetzt wird. Geht es nicht aber darum, weniger Ressourcen zu verbrauchen? Wie lautet Ihre Botschaft?
Dunker: Ich glaube, dass Klimaschutz vergleichsweise wenig mit Verzicht zu tun hat. Richtig ist, dass wir nicht so weitermachen können wie bisher und dass wir eher heute als morgen eine einschneidende Veränderung in unseren Lebensweisen und Wirtschaftsystemen brauchen. Verzicht bedeutet das deshalb trotzdem nicht, da dem Klima schon nennenswert geholfen wäre, wenn wir nur das konsumieren würden, was wir wirklich brauchen.

„Das Leben wäre nicht schlechter, wenn wir uns mal entmüllen würden“ Arne Dunker über unnötigen Konsum

Das wird aber schwierig, wenn sich jeder jährlich neu einkleidet, weil die Mode sich ändert.
Dunker: So ist es. Was an Kollektionen durch die Modebranche geht, wo Dinge aus den Läden verschwinden und verschleudert werden, nur weil es die gleiche Jacke mit einem leicht veränderten Schnitt gibt oder einer leicht veränderten Farbe. Oder schauen Sie sich einen Aldi-Prospekt an und fragen Sie sich, ob Sie diese Dinge wirklich brauchen. Ob man die 36. Salatschüssel mit Blümchenmuster braucht oder ob die 35, die man bereits hat, nicht vielleicht auch ausreichen. Dann bleibt relativ wenig übrig, und ich behaupte, das Leben wäre nicht schlechter, wir wären nicht weniger glücklich, vielleicht sogar zufriedener, wenn wir uns mal entmüllen würden.

Aber das ist doch für jeden sehr unterschiedlich. Manche Leute sagen, sie brauchen jedes Jahr ein neues Handy.
Dunker: Ja, das würden sie wahrscheinlich sagen, aber das ist genau die Herausforderung: sich von vermeintlichen Bedürfnissen auch mal lösen zu können. Ich würde es trotzdem nicht Verzicht nennen, da wir nicht sagen: „Du sollst kein Handy mehr nutzen“, sondern „Du sollst es ein Jahr länger benutzen“.

Der Klimawandel hat soziale Folgen. Sie sind Vorstand der Deutschen Klimastiftung, die sich damit befasst. Greifen Sie dieses Thema auch im Klimahaus auf?
Dunker: Ja, ich bin nebenbei Vorstand in der Deutschen Klimastiftung, die wir selbst gegründet haben. Wir haben gemerkt, dass wir mit einer Betriebs-GmbH nicht alles machen können, was wir im sozialen und ökologischen Bereich tun wollen. Die Stiftung hat sich auf die Fahnen geschrieben, für das Thema Klima und Klimaveränderung zu sensibilisieren, nimmt aber auch soziale Aspekte auf. Gerade läuft ein Projekt hier in Bremerhaven, in dem wir Kinder aus Kitas und Grundschulen in sozial schwierigen Stadtteilen an eine nachhaltige Ernährung heranführen möchten. Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Thema „Klimawandel und Migration“, da Menschen nach Deutschland kommen, die aufgrund von Klimaveränderungen ihre Heimat verlassen mussten. Und sie sind nur die Vorboten einer riesigen Migrationswelle, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten Jahrzehnten auf uns zukommt, wenn wir es nicht schaffen kurzfristig zu reagieren und vor Ort etwas für die Menschen zu tun und die Bedingungen zu verbessern.

Dunker beschäftigt sich auch mit sozialen Folgen der Erderwärmung wie der Klimamigration. Wer Flüchtlingswellen verhindern wolle, müsse den Menschen kurzfristig vor Ort helfen.

Was könnte das sein?
Dunker: Das können zum Beispiel Aufforstungsprojekte dort sein, wo die Abholzungen dazu führen, dass die Landerosion voranschreitet. Dort ändern sich die Niederschlagsverhältnisse, so dass Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren, weil mit der Bodenerosion auch die Felder weggeschwemmt werden. Ich glaube, dass das Thema Aufforstung eines ist, dass uns zum einen Zeit verschafft und aus dem sich zum anderen wirtschaftlich und sozial viel ergeben kann. Für die Aufforstung werden Menschen vor Ort benötigt, für viele kann sich dadurch auch wieder eine wirtschaftliche Perspektive ergeben.

Wäre das finanziell machbar?
Dunker: Ein weltweites, klimaförderndes Aufforstungsprogramm würde Milliarden kosten. Aber das sollte uns unsere Weltordnung – denn um nichts anderes geht es – wert sein. Man muss es zudem in Relation setzen, einerseits zu den Hilfsmaßnahmen, die ohnehin schon relativ wirkungslos laufen, und andererseits zu den Profiten, die große Konzerne auf Kosten der Menschen vor Ort heute machen.

Es gibt im Klimahaus einen eigenen Bereich zur Offshore-Windenergie. Warum?
Dunker: Ehrlich gesagt sind wir zu dem gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Bremerhaven ist ein nennenswerter Kompetenzstandort für die Offshore-Windenergie. Es kam in der Stadt die Idee auf, so etwas wie ein Besucherzentrum in der Innenstadt aufzubauen, um den Besuchern zu zeigen, was am Stadtrand in punkto Windenergie alles passiert. Wir haben vorgeschlagen, es im oder am Klimahaus zu machen. Die Infrastruktur ist schon vorhanden und wir haben eine halbe Million Besucher im Jahr, die auch Interesse für dieses Thema mitbringen. So kam die Idee auf, das fertige Konzept räumlich in die Ausstellung zu integrieren. Es ist uns wichtig, an einem konkreten Beispiel durchzudeklinieren, welche Maßnahmen es im Bereich des Klimaschutzes gibt. Ein Bereich ist die Energiewende mit der Offshore-Windenergie als bedeutendem Baustein.

Zum Klimahaus gehört auch ein Bereich zur Offshore-Windkraft, die laut Dunker ein wichtiger Baustein der Energiewende und damit des Klimaschutzes ist.

Zum Abschluss: Könnten Sie bitte folgende Sätze vervollständigen? Mein Geheimtipp im Klimahaus ist ...
Dunker: ... das Pinguin-Theater in den Perspektiven.

Mit fehlt noch im Klimahaus ...
Dunker: ... eigentlich nichts. Aber für das Klimahaus fehlt mir manchmal die Anerkennung der wissenschaftlichen Arbeit, die hier in der Aquaristik geleistet wird. Beispielsweise bei der Aufzucht von seltenen Tierarten wie Blaupunktstechrochen und Steinkorallen.

Wir könnten den Klimawandel stoppen, wenn wir alle...
Dunker: ... sofort und bei uns selbst anfangen würden, unsere Lebensweise zu hinterfragen.

Jemandem, der den Klimawandel für eine Lüge hält, sage ich...
Dunker: ... wenn Fakten nicht überzeugen, kann ich auch nicht helfen. Vater, vergib ihnen, denn sie tun nicht, was sie wissen.

Die Fragen stellte Katharina Wolf.

Zur Person

Arne Dunker, Jahrgang 1971, ist in Bremen aufgewachsen. Schon früh entdeckte er seine Liebe zur Natur – als Kind wanderte er mit seiner Familie etappenweise durch ganz Deutschland, von Konstanz nach Flensburg. Nach dem Abitur und einer kaufmännischen Ausbildung arbeitete er zunächst für eine Brauerei und studierte ab 1996 Wirtschaftswissenschaften an der Fachhochschule Osnabrück. Als geschäftsführerender Gesellschafter der Petri & Tiemann GmbH war Dunker verantwortlich für das Konzept des Klimahauses Bremerhaven 8° Ost, dessen Geschäftsführer er seit der Eröffnung 2009 ist. Außerdem engagiert sich Dunker als Vorstand der Deutschen Klimastiftung, die er 2009 ins Leben gerufen hat. Das Klimahaus und sein Geschäftsführer wurden mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem B.A.U.M.-Umweltpreis.

Volker Kühn
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