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Thema Wind und Wende

10. Apr. 17

Das Wahrzeichen: An trüben Wintertagen kommen kaum Touristen auf die Insel, die Vögel haben die Lange Anna dann für sich. Seit die Windkraftcrews auf Helgoland sind, herrscht aber auch in dieser Jahreszeit mehr Leben in Restaurants und Geschäften.

Vom Fuselfelsen zur Windkraft-Insel

Seit 2013 sind Hunderte von Offshore-Mitarbeitern nach Helgoland gekommen – anfangs zum Missfallen vieler Insulaner. Inzwischen ist Normalität eingekehrt. Denn die Industrie bringt das Eiland voran.

Von Helmut Monkenbusch

Irgendetwas stimmt nicht mit den Helgoländern. In allen Reiseführern über Deutschlands einzige Hochseeinsel steht, wie schwer sich die Einheimischen mit Veränderungen tun. Aber wenn das zutrifft, warum haben sie dann einen Mann zu ihrem Bürgermeister gewählt, der ihnen ständig sagt, was sich alles ändern muss? Seit 2011 regiert Jörg Singer auf dem roten Felsen und führt die Gemeinde wie ein Unternehmer, der seine Firma komplett neu erfinden will. „Helgoland ist mein bisher größtes Change-Management-Projekt“, sagt der Quereinsteiger aus der Wirtschaft in seinem kleinen Büro im Rathaus.

Dass der Unternehmensberater 2016 mit 65 Prozent der Stimmen wiedergewählt wurde, dürfte zum einen mit seinem Humor zusammenhängen. Er singt das Lied der Heimat, ohne dass es peinlich klingt. Auf der jährlichen Offshore-Konferenz Cool (Campus for Ocean and Offshore Learning), die Singer mit der Fachhochschule Kiel ins Leben gerufen hat, lobte er einmal Helgolands „G7-Qualitäten“, weil die Insel der „sicherste Ort in Europa“ sei, dann pries er das Eiland als „Davos des Nordens“ und „Silicon Valley der Offshore-Windkraft“, auch wenn man sich zweifelsohne „am Arsch der Welt“ befinde.

Mehr noch als seinem Humor verdankt Singer den Wahlsieg aber dem Erfolg seines ersten Industrieprojekts: dem Ausbau des Südhafens zum Service- und Reparaturstützpunkt der Offshore-Windkraft. Von Helgoland aus werden seit 2015 drei Windparks betrieben und gewartet, die zwischen 25 und 39 Kilometer von der Langen Anna entfernt liegen: Nordsee Ost von Innogy, Amrumbank West von Eon und Meerwind Süd/Ost von WindMW erzeugen mit ihren mehr als 200 Turbinen Strom für bis zu eine Million Haushalte – und sie haben der defizitären Insel einen Aufschwung beschert.

Der Macher: Jörg Singer ist seit 2011 Bürgermeister der 1500-Einwohner-Insel. „Helgoland ist mein bisher größtes Change-Management-Projekt“, sagt der frühere Unternehmensberater.

Früher hing die Insel am Tropf des Landes. Heute füllt die Gewerbesteuer aus den Windparks die Kasse der Gemeinde

Energie-Winde hat im Mai 2015 erstmals über Offshore-Windkraft auf Helgoland und die Bedenken von Bewohnern berichtet, die Insel verkomme zum Industriestandort. Knapp zwei Jahre später sind wir zurückgekehrt, um zu erfahren, ob die Offshore-Windkraft die Insel nachhaltig verändert hat. Helgoland, so ein erstes Fazit, hat sich vom verspotteten „Fuselfelsen“ zu einer Wirtschaftsregion gewandelt, die sich finanziell selbst trägt, wovon die alte Industrie – der Tourismus – vielfach profitiert.

Für den neuen Wohlstand sorgt die Gewerbesteuer. „Sie fließt zum großen Teil über Helgoland ins Land Schleswig-Holstein“, erklärt der Bürgermeister. „Bei uns bleibt knapp ein Drittel hängen.“ Für die Gemeindeverwaltung bedeutet das jährlich einen „einstelligen Millionenbetrag zur Finanzierung der öffentlichen Ausgaben“, schrieb das „Hamburger „Abendblatt“. Singer ergänzt: „Was wir früher als Finanzausgleich aus dem Land bezogen haben, das nehmen wir heute als Gewerbesteuer ein.“ Diese Gelder würden die 1500-Einwohner-Gemeinde in die Lage versetzen, sich aus eigener Kraft um EU-Fördermittel zu bewerben. Dazu sei ein Eigenanteil nötig, sagt Singer. An der Wand hinter ihm hängt ein Plakat vom „Störtebeker Opti-Cup“, einer Regatta für den Seglernachwuchs, die von den Windparkbetreibern gesponsert wird.

Investitionen zielten darauf ab, die Infrastruktur zu verbessern, Wohnraum zu entwickeln und einen „hochklassigen Tourismus“ zu etablieren, den Helgoland bisher nicht zu bieten hat. „Viele Gäste sagen, wir können unser Geld hier gar nicht ausgeben“, berichtet Singer. Das dürfe natürlich nicht so bleiben.

Pendeldienst: Zwischen April und September, wenn die See ruhiger ist, sind manchmal 20 Katamarane im ausgebauten Südhafen stationiert. Sie bringen die Crews in die Windparks, die bis zu 39 Kilometer von der Insel entfernt liegen.

Die Insulaner investieren ihr Geld wieder auf Helgoland, statt sich private Winterdomizile im sonnigen Süden zuzulegen

Geplant ist ein Vier-Sterne-plus-Hotel, das über mindestens 100 Zimmer verfügen soll, mit direktem Zugang zum renovierten Meerwasserschwimmbad. Endlich könne auch das denkmalgeschützte Aquarium saniert werden, das 2015 wegen Einsturzgefahr geschlossen werden musste. 14 Millionen Euro kostet das inklusive eines Erweiterungsanbaus und einer neuen Ausstellung unter dem Arbeitstitel „Bluehouse Helgoland", in der auch Klimawandel und Energiewende eine Rolle spielen. 7,5 Millionen Euro davon trägt die Bundesregierung. Das Land und die Gemeinde beteiligen sich mit insgesamt vier Millionen. Wer hat, dem wird gegeben.

Die Windkraft hat viele Helgoländer im Glauben bestärkt, dass ihre Insel eine Zukunft hat. Davon ist Singer überzeugt. In der klassischen Butterfahrtzeit bis Ende der Neunziger hätten die Händler und Hoteliers in vier Monaten das Geschäft des Jahres gemacht und die Winterzeit in Südafrika, auf den Kanaren oder in Florida verbracht. Heute würden viele ihr Geld wieder in die eigenen Inselimmobilien stecken.

Das Wahrzeichen: An trüben Wintertagen kommen kaum Touristen auf die Insel, die Vögel haben die Lange Anna dann für sich. Seit die Windkraftcrews auf Helgoland sind, herrscht aber auch in dieser Jahreszeit mehr Leben in Restaurants und Geschäften.

Die Touristenzahlen ziehen nach Jahren des Niedergangs an. 2016 besuchten 357.000 Urlaubs- und Tagesgäste die Insel, 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Seit 2014 steuert ein neues Schiff der Cuxhavener Reederei Cassen täglich Helgoland an. Um die Decks vollzumachen, hat Singer mit seiner Mannschaft insgesamt 75 Projekte aufgelegt.

Schreckt die Offshore-Industrie keine Urlauber ab? „Im Gegenteil“, meint Tourismuschef Klaus Furtmeier im Gespräch mit Energie-Winde. Die Windkraft habe neue Gäste gebracht. „Auf Helgoland können sie die Energiewende hautnah erleben“, sagt der gebürtige Bayer. Rund um die Windkraft gibt es inzwischen sogar ein touristisches Programm. Urlauber können Rundflüge über die Offshore-Windparks buchen oder mit dem Katamaran zu ihnen hinausfahren. Das Rathaus zeigt eine Sonderausstellung, dazu bieten die Windkraftfirmen zwei-, dreimal im Jahr Führungen durch ihre Betriebsstationen an.

Zuhause auf Zeit: In der Nähe des Südhafens hat die RWE-Tochter Innogy Apartmenthäuser gebaut (hinten), die sich in Farbe und Baustil an die berühmten Hummerbuden anlehnen. Hier leben die Mitarbeiter während ihrer Inseleinsätze.

Nicht jede Hoffnung hat sich erfüllt. Dauerhaft auf Helgoland leben? Das kommt für die Windtechniker bislang nicht infrage

In der Bauphase 2013/14 hielten sich teils 200 Techniker gleichzeitig auf der Insel auf. Als WindMW damals das „Atoll“, Helgolands einziges Luxushotel, für einen Zeitraum von zehn Jahren mietete, um Montagetrupps unterzubringen, gab es Befürchtungen, die Windkraftleute würden den Urlaubern die Zimmer wegnehmen. Tatsächlich sei die Dauervermietung des „Atoll“ für das Tourismusmarketing ein „Schlag ins Kontor“ gewesen, gibt Furtmeier zu. Denn das prämierte Designhotel besitze eine besondere Strahlkraft. „Die Wahrheit ist ansonsten: Wir bieten 2800 Gästebetten an, von denen fast 90 Prozent immer den Urlaubsgästen zur Verfügung gestanden haben.“

Am Anfang hätten die Bewohner mit der Situation „leicht gefremdelt“, erinnert sich Furtmeier. Wenn irgendetwas Neues auf der Insel passiere, sei man eben „erst einmal skeptisch“. Inzwischen arbeiten nur noch 100 Techniker und Logistiker im 14-tägigen Schichtwechsel auf der Insel, und viele kritische Stimmen seien verstummt: „Man kennt sich, man verträgt sich, alles ist wunderbar.“ Für die Felseninsel sei die Windkraft schließlich zu einem Wirtschaftsfaktor geworden.

Die neuen Mitbewohner kaufen ein, gehen ins Schwimmbad, trainieren im Fitnessstudio und füllen die Kneipen. „Ihre Anwesenheit hat dazu geführt, dass mehr Dienstleistungen nachgefragt werden, vor allem im Winter.“ Und dass neue, teils temporäre Jobs geschaffen worden sind, bei Zulieferern, Bau- und Schifffahrtsfirmen. 2014 eröffnete der Schiffsausrüster Kloska hier eine Betriebsstätte.

Auf „etwa 125“, schätzt der Bürgermeister die Zahl der Jobs, die um die Windkraft herum entstanden sind, was angesichts von 1500 Einwohnern eine beachtliche Menge ist. Dazu gehörten auch eine Arzthelferin und ein Koch, dessen Küche ganzjährig geöffnet hat. Über 50 Stellen sind derzeit unbesetzt. Lehrer, Bauingenieure und Kapitäne werden gesucht. Stellenangebote werden auf dem Hochseeportal Meerjobs.de veröffentlicht.

Doch nicht jede Hoffnung hat sich erfüllt. Sowohl der Tourismusdirektor als auch der Bürgermeister hatten insgeheim erwartet, dass der eine oder andere Windparkmitarbeiter mit seiner Familie auf die Insel zieht. Das ist bislang nicht geschehen, obwohl Singer kräftig wirbt: „Oben am Leuchtturm werden 100 neue Wohnungen gebaut, unsere Kita und unsere Schule sind bestens ausgestattet, wir bieten sichere und gesunde Lebensbedingungen auf der Insel.“

6.15 Uhr Morgenbesprechung, 6.30 Uhr Werkzeug und Ausrüstung an Bord bringen, 6.45 Uhr Hafen verlassen, 20 Uhr Rückkehr in den Hafen, 20.15 Schlussbesprechung“: Die Arbeitstage in der Offshore-Windkraft haben es in sich. David Teichert ist Production-Manager bei Eon.

Die Windparks rings um die Insel erzeugen Strom für eine Million Haushalte. Aber Helgoland ist auf fossile Brennstoffe angewiesen

Auch aus dem Plan, von den Offshore-Windparks Strom abzuzapfen, ist nichts geworden. „Zu den Parks führen riesige Superhighways mit Kabeln, die Gleichstrom transportieren, aber wir brauchen nur einen kleinen Trampelpfad an Wechselstrom“, erklärt der Bürgermeister. Es ist paradox: Helgoland liegt quasi im Zentrum der Energiewende, ist aber auf fossile Brennstoffe angewiesen. Viermal im Jahr bringe ein Frachter Heizöl auf die Insel, erzählt Singer.

Man habe ursprünglich geplant, selbst zwei Windkraftanlagen in den Vorhafen zu stellen, „Windwärme“ hieß das Projekt. Es scheiterte allerdings am Widerstand von Umweltverbänden, die Vogelschlag und Brutgefährdung ins Feld führten. Die Gemeinde hätte mit einem Gutachten dagegen angehen können, zum Preis von rund 600.000 Euro. „Dieses Risiko wollten wir nicht tragen.“

Die Versorgung weiterer Parks direkt um Helgoland ist nicht vorgesehen. „Wir haben keinen Platz mehr“, sagt Singer. Während der Wartungshauptsaison von April bis September, wenn die See nicht mehr so rau ist, „liegen teilweise 20 Katamarane der Windparks an den Kais – dann ist der Hafen voll ausgelastet“. Im neuen Südhafen haben die Betreiber insgesamt 10.000 Quadratmeter Fläche gepachtet und in unmittelbarer Nachbarschaft ihre drei Servicehallen errichtet, mit Büros, Schulungsräumen, Materiallagern, Umkleide- und Duschräumen und Leitständen. Hier werden die Windkraftanlagen im Einzelnen überwacht, Störungen klassifiziert, Netze abgeschaltet, Reparaturen und Instandhaltungen gemanagt und Einspeisungen dokumentiert. Dazu erscheinen alle relevanten Wetterdaten auf den Monitoren.

Offshore-Rhythmus: Die Schichten von Tobias Matzke, Production-Manager von Innogy, dauern 14 Tage, an denen er jeweils zehn Stunden arbeitet. Kontakt zu seiner Familie hält der 31-Jährige in dieser Zeit per Videotelefonie.

Innogy hat für seine Mitarbeiter zwei Apartmenthäuser gebaut. Sie fügen sich nahtlos in die Inselarchitektur ein

„Ich arbeite zwei Wochen, jeden Tag zehn Stunden lang, danach habe ich zwei Wochen frei und kann mich voll auf die Familie konzentrieren“, sagt Tobias Matzke, 31, stellvertretender Betriebsleiter in der Leitwarte der RWE-Tochter Innogy. „Die Familie muss natürlich mitspielen. Die neuen Medien wie Videotelefonie erleichtern mir die langen Trennungsphasen. Meine Tochter ist zwei Jahre alt, so langsam erkennt sie mich auf dem Bildschirm.“ Der Production-Manager und seine Kollegen wohnen in zwei Apartmenthäusern, die RWE für sein Servicepersonal gebaut hat und die sich perfekt in die Inselarchitektur integrieren. In Farbe und Form ähneln die Gebäude den berühmten Hummerbuden.

Sich auf Helgoland niederzulassen kann der Lüneburger sich nur schwer vorstellen. Im Sommer mache seine Familie aber Urlaub auf der Insel.

Die „Nachteile einer Insel“ halten auch David Teichert davon ab, länger als zwei Wochen am Stück auf Helgoland zu bleiben. Der Ostfriese ist Production-Manager nebenan bei Eon. Man trifft in den Stationen auf viele junge Leute um die 30, die einen körperlich fitten Eindruck machen. Der Job auf hoher See, auf Windturbinen und Umspannwerk, ist hart. Teichert, seit 2015 bei Eon, beschreibt den üblichen Tagesablauf in der Offshore-Windkraft: „6.15 Uhr Morgenbesprechung, 6.30 Uhr Werkzeug und Ausrüstung an Bord bringen, 6.45 Uhr Hafen verlassen, 20.00 Uhr Rückkehr in den Hafen, 20.15 Schlussbesprechung.“ An diesem Abend tischt danach in einem Konferenzraum ein Helgoländer Restaurant das warme Essen auf.

Mit den Kollegen von WindMW ein Haus weiter werden immer mal wieder Ersatzteile ausgetauscht, da man die gleichen Anlagen des Herstellers Siemens nutzt. Doch diese Nachbarschaftshilfe sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Crews im Wettbewerb stehen. Wer hält seine Windmühlen so gut in Schuss, dass sie den größten Ertrag liefern? Mit einer sogenannten energetischen Verfügbarkeit von 98 Prozent setzt Teichert gleich mal eine Marke: Nur zwei Prozent des theoretisch nutzbaren Winds werden nicht in Strom umgewandelt.

25 Jahre lang dürfen die Wartungstrupps noch daran arbeiten, die volle Punktzahl zu erreichen. Dann läuft der Pachtvertrag aus. Die Windkraftanlagen werden anschließend entweder modernisiert oder zurückgebaut. Für den letzteren Fall bräuchte Helgoland dringend ein neues Geschäftsmodell.

Volker Kühn
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