Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Wind und Wende

23. Jun. 16

Großbritannien ist das Zugpferd

Heiko Mützelburg, Geschäftsführer von EEW Special Pipe Constructions, erklärt den Stellenwert der Offshore-Industrie auf der Insel, und verrät, warum ihm die heutige Brexit-Abstimmung Sorge bereitet.

Heute entscheiden die Briten über den „Brexit”. Heiko Mützelburg, Geschäftsführer von EEW Special Pipe Construction, hofft, dass seinem Unternehmen bei einem Brexit keine Steine in den Weg gelegt werden.

Von „London Array“ vor der Ostküste Englands über „Gwynt y Môr“ vor Wales und „Walney“ in der Irischen See bis zum Projekt „Burbo Bank“ in der Bucht von Liverpool: Die Fundamente für diese großen britischen Windparks stammen von der EEW Special Pipe Constructions GmbH.

Das Unternehmen mit Sitz in Rostock ist Weltmarktführer für Monopile-Fundamente, bis zu 1300 Tonnen schwere Stahlrohre für Offshore-Windanlagen. Um auf die steigenden Anforderungen des britischen Offshore-Markts reagieren zu können, hat EEW SPC gemeinsam mit dem dänischen Stahlbauunternehmen Bladt Industries 2015 eine Produktionsstätte in Nordengland übernommen. Von hier werden Offshore-Windparks mit Fundamentstrukturen ausgestattet.

Herr Mützelburg, Großbritannien ist führend in der Offshore-Windkraft. Dabei spielt die staatliche Förderung eine wichtige Rolle. Nun hat die britische Energieministerin Amber Rudd in Aussicht gestellt, dass es für die Branche in Zukunft keine Blankoschecks mehr geben werde. Wie bewerten Sie das?
Wenn Fördermittel wegfallen und deswegen weniger Projekte realisiert werden, hat das natürlich auch Auswirkungen auf Zulieferer wie uns. Problematisch wird es, sobald ein sogenannter Fadenriss eintritt, wir also keine zusammenhängenden Projekte mehr hätten. Das würde zu deutlich höheren Kosten führen.

Wir stellen ja keine alltäglichen Konsumgüter her. Unsere Projekte sind relativ groß und haben eine lange Vorlaufzeit. Gibt es keinen kontinuierlichen Fertigungsprozess, können wir die geforderten Kosteneinsparungen nicht gewährleisten. Die Ansage der Energieministerin ist für die Branche definitiv ein Problem. Die Kostensenkungspotentiale, um die erneuerbaren Energien wettbewerbsfähig zu machen, werden uns damit genommen.

Die konservative Regierung in Großbritannien fordert ja eigentlich genau das: Die Kosten für die Erzeugung von erneuerbaren Energien müssen sinken. Mit der Androhung, Subventionen zu streichen, bewirkt sie das Gegenteil?
Ganz genau. Gehen wir beispielsweise von unserem Werk in Rostock aus: Die laufenden Aufträge für Offshore-Windparkprojekte bestimmen unsere Produktionsauslastung. Umso wichtiger ist neben einer exakten Planung die Sicherung der Auslastung durch die Anzahl der Aufträge, sodass kein Stillstand in der Produktion entsteht.

Produktionsstillstände führen zu immensen Mehrkosten zulasten anderer Projekte. Vermeiden lässt sich das nur, indem die großen Energiekonzerne in der Lage sind, kontinuierlich Projekte anzubieten. In Deutschland besteht übrigens eine ähnliche Gefahr. Wenn die Politik beschließt, die Ausbauziele zu begrenzen, kommt man in unserer Branche unweigerlich zu einem höheren Kostenfaktor. Das muss jedem bewusst sein.

Welchen Stellenwert hat die Offshore-Industrie derzeit in Großbritannien?
Sie wächst kontinuierlich weiter und erfährt auch innerhalb der Bevölkerung eine äußerst hohe Akzeptanz. Nach wie vor ist England für Europa das Zugpferd. Dort sind bis dato die meisten Windkraftanlagen nach Megawatt installiert und auch die Ziele bis 2020 beziehungsweise 2030 sind hoch. Für Zulieferer ist es der vielversprechendste Markt, auch wenn Frankreich mit einigen großen Projekten in den Startlöchern steht und auch in anderen europäischen Ländern Projekte geplant sind.

In Großbritannien wird in der Industriepolitik viel Wert auf lokale Wertschöpfung wie die Schaffung von Arbeitsplätzen gelegt. EEW SPC hat in Nordengland eine eigene Produktionsstätte für Fundamente errichtet.

Inwieweit betreibt die britische Regierung durch die Förderung von Offshore-Windkraft aktive Industrie-Politik, um die Wirtschaft vor Ort zu stärken?
Es wird auf jeden Fall viel Wert auf lokale Wertschöpfung gelegt, ähnlich wie auch in Frankreich. Wenn Energiekonzerne Offshore-Projekte in Großbritannien realisieren, werden sie dazu angehalten, lokale Wertschöpfung zu generieren, sei es bei den Turbinen, den Rotoren oder den Fundamenten. Das war auch ein Grund für unsere strategische Entscheidung, in England Fuß zu fassen und dort eine Produktionsstätte aufzubauen. Der britische Markt ist einfach sehr groß und wichtig.

In der Energiepolitik geht Großbritannien einen anderen Weg als Deutschland und setzt verstärkt auf Atomstrom. Was bedeutet das für die Offshore-Branche?
Ich sehe vor allem ein Problem, wenn es um den Preisvergleich zwischen erneuerbaren Energien und Atomenergie geht. Da werden Äpfel mit Birnen verglichen. Atomkraftwerke ziehen immense Kosten nach sich, sobald es irgendwann an den Rückbau und die Entsorgung der Kernelemente geht. Wenn man das alles mit einpreisen würde, wäre die Atomenergie niemals so günstig, wie sie augenblicklich ist.

Bei den erneuerbaren Energien, auch aus Offshore-Anlagen, macht man es sich leichter, da werden alle bekannten Kosten mit ins Kalkül gezogen. Das Ergebnis ist dann erheblich höher als das für Atomenergie. Der Vergleich hinkt also, wenn die Politik verstärkt auf Atomkraft setzt und diese Energiequelle den Erneuerbaren als günstigere Alternative entgegensetzt.

Heute wird in Großbritannien über den Verbleib in der EU abgestimmt. In aktuellen Umfragen liefern sich Befürworter und Gegner ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Wie würde sich der Brexit konkret auf Ihre Arbeit auswirken?
Das ist eine gute Frage, mit der wir uns derzeit auch intensiv beschäftigen. Keiner weiß, wie die Abstimmung heute ausgehen wird, viele Bürger Großbritanniens sind noch unentschlossen. Es ist schwierig bis gar nicht zu beantworten, wie sich die Energiepolitik Großbritanniens außerhalb der EU entwickeln würde. Wir hoffen natürlich, dass uns dann keine Steine in den Weg gelegt würden, sodass wir auch weiterhin am Standort investieren können. Aber es gibt einfach sehr viele Faktoren, die sich nicht vorhersehen lassen und gegen die man sich nicht absichern kann.

Die Fragen stellte Julia Müller.

Ricarda Schuller
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt