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Thema Wind und Wende

28. Jun. 16

Kündigt das Ende der Kohleenergie in Großbritannien an: Amber Rudd, Ministerin für Energie und Klimaschutz.

Großbritannien gibt Gas

Großbritannien galt als Vorbild beim Ausbau von Offshore-Wind. Doch jetzt verunsichert die Regierung Investoren mit einem Kurswechsel. Zudem sind die Folgen des Brexits noch völlig unklar.

Kündigt das Ende der Kohleenergie in Großbritannien an: Amber Rudd, Ministerin für Energie und Klimaschutz.

Von Julia Müller

Den historischen Richtungswechsel der britischen Energiepolitik verkündet Amber Rudd an einem Mittwochmorgen im vergangenen November, knapp zwei Wochen vor der UN-Klimakonferenz in Paris. Im pinkfarbenen Blazer und mit Blümchenschal tritt die Ministerin für Energie und Klimaschutz vor die Presse. Lang hatte man auf ihre Ansprache gewartet, im Vorfeld war über nicht weniger als einen „Neustart des Systems“ spekuliert worden.

Denn den hat der britische Energiesektor bitter nötig: Die Infrastruktur ist veraltet, die Strompreise steigen genauso wie die Angst vor Blackouts, und als sei das nicht genug, verunsichert der scheidende Premier David Cameron Investoren zunehmend durch seine unberechenbare Energiepolitik.

Was Amber Rudd dann in ihrer Grundsatzrede vom 18. November verkündet, ist zwar kein kompletter Neustart – alles auf Null, so weit kann die Tory-Politikerin nicht gehen. Aber es erschüttert doch die Grundpfeiler des Systems: Das Vereinigte Königreich, das die Stärke seines Empires einst auf die Industrialisierung und die Kraft der Kohle gründete will bis 2025 alle Kohlekraftwerke schließen.

„Es ist fast schon pervers, dass wir trotz des enormen Wachstums in erneuerbaren Energien noch immer so abhängig von Kohle sind, dem dreckigsten aller fossilen Brennstoffe“, erklärt die Ministerin. Tatsächlich war der Anteil von Strom aus Kohlekraftwerken im Jahr 2014 höher als 1999.

Die Rolle der Kohle sollen künftig vor allem drei Energielieferanten übernehmen: Gas, Atomkraft und Offshore-Wind. Dabei verfolgt Rudd das Ziel, den C02-Ausstoß zu verringern, die Kosten geringzuhalten und den Wettbewerb anzuheizen.

In der Offshore-Windkraft sind die Briten weltweit führend. Bis 2020 sollen so acht bis zehn Prozent des Jahresverbrauchs an Elektrizität gedeckt werden.

„Wie ein Alkoholiker, der von Wodka auf Cider umsteigt”

Für den Kurswechsel gibt es zwar viel Lob, auch von Klimaschützern wie dem ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore. Doch es regt sich auch jede Menge Kritik. Denn Gas ist zwar emissionsärmer als Kohle, aber bei der Verbrennung werden trotzdem große Mengen CO2 freigesetzt.

„Von Kohle auf Gas zu wechseln ist ungefähr so, als ob ein Alkoholiker versucht trocken zu werden, indem er von Wodka auf extrastarken Cider umsteigt“, bemängelt etwa die britische Grünen-Abgeordnete Caroline Lucas. Auch Simon Bullock von der Umweltschutzorganisation Friends of the Earth kritisiert, dass man statt in Gas lieber in erneuerbare Energien investieren sollte. 

Doch genau in diesem Punkt gibt sich die Regierung Cameron zurückhaltend. Zwar versichert Amber Rudd, man werde das Wachstum der weltweit führenden britischen Offshore-Windkraft weiter unterstützen – jedoch nur unter der Bedingung, dass die Kosten deutlich sinken. Andernfalls würden die Subventionen gestrichen. „Es wird keine weiteren Blankoschecks geben“, sagt die Energieministerin.

Mit Projekten wie den riesigen Windparks auf der Doggerbank in der Nordsee hat Großbritannien seine Vorreiterrolle in der Offshore-Windkraft zementiert. Kein anderes Land hat so große Kapazitäten, auch dank der günstigen Insellage. Schon Ende der 1990er-Jahre hat man in London mit der gezielten Förderung dieser Technologie begonnen. Bis 2020 sollen die Briten laut aktuellen Schätzungen auf eine installierte Leistung von zehn Gigawatt aus Offshore-Wind kommen. Nach Angaben des Verbands Renewable UK würde man damit acht bis zehn Prozent des Jahresverbrauchs an Elektrizität stellen.

Bei anderen erneuerbaren Energien hat die konservative Regierung bereits Nägel mit Köpfen gemacht. So werden die Hilfen für Windkraftanlagen an Land demnächst eingestellt – ein Zugeständnis an die auch in Großbritannien sehr aktiven Gegner der Onshore-Windkraft. Die Förderung von Solaranlagen wurde bereits gestrichen, der „Green Deal“, ein umfassendes Paket zur Förderung von Energiesparmaßnahmen, sowie ein geplantes Programm für Nullemissionshäuser wurden gestoppt. Das sei notwendig, damit die Preise nicht explodieren, heißt es.

Im Gegensatz zu Deutschland hat die Katastrophe von Fukushima in Großbritannien zu keinem Umdenken in der Bevölkerung geführt. Atomenergie gilt weiterhin als akzeptabel.

Große Investoren wie Siemens sind verunsichert

Diese teils plötzlichen und unerwarteten Entscheidungen habe viele Investoren erschreckt, kritisiert Angus MacNeil von der Scottish National Party, der dem Komitee für Energie und Klimawandel im britischen Parlament vorsteht. Die Geldgeber wunderten sich, was wohl als nächstes komme. In einem von seinem Komitee in Auftrag gegebenen aktuellen Report wird etwa der Windturbinenhersteller Siemens zitiert. Er beschwert sich, dass die Politik widersprüchliche Signale sende.

Doch nicht nur die Ökostrombranche ist alarmiert, auch in der Atomindustrie läuft es alles andere als rund. Ausgerechnet sie soll neben Gas künftig eine zentrale Rolle spielen. Anders als in Berlin hat die Katastrophe von Fukushima in London nicht zu einem Umdenken geführt, weder bei der Labour-Party noch bei den Tories. Im Gegenteil: „Atomkraftgegner missdeuten die wissenschaftlich belegten Fakten. Die Technik ist sicher und zuverlässig“, heißt es in Amber Rudds Grundsatzrede.

Die Herausforderung liege, wie bei anderen Niedrigemissionstechnologien auch, vielmehr darin, Atomstrom zu liefern, der wenig koste. „Grüne Energie muss günstig sein“, das ist Rudds Credo. Auch wenn es für deutsche Ohren ungewöhnlich klingen mag: Grün ist in diesem Sinne auch Atomkraft.

Doch das wichtigste Projekt für den Atomausbau läuft schleppend. Das Kraftwerk Hinkley Point in Sommerset soll um zwei Reaktoren erweitert werden, mithilfe chinesischer Investoren und EDF Energy, einer hundertprozentigen Tochter des französischen Energieriesen Électricité de France (EDF). Eine finale Entscheidung steht noch aus.

Seit mehr als 20 Jahren ist in Großbritannien kein neues Atomkraftwerk mehr ans Netz gegangen. Nach dem Willen der Energieministerin soll nun eine ganze Reihe neuer Meiler entstehen, etwa an den Standorten Wylfa und Moorside. Die Franzosen jedoch zögern, Ende April vertagten sie ihre Investitionsentscheidung – zu unsicher erscheinen die Rahmenbedingungen.

Eine Energiewende wie in Deutschland? Nach jahrelanger Lobbyarbeit für Energie aus fossilen Brennstoffen steht die Branche nun hinter einem Kohleausstieg.

Milliarden für neue Atomkraftwerke

Dabei verspricht London hohe Subventionen für die beiden Kraftwerksblöcke. Es soll einen garantierten Preis von umgerechnet 130 Euro pro Megawattstunde Strom geben. Die Vereinbarung gilt für 35 Jahre und soll sogar an die Inflation angepasst werden. Eine derartige Förderung stößt bei vielen auf Unverständnis und verdeutlicht die Verunsicherung, die auf dem Markt herrscht. „Vor 25 Jahren wurde der britische Energiemarkt privatisiert. Jetzt ist der Staat zurück“, zitiert die Welt den Analysten Simon Virley. Zurzeit baue niemand ohne Garantien vom Staat neue Kapazitäten.

Lisa Nandy, energiepolitische Sprecherin der Labour-Party, fordert angesichts der Probleme mit Hinkley Point einen Plan B von der Regierung. Weil alte Kohlekraftwerke vom Netz genommen werden, die Planung neuer Gaskraftwerke stockt und der Ausbau der Atomenergie nicht vorankommt, grassiert auf der Insel die Angst vor Blackouts.

Der Branchenverband EnergyUK hat derweil eine 180-Grad-Wende vollzogen. Er vertritt unter anderem die großen Anbieter British Gas, EDF Energy, SSE,  Eon UK und das zu RWE gehörende Npower. Nach jahrelanger Lobbyarbeit für Energie aus fossilen Brennstoffen hat sich der mächtige Verband im Februar offiziell zum Kohleausstieg bekannt – und macht sich nun für erneuerbare Energien stark. „Es wäre durchaus vernünftig, eine ähnliche Energiewende wie in Deutschland anzustreben“, erklärte Geschäftsführer Lawrence Slade gegenüber dem Guardian. Gleichzeitig äußert er Kritik an den Subventionskürzungen für Onshore-Windkraft.

Doch Investoren treibt noch eine ganze andere Sorge um: das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU. Noch ist völlig unklar, welche Folgen das Referendum vom 23. Juni für die energiepolitische Zusammenarbeit zwischen der Insel und dem Kontinent haben wird. Siemens hat verschiedenen Medienberichten zufolge in einer ersten Reaktion bereits den weiteren Ausbau seines neuen Rotorblattwerks im nordenglischen Hull auf Eis gelegt. Zudem ist offen, wer nach David Cameron als Premierminister in die Downing Street einzieht – und welche Schwerpunkte er oder sie in der Klimapolitik legen wird.

Es ist also durchaus möglich, dass es bald eine neue Grundsatzrede zur britischen Energiepolitik geben wird. Auch wenn es dann vermutlich nicht mehr Amber Rudd ist, die sie hält.

Steffen Kück
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