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Thema Wind und Wende

23. Jan. 18

Die Plattform Sylwin 1 speist die Energie der Offshore-Windparks Butendiek, DanTysk und Sandbank ins Stromnetz ein. Ob auch Sylwin 2 gebaut wird, ist fraglich

Schicksalstage für Offshore-Wind

Die künftige GroKo will den Ausbau der Windkraft auf See steigern – ein bisschen zumindest. Um wie viele Parks es geht, zeigt sich im April. Denn dann wird klar, wie viel zusätzlichen Offshore-Strom die Netze verkraften

Von Steven Hanke

Wenn die Bundesnetzagentur im April wieder Baurechte für Offshore-Windparks versteigert, entscheidet sich auch die Zukunft von Sylwin 2. Denn die Planung für dieses milliardenteure Umspannwerk, das inmitten der Nordsee den Strom mehrerer geplanter Windparks vor Sylt aufnehmen und zum Festland schicken soll, steht unter Vorbehalt: Sollte keines der Projekte bei der Versteigerung einen Zuschlag erhalten, landen die Baupläne für Sylwin 2 in der Mottenkiste.

Und falls nur ein einziger Windpark als Sieger aus der Auktion hervorgeht, schrumpft die Größe dieser Megasteckdose entsprechend zusammen. Von den ursprünglich geplanten 900 Megawatt bleibt dann nur ein Bruchteil übrig.

Sylwin 2 nimmt damit eine Schlüsselrolle beim Ausbau der Windkraft auf See in den kommenden Jahren ein. Denn vom Schicksal der Plattform hängt maßgeblich ab, wie viel Platz für zusätzliche Offshore-Windräder in den Nordsee-Stromleitungen in den nächsten Jahren zur Verfügung steht.

Bau der Konverterstation Helwin 2: Die 2015 in Betrieb genommene Plattform sammelt den Strom von Offshore-Windrädern nördlich von Helgoland und schickt ihn über ein 85 Kilometer langes Kabel nach Schleswig-Holstein.

Schon heute gibt es Überkapazitäten im Offshore-Netz. Die Branche appelliert an die Regierung, diesen Spielraum zu nutzen

Schon jetzt existieren ungenutzte Kapazitäten in den Stromleitungen auf dem Meeresboden. Selbst wenn die gut 1600 Megawatt, die im April zur Versteigerung anstehen, vollständig ausgeschöpft werden, könnte das Netz nach Schätzung der Windkraft-Verbände zusätzliche Parks mit bis zu 1400 Megawatt verkraften. Das entspricht immerhin der Energie eines großen Atommeilers. Viel potenzieller Spielraum also für die designierte GroKo beim Ausbau der Offshore-Windkraft.

Dass es überhaupt um so große Mengen geht, liegt daran, dass die Bundesregierung in der Vergangenheit einen Deckel über den Offshore-Strom geschoben hat. Mit Verweis auf die Kosten und die Schwächen des Übertragungsnetzes im Binnenland hatte sie das ursprünglich geplante Ziel von 25.000 Megawatt Offshore-Wind im Jahr 2020 auf 15.000 Megawatt nach unten korrigiert.

Das führte dazu, dass schon 2014 ein Netzanschlussystem (Borwin 4) ersatzlos gestrichen werden musste.

Die Offshore-Windbranche trommelt deshalb seit Monaten, die Ziele für 2030 wieder auf 20.000 Megawatt zu steigern. Zumindest sollten freibleibende Netzkapazitäten nicht abgeschnitten, sondern genutzt werden.

Konkret halten die Verbände es nicht für sinnvoll, dass Sylwin 2 ganz gestrichen wird oder zumindest deutlich kleiner ausfällt, passgenau zum Windpark. Denn damit würden andere, auch spätere Projekte ausgeschlossen.

„Für die Restmengen, die nach 2018 bestehen werden, brauchen wir eine zusätzliche Ausschreibung“, bekräftigte Uwe Knickrehm, Geschäftsführer des Arbeitsgemeinschaft Offshore-Windenergie (Agow), in der sich Windparkbetreiber zusammengeschlossen haben.

Die GroKo stellt eine zusätzliche Auktion für Ökostrom in Aussicht. Wie viel davon auf Offshore-Wind entfällt, lässt sie offen

Es müsse noch nicht einmal unbedingt eine neue Auktion sein, der Staat könne die leeren Slots auch anders vergeben. „Egal wie, Hauptsache diese Konverter werden schnell aufgefüllt und stehen nicht leer“, so Knickrehm. Unterstützung erhält er insbesondere von den Regierungen der deutschen Küstenländer.

Die GroKo-Verhandler scheinen die Forderungen vernommen zu haben. Im Sondierungspapier vom 12. Januar stellten Union und SPD für den Fall einer Neuauflage ihrer Großen Koalition eine Sonderausschreibung in Aussicht, um die Klimaschutzziele für 2020 „so schnell wie möglich“ zu erreichen.

Im Rahmen dessen sollen 2019 und 2020 jeweils 4000 Megawatt an Onshore-Windrädern und Solaranlagen „sowie ein Offshore-Windenergiebeitrag zugebaut werden“. Dessen Höhe ließen die Koalitionäre dem Vernehmen nach bewusst offen, um das Ausmaß der tatsächlich verfügbaren Netzanschlusskapazitäten abzuwarten.

Im April dürften sie schlauer sein.

Die Plattform Sylwin 1 speist die Energie der Offshore-Windparks Butendiek, DanTysk und Sandbank ins Stromnetz ein. Ob auch Sylwin 2 gebaut wird, ist fraglich

Die Branche ist alarmiert. Haben sich die GroKo-Sondierer ein Alibi für den Fall verschafft, dass der Ausbau stockt?

Die Große Koalition hatte auch vereinbart, den Ökostromanteil bis 2030 auf 65 statt wie bislang geplant 55 Prozent zu steigern. Was das für die einzelnen Ökostromtechnologien bedeutet, ist derzeit freilich noch völlig offen.

Die Voraussetzung dafür sei jedoch die Aufnahmefähigkeit der entsprechenden Netze, heißt es im Sondierungspapier. Geplant sind demnach ein Gesetz zur Beschleunigung des Leitungsausbaus und weitere Anstrengungen zur Modernisierung der Energienetze.

Maßnahmen für eine bessere Auslastung hatten erst kürzlich die Regierungsberater von der Stiftung Agora Energiewende vorgeschlagen, ein entsprechendes Sofortprogramm solle ihrer Ansicht nach schon im Koalitionsvertrag verankert werden.

Der Verweis im Sondierungspapier auf die Synchronität von Netzausbau und Erzeugung beunruhigt Agow-Geschäftsführer Knickrehm. Er fürchtet, dass sich die GroKo damit ein Alibi verschaffen will, falls es mit der Ausbauoffensive für Ökostrom doch nichts wird. Wohlwissend, dass der Netzausbau für den Transport des Windstroms vom Meer in die süddeutschen Verbrauchszentren nur äußerst schleppend vorankommt.

Vorausschauende Planung heißt aus Sicht der Windkraft-Verbände: ein Netzausbau, der über den akuten Bedarf hinausgeht

Synchron müsse bedeuten, so Knickrehm, dass der Netzausbau ebenso ambitioniert vorankommt wie der Ausbau der Erneuerbaren. Der Netzausbau sei immer der Erzeugung gefolgt, nicht umgekehrt. „Das gilt für Kohle und Kernenergie und das muss auch für Erneuerbare gelten.“

Die Offshore-Verbände empfehlen eine vorausschauende Netzplanung, die über den offensichtlichen Bedarf hinausgeht. Um vorbereitet zu sein, falls die Politik ihre Ziele anhebt.

Mit einem Eindampfen von Sylwin 2 würde man sich zudem ganz andere Optionen verschließen. Schließlich könnte die Leitung auch für den grenzübergreifenden Stromhandel mit Norwegen genutzt werden.

Volker Kühn
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