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Thema Wind und Wende

01. Dez. 17

Querschnitt durch ein Seekabel der Offshore-Stromtrasse „Ostwind 1“: Der Betreiber 50Hertz veranschlagte das Projekt in der Ostsee 2015 auf 1,5 Milliarden Euro.

Gefangen im Netz

Offshore-Windparks werden immer günstiger. Trotzdem drosselt die Politik den Ausbau – weil die Kosten für die Netzanschlüsse stagnieren. Grund dafür sind der Mangel an Wettbewerb und die Ohnmacht der Regulierungsbehörde.

Steckdose in der Nordsee: Konverstationen wie diese 70 Kilometer westlich von Sylt in der Nordsee sammeln den Strom von Offshore-Windparks ein.

Von Steven Hanke

Am Anfang ist alles teuer. Das erste Mobiltelefon auf dem deutschen Markt zum Beispiel kostete vor 25 Jahren mehr als 3.000 D-Mark. Heute gibt es Handys für einen Bruchteil davon. Technischer Fortschritt und der Wettstreit der Anbieter lassen die Kosten der allermeisten Technologien in der Regel rasch purzeln.

Das lässt sich auch bei der Offshore-Windkraft beobachten. Kostete der Strom vom Meer bisher im Schnitt rund zwölf Cent je Kilowattstunde, so dürfte der Preis in den nächsten Jahren mindestens um die Hälfte sinken - auf die Höhe des Marktpreises. Staatliche Subventionen wären dann gar nicht mehr notwendig. Schon jetzt verzichten einige Betreiber bei geplanten Projekten auf eine feste Einspeisevergütung.

Zwar muss man abwarten, ob den Ankündigungen der Unternehmen auch Taten folgen und sie die Vorhaben zu diesen Preisen tatsächlich realisieren. Doch die Richtung ist klar: Offshore-Wind wird immer günstiger.

Kein Wunder, dass die Branche mit Verweis auf die gefallenen Kosten bei der Bundesregierung dafür wirbt, die Ausbauziele für die Windenergie auf See wieder anzuheben. Doch in Berlin sperrt man sich. Denn im Gegensatz zu den Windparks ist ein anderer Kostenfaktor weiterhin hoch: der für den Netzanschluss. Hinzu kommt das gemächliche Tempo beim Ausbau der Leitungen: Zwischen der Auftragsvergabe und der Fertigstellung liegen im Schnitt sechs Jahre – genauso viel wie in den Anfangstagen der Offshore-Windkraft.

Deutlich wird das Dilemma an einem aktuellen Beispiel. Im Juli beauftragte der für die Nordsee zuständige Übertragungsnetzbetreiber Tennet den Hersteller Siemens mit dem Bau des Netzanbindungssystems „Dolwin 6“. Das soll 2023 in Betrieb gehen und mehrere der neuen Niedrigpreiswindparks ans Festland anbinden. Die Kosten für diese Steckdose sind mit rund einer Million Euro pro Megawatt installierter Leistung erstaunlicherweise fast identisch mit denen des allerersten Systems seiner Art namens „Borwin 1“ aus dem Jahr 2008.

Zwar rühmen sich alle Beteiligten dafür, dass der Vergabepreis um 15 Prozent niedriger als beim letzten derartigen Projekt liege. Doch das hat einen einfachen Grund: Nach dem Bau von „Borwin 1“ waren die Preise sogar noch gestiegen.

Die Situation wird sich auf absehbare Zeit wohl auch kaum entspannen. Im Offshore-Netzentwicklungsplan (Onep) für das Jahr 2030 haben die Übertragungsnetzbetreiber im Frühjahr die Kosten auf dem derzeitigen Niveau linear fortgeschrieben. Das brachte die Offshore-Windbranche auf die Palme: Der Onep ignoriere völlig die gewaltigen Kostensenkungspotenziale im Netzbereich, beklagten die Verbände in einer gemeinsamen Stellungnahme.

Sie halten es schlicht für nicht plausibel, dass zwar in allen anderen Bereichen der erneuerbaren Energien, insbesondere bei den Offshore-Windparks, die Kosten deutlich sinken, aber bei der Netzanbindung keinerlei Kostensenkungen angenommen werden.

Querschnitt durch ein Seekabel der Offshore-Stromtrasse „Ostwind 1“: Der Betreiber 50Hertz veranschlagte das Projekt in der Ostsee 2015 auf 1,5 Milliarden Euro.

Es gäbe einen Weg, die Kosten zu senken: Die Politik könnte den Netzbetreibern das Geschäft entziehen und ausschreiben lassen

Umgerechnet in Cent je erzeugter Kilowattstunde kosten die Anschlüsse in Deutschland aktuell etwa 3,0 bis 3,5 Cent, deutlich mehr als im Ausland. Das ist etwa die Hälfte dessen, was der Windstrom in Zukunft im Durchschnitt kosten soll. Wenn nichts bei den Netzkosten passiert, machen diese also künftig gut ein Drittel der Gesamtkosten aus. Die günstige Preisentwicklung bei den Windparks würde so ein Stück weit zunichte gemacht.

Wie sich Zeit und Geld sparen ließen, zeigte im Sommer 2016 eine Studie im Auftrag der Offshore-Windverbände. Die Autoren von der Consultingfirma Fichtner und der Anwaltskanzlei Gassner knüpften einen ganzen Strauß an Vorschlägen. Vor allem regten sie an, innovative Technologien beim Netzausbau zuzulassen. Allein dadurch seien 30 Prozent Kostensenkungen möglich. Außerdem könne man die Netzanschlüsse standardisieren, nach dem Vorbild der Niederlande, die gleich fünf baugleiche Systeme beauftragten.

Das eigentliche Problem aber ist, dass die Netzanschlüsse in der Hand eines Monopolisten sind und die Regulierungsbehörde zu wenig Druck auf ihn ausübt, die Kosten zu senken. An der Stelle brauche es Wettbewerb, heißt es aus der Windkraft. Deshalb sollte der Staat die Netzanschlusssysteme europaweit ausschreiben, das Bundeswirtschaftsministerium müsse diese Möglichkeit in einer Studie kurzfristig näher untersuchen lassen.

Die Politik hat das Thema auf der Agenda, ist zu hören. Sie werde den Netzbetreibern ihr garantiertes und lukratives Geschäftsmodell womöglich entziehen und ausschreiben. Auf Anfrage wollte sich das Ministerium dazu nicht äußern.

In einer Ausschreibung bestünde die Möglichkeit, dass die Windparkplaner sich um ihren eigenen Netzanschluss kümmern, wie in Großbritannien praktiziert. Netzbetreiber Tennet hält davon naturgemäß wenig und warnt davor, das Offshore-Netz in die Hände gewinnorientierter Investoren zu geben anstelle regulierter, erfahrener Unternehmen.

Auch in Zukunft sei die Aufgabe „bestens in den Händen eines erfahrenen Übertragungsnetzbetreibers aufgehoben“, erklärte Vorstand Lex Hartman bei der Beauftragung von „Dolwin 6“ im Juli. Es sei von Vorteil, dass das Unternehmen auch das Höchstspannungsnetz an Land betreibt und somit der Offshore-Windstrom besser in das Gesamtsystem integriert werden könne.

Spezialschiffe wie dieses verlegen die Hunderte Tonnen schweren Kabel. Die Aufnahme entstand bei der Anbindung des Windparks Baltic 2 in der Ostsee.

Der Wettbewerbsdruck ist überschaubar: Wenige Anbieter von Kabeln und Umspannwerken teilen sich den lukrativen Markt

Ob eine Auktion den erhofften Erfolg brächte, ist angesichts der überschaubaren Konkurrenzsituation allerdings fraglich. Noch gibt es ganz wenige Anbieter, die die Kabel und Umspannwerke liefern. Die Konverterplattformen als Herzstück der Anschlüsse teilten sich Siemens und zu einem geringeren Anteil ABB bislang unter sich auf.

GE-Alstom hat die Bühne zwar betreten, aber kaum Erfahrung. Der Konzern stellte gerade sei erstes Projekt überhaupt fertig und zog bei „Dolwin 6“ gegen Siemens den Kürzeren. Um den Wettbewerb zumindest etwas zu stimulieren, werden die Gewerke inzwischen in Einzellosen ausgeschrieben und nicht mehr im Paket. Im Kabelgeschäft verhängte die EU-Kommission 2014 gegen ein Kartell Geldbußen von insgesamt 302 Mio. Euro, wobei ABB von einer Kronzeugenregelung profitierte.

Bis es irgendwann vielleicht zu den Ausschreibungen kommt, könnte die Bundesnetzagentur mögliche Kostensenkungen regulatorisch durchsetzen. Dazu fehlt ihr jedoch die Expertise, das Personal und auch die rechtliche Grundlage, heißt es aus Branchenkreisen. Die Verbände der Offshore-Windkraft forderten in ihrer Stellungnahme, die Behörde möge qualifizierte Sachverständige beauftragen, um die Regulierung kosteneffizienter und transparenter zu machen. Hier sei vor allem auch das Ministerium gefragt.

Die Voraussetzung für eine effiziente Regulierung wäre Transparenz über die tatsächlichen Kosten. Darüber ist wenig bekannt, die beteiligten Unternehmen sind nicht zur Herausgabe ihrer geheimen Daten verpflichtet. Dadurch erwies sich auch die Studie von Fichtner nach Angaben der Autoren als „unerwartet schwierig“. Es sei ihnen nur begrenzt gelungen, an dieses „Herrschaftswissen“ zu gelangen. Dem Regulierer und dem Ministerium biete sich hier noch ein reiches Betätigungsfeld.

Um die Kosten auf der Netzseite zu drücken, wird Deutschland am Ende wohl über ganz neue Wege nachdenken müssen. Aus Rücksicht auf die Natur, die Touristen und die Schifffahrt in der Nordsee ging man dort relativ weit aufs Meer hinaus. Bei solchen Entfernungen reicht die herkömmliche Wechselstrom-Technologie nicht mehr aus, die Alternative Gleichstrom ist im Vergleich dazu erheblich teurer.

Bleibt das so, dürfte die grundsätzliche Diskussion über verfügbare Flächen und Trassenkorridore neu aufleben. Vielleicht weicht man auf die Ostsee aus, wo die Windparks näher an der Küste stehen und mit Wechselstromtechnik angebunden werden können.

Es gibt allerdings auch eine andere Möglichkeit: Tennet hat die Vision entwickelt, die Windparks noch weiter draußen zu bauen und über eine künstlich aufgeschüttete Insel inmitten der Nordsee anzubinden. Von dort könne der Strom über die bestehenden Leitungen, die eigentlich für den Stromhandel zwischen den Ländern gedacht sind, abtransportiert werden. Das Inselprojekt war eines der am heißesten diskutierten Themen auf der Windmesse Ende November in Amsterdam. Was zunächst wie Science-Fiction klingt, erweist sich letztlich womöglich als kostengünstigste Lösung.

Volker Kühn
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