Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Wind und Wende

02. Mär. 15

Die lokale Zulieferbranche hofft erneut auf glückliche Zeiten.

Flaute in Fishtown

Nach dem Niedergang der Fischerei hat sich Bremerhaven als Zentrum der Offshore-Windkraft neu erfunden. Doch zuletzt häuften sich Schwierigkeiten – weil die politischen Rahmenbedingungen sich ständig ändern.

Von Volker Kühn

Auf dem Highway der Energiewende ist mittags die Hölle los. Stoßstange an Stoßstange quälen sich die Autos über den Lunedeich in Bremerhaven. Wie in Zeitlupe ziehen turmhohe Werkshallen vorbei. Darin sollen die Offshore-Windparks von morgen entstehen: tonnenschwere Stahlfundamente, baumlange Rotorblätter, gewaltige Turbinen.

Doch nur selten biegt eines der Autos ab auf die weitläufigen Werksgelände von Areva, Weserwind, Senvion oder Powerblades. Denn der Stau hat mit den Windkraftfirmen nichts zu tun. Die Bremerhavener nutzen den Lunedeich nur als Ausweichstrecke, weil auf einer Ausfallstraße nichts mehr geht.

Ikea baut dort einen neuen Markt, eine Kreuzung ist gesperrt, es wird gehämmert und geschweißt – in den Hallen am Lunedeich dagegen ist es weitgehend still – zu still.

Was für ein bezeichnendes Bild. In Bremerhaven, das so gern das stürmische Zentrum der deutschen Offshore-Windkraft wäre, herrscht Flaute. Dabei hatte die Stadt weit mehr als 100 Millionen Euro investiert, um Hersteller und Zulieferer an die Wesermündung zu locken.

Die Energiewende sollte „Fishtown“ endlich wieder ein Geschäftsmodell liefern. Ein Neustart, den Bremerhaven bitter nötig hatte nach gleich drei Schicksalsschlägen: dem Niedergang der einst größten Fischereiflotte auf dem Kontinent, dem Abzug der US-Streitkräfte und der Pleite der Werftenindustrie.

Armenhaus und Bremerhaven – das waren Begriffe, die man in den 80er- und 90er-Jahren synonym verwendete.

Komponenten-Verladung in Bremerhaven: Das politische Auf und Ab hatte Folgen für Zulieferer.

„Wenn die Windfirmen weggehen, ist Bremerhaven tot!“

Umso verlockender schien nach der Jahrtausendwende die Aussicht auf den Ausbau der Windkraft. Welcher deutsche Standort wäre dafür besser geeignet gewesen als Bremerhaven mit seiner langen Erfahrung in der Hochseetechnik?

Zunächst ging die Rechnung auf. Dank üppiger Förderung, nicht zuletzt durch das EEG, siedelten sich jene Firmen an, auf die man im Stadtrat gehofft hatte. Neue Energien, das hieß zugleich neue Arbeitsplätze. Auf gut 4.000 wuchs die Zahl der Beschäftigten in der örtlichen Windenergie.

Doch vor gut zwei Jahren begannen Negativschlagzeilen das Bild zu trüben: Auftragsschwund, Kurzarbeit, Entlassungen. Und wo eben noch der Beginn einer neuen Zeit beschworen wurde, ist plötzlich von Tristesse und Niedergang die Rede. Ist die junge Branche schon wieder am Ende?

Eine Lagerfläche in einer Seitenstraße am Lunedeich. Ein Radfahrer im Blaumann rollt langsam an einigen Windradflügeln vorbei, die hier auf den Abtransport warten.

„Früher war das ganze Gelände damit voll, jetzt ist kaum noch was los“, sagt er. Seinen Namen und seinen Arbeitgeber möchte er nicht verraten, seine Verunsicherung aber kann er nicht verbergen. Er habe früher auf einer Werft gearbeitet, dann sei er in die Windkraft gewechselt. Jetzt fürchteten er und seine Kollegen, dass auch diese Branche vor die Hunde gehe. „Wenn die Windfirmen weggehen, ist Bremerhaven tot“, sagt er düster.

Die Diskussion um die „Strompreisbremse“ erwies sich als fatal. Die Minister Altmeier und Rösler verunsicherten Anfang 2013 Investoren.

Debatte um Strompreisbremse hat 2.000 Arbeitsplätze gekostet

Dass es so weit kommt, glaubt Nils Schnorrenberger nicht. „Es stimmt schon, vor einem halben Jahr war noch deutlich mehr Betrieb im Hafen“, sagt der Geschäftsführer der Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung.

„Da kamen und gingen die Errichterschiffe in einer Tour.“ Jetzt dagegen lege nur selten eines der mit Windrädern beladenen Schiffe ab. Aber die Lage könne sich schon bald wieder bessern. „Das ist nur eine Momentaufnahme“, glaubt Schnorrenberger.

Was den Herstellern und Zulieferern so zu schaffen macht, ist das Hickhack um die Ausbauziele in der Offshore-Windkraft. Der Markt ist zu 100 Prozent politisch getrieben – ohne staatliche Subventionen ist der milliardenschwere Bau eines Windparks derzeit nicht zu stemmen.

Die Debatte um eine „Strompreisbremse“, also die Kappung der Fördersätze und die Reduzierung der Ausbauziele, hat die Investoren daher schwer verunsichert. „Alle haben ihre Projekte auf Warten gestellt“, erklärt Ronny Meyer von der Windenergieagentur wab, dem Branchenverband der Windkraft.

Die Unternehmer wünschten sich Planungssicherheit – wenn sie die in Deutschland nicht bekämen, würden sie eben auf andere Länder wie Großbritannien und Dänemark ausweichen.

Für Bremerhaven hatte die „Strompreisdebatte“ Anfang 2013 handfeste Folgen: Die Aufträge brachen ein, die Unternehmen reagierten mit Kurzarbeit – und schließlich auch mit Entlassungen.

Stadtförderer Schnorrenberger schätzt, dass derzeit noch 2.000 Menschen in der örtlichen Windenergie beschäftigt sind. Nur weil der Stellenabbau vor allem Zeitarbeiter getroffen habe, spiegele sich das kaum in der Arbeitslosenstatistik der Stadt – die Verleihfirmen kommen von außerhalb.

„Wir haben nie daran gedacht, Bremerhaven zu verlassen.“ Eric Blanc, Geschäftsführer von Areva Wind

Bremerhaven setzt unverdrossen auf Offshore-Windkraft

Was Schnorrenberger inzwischen aber zuversichtlich stimmt, ist die jüngste EEG-Novelle. Zwar peilt die Bundesregierung jetzt eine deutlich niedrigere Stromkapazität in der Offshore-Windkraft an. Zumindest aber sei die quälende Zeit der Unsicherheit fürs Erste beendet. „Es tut sich wieder was bei den Investoren“, sagt Schnorrenberger.

Den Firmen vor Ort verlangte die Phase bis zum neuen EEG einiges ab. Die meisten wollen sich nicht zur aktuellen Lage äußern, eine Ausnahme ist Areva.

Der französische Konzern, dessen mit Abstand größtes Geschäftsfeld die Atomkraft ist, hatte sich 2007 beim Bremerhavener Windkraftspezialisten Multibrid eingekauft und ihn 2010 komplett übernommen. Gut 200 Millionen Euro hat Areva in die deutsche Windkraft investiert. Entsprechend hart traf den Konzern der Auftragseinbruch.

„Dennoch ist der Standort eine bedeutende Basis, die wir erhalten möchten“, sagt Eric Blanc, Geschäftsführer von Areva Wind. „Wir haben nie daran gedacht, Bremerhaven zu verlassen“, versichert der Franzose in perfektem Deutsch. „Bremerhaven ist in der Windkraft sehr gut aufgestellt.

Es gibt hier einen einmaligen Mix von Herstellern, Zulieferern und Forschung“, erklärt er, und lobt besonders das Fraunhofer-Institut für Windenergie und die örtliche Hochschule.

Ein großer Teil der 520 Mitarbeiter von Areva Wind ist derzeit in der Installation und Wartung der Offshore-Anlagen beschäftigt – die Produktion dagegen ruht bis zum Anlaufen neuer Aufträge.

Die lokale Zulieferbranche hofft erneut auf glückliche Zeiten.

Aushalten lohnt sich: Areva Wind verbucht 620-Millionen-Euro-Auftrag

Für Blanc ging es in den vergangenen Monaten vor allem darum, die Angestellten trotz der Auftragsflaute sinnvoll einzusetzen.

Dazu wurden auch Kräfte aus der Fertigung zu Offshore-Servicetechnikern umgeschult. Entlassungen wollte Blanc unbedingt vermeiden. „Dadurch möchten wir das Know-how, das wir aufgebaut haben, erhalten.“

Wie Schnorrenberger begrüßt auch Blanc, dass es für Investoren durch die EEG-Novelle bis 2020 wieder verlässlichere Rahmenbedingungen gibt.

Doch weil Offshore-Windparks eine jahrelange Vorlaufzeit haben, müsse bald entschieden werden, wie es nach 2020 weitergeht. „Sonst rutschen wir wieder in ein Tal“, warnt Blanc.

Bremerhaven und das Land Bremen jedenfalls setzen unverdrossen auf die Windkraft. Gerade erst wurde der Betrieb eines geplanten Offshore-Terminals ausgeschrieben.

180 Millionen Euro investiert Bremen in den Bau einer 500 Meter langen Kaje, an der ab 2018 bis zu drei Errichterschiffe gleichzeitig anlegen können.

Auf dem 25 Hektar großen Gelände sollen Windenergieanlagen vormontiert, gelagert und verschifft werden. Umweltschützer protestieren gegen das Projekt, doch Stadtförderer Schnorrenberg ist überzeugt, dass es sich lohnen wird. „So einen Hafen baut man für 80 oder 100 Jahre. Da darf man sich von einer Flaute nicht verunsichern lassen.“

Dass sich das Projekt tatsächlich lohnen könnte, deutete sich zwei Tage vor Weihnachten an: Da meldete Areva den Eingang eines neuen Großauftrags.

Der spanische Energiekonzern Iberdrola hat 70 Anlagen für den Windpark Wikinger bestellt, der vor Rügen in der Ostsee gebaut wird. Auftragsvolumen: 620 Millionen Euro.

Sollte demnächst mal wieder Stau auf dem Lunedeich herrschen, könnte das auch mal wieder an Bremerhavens Windkraftfirmen liegen.

Iris Franco Fratini
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt