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Thema Wind und Wende

22. Jun. 17

Wasserdampf über einem Kohlekraftwerk bei Grevenbroich: Nirgendwo wird mehr Braunkohle verstromt als in Deutschland.

Einfach mal abschalten

Von Großbritannien über China bis Indien mehren sich die Anzeichen, dass das Zeitalter der Kohle zu Ende geht. Doch Braunkohle-Weltmeister Deutschland tut sich mit dem Ausstieg schwer

Stahlkoloss: Ein Schaufelradbagger gräbt im rheinischen Revier nach Braunkohle.

Von Volker Kühn

Die Geschichte der Kohle lässt sich auf zwei Arten erzählen. Obwohl der Hauptdarsteller derselbe ist, haben beide Versionen fast nichts miteinander zu tun.

Die erste Geschichte ist die der Kohle als Motor des Fortschritts. Seit Ende des 18. Jahrhunderts befeuert sie zunächst in England, später auch in anderen Teilen der Welt die Industrielle Revolution. Sie treibt Dampfmaschinen, Lokomotiven und Ozeanriesen an, sie bereitet dem Aufstieg des Britischen Empires den Weg und dem des Deutschen Reichs von einer Nation der Bauern und Handwerker zu einer der Fabrikarbeiter und Industriekapitäne. Letztlich ist die Kohle in dieser Version der Erschaffer der modernen Welt.

Und dann gibt es die andere Version – die brutale Geschichte der Kohle. Sie spielt unter Tage in Minen, in denen Menschen auf der Jagd nach einem dreckigen Rohstoff ihr Leben riskieren. Sie spielt in Kohlekraftwerken, die gigantische Mengen CO2 in die Atmosphäre blasen, und deshalb spielt sie auch in allen Ländern, die unter dem Klimawandel leiden. Sie spielt in Chinas Städten, in denen Menschen Atemmasken tragen müssen, und in Dörfern im Rheinland und der Lausitz, die dem Kohletagebau geopfert werden. In dieser Geschichte ist die Kohle kein Erschaffer, sondern ein Zerstörer.

Doch egal, welcher Version man folgt, es mehren sich die Anzeichen, dass die Geschichte auserzählt ist – und dass vielleicht sogar noch ein Happy End geben könnte.

Denn das Kohlezeitalter geht dem finalen Akt entgehen. Zwar stammen noch immer 40 Prozent des weltweit erzeugten Stroms aus Kraftwerken, die Kohle verfeuern. Doch die Zahlen sprechen eindeutig gegen sie. Da kann US-Präsident Donald Trump noch so oft das Comeback der Kohle beschwören.

Die Briten steigen schon 2025 aus. Und China stoppt auf einen Schlag den Bau von 103 Kohlekraftwerken

So kommt eine aktuelle Greenpeace-Studie zu dem Ergebnis, dass der Kohleverbrauch seit 2014 weltweit zurückgeht. Zudem werden deutlich weniger neue Meiler gebaut. In Deutschland bereitet der Stromversorger Uniper am Standort Datteln aktuell den Start des letzten Kohlekraftwerks vor, das hierzulande überhaupt noch ans Netz gehen dürfte.

England ist schon einen Schritt weiter. Bereits 2025 sollen dort sämtliche Kohlekraftwerke für immer abgeschaltet sein. Dass das Königreich auf sie verzichten kann, hat es bewiesen: Im April hat dort zum ersten Mal seit Ende des 19. Jahrhunderts über einen Zeitraum von 24 Stunden kein einziges Kohlekraftwerk Strom produziert.

Aber nicht nur Staaten steigen aus der Kohlekraft aus, auch Unternehmen. Der Energiekonzern Dong Energy, der auch dieses Internetportal finanziert, hat kürzlich bekanntgegeben, sein gesamtes Kohle- und Gasgeschäft zu verkaufen. Künftig konzentrieren sich die Dänen auf die Windkraft.

Und Europas Stromkonzernverband Eurelectric hat jüngst einen geradezu historischen Schritt beschlossen: Schon ab 2020 sollen keine Kohlekraftwerke mehr gebaut werden. Nur die Versorger aus Polen und Griechenland haben die gemeinsame Vereinbarung nicht unterzeichnet.

Doch der Abschied von der Kohle ist kein europäisches Phänomen: China hat Anfang des Jahres den Bau von 103 geplanten Kohlekraftwerken gestoppt. Nicht allein aus Umweltschutzgründen, sondern weil das Land inzwischen so viel Strom aus anderen Quellen gewinnt, dass es auf die Meiler verzichten kann. Und auch das riesige Nachbarland Indien fährt seine Neubaupläne deutlich zurück.

Opfer des Tagebaus: Die Bewohner von Immerath, einem Stadtteil von Erkelenz, werden seit 2006 umgesiedelt: Der Ort liegt im Bereich des geplanten Tagebaus Garzweiler.

Beim Kohleausstieg geht es nicht nur um Klimaschutz. Er ist auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit

Der Greenpeace-Studie zufolge waren 2016 weltweit Kohlemeiler mit einer Gesamtleistung von 65 Gigawatt im Bau. Ohne Zweifel ein gewaltiger Wert und eine enorme Belastung für das Klima, wenn sie erst einmal am Netz sind. Allerdings lag der Wert fast zwei Drittel unter dem des Vorjahrs.

Es sind aber nicht nur Umwelt- und Klimaschützer, die für das Ende der Kohle kämpfen. Der Ausstieg ist auch ein soziales Projekt – so hart das für alle Kohlekumpel klingen mag, denen Tagebaue, Minen und Kraftwerke oft über Generationen ein Auskommen garantiert haben.

Der Grund dafür ist simpel: Kohlekraftwerke sind ein Hauptverursacher von Treibhausgasemissionen und damit des Klimawandels. Dessen Folgen aber treffen vor allem die ärmsten Länder. Denn sie liegen oft in Weltregionen, die besonders stark von Naturkatastrophen und dem steigenden Meeresspiegel bedroht sind. Zudem verfügen diese Länder nicht über die finanziellen Mittel, sich ausreichend gegen den Klimawandel zu wappnen.

Auch die Gesundheitssysteme sind in Schwellenländern schlecht ausgebaut, meist kann sich nur eine kleine Oberschicht Krankenhausbesuche leisten. Dabei sind die Gesundheitsgefahren, die von Kohlekraftwerken ausgehen, enorm. Natürlich ist es schwierig, die genaue Zahl der Todesopfer durch die Luftverschmutzung aus Kraftwerksschloten zu berechnen. Die Schätzungen allerdings gehen von Hunderttausenden vorzeitigen Todesfällen aus – pro Jahr.

Wasserdampf über einem Kohlekraftwerk bei Grevenbroich: Nirgendwo wird mehr Braunkohle verstromt als in Deutschland.

Deutschland ist Vorreiter beim Ausbau erneuerbarer Energien – und beim Verfeuern von Braunkohle

Es erscheint vor diesem Hintergrund fast widersinnig, dass ausgerechnet Deutschland, der viel gelobte Vorreiter der Energiewende, noch keinen klaren Plan für den Kohleausstieg hat. Das Land trägt sogar den wenig schmeichelhaften Titel des Braunkohle-Weltmeisters – nirgendwo wird mehr von dieser besonders klimaschädlichen Form der Kohle verfeuert als hier. Braunkohle verursacht wesentlich mehr Kohlendioxid als Erdgas und toppt auch noch die ohnehin schon schlechte Bilanz von Steinkohle.

Trotzdem baut Deutschland die Braunkohleförderung weiter aus und nimmt dafür sogar in Kauf, dass in den Revieren im Rheinland und der Lausitz jahrhundertealte Dörfer dem Bagger zum Opfer fallen.

Mit den Zielen, auf die sich die Große Koalition im Klimaschutzplan verständigt hat, ist das unvereinbar, wie selbst die Bundesregierung zumindest indirekt einräumt. Die Pläne seien offenbar „zu ehrgeizig“ gewesen, heißt es von Umweltpolitikern. Eine Ansicht, die etwa der bekannte Klimaforscher Mojib Latif für absurd hält. „Wir kommen einfach von der Braunkohle nicht los“, kritisierte er kürzlich im „Deutschlandfunk“. Nicht die Pläne seien zu ehrgeizig, sondern Deutschland zu ambitionslos, um seine selbstgesteckten Ziele noch zu erreichen.

Dabei bremsen die oft unter Volllast laufenden Kohlekraftwerke sogar den Ausbau der erneuerbaren Energien. Denn weil zu viel Kohlestrom im Netz ist, müssen Windparks und Solaranlagen immer wieder abgeschaltet werden – auf Kosten der Allgemeinheit. In der jüngsten EEG-Novelle hat die Bundesregierung deshalb den Ausbau der Windkraft ausgerechnet im windreichen Norden Deutschlands gedeckelt: Erst müssten die Netze ausgebaut werden.

Bis die Geschichte der Kohle auch in Deutschland ihr Happy End findet, dürften noch einige Jahre ins Land streichen.

Volker Kühn
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