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Thema Wind und Wende

30. Jan. 17

Die gesetzlich garantierte Einspeisevergütung für Offshore-Strom liegt bislang bei bis zu 19 Cent je Kilowattstunde. Irina Lucke erwartet, dass er schon bald auf sechs bis acht Cent fällt.

„Es wird einen Preissturz geben“

„Offshore-Windkraft ist wettbewerbsfähig“, sagt Irina Lucke, Vorstandschefin des Branchennetzwerks WAB. Doch wenn die Kosten weiter fallen soll, müsse der Bund endlich einen stabilen Rahmen schaffen.

„Investoren hassen nichts mehr als die Planungsunsicherheit, die das mit sich bringt“: Irina Lucke (Mitte) über die Folgen der wiederholten Novellen des EEG.

Von Volker Kühn

Irina Lucke ist Geschäftsführerin der Offshore-Aktivitäten des Oldenburger Energieversorgers EWE und Vorstandschefin des Windenergienetzwerks WAB. Im Interview mit Energie-Winde spricht die Managerin über die Kosten für Ökostrom, die Folgen der EEG-Novellen und kleine Hummer in Windradfundamenten auf dem Nordseeboden.

Frau Lucke, muss man sich heutzutage entscheiden, ob man lieber Klima- oder Naturschützer sein möchte?

Irina Lucke: Das wäre ja furchtbar. Warum sollte das so sein?

Weil Windräder zwar das Klima schonen, aber Vögel töten. Und der Lärm beim Bau von Offshore-Windparks quält die Schweinswale.

Lucke: Immer wenn der Mensch mit Bauwerken in die Natur eingreift, muss ganz genau abgewogen werden. Und unabhängig von der Frage, in welchem Maß Ihre Behauptung zutrifft, kommt es dabei manchmal zu Interessenskonflikten. Aber prinzipiell ziehen beide Gruppen am selben Strang: Wir wollen den Generationen, die nach uns kommen, eine lebenswerte Umwelt erhalten. Das geht langfristig nur mit erneuerbaren Energien, insbesondere mit der Windkraft.

Wer die Schlagzeilen verfolgt, gewinnt allerdings den Eindruck, dass die Akzeptanz für die Energiewende gerade bröckelt. Da ist von „Monstertrassen“ die Rede, von einer „Verspargelung“ der Landschaft …

Lucke: Deswegen ist es wichtig, dass die Politik und die Branche immer wieder erklären, warum die Energiewende richtig ist. Wir werden unsere Klimaziele nur erreichen, wenn wir die Erneuerbaren ausbauen. Im Übrigen tun die Windparkbetreiber eine Menge, um Eingriffe in die Umwelt so verträglich wie möglich zu gestalten.

Was denn?
Lucke: Mein Lieblingsbeispiel sind die Hummer im Windpark Riffgat. Wir haben auf dem Grund der Nordsee in den Felsfundamenten der Windräder 3000 kleine Hummer ausgebracht, die dort ein neues Habitat bilden, das auch andere Tierarten anzieht. Inzwischen höre ich von Meeresbiologen, dass wir das unbedingt erhalten müssen, wenn wir den Windpark eines Tages wieder abbauen.

Die gesetzlich garantierte Einspeisevergütung für Offshore-Strom liegt bislang bei bis zu 19 Cent je Kilowattstunde. Irina Lucke erwartet, dass er schon bald auf sechs bis acht Cent fällt.

Trotzdem kämpft Ihre Branche mit Gegenwind. Mit der EEG-Reform hat der Bund den Ausbau von Windkraft, Solarenergie und Biogas gedeckelt. Und Sigmar Gabriel erklärt landauf, landab, die Erneuerbaren bräuchten keinen Welpenschutz mehr. Ökostrom müsse endlich billiger werden.

Lucke: Richtig ist, dass wir Ökostrom zu wettbewerbsfähigen Preisen erzeugen müssen. Bei einer fairen Betrachtung tun wir das aber auch heute zum Teil schon. Was beim Vergleich mit fossilen Energien gern vergessen wird, sind die gewaltigen Subventionen, die in diesen Bereich fließen. Können Sie sich noch an den Kohlepfennig erinnern? Der existiert in veränderter Form noch heute. Ganz zu schweigen von den Kosten bei der Lagerung des Atommülls.

Gerade Offshore-Strom ist in Deutschland aber sehr teuer. Die Betreiber kassieren bis zu 19 Cent je Kilowattstunde, in Holland und Dänemark werden Windparks für um die fünf Cent gebaut.

Lucke: Wir werden auch hier bald einen gewaltigen Kostensturz haben. Ich rechne mit sechs bis acht Cent je Kilowattstunde. Sie müssen bedenken, dass die Branche noch sehr jung ist. 2009 hatten wir eine Kapazität von 60 Megawatt im Offshore-Wind, Ende 2016 waren es 4,108 Gigawatt. Das war ein gewaltiger Kraftakt, bei dem wir eine steile Lernkurve hatten. Viele Dinge machen wir heute anders und günstiger als in der Anfangszeit. Manche Sicherheitsvorkehrungen zum Beispiel haben sich als übertrieben herausgestellt. Wir sind ständig dabei, Prozesse zu optimieren und Kosten zu senken.

Aber warum geht es bei Dänen und Holländern noch günstiger?

Lucke: Ganz einfach: Dort können Windparks direkt vor der Küste gebaut werden. Im Nationalpark Wattenmeer geht das nicht, wir müssen viel weiter draußen bauen, wo das Wasser tief ist. Außerdem sind die regulatorischen Anforderungen in den Nachbarländern günstiger für die Betreiber.

Teuer wird es in der Offshore-Windkraft immer dann, wenn Mitarbeiter per Schiff oder Helikopter zu den Anlagen gebracht werden. Per Fernüberwachung wie hier bei Eon auf Helgoland kann so manche Tour vermieden werden. Das hilft, Kosten zu sparen, sagt Irinia Lucke.

Was tut die Branche noch, um die Preise zu drücken?

Lucke: Wir verbessern zum Beispiel laufend unsere IT. Teuer wird es gerade im Offshore-Wind immer dann, wenn Menschen rausfahren müssen, um nach dem Rechten zu sehen. Bessere Sensoren an den Anlagen und eine Fernüberwachung können so manche Tour einsparen. Es kommen auch Tauchroboter und Drohnen zum Einsatz. Und in der Produktion der Windräder setzen die Hersteller vermehrt auf Automation. Der Handarbeitsteil in der Windkraft ist noch enorm hoch.

Könnten die Windparkbetreiber Kosten sparen, wenn sie untereinander kooperieren würden?

Lucke: Das tun sie schon, beispielsweise beim Rettungsdienst. Ich denke, dass sie das in Zukunft noch ausweiten werden. Die Windparks stehen ja nicht in direkter Konkurrenz zueinander, solange sie eine garantierte Einspeisevergütung bekommen. Solche Schritte helfen, die Kosten zu drücken.

Bei den Verbrauchern kommen die niedrigeren Erzeugungspreise bislang allerdings nicht an. Im Gegenteil, sie zahlen über die EEG-Umlage immer mehr für ihren Strom.

Lucke: Das liegt am Verfall des Strompreises an der Börse. Dort ist er so günstig wie nie. Die Verbraucher zahlen über die EEG-Umlage die Differenz zwischen dem niedrigen Börsenpreis und dem Preis, der den Erzeugern ursprünglich garantiert wurde, damit sie in ihre teuren Anlangen investieren. Dass diese Schere immer weiter auseinanderklafft, sollte man allerdings nicht den Erneuerbaren vorwerfen.

Sondern?

Lucke: Das liegt am Preisfindungsmechanismus. Es wäre interessant, mal genau nachzurechnen, wie stark etwa die im Dauerbetrieb laufenden Kohlekraftwerke zum Preisverfall an der Börse beitragen. Es liegt aber auch daran, dass die europäischen Stromnetze noch nicht weit genug ausgebaut wurden und Länder mit Überschüssen ihren Strom nicht ohne Weiteres dorthin exportieren können, wo er gerade gebraucht wird. Außerdem haben wir kaum Stromspeicher. Es ist doch verrückt, wir können zum Mond fliegen, aber unseren Strom nicht vernünftig speichern. Auch das würde zu einer Stabilisierung des Preises beitragen. Ganz grundsätzlich liegen die Rahmenbedingungen für einen funktionierenden Strommarkt in den Händen des Gesetzgebers.

Mit Sorgen betrachtet Irina Lucke die Entwicklung in Großbritannien. Gerade unter den regierenden Brexit-Befürwortern sei der Anteil der Klimaskeptiker besonders hoch. Die Folgen für die Windkraft auf der Insel seien noch nicht absehbar.

Welche Folgen wird die Ausbaudeckelung für die Windkraftbranche haben?

Lucke: Das Problem ist, dass unsere Projekte sehr langfristig angelegt sind. Von der Genehmigung bis zur Fertigstellung können sechs Jahre vergehen, gerade im Offshore-Wind. Die Politik doktert allerdings im Zwei-Jahres-Rhythmus an den Rahmenbedingungen herum – und Investoren hassen nichts mehr als die Planungsunsicherheit, die das mit sich bringt. Ich kenne wenige andere Branchen, die so sehr damit zu kämpfen haben. Wenn Investoren ihre Projekte deshalb auf Eis legen, trifft das zuerst die kleinen und mittleren Zulieferer und ihre Angestellten.

Wie viele Menschen arbeiten in der deutschen Windkraft?

Lucke: Es sind inzwischen rund 150.000, davon 18.000 im Offshore-Bereich, oft hochqualifiziert und gut bezahlt. Gerade für den Nordwesten Deutschlands hat die Windenergie damit einen enormen Stellenwert. Wie sehr diese Jobs auf einen stabilen Rahmen angewiesen sind, hat man 2012 gesehen, als der damalige Bundesumweltminister Peter Altmaier eine Strompreisbremse ins Gespräch gebracht hat. Dazu kam es zwar nicht, aber schon die Diskussion hat viele Zulieferer an den Rand der Pleite gebracht. Das hat massiv Arbeitsplätze gekostet.

Sind die Bedingungen in anderen Ländern besser?

Lucke:
Besonders gut waren sie in der Vergangenheit in Großbritannien. Selbst große Investoren aus Deutschland wie Eon oder RWE bauen ihre Meereswindparks lieber in die Irische See oder vor die Themse-Mündung als in der deutschen Nordsee. Auch EWE OSS nimmt derzeit als Service-Dienstleister an Ausschreibungen in Großbritannien teil.

Und jetzt kommt der Brexit …

Lucke: … mit kaum absehbaren Folgen. Nach Einschätzung britischer Analysten ist der Anteil der Klimaskeptiker unter den EU-Gegnern in England besonders hoch. Diese Leute bezweifeln zum Teil nicht nur den Einfluss des Menschen auf das Klima, sondern auch, dass es überhaupt einen Klimawandel gibt. Ich bin gespannt, ob es bei den ehrgeizigen britischen Klimazielen bleibt. Andererseits ist die Branche auch in Großbritannien ein wichtiger Arbeitgeber. Gut möglich, dass am Ende die Jobs den Ausschlag zugunsten der Windkraft geben.

Larissa Dieckhoff
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