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Thema Wind und Wende

19. Okt. 15

Britannia rules the Waves

Flache Gewässer, reichlich Wind: Die natürlichen Bedingungen für die Stromerzeugung auf See sind ideal in Großbritannien. Ihre Vorreiterstellung verdankt die Insel aber noch weiteren Faktoren.

Erstmals weltweit wurde die Turbine der nächsten Generation in Großbritannien eingesetzt: Die 6MW-Windkraftanlagen im britischen Windpark Westermost Rough von DONG Energy.

Von Heimo Fischer

Es ist ein Projekt der Superlative und ein Symbol für die Energielandschaft Großbritanniens: Auf einem Areal so groß wie Schleswig-Holstein sollen sich in den kommenden Jahren bis zu 1000 Windräder drehen und so viel Strom erzeugen wie sieben Kernkraftwerke.

Im August 2015 genehmigte die Regierung in London den zweiten Windpark auf der Doggerbank in der Nordsee östlich von England. Das Vorhaben kennzeichnet einen neuen Höhepunkt in der Geschichte der Offshore-Windkraft Großbritanniens.

Schon vor mehr als zehn Jahren – viel früher als Deutschland – trieb das Königreich den Ausbau von Windrädern auf See voran. Bislang ist London Array vor der Themse-Mündung mit einer Leistung von 630 Megawatt der größte Windpark der Welt. Das neue Projekt auf der Doggerbank könnte am Ende auf sechs große Windparks mit einer Leistung von insgesamt 7200 Megawatt anwachsen.

Kein Land der Erde hat so große Kapazitäten in der Offshore-Windkraft wie Großbritannien. Im Jahr 2013 verfügte die Insel über eine installierte Leistung von 3681 Megawatt, Dänemark kam auf 1271, Belgien auf 571 und Deutschland auf 520.

Die Umfänge wachsen überall rasant weiter. In Großbritannien kamen allein im ersten Halbjahr dieses Jahres 500 Megawatt hinzu.

Im selben Zeitraum waren es in Deutschland zwar sogar 1700 Megawatt – die Deutschen holen also auf. Ob sie die Briten irgendwann überholen, ist allerdings fraglich.

Schließlich steht das Königreich noch immer für mehr als die Hälfte der gesamten europäischen Offshore-Leistung. Und die Bedingungen, um weitere Windparks im Meer zu bauen, sind praktisch nirgendwo besser.

12.500 km Küste und flache Gewässer - dies sind laut Rob Norris vom Verband Renewable UK die ausschlaggebenden Argumente für die Offshore-Windkraft in Großbritannien.

Endlose Küsten, flache Gewässer, stetiger Wind

Da ist zunächst einmal die Geografie. Großbritanniens Küsten erstrecken sich über eine Länge von 12.500 Kilometer – fünf Mal mehr als in Deutschland und dreieinhalb Mal mehr als auf dem französischen Festland.

„Ein entscheidender Vorteil“, sagt Robert Norris vom Verband Renewable UK. Innerhalb der 200-Seemeilen-Zone finden sich somit zahlreiche geeignete Areale zum Bau von Windparks.

Mindestens ebenso wichtig ist ein zweiter Punkt: Das Meer rings um die britischen Inseln ist vergleichsweise flach – das reduziert die Kosten für den Bau und die Verkabelung von Windrädern enorm.

Die Doggerbank ist ein Beispiel dafür. Mit nur 13 Metern bis zum Grund erinnert sie eher an einen Baggersee. Diese Untiefe inmitten der Nordsee ist das Überbleibsel einer Zeit, als Britannien noch mit dem europäischen Festland verbunden war.

Ihre geografische Eigenart macht die Doggerbank zu einem hervorragenden Umfeld für Windparks. Die Bedingungen für den Bau in der deutschen Nordsee sind dagegen ungleich schwieriger.

Auch die Windverhältnisse tragen dazu bei. Rund um die Insel weht es mit einer durchschnittlichen Stärke von zehn Metern pro Sekunde – ein Spitzenwert, der die Rentabilitätsaussichten eines Projekts deutlich verbessert. Rund um die schottische Küste weht der Wind noch wesentlich stärker.

Es sind aber nicht nur seine natürlichen Gegebenheiten, die Großbritannien einen Vorteil verschaffen. Hinzu kommt seine große Erfahrung in der Offshore-Technik: Das Land sucht seit langem schon Energie im Meer.

Um von Importen unabhängiger zu werden, begann London in den 60er-Jahren, Öl und Gas in den Flachmeerbereichen der Nordsee zu fördern.

Dadurch entstand Expertenwissen, das sich auch für die Erzeugung von Offshore-Windstrom nutzen lässt. Es reicht von der Hafentechnik über den Betrieb von Versorgungsschiffen bis zur Installation schwerer Anlagen auf hoher See.

Zwar hat die Regierung in London frühzeitig den Ausbau von erneuerbaren Energien gefördert, doch die konservative Regierung von David Cameron hat allerdings deutlich gemacht, dass sie diese nicht mehr so großzügig fördern werde wie bisher.

London hat Offshore-Windenergie schon früh gefördert

Ende der 90er-Jahre begann die britische Regierung die erneuerbaren Energien gezielt zu fördern. Vor der Küste wurden Gebiete ausgewiesen, die sich für den Bau von Windparks eignen. Der erste von ihnen wurde 2003 in Betrieb genommen, weitere folgten rasch.

Bis heute wächst die Branche ungebremst. Im Jahr 2005 hatte Großbritannien bereits 62 Windkraftanlagen vor den Küsten stehen. Sie erzeugten eine Leistung von 124 Megawatt.

Heute produzieren dort knapp 1500 Turbinen mehr als 5000 Megawatt Strom. Fast monatlich wachsen sich die Zahlen.

Mit der Zeit verbesserte sich auch die Kapazität der einzelnen Windkraftanlagen von durchschnittlich zwei auf 3,5 Megawatt, was zu einer Verringerung der Stromerzeugungskosten führte.

ie Verbesserung sei bereits deutlich zu sehen, sagt Ray Thompson, der bei der britischen Siemens-Tochter die Entwicklung des Geschäfts mit Offshore-Windkraft leitet. „Zahlreiche Studien deuten auf eine weitere Verringerung hin.“ (Ein Interview mit Ray Thompson lesen Sie hier)

Kostensenkungen sind in Großbritannien Chefsache. Die Organisation The Crown Estate, der öffentliche Eigentümer von Rechten für Land, Boden und See in Großbritannien untersuchte das Potenzial 2012 in einer Studie. Danach können die Kosten der Stromerzeugung in britischen Windparks auf dem Meer bis 2020 um 30 bis 39 Prozent sinken.

Die britische Regierung betreibt durch die Förderung der Offshore-Windkraft auch aktive Industriepolitik. Denn der Bau von Fabriken und die Erweiterung von Häfen wirkt sich positiv auf die Beschäftigung aus – zum Beispiel an der strukturschwachen Küste Ostenglands.

Dort baut Siemens Wind Power eine Fabrik für Rotorblätter von Offshore-Turbinen der neuen Sechs-Megawatt-Klasse. Mehr als 190 Millionen Euro investiert der deutsche Konzern in das Werk und ein benachbartes Logistikzentrum; 1000 neue Arbeitsplätze sollen entstehen.

Die Nachfrage der Windparkbauer ist vorhanden. In diesem Sommer bekam Siemens den Auftrag zur Lieferung von 91 Sechs-Megawatt-Turbinen für das Projekt Race Bank des dänischen Konzerns DONG Energy in der britischen See.

Die Mehrheit der Briten sind für erneuerbare Energien. Um die Klimaziele des Landes zu erreichen, ist die Offshore-Windkraft ausschlaggebend. Dabei bieten die Küsten Großbritanniens alles, um den Bau der Windparks möglich zu machen.

Klimaziele nur durch Windkraft zu erreichen

Ein wichtiger Erfolgsfaktor für die britische Offshore-Windkraft ist die staatliche Förderung, die sich über Ökosteuer und Strompreise finanziert.

Von der politischen Hilfe wird die Entwicklung der Branche auch in Zukunft abhängen. „Staatliche Fördermittel spielen eine entscheidende Rolle“, sagt Thompson. Er vertraue darauf, dass es so bleibt.

Die konservative Regierung von David Cameron hat allerdings deutlich gemacht, dass sie erneuerbare Energien nicht mehr so großzügig fördern werde wie bisher. So will sie ab April 2016 die Hilfen für Windkraftanlagen an Land einstellen.

Die Tories lösen damit ein Wahlversprechen ein. Ähnlich wie in Deutschland gibt es in Großbritannien sehr aktive Gegner der Onshore-Windkraft. Umfragen zufolge befürwortet allerdings weiterhin die Mehrheit der Bevölkerung den Ausbau der erneuerbaren Energieerzeugung.

Auch Robert Norris von Renewable UK glaubt, die Regierung werde zumindest die Windkraft auf dem Meer weiter fördern müssen. „Nur mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien lassen sich die Ziele im Hinblick auf die Erzeugung erfüllen.“

Bei der EU steht Großbritannien in der Pflicht, 15 Prozent seiner Energie bis 2020 aus erneuerbaren Quellen zu produzieren. Im Jahr 2013 lag dieser Anteil erst bei gut fünf Prozent.

Ehrgeiziger sind die nationalen Ziele bei der Stromerzeugung sowie der Verminderung des Ausstoßes von klimaschädlichem Kohlendioxid.

Folgt man einem Regierungsplan von 2009 müssen bis 2020 fast ein Drittel des in Großbritannien erzeugten Stroms aus erneuerbaren Quellen kommen. Ohne Offshore-Windkraft ist das nicht machbar, sagt Siemens-Manager Thompson. Es fehlten die Alternativen. Sonnenkraft sei ja eher etwas für südeuropäische Länder.

Iris Franco Fratini
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