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Thema Wind und Wende

04. Feb. 16

Das Schmelzen der Pole ist das wohl offensichtlichste Zeichen des Klimawandels. Für Jan Kowalzig ist klar: Damit Deutschland seine Klimaziele einhält, muss der Ausstieg aus der Kohlekraft schnellstmöglich erfolgen.

Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Oxfam hilft an vielen Orten der Welt, wo arme Menschen bereits unter dem Klimawandel leiden. Klimaexperte Jan Kowalzig erklärt, warum er das Pariser Abkommen als Erfolg wertet und welche Schritte nun notwendig sind.

Damit das Pariser Abkommen tatsächlich das hält, was es verspricht, müssen die Länder nun aktiv werden. Jan Kowalzig sagt: „Es herrscht im Moment eine große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit.”

Wie bewerten Sie die Vereinbarung, die im Dezember auf der UN-Klimakonferenz in Paris von 195 Staaten angenommen wurde?

Für den Klimaschutz insgesamt war das Ergebnis ein Durchbruch. Das Abkommen ist an vielen Stellen relativ stark formuliert – auch stärker als man das im Vorfeld erwartet hatte. Es ist natürlich gut, dass völkerrechtlich verbindlich festgelegt wurde, dass die Weltgemeinschaft die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad Celsius halten möchte. Es sind hehre Ziele vereinbart worden und auch ein Prozess, der eine Ambitionssteigerung vorsieht. Für das, was so ein UN-Gipfel liefern kann, war das ein Erfolg.

Aber die Ergebnisse formulieren auch einen Anspruch an den Klimaschutz, von dem die Klimaschutzziele von so gut wie allen Ländern in der Realität weit entfernt sind. Da herrscht im Moment eine große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Das heißt, die Länder müssen jetzt sehr bald neue Ziele formulieren und sie umsetzen, ansonsten ist das Papier wenig wert. Es gibt ja leider schon einen Präzedenzfall in der nationalen Klimapolitik: Die Klimarahmenkonvention Anfang der 1990er Jahre war auch ein völkerrechtlich bindender Vertrag – nach dem aber leider sehr wenig passiert ist.

Was fehlt aus Ihrer Sicht in der Vereinbarung?

Dem Vertrag fehlt ein Sicherheitsmechanismus, dass die bislang viel zu schwachen Klimaschutzziele tatsächlich nachgebessert werden. Da wird man jetzt die nächsten zwei bis drei Jahre beobachten, ob die Länder Szenarien entwickeln, mit denen auch das 1,5-Grad-Limit zu halten ist, und die Reduktionsziele entsprechend überarbeiten.

Der zweite große Wermutstropfen sind die finanziellen Vorkehrungen zur Unterstützung der armen Länder beim Klimaschutz. Zwar wird nun das Versprechen der reichen Länder, bis zum Jahr 2020 eine Gesamtsumme von 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr zu erreichen, bis 2025 ausgedehnt. Aber wie das genau funktionieren soll und ob die Länder ihre Zusagen auch einhalten, bleibt sehr vage. Für die Zeit danach soll ein neues Finanzierungsziel gesetzt werden.

Der Vertrag besagt ja, dass die Länder alle fünf Jahre neue Klimaschutzpläne einreichen sollen. Da wäre es schon wünschenswert gewesen, dass sich die reicheren Länder parallel dazu gemeinsame Ziele setzen, welche finanzielle Unterstützung sie gemeinsam mobilisieren wollen, damit gerade die ärmeren Länder ihre Klimaschutzziele verwirklichen können. Hier hat das Abkommen eher enttäuscht. Dazu kommt, dass etwaige Kompensationszahlungen für Klimaschäden auf Druck der USA explizit ausgeschlossen wurden.

Das Schmelzen der Pole ist das wohl offensichtlichste Zeichen des Klimawandels. Für Jan Kowalzig ist klar: Damit Deutschland seine Klimaziele einhält, muss der Ausstieg aus der Kohlekraft schnellstmöglich erfolgen.

Was sind die nächsten Schritte, die Deutschland unternehmen muss?

Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) hat das in seinem letzten Bericht sehr deutlich formuliert: Die Emissionen aus dem Energiebereich und gerade aus dem Stromsektor müssen bis Mitte des Jahrhundert auf nahe Null reduziert werden. Wenn Deutschland dieses globale Ziel auch für sich ernst nimmt und nicht nur für eine unbestimmte anonyme Menge anderer Länder, dann ist der nächste Schritt für Deutschland den Kohleausstieg vorzubereiten. Wenn Deutschland das unterlässt, dann verrät es den Klimavertrag. Das Zwei-Grad-Limit lässt sich mit fossilen Energien im Strombereich nicht halten.

Was die Klimaschutzziele angeht, hat die EU bisher ein Ziel vorgelegt, das sehr schwach ist. Wir würden es fast automatisch, ohne große Anstrengungen, erreichen; es würde keinen fairen Beitrag Europas zum Klimaschutz darstellen. Mit Blick auf das Zieljahr 2030 hat die EU sich vorgenommen, ihre Emissionen von Treibhausgasen um 40 Prozent zu reduzieren. Deutschland muss jetzt auf europäischer Ebene darauf hinwirken, dass dieses Klimaschutzziel schnell auf mindestens 50 oder 55 Prozent angehoben wird.

Das heißt im Umkehrschluss, dass den erneuerbaren Energien goldene Zeiten bevorstehen?

Im Stromsektor brauchen wir 100 Prozent Erneuerbare. Und zwar weltweit. Insofern kann man das durchaus so ausdrücken. Natürlich heißt das nicht, dass morgen gleich alle Atom- und Kohlekraftwerke abgestellt werden. Man muss das so organisieren, dass das Schritt für Schritt vor sich geht und spätestens 2030-2040 das letzte Kohlekraftwerk vom Netz ist. Die EU hat hier eine sehr wichtige Vorbildfunktion inne, da sie die Umstellung technologisch und wirtschaftlich ohne Probleme leisten kann und bereits die Erfahrung gemacht hat, dass Klimaschutzmaßnahmen durchaus positive wirtschaftliche Effekte haben.

Ricarda Schuller
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