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Thema Wind und Wende

04. Jan. 17

Die Wüste lebt

Die Initiative Desertec machte erneuerbare Energien in Nordafrika und dem Nahen Osten salonfähig. Ihre Vision lebt in einzelnen Projekten fort – und befeuert die Zukunftspläne von RWE

Mehr als eine halbe Million Parabolspiegel sammeln in der gigantischen Anlage in Ouarzazate die Kraft der Sonne. Bis 2020 will das Königreich Marokko vier Gigawatt Strom aus erneuerbaren Energien produzieren.

Von Heimo Fischer

Solarstrom lässt sich am besten dort erzeugen, wo die Sonne scheint. Für diese Erkenntnis muss man kein Physiker sein. Im Süden Marokkos scheint sie an fast 365 Tagen im Jahr. Und trotzdem hat das Solarzeitalter dort gerade erst begonnen: Vor rund einem Jahr ging ein Sonnenkraftwerk nahe der Stadt Ouarzazate am Rande der Sahara in Betrieb. Es ist eines der größten der Welt, mit 537.000 Parabolspiegeln in 400 Reihen von je 300 Meter Länge.

Es könnte Vorbild für ganz Nordafrika sein – und zugleich ein Neustart für das spektakuläre Projekt Desertec.

Hinter dem Namen verbirgt sich eine Initiative, die 2009 mit großer Begeisterung und viel Vorschusslorbeeren ins Leben gerufen wurde. Gemeinsam mit dem Club of Rome und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt hatte sich eine ganze Reihe großer Konzerne zusammengeschlossen. Die Idee: Bis 2050 sollte eine Kette von Ökokraftwerken an der Südküste des Mittelmeeres entstehen. Hunderte Erzeugungsanlagen in Nordafrika und dem Nahen Osten sollten den Strombedarf der Region zu einem großen Teil decken.

Rund 15 Prozent des Stroms sollten außerdem bis in europäische Steckdosen fließen. In der Wüste, so dachte man, ließe sich Sonnenstrom günstiger erzeugen als im Schwarzwald oder in Dänemark. Wären die Pläne umgesetzt worden, hätte die deutsche Energiewende zu einem wesentlichen Teil in Afrika stattgefunden.

Zeitweise unterstützten 60 Gesellschafter aus 16 Länder Desertec – in Deutschland unter anderem RWE, Eon, Bosch, die Deutsche Bank und MunichRe. Der italienische Energiekonzern Enel war dabei, Spaniens Abengoa und der saudische Versorger Acwa Power.

Nach der Gründung der Initiative bezogen 35 Experten Büros in einem Münchner Altbau. Unter dem Namen Dii (Desertec Industrial Initiative) arbeiteten sie daran, die Vision umzusetzen. Dabei sah sich das Team nicht als Betreiber von Wüstenkraftwerken, sondern eher als Denkfabrik. Politik und Öffentlichkeit waren begeistert, die Erwartungen hoch. Kanzlerin Angela Merkel lobte das Projekt, der damalige Siemens-Chef verglich es mit der Mondlandung.

 

Anfangs unterstützten rund 60 Gesellschafter das Projekt Desertec. Doch viele von ihnen verabschiedeten sich – auch wegen der Arabischen Rebellion, die Investitionen in Nordafrika zunehmend riskant machten.

Auch die deutsche Energiewende stand Desertec im Weg

Doch trotz der prominenten Unterstützung fehlte es Desertec an der nötigen Finanzkraft – denn es ging um viel Geld. Für die nötigen Stromleitungen zwischen der EU und Nordafrika zum Beispiel stand eine Summe von 400 Milliarden Euro im Raum. Berichten zufolge, konnten sich die Gesellschafter allerdings nicht mal über Mitgliedsbeiträge einigen – obwohl diese nur im fünfstelligen Bereich lagen. Keiner der Beteiligten war bereit, größere Summen Geld in die Hand zu nehmen.

Desertec wurde zugleich aber auch ein Opfer der deutschen Energiewende. Durch den massiven Ausbau von Wind- und Solarparks gab es zwischen Alpen und Nordsee bald so viel erneuerbaren Strom, dass zu Spitzenzeiten die Leitungen nicht mehr reichten, um die Energie dorthin zu führen, wo sie gebraucht wurde. Sollte man in einer solchen Situation tatsächlich Milliarden investieren, um noch mehr erneuerbaren Strom über weite Strecken zu importieren?

Angesichts dieser Gemengelage verabschiedeten sich die ersten Gesellschafter aus dem Projekt. Der Dominoeffekt war nicht mehr aufzuhalten, als die Desertec-Spitze vorschlug, Solarparks in Nordafrika nur noch für den dortigen Verbrauch zu bauen. Das wollten die Unternehmen lieber unabhängig von der Initiative tun. Die Unruhen des Arabischen Frühlings machten sie noch vorsichtiger.

Ganz tot war Desertec allerdings nie.

Das Projektteam entwickelte immer neue Konzepte und machte die Idee von Wüstenkraftwerken so allmählich salonfähig. Auch an Studien für das eingangs erwähnte Projekt Noor bei Ouarzazate in Marokko hat Desertec maßgeblich mitgearbeitet – obwohl die Pläne dann ohne die Initiative umgesetzt wurde.

Selbst in abgelegenen Regionen wie hier in Algerien verbreitet sich die Idee, die Solarenergie zu nutzen. Kein Wunder, scheint die Sonne in der Sahara doch fast das ganze Jahr. Der deutsche Energiekonzern RWE will von Dubai aus afrikanische und arabische Märkte erobern – allerdings mit größeren Anlagen als dieser.

Noor, Arabisch für Licht, soll bis 2020 sogar noch um drei weitere Projekte ergänzt werden. Marokko will dann vier Gigawatt aus Wind und Sonne erzeugen. Das entspricht zwar nur vier Prozent der Nettonennleistung erneuerbarer Energien in Deutschland. Aber es zeigt, dass die Energiewende in Nordafrika beginnt. Dafür spricht auch, dass sich weitere Staaten der Region ähnliche Ziele gesteckt haben.

Die Entwicklung ist nicht nur auf die Ideen der Staaten und auf Hilfen von Institutionen wie der deutschen KfW zurückzuführen. Sie ist auch das späte Ergebnis der Arbeit von Desertec

 

RWE hält an Desertec fest. Von Dubai aus sollen Märkte im Nahen Osten erschlossen werden

Heute gibt es drei Anteileigner, die Desertec weiterführen: Der saudische Ökostrom-Konzern Acwa Power, der Netzbetreiber State Grid of China sowie RWE. Von Dubai aus arbeiten sie daran, die erneuerbaren Energien für den Eigenbedarf in Wüstenregionen auszubauen.

Die Emirate sind ein interessantes Betätigungsfeld. Der Energiebedarf ist enorm. Die Klimaanlagen von Wolkenkratzern sowie die Entsalzung von Meerwasser fressen ungeheure Mengen Strom. Gerade Dubai hat wenige Ölreserven und ist besonders am Ausbau von alternativen Energien interessiert. Der RWE-Konzern unterstützt das Emirat dabei. Das Essener Unternehmen sucht ohnehin neue Geschäftsfelder – auch, weil das Ende von Kernkraft und Braunkohleverstromung in Deutschland abzusehen ist.

Da trifft es sich gut, dass Desertec-Chef Paul van Son mittlerweile auch RWE-Regionaldirektor für Nordafrika und den Nahen Osten ist. Für den Konzern ist Desertec Sprungbrett und Kontaktbörse zugleich.

Steffen Kück
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