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Thema Wind und Wende

12. Okt. 16

Zum zweiten Mal öffnete die Hamburg WindEnergy ihre Pforten.

Die Windwelt zu Gast in Hamburg

Sie nennt sich selbstbewusst „Weltleitmesse“ – die Windenergiemesse Hamburg Windenergy. Zum zweiten Mal war die Stadt Gastgeberin für 1.436 Austeller. Fast die Hälfte kommt aus dem Ausland.

Chinesische Unternehmen waren stark auf der Messe vertreten.

Von Katharina Wolf

Wer durch die prall gefüllten Hallen der WindEnergy Hamburg schlendert, der hört vor allem eine Sprache: Englisch. Mal mit deutschem, niederländischem, mal mit spanischem oder auch chinesischem Akzent. Kein Wunder, denn die „Weltleitmesse“, wie sich die Veranstaltung selbstbewusst nennt, hat internationales Flair. 1.436 Austeller aus allen Bereichen der Windenergiebranche präsentieren ihre Neuheiten, fast die Hälfte von ihnen – 44 Prozent – kommt aus dem Ausland. 34 Nationen sind vertreten.

Zahlreiche asiatische Besucher flanieren an den Ständen vorbei, den Fotoapparat immer einsatzbereit. Doch nicht nur unter den Gästen hat China einen bedeutsamen Anteil: Den größten Einzelstand auf der Messe hat der chinesische Turbinenhersteller Envision aus China gebucht. Das Reich der Mitte ist einer der wichtigsten Märkte für Windenergie, auch wenn sich europäische Investoren dort oft schwer tun. Einheimische Hersteller wie Goldwind, Guodian United und eben Envision teilen den Markt im wesentlichen unter sich auf – allein Goldwind hat in China eine Leistung von mehr als 7,7 Gigawatt (GW) errichtet und damit einen Marktanteil von mehr als 25 Prozent. Im vergangenen Jahr wurden sagenhafte 31 GW zugebaut – mehr als die Hälfte des weltweiten Zubaus von 60 GW. Im Vergleich: Ganz Europa schaffte gerade mal knapp 14 GW.

Doch noch ist es ruhig im chinesischen Länderpavillon in Messehalle B7, wo ein gutes Dutzend kleinerer chinesischer Firmen ihre Stände hat. Louis Qian, Jianli Zhao und Ye Tian von Meize Energy Industries, einem chinesischen Entwickler und Hersteller von Rotorblättern aus Peking, finden Zeit für ein Gespräch. Die neue Regierung habe der Windenergie zu enormem Schwung verholfen, lobt Qian, Vice General Manager der Hamburger Niederlassung.

Ursache seien die Umweltprobleme, vor denen Chinas wachsende Volkswirtschaft stehe. Sein Unternehmen sucht in erster Linie Partner aus Deutschland, die bei technischen Entwicklungen unterstützen. Dafür sei die Windmesse sehr hilfreich – bisherige Kooperationen wurden in Hamburg oder bei der Vorgängermesse in Husum angebahnt. Und trotz der unterschiedlichen Märkte haben auch China und Deutschland ähnliche Herausforderungen, meint Qian. Wie hierzulande sind im Fernen Osten die besten Bedingungen für Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien nicht dort, wo am meisten Energie gebraucht wird. In Deutschland, so meint Jianli Zhao, General Manager, höflich, sei dieses Problem aber doch sicher bald gelöst.

Die Aussteller der Hamburg WindEnergy kamen aus allen Bereichen der Branche.

Orange bei Niederländern, gute Laune in Argentinien

Großer Andrang herrscht unterdessen in Halle B1, wo sich viele der weiteren 16 Länderpavillons befinden. Die Signalfarbe Orange zeigt: Hier beginnt der Bereich der „Oranje“, der Niederländer. Vor allem Offshore-Unternehmen sind hier vertreten und es ist auch ein niederländisches Offshore-Projekt, das derzeit bei vielen auf der Messe diskutiert wird: Borssele 1 und 2, zwei Windparks mit insgesamt 700 MW Leistung, die der dänische Energiekonzern Dong Energy bei einer Ausschreibung gewann. Das allein wäre noch keine Nachricht, Dong Energy gehört zu den führenden Offshore-Betreibern in Europa, aber diskutiert wird der Preis: 7,27 Cent erhält das Unternehmen für eine Kilowattstunde Offshore-Strom. In Deutschland werden derzeit noch zwischen 15 und 19 Cent gezahlt.

Gute Laune und Wein gibt’s nebenan bei den Argentiniern: Der Generalkonsul Fernando Brun ist zum Messestand gekommen. Das südamerikanische Land hat sich in Sachen erneuerbare Energien viel vorgenommen: 20 Prozent sollen die Erneuerbaren am Strommix bis 2025 im Vergleich zu 1,5 Prozent im Jahr 2014 erreichen. „Wir haben sehr gute Wind- und Solarverhältnisse in unserem Land”, erklärt Ramiro Gómez Barinaga, einer der rechtlichen Berater, die die argentinische Regierung bei der Ausarbeitung der Regeln für eine Ausschreibung von Projekten unterstützte.

„Unser Problem war, das Geld für die Investitionen aufzutreiben.” Denn angesichts wirtschaftlicher Probleme in der Vergangenheit steht Argentinien bei Banken und Investoren eher in der Reihe der unsicheren Kandidaten. Die Lösung gelang über einen Fonds der Regierung, für den die Weltbank eine Bürgschaft übernahm. Er soll den Ausbau der erneuerbaren Energien finanzieren. Und offenbar mit Erfolg: Die erste Ausschreibungsrunde von einem Gigawatt Leistung wurde sechsfach überboten, berichtet Gómez Barinaga. Anfang Oktober soll die Entscheidung fallen, wer bauen darf. Unter den Teilnehmern seien auch große europäische Unternehmen wie Enel, Senvion oder Enercon, sagt der Berater. Sie sehen in Südamerika einen interessanten Markt– auch angesichts eines schwächelnden Europas.

Indien vor dem Sprung: 60 GW Windleistung sollen bis 2020 installiert werden.

Europa bekommt Konkurrenz

„Europa ist weit davon entfernt die Nummer 1 bei erneuerbaren Energien zu sein”, beklagt Giles Dickson, Geschäftsführer von WindEurope, dem europäischen Windenergie Verband. „China schlägt Europa in der installierten Leistung und im jährlichen Ausbauvolumen, Indien bei den politischen Zielsetzungen und die USA im technischen Bereich, besonders bei der Netzintegration von Windenergie.”

Weitere Konkurrenz für Europa wächst also auch in Indien: 100 GW Photovoltaik, 60 GW Wind und 15 GW Biomasse sollen dort bis 2022 ans Netz gehen. Um für sein Land zu werben, hat der Indische Verband der Turbinenhersteller (IWTMA) gemeinsam mit dem Global Wind Energy Council (GWEC) zum Empfang auf den Stand des Rotorblattproduzenten LM Wind Power eingeladen. Der dänische Konzern ist selbst im indischen Markt präsent. „Indien hat gerade Spanien überholt, was die installierte Leistung angeht”, lobt Steve Sawyer, Generalsekretär der GWEC, den Markt auf dem indischen Subkontinent.

„Die indische Regierung hat ehrgeizige Ziele aufgestellt, aber sie sind erreichbar.” Hemkant Limaye, Commercial Director von LM Windpower in Indien, rechnet damit, dass sein Heimatmarkt der größte der Welt wird: „Bei uns gibt es sehr gute Bedingungen”, betont er. In Indien gelte, wie derzeit noch in Deutschland, ein fester Einspeisetarif für Windstrom – umgerechnet 5 bis 8 Cent wird pro Kilowattstunde vergütet. Das Potenzial für Offshore-Windenergie sei angesichts der langen indischen Küste riesig. Auch Repowering, also das Ersetzen kleiner älterer Windenergieanlagen durch leistungsstärkere, ist in Indien ein Thema: die erste Windturbine ging bereits 1986 ans Netz.

Aber auch Europa kann wieder eine wichtige Rolle übernehmen, meint WindEurope-Geschäftsführer Dickson: „Europa hat noch immer eine wettbewerbsfähige Windindustrie und exportiert Windkraftanlagen in alle Welt.” Aber er warnt: „Wir werden diese Wettbewerbsfähigkeit verlieren, wenn wir keinen starken Heimmarkt haben.”

Larissa Dieckhoff
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