Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Wind und Wende

11. Okt. 16

Windräder, Biogasanlagen und Solarpanels verändern die Landschaft – und erzeugen oft Ablehnung. Mit der Zeit werden sich die Menschen jedoch daran gewöhnen, glaubt Georg Erdmann.

„Die Kosten sind eindeutig zu hoch”

Der Energieexperte und Regierungsberater Georg Erdmann erklärt, wie die Akzeptanz der Energiewende in der Gesellschaft gestärkt werden kann und warum er die Deckelung Erneuerbarer für falsch hält

Georg Erdmann ist wissenschaftlicher Berater der Bundesregierung. Mit ihrer Politik eckt er aber genauso an wie mit der Energiewirtschaft – ganz gleich, ob es um die Erzeugung von Ökostrom oder fossile Energien geht.

Er gehört seit mehr als zwei Jahrzehnten zu den besten Kennern der deutschen Energiepolitik: Georg Erdmann ist Mitglied eines vierköpfigen Expertenteams, das die Entwicklung der Energiewende im Auftrag der Bundesregierung wissenschaftlich begleitet und hat seit 1995 eine Professur für Energiesysteme an der TU Berlin inne.

Obwohl er die Bundesregierung berät, ist er mit ihrer Energiepolitik längst nicht immer einverstanden. Für Aufsehen sorgte er im Mai, als er in einem Gutachten die EEG-Reform harsch kritisierte: Sie enthalte mit ihren gedeckelten Ausbauzielen für einzelne erneuerbare Energieträger eher planwirtschaftliche als marktwirtschaftliche Elemente.

Wir haben mit Erdmann darüber gesprochen, warum die Energiewende in Teilen der Gesellschaft an Unterstützung verliert – und was getan werden kann, um Fehlentwicklungen zu korrigieren.

Herr Professor Erdmann, während die Energiewende nach der Fukushima-Katastrophe breiten Rückhalt in der Bevölkerung genoss, mehren sich zuletzt die Gegenstimmen. Warum wird die Energiewende zunehmend kritisch diskutiert?
Ich bin mir nicht sicher, ob die Energiewende als solche stärker als vor einigen Jahren kritisch diskutiert wird. Sie erzeugt grundsätzlich Gewinner und Verlierer. Dass sich letztere kritisch zu Wort melden, ist wohl als normal anzusehen. Natürlich versuchen sie dabei auch, individuelle Nachteile abzuwenden, selbst wenn das zu Lasten der anderen Seite geht. Momentan genießt die Energiewende aber immer noch sehr großen Rückhalt in der Bevölkerung, auch wenn inzwischen andere Themen – wie beispielsweise die Flüchtlingsfrage oder die innere Sicherheit – größere Aufmerksamkeit genießen.

Es heißt oft, die Erneuerbaren seien zu schnell ausgebaut worden. Das Tempo und die Kosten würden die Gesellschaft überfordern.
Der Ausbau als solcher war eigentlich nicht zu schnell, aber die mit dem Ausbau verbundenen Zusatzkosten sind eindeutig zu hoch.

Wer die Bevölkerung von der Energiewende überzeugen will, muss sie ins Boot holen, meint Erdmann. Zum Beispiel durch Solaranlagen auf Mehrparteienhäuser. Sie senken die Energiekosten der Mieter und erleichtern den Umstieg auf Erneuerbare.

Was genau meinen Sie damit?
Ich meine neben den EEG-Differenzkosten die Kosten der anderen Umlagen und der Ausgaben für den Netzausbau. Die Politik hat mit dem EEG ein quasi unbegrenztes Finanzierungsversprechen abgegeben, welches von der Branche hemmungslos eingefordert wurde. Mit dem neuen EEG-2017 wird dem jetzt ein Riegel vorgeschoben.

Das heißt, Sie befürworten die Deckelung der Ausbaumengen, wie sie das neue Gesetz vorsieht?
Nein, das habe ich nicht gesagt. Anstelle einer Begrenzung von Zubaumengen wäre es klimapolitisch effektiver, einen Ausgabedeckel vorzusehen, bei dessen Überschreiten die Investoren nicht mehr sofort in den Genuss einer EEG-Förderung kommen, sondern ein oder zwei Jahre warten müssten. Dieser Vorschlag wurde übrigens bereits im Jahr 2005 gemacht – sechs Jahre vor Fukushima –, konnte aber politisch nicht umgesetzt werden.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, um einen größeren Konsens über die Energiewende in der Bevölkerung herzustellen?
Es gibt viele Möglichkeiten. Populär sind aktuell Bemühungen, mit denen die „Verlierer“ zu „Gewinnern“ werden. Ein Stichwort ist zum Beispiel das Mieterstrommodell, bei dem in Mehrparteienhäuser mit Solaranlagen Strom erzeugt wird, der von den Mietern selbst verbraucht wird. Dadurch sinken die Energiekosten, der Umstieg auf Erneuerbare wird attraktiver und die Akzeptanz der Energiewende steigt. Ein ähnliches Beispiel sind Bürgerwindparks.

… bei denen sich Anwohner zusammenzuschließen, um gemeinsam in Windräder zu investieren. Aber erschwert das neue EEG mit dem Auktionsmodell nicht gerade dieses Modell?
Die Bürger brauchen im Normalfall auch bisher schon professionelle Unterstützung, um einen Windpark zu errichten und zu betreiben. Ich habe keinen Zweifel daran, dass diese Profis auch die neuen Herausforderungen der Ausschreibungen meistern können, zumal da der Gesetzgeber für Bürgerwindparks Erleichterungen eingeführt hat.

Windräder, Biogasanlagen und Solarpanels verändern die Landschaft – und erzeugen oft Ablehnung. Mit der Zeit werden sich die Menschen jedoch daran gewöhnen, glaubt Georg Erdmann.

Anwohner mögen sich mit einem Bürgerwindpark versöhnen lassen. Aber wie holt man zum Beispiel Naturschützer ins Boot, die fürchten, dass Windräder Vogelbrutgebiete gefährden?
Indem man Windkraftanlagen in Vogelbrutgebieten einschränkt. Mit dem Bau von über 100 Meter hohen Türmen ist eine gefühlte Industrialisierung der Landschaft verbunden – genauso übrigens auch mit dem Bau von Biogas- oder Fotovoltaikfreiflächenanlagen. Wie bei jeder Veränderung wird auch der von der Energiewende ausgelöste Wandel unserer Landschaften umso kritischer gesehen, je schneller und sichtbarer der Veränderungsprozess abläuft. Langsame Veränderungen werden eher toleriert als schnelle. Mit der Zeit werden sich aber nicht nur die Menschen, sondern auch die Vögel an die Veränderungen gewöhnen.

Wie beurteilen Sie in dem Kontext die Offshore-Windkraft?
Sie erscheint als geeigneter Ausweg, um den Wandel in seinen Ausmaßen sozialverträglich zu halten – auch deshalb, weil es noch nicht so viele Offshore-Windanlagen gibt. Das größere Problem sehe ich jedoch gar nicht in Vorbehalten der Bevölkerung gegenüber dem Ausbau der erneuerbaren Energien.

Sondern?
… in den Forderungen der Industrie, die damit verbundenen Kosten tragen zu können. Dieser Druck hat die Bundesregierung sichtlich getroffen, auch weil sie sich in einen Konflikt mit europäischen Beihilferegelungen begibt, wenn sie den Forderungen nachgibt. Die Politik hat dadurch nur noch einen kleinen Spielraum und muss die mit der Energiewende verbundenen Kostenbelastungen deutlich begrenzen, wenn nicht das ganze Projekt Schiffbruch erleiden soll.

Die Fragen stellte Volker Kühn

Larissa Dieckhoff
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt